46/47 Ornes – Mo i Rana

Wetter: meist bewölkt, etwas Regen, später trocken, etwas Sonne
Tageskilometer: 166
Gesamt zurückgelegte Kilometer: 4489
Tages-Fahrzeit :7:55 h
Gesamte Fahrzeit: 222:24 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 21,0km/h
Tageshöhenmeter: 4350
Gesamt Höhenmeter: 41139
Maximalpuls: 172
Durschnittliche Pulsfrequenz: 134

Nach der recht langen und anstrengenden Etappe gestern, bin ich morgens recht spät. Vor mir liegt ein 11 Kilometer langer Tunnel, was ein bisschen unangenehm werden könnte.
Beim Auschecken erfahre ich aber, dass ich den als Radfahrer gar nicht fahren darf, sondern eine Fähre nehmen muss und meine Streckenführung etwas ändern muss. Es ist halb elf und die Fähre fuhr um 10:15 Uhr…

Die nächste geht erst um drei Nachmittags, so sitze ich gut 4 Stunden in Ornes fest. Da es hier außer dem Fährhafen im Prinzip nix gibt, nutze ich die Gelegenheit das Blog endlich upzudaten, denn auch hier hat das WLAN nicht bis zu meinem Zimmer gereicht, aber immerhin funktioniert es im Hotelrestaurant, so sitze ich hier bei Milchkaffee und Apfelsaft und kann endlich mal die ganzen E-Mails schreiben.

Durch die Fähren hat man hier öfters mal die eine oder andere Stunde Wartezeit, d.h. man kommt ungefähr so schnell vorwärts wie der Vorsitzende des Bundes deutscher Radfahrer spricht, nämlich laaangsaam.

Man kann sich das mit den Fähren natürlich schön reden und sagen sie sind eine angenehme Unterbrechung der Reise, um etwas zu verschnaufen und die Landschaft zu genießen usw., aber für Radfahrer trifft das definitiv nicht zu.

Es ist halt nicht so, dass die Fähren romantisch Segelboote sind, auf denen der Gondoliere bei der Überfahrt norwegische Volkslieder anstimmt. Es sind letztlich schwimmende Straßenstücke, und bei den meisten sieht man nur Bordwand und das Wohnmobil, das neben einem steht.

Außerdem kommt man kaum vorwärts, da man immer auf irgendeine Fähre warten muss, und die nächste nicht rechtzeitig erreicht, da man mit dem Fahrrad zu langsam ist, so dass die letzte Fähre Weg ist, und man an einem Ort der nur aus Steg und Wartehäuschen besteht übernachten muss, anstatt noch 50 Kilometer näher an sein Ziel zu kommen.
So habe ich heute nachdem ich um drei endlich die langersehnte Fähre besteige die Gewissheit, dass ich den nächsten Abschnitt sehr schnell zurücklegen muss, um die nächstmögliche Fähre zu bekommen, sonst ist die übernächste Fähre nicht mehr rechtzeitig zu erreichen und ich verliere einen Tag auf dem Weg nach Mo i Rana.

In dem ganzen getue um die Fähren, bemerke ich nicht, dass ich an dem Gletscher mit der neuen Streckenführung nicht vorbeikomme und ein Stück zurückfahren müsste. Die Infos dazu bekomme ich erst auf der letzten Fähre, und es ist auch nichts ausgeschildert. Anyway, ich versuche einigermaßen flott zu fahren, aber es ist wirklich steil, und mit 50Kg. Fahrrad peitscht man auch nicht gerade die Berge hoch, so dass schnell klar ist, dass die übernächste Fähre eigentlich nicht zu erreichen ist. Und ich verpasse die Fähre tatsächlich so um 10 Minuten.
Nach kurzem überlegen fahre ich ein paar Kilometer zurück, versorge mich mit Bananen und Orangensaft, fülle die Flaschen mit Wasser auf und bereite mich auf ein Bergzeitfahren vor. Wenn die Fähre pünktlich abfährt müsste ich um 19 Uhr am anderen Ufer sein, die Entfernung zur nächsten Fähre ist laut Karte 28 Kilometer, und die letze geht um 20:30. Normalerweise machbar, aber bei den Bergen und 50 Kilo Fahrrad?
Die Fähre ist fünf nach sieben erst drüben, und es geht gleich richtig steil bergauf. Ich muss einen Schnitt von deutlich über 20 Fahren, so versuche ich an den Steigungen möglichst wenig zu verlieren und auf den Abfahrten richtig Druck zu machen. Das Streckenprofil ist böse und irgendwann kommt eine elend lange Steigung, die nicht aufhören will, und dann kommt ein Tunnel. Normalerweise lässt die Steigung im Tunnel etwas nach oder es ist dort recht flach, hier aber nicht. Die Steigung geht einfach weiter, ein Kilometer, zwei Kilometer, das gibt’s doch nicht. Auf dem dritten Kilometer im Tunnel bergauf, kommen mir Zweifel, ob das zu schaffen ist. Am Ende des Tunnels bin ich ganz schön fertig. Ordentlich Höhenmeter habe ich gemacht, aber zuwenig Längenkilometer! Jetzt heißt es auf die Abfahrt hoffen. Die ist wirklich heftig, und ich versuche nicht ein einziges Mal zu bremsen, was an einer unerwarteten Spitzkehre (gibt’s hier normal nicht) fast schief geht. Ich bin schon ziemlich schlapp, aber gebe alles was irgendwie geht, um den Schnitt hochzufahren, dann kommt wieder das übliche auf und ab, und es wird verdammt knapp.
Es sind noch knapp 9 Kilometer und es ist acht Uhr. Ich kann’s tatsächlich schaffen, allerdings darf die Fähre nicht pünktlich abfahren. Das Streckenprofil ist die reine Tortur wenn man schnell fahren will. Ich gebe immer noch alles was geht, auch wenn das langsam etwas weniger wird. Und irgendwann habe ich die dir neun Kilometer fast geschafft, da sehe ich ein Schiff mit dem H auf rotem Grund. es ist auf der anderen Seite des Fjordarms. Nur ein paar hundert Meter weg, aber ich muss ja noch um den ganzen Fjord herumfahren. Die Kilometerangabe stimmt nicht! Mist, das ist nicht zu schaffen. Egal, ich peitsche das Fahrrad wie’s nur irgendwie geht, und der Fjord scheint elend lang zu sein. Und es kommt ein Berg, ein richtiger. Egal, Feuer, ich will dieses verdammte Schiff erreichen und nicht hier im Niemandsland die ganze Nacht warten.
Der Berg ist geschafft, jetzt komm hoffentlich die Abfahrt zum Meeresspiegel. Aber hinter der Kurve kommt noch eine Steigung?! Das gibt’s doch nicht! Ich habe mich mittlerweile komplett ausgepowert. Egal, die geht noch, es ist dreiundzwanzig nach, das muss gehen. Und dann die Abfahrt! Stimmt aber nicht, es geht nochmal hoch, dass kann doch nicht sein. Vor Wut schreie ich den verdammten Hügel an. Ich will dieses verdammte Schiff nicht vor meiner Nase wegfahren sehen, dann fahre ich ins Meer, ist mir völlig egal. Wie eine Schnecke krieche ich die letzen Meter der Steigung hoch, und dann die Abfahrt um den Berg herum. Feuer, alles was geht, es ist geschafft, 27 nach, die Fähre wird doch nicht schon Klappe hochgefahren haben?!
Und dann tatsächlich um 20:28 bin ich am Kai. Geschafft. Aber es ist kein Schiff da? Einige Autos stehen in der Auffahrlinie. Ein Norweger fragt, ob ich wüsste wann die Fähre geht, ich wäre ja gerade rechtzeitig. Hat der ’ne Ahnung.
Es stellt sich heraus, dass die Fähre eine halbe Stunde Verspätung hat. Ist mir völlig egal. Ich habe das Bergzeitfahren geschafft, ich bin mit einem Schnitt von 23,8 mit einem 50kg Fahrrad duch die Berge gegeißelt! Es waren letztlich knapp 32 Kilometer und knapp 760 Höhenmeter, mit der stärksten Steigung von 12%.
Vom Radfahren her einer der Höhepunkte der Tour, von der Erschöpfung her allerdings auch.
Da die Fähre einige technische Problem hat, fahren wir erst um viertel vor zehn los. D.h. meine anvisierte Übernachtung fällt ins Wasser, denn Rezeption hat bis ich da bin keine mehr auf. Heute gibt’s also eine Zeltübernachtung. Hotel will ich keines und es gibt auch keine mehr vor Mo i Rana.
Da mich jetzt keine Fähren mehr behindern, kann ich mich vom Fahren her ordentlich treiben lassen.
Es geht zunächst noch einen ganz heftien Berg hoch, dann über eine Abfahrt an einem Gebirgssee vorbei,
wieder an einem Fjord entlang. Wenn man abends so spät fährt, liegt immer eine ganz besondere Stimmung auf der Landschaft, fantastisch.
An dem Fjord ist das Streckenprofil tatsächlich relativ flach, und so fahre ich einfach weiter. Nach einer kleinen Steigung kommt ein fantastischer Aussichtspunkt! Ich klettere ein paar Meter über die Felsen, und man kann in den kompletten Fjord schauen und auf das Meer davor, das von Inseln bevölkert ist. Die Ruhe und die friedlich Stimmung ist unbeschreiblich, was für ein schöner Moment.
Ich fahre noch bis halb eins weiter, und merke wie mir das Bergzeitfahren in den Knochen steckt. Ich beschließe auf eine richtige Übernachtung zu verzichten und nur ein kleines Nickerchen zur Entspannung zu machen. Zwei Heringe reichen, schnell ist das Zelt auf einer Wiese aufgebaut.
Nach knapp drei Stunden in der feuchten Masse aus verschwitzter Funktionskleidung und klebrigem Plastikschlafsack habe ich genug und fahre weiter. Ich beschließe einfach bis Mo i Rana durchzufahren.
Irgendwann verlasse ich die 17 und fahre die 12 Richtung Westen. Das Streckenprofil ist ganz schön bergig, und ich weiß ja jetzt schon, dass ich diese Strecke wieder zurück fahren muss…
Auf einer Abfahrt sehe ich rechts dann tatsächlich einen Elch, der, von meinem Fahrrad aufgeschreckt, gerade zur Flucht ansetzt. Während ich mir beim ersten noch unsicher war, ob es denn auch eine ist, gibt es hier keinen Zweifel, das Tierchen sieht genauso aus wie auf dem Umschlag meines Reiseführers.
Die Landschaft selbst ist sehr schön, es ist immer wieder schön die Änderungen im Landschaftsbild mit dem Fahrrad zu erfahren. Was nicht so schön ist, ist die unglaubliche Steigung, die da kommt. Erst einige Kilometer mit 7% und dann einige Kilometer mit 9%. Auf die Abfahrt freue ich mich nicht wirklich, denn ich weiß, dass ich die morgen wieder hochfahren muss.
Diese Steigungen kosten wirklich Kraft, und ich merke wieviel Substanz ich bei dem Rennen gegen die Zeit verloren habe. Ich versuche mich mit der fantastischen Landschaft und der Aussicht über den Fjord zu motivieren. Außerdem mache ich in Mo i Rana einen Tag Pause und fahre mit dem Bus zur Grønlinggrotta.
Nach der Abfahrt sieht man Mo i Rana am Ende des Fjords, aber es sieht mehr aus, als wäre es das Ende der Welt. Jetzt noch locker ausrollen und dann ein Hotel suchen.
Aber die Kilometerangabe auf der Karte ist nicht korrekt. Es kommt noch eine heftige Steigung. Sie ist gar nicht so lang, aber ich bin mittlerweile echt fertig. Die geht irgendwie auch noch, aber die Stadt empfängt mich mit heftigem Gegenwind. Weiterkämpfen, lang kann’s nicht mehr gehen.
Irgendwann habe ich tatsächlich die Stadtgrenze erreicht. Die Stadt ist vorsichtig ausgedrückt “architektonisch eher weniger schmuck”. In der Stadt selbst gibt es nochmal einen ordentlichen Berg. Hier kann man soviel Höhenmeter beim Einkaufen zurücklegen wie in Kiruna.
Auch diesen Berg schaffe ich noch, aber jetzt ist echt Feierabend, mehr geht nicht. Das erste Hotel ist wenig einladend, und ich erinnere mich daran, dass ich in der Shell (insider) mal das Meyergørden in Mo i Rana eingegeben habe…
Das finde ich dann auch nach einigem Suchen und ich bekomme tatschächlich ein Zimmer, bei dem ich auch schon morgens um halb acht einchecken kann. Ein Traum!
Tag 47 Dienstag 17.07.2007
Nachdem ich mich etwas frisch gemacht habe, mache ich mich auf zur Touristinfo um eine Fahrt zur Grotte zu buchen. Es gibt aber keine. Es fährt auch kein Bus dorthin. Hm, zum Gletscher da gleiche. Ich versuche an dem Taxistand in der Nähe was auszuhandeln, aber das ist einfach zu teuer.
Es sind ungefähr 30 Kilometer eine Strecke, aber ich kann heute kein Fahrrad fahren, nicht einen Meter nicht mal ohne Gepäck, es geht einfach nicht. Außerdem muss ich um die Hurtigrute in Nesna zu erreichen knapp 80 Kilometer bis um 11 Uhr geschafft haben, d.h. früh aufstehen und dann mit ordentlichem Schnitt durch die Berg.
Also hänge ich eine Nacht dran, und fahre morgen mit dem Fahrrad hin. Heute wird nur gegessen und geschlafen.
Auf der Suche nach einem netten Cafe oder Restaurant stoße ich zunächst auf eine Hardrock Bar. Wow. Da werde ich wohl heute abend ein Bier trinken. AC/DC, Manowar und Motörhead am “Ende der Welt” (und dazu ein “Bayer” Bier).
Als ich abends nach dem Essen meine Dosis Hardrock nehmen will, muss ich feststellen, dass der Laden zu hat. Logisch, dass man eine Kneipe um 18 Uhr schließt, bin ja in Norwegen…

Herzliche Grüße an Peter, Tom und Jan, sowie an Woody und Hardy!
Abends beschließe ich, nicht mehr wie 5000 Kilometer zu fahren. Ich merke, einfach, dass jetzt langsam genug ist. Und da ich hier in den Bergen fahre, muss man einfach voll motiviert und fit sein. Da ich alle sportlichen Ziele erreicht habe, und auch im Norden Norwegens alles gesehen habe, was ich sehen wollte, fehlt mir einfach das Ziel, das den nötigen Extraschuss Motivation gibt. Und nur einfach rumradeln mit zwei- bis viertausend Höhenmetern am Tag geht nicht.
Ich gucke noch ein bisschen Tour de France im Fernsehen, klar dopen die, aber die quälen sich natürlich trotzdem sehr, und es ist herrlich sich das nach der eigenen Qälerei anzuschauen.

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