60 Kaupanger – Stalheim

Wetter: bewölkt, leichter Nieselregen
Tageskilometer: 76
Gesamt zurückgelegte Kilometer: 5101
Tages-Fahrzeit :3:39 h
Gesamte Fahrzeit: 252:02 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 20,8km/h
Tageshöhenmeter: 1663
Gesamt Höhenmeter: 50047
Maximalpuls: 177
Durschnittliche Pulsfrequenz: 131

Heute gab es nochmal vier Höhepunkte dieser Reise, einer ist auch gleichzeitig ein Tiefpunkt.

Nachdem es ein Missverständnis mit meiner Zimmerwirtin bezüglich der Abfahrten der Fähre gab, was ich aber abends noch rausfinde, da ich glücklicherweise Internet auf dem Zimmer habe, denke ich mir “slow down things a little bit” und beschließe lange zu schlafen, keine Tunnel zu fahren und stattdessen mit der Fähre um 10 von Kaupanger nach Laerdal zu fahren.

Ich bin überpünktlich, eine halbe Stunde zu früh, die Fähre hingegen ist ein ganzes Stück zu spät, so dass ich schon zweifle ob die überhaupt noch fährt, da es ja mittlerweile eine andere Strecke mit kurzer Fähre und Tunnel gibt. Schließlich kommte sie aber doch, und die Fahrt durch den Laerdalfjord ist sehr sehr schön.

Von Laerdal geht es zunächst über die 5 und dann die E16 Richtung Oslo. (auch nur noch drei Tagesetappen weg, bin schon ganz schön weit im Süden…). Ziel ist Borgund, wo die am besten und originalsten erhaltene aller Stabkirchen steht.

Es geht zunächst recht flach durch ein sehr enges Tal mit mächtig Steil aufragenden Berghängen zu beiden Seiten. Nachdem das Tal zu Ende zu sein schein, geht es recht schmal zwischen zwei Bergen hindurch in ein weiteres Tal, hier steigt die Strecke mit einer Steigung so um vier, fünf Prozent ziemlich konstant an. Die wird einfach weggeschaltet. Ich glaube mittlerweile kann man mich nachts um drei auf’s Fahrrad setzen und ich würde einfach losfahren, egal ob bergauf, gerade oder bergab, die Beine arbeiten wie von selbst, völlig losgelöst vom Rest.

Nach einer Weile gelangt die Straße an einen Tunnel und ein Schild verweist auf die “historic road”. Die war weder im Reiseführer erwähnt, noch auf der Karte verzeichnet. Ich zögere kurz, “historic” kann auch heißen “extrem steil”. In diesem Falle aber nicht, und es stellt sich heraus, dass einer der schönsten Streckenabschnitte der Reise überhaupt kommt. Eng am Fels entlang, auf der anderen Seite der Fluß, wild und teils reißend, dann wieder steiler wilder Berghang. Fantastisch! An einer Stelle hat der Fluß eine tiefe Schlucht gegraben, das Wasser ist glasklar, und bricht sich an den Stellen wo durch die Unebenheiten im Untergrund Wirbel entstehen seltsam weich und rund.

Es geht ständig bergauf, am Ende der zehn Kilometer bis Borgund recht steil mit ca. 8%, aber die Strecke ist einfach spektakulär!

In Borgund angekommen gibt es gleich den nächsten Höhepunkt. Die Stabkirche, die wirklich von außergewöhnlich gutem Erhaltungszustand ist, und wo nötig so restauriert wurde, wie sie ursprünglich im 12. Jh. war (soweit nachvollziehbar). D.h. keine Fenster, wie sie meist im 16./17. Jahrhundert nachträglich eingefügt wurden und auch keine Sitzgelegenheit für die Besucher der Messe.

Neben der Kirche gibt es im Ticketoffice und Cafe auch noch eine recht informative Ausstellung zu Konstruktion und Geschichte der Stabkirche(n) (Borgund und im Allgemeinen).

Auf der Rückfahrt nehme ich erst wahr, wie lang und teils steil die Steigung eigentlich war, die ich auf dem Hinweg gefahren bin. Das oben Gesagte von wegen nachts auf’s Fahrrad setzen, ist wirklich wörtlich zu nehmen…

Wie auch immer, ich komme noch rechtzeitig zur drei Uhr Fähre von Laerdal über Kaupanger nach Gudvangen. Auf dieser Strecke gibt es den dritten Höhepunkt des Tages, der Naerøyfjord

Der Sognefjord ist mit 204 Kilometern der längste Fjord der Welt und schneidet sich tief ins Landesinnere hinein. Dabei hat er einige spektakuläre “Seitenarme”. der Naerøyfjord ist einer davon, und er ist deshalb so spektakulär, weil er sehr eng ist, zum Teil nur 250m.

Eigentlich sind alle Arme des Sognefjords beeindruckende Beispiele für die Schönheit, die die Natur hervorbringen kann. Aber dieser bringt es nochmal auf den Punkt. Wirklich fantastisch. Auf den Bildern fehlt einfach die dritte Dimension, um einen wirklichen Eindruck zu vermitteln, definitiv ein weiterer Höhepunkt des Tages.

Auf der ca. dreistündigen Überfahrt habe ich mich einigen Tassen Tee und Kaffee aufgewärmt, denn insgesamt ist es doch recht kühl, gerade da man den Fjord ja auf Deck genießen will, und dabei den Wind und die Kälte leicht ignoriert.

In Gudvangen angekommen, mache ich mich auf die letzten ca. 15 Kilometer zu meinem heutigen Ziel, dem Stalheimhotel. Es geht zunächst durch das Naerøytal, auf flacher Strecke am Fluß entlang über die E16 Richtung Bergen. Das Tal ist wie schon der Fjord sehr eng, bzw. schmal und die Berge ragen nicht nur beiderseits steil empor, sondern sind auch sehr hoch, was eine beeindruckende Kulisse ergibt.

Obwohl die Strecke flach ist, und ich vorher drei Stunden auf der Fähre ausgeruht habe, merke ich das erste mal auf der gesamten Tour überhaupt, dass mein Kreislauf jetzt lieber flach im Bett liegen würde, als auf dem Fahrrad sich bewegende Beine zu durchbluten. Seltsam, aber ich glaube nach über 5000 Kilometern ist jetzt langsam Schluss. Zum Glück habe ich zwei Übernachtungen im Stalheimhotel, die meine liebe Kollegin Sanne für mich organisiert hat.

Das Stalheim Hotel ist eines der wenigen historischen, familiengeführten, Hotels Norwegens. Im Gegensatz zum Mundal Hotel zeichnet es sich nicht durch das historische Mobiliar und die individuelle Gestaltung der Zimmer aus, sondern durch seine fantastische Lage mit spektakulärer Aussicht auf das Naerøytal.

Jede spektakuläre Aussicht muss mit einem steilen Anstieg bezahlt werden. Das ist mir vorher klar. Aber was dann kommt ist doch härter wie gedacht.

Es gibt zwei Straßen zum Hotel, was ich aber erst mitkriege als ich schon oben bin. Leider. Denn die historische Serpentinenstraße, ist das härteste, was ich auf der Tour bis jetzt gefahren bin. Die Steigung liegt zwischen 15% und 20%.

Die Straße ist so steil, dass ich mich beim Fahren nach vorne beugen muss, da sonst das Fahrrad vorne hoch geht. Ich schaffe gerade zwei Serpentinen, dann muss ich Pause machen. Dann die nächsten zwei, dass ist unfassbar steil. 20%!! Der Puls geht auf 177, was mein Maximalpuls beim Fahrradfahren ist. Ich lasse ihn runtergehen auf unter 120 und nehme die nächsten zwei Serpentinen in Angriff. Und dann geht es einfach nicht mehr, die nächsten zwei Serpentinen schiebe ich. Ja schiebe. Das allererste mal nicht nur auf der Tour, sondern ich glaub überhaupt seit ich Fahrrad fahre schiebe ich ein Stück!

Es ist so steil, dass das Schieben nicht viel einfacher ist, als das Fahren, der Puls liegt gerade mal 15 Schläge niedriger. Hätte ich nicht über 11 Kilo in Trondheim nach Hause geschickt, wäre ich diese Straße definitiv heute nicht hochgekommen, weder durch Schieben noch durch Fahren.

Die nächsten zwei Serpentinen fahre ich wieder, dann wieder zwei schieben usw. (Ich weiß, dass du ein phänomenales Gedächtnis hast Sanne, aber mit den fünf Serpentinen, lagst du doch etwas daneben…, oder hast du die Straße von der anderen Seite gemeint?)

Die letzen Serpentinen und den dann folgnenden geraden Teil fahre ich wieder. Am Hotel angekommen, bin ich ziemlich fertig, gar nicht mal körperlich, die Erholung geht immer recht schnell, aber psychisch bin ich komplett leer. Und das von anderthalb Kilometern und gut 300 Höhenmetern.

Nach dem Einchecken im Hotel sitze ich in meinem Zimmer und starre aus dem Fenster auf die zugegeben schöne Aussicht. Im Gegensatz zum Nordkap, wo ich vor Erschöpfung und Freude über das erreicht Ziel, den Tränen wirklich nahe war, empfinde jezt keinerlei Freude und mir ist echt zum Heulen zumute. Ich brauch über eine viertel Stunde, bis der Kopf anfängt wieder zu funktionieren, die übliche Routine losgeht, mit Sachen auspacken, Laptop anschalten, Bilder und Daten aus dem Fahrradcomputer übertragen. Und dann nochmal ebenso lange Duschen, bis ich wieder halbwegs normal bin.

Ich weiß nicht, was es ist, ob mir die über 5000 Kilometer und 50000 Höhenmeter in den Knochen stecken, ob die Erkältung noch etwas ihren Tribut fordert, oder ob das einfach meine Grenze war. Eigentlich müsste ich frustriert sein, dass ich an ein paar Stellen geschoben habe, oder dass ich nicht einfach die andere Straße gefahren bin, die 8 bis 10 Prozent hätte ich einfach weggeschaltet. Bin ich aber nicht, sonder irgenwie nur leer.

Im Restaurant gibt es Buffet oder a la Carte. Vor vier Wochen hätte ich in der verbleibenden Stunde das komplette Buffet geräumt, aber trotz der Anstrengung habe ich dazu nicht die geringste Lust. (Vielleicht ist mir das ständige Aufstehen zum Essen holen zu aufwendig…).

Stattdessen entscheide ich mich für Wildmedallions mit Rosenkohl und Kartoffelmedallions. Warum ich das hier erwähne?

Das war das beste Essen auf der ganzen Reise. Jeder einzelne Teil schmeckt unglaublich gut. Was man mit Kartoffeln machen kann wusste ich bis heute nicht. Ich lasse mein Getränk stehen und verzichte auf den Kaffee, um mir den Geschmack nicht zu verderben, der sich für jedes Teil des Gerichts nicht nur ins Gedächtnis zurückrufen lässt, sondern auch in den Mund und dann auf der Zunge und am Gaumen zu schmecken und zu spüren ist. Ein Erlebnis. Eigentlich der fünfte Höhepunkt des Tages.

Den Vierten erlebe ich gerade beim Schreiben dieser Zeilen. Die Aussicht aus der Lounge des Hotels auf das Naerøytal. Im Hintergrund spielt ein Pianist, nicht so ein schäbiger Alleinunterhalter, der die Melodie von La Paloma zu den Midifiles auf seinem Synthie tippt, sondern ein “richtiger” Pianist. Das Repertoire ist Barmusik, aber schön gespielt, und mal eine Alternative zu Norah Jones…

Die Aussicht ist atemberaubend, das Tal ist eigentlich eine Schlucht. Noch etwas den Geschmack des Essens genießen, und dann einen Milchkaffe! Heute und morgen werde ich nichts anderes machen, als hier zu sitzen und auf das Tal zu schauen.

Ein Kommentar

  1. Hallo Guido,

    vielleicht sind ja wirklich 5.000 km genug.

    Komme nachhause, am Wochenende ist „Kirmes in Waldgirmes“