Das RAAM, Teil 2 – Was ist eigentlich Ultracycling?

Fahrer die auf ihren Rennrädern sehr lange Strecken zurückgelegt haben gab es schon immer. Selbst bei der Tour de France waren die Etappen in der Anfangszeit „ultralang“.

Mit der Zeit haben sich aber Radsportdisziplinen herausgebildet, die teils sehr unterschiedliche Anforderungen an die Fahrer stellen.

Im von der UCI regulierten Profisport ist die Sache recht klar. Es gibt Eintagesrennen und Etappenrennen. Es gibt die Frühjahrsklassiker (wie z.B. die Flandernrundfahrt), die drei großen Rundfahrten (Giro, Tour, Vuelta), außerdem weitere Rundfahrten und Eintagesrennen mit großer Tradition (in Deutschland z.B. Rund um den Finanzplatz).

Profiradsport ist Manschaftssport. D.h. es treten Manschaften gegeneinander an in denen die Rollen klar verteilt sind. Ohne die Zuarbeit seiner Manschaftsmitglieder kann ein Rennfahrer kaum ein Rennen gewinnen, geschweige denn eine Rundfahrt.

Neben dem klassischen „alle fahren zusammen los, wer zuerst da ist gewinnt“ gibt es noch das Zeitfahren, hier kämpft jeder Fahrer allein gegen die Uhr. Wer die geringste Zeit gefahren hat, hat gewonnen.

Bei einem Rennen kann man üblicherweise von einer Länge um 250 Kilometer Länge ausgehen. Zeitfahren liegen deutlich darunter, so grob zwischen 25 und 50 Kilometer.

Außerdem gibt es häufig noch Kriterien, ein Rennen auf einem kurzen Rundkurs, nicht selten 2km oder weniger lang, bei dem viele Runden gefahren werden und Punkte in Sprintwertungen vergeben werden.

Das gleiche gibt es dann auch für Amateure, wobei es dort drei Klassen, A, B und C gibt. Die Strecken sind entsprechen kürzer als bei den Profis, Kriterien gibt es hier sehr oft.

Nun gibt es aber auch Millionen von Radrennfahrern, die nicht in Vereinen organisiert sind oder die keine Rennlizenz haben. Die werden im Radsport „Jedermann“ genannt. Eine wirklich unglückliche Bezeichnung. Das klingt extrem uncool und fast schon erniedrigend. Aber die UCI ist nicht gerade für kluge Entscheidungen und positive Außendarstellung bekannt…

Für diese Radfahrer gibt es Jedermannrennen und Radmarathons (außerdem Radtouristikfahrten, RTF genannt). Eigentlich ist das im Gegensatz zum Lizenzsport ein Sport für Einzelteilnehmer. Aber durch den enormen Boom und die teils fantastisch organisierten Rennen und Radmarathons in spektakulärer Landschaft (z.B. Ötztaler Radmarathon) fahren gerne mal Lizenzfahrer bei diesen Jedermannveranstaltungen mit, obwohl sie es meist eigentlich gar nicht dürfen.

Und auch die Sponsoren und Radzeitschriften springen auf den Zug auf und stellen Jedermannteams auf die Beine, die fast professionell betreut werden. Das macht es für die Einzelfahrer und „echten“ Jedermänner schwer da was zu gewinnen.

Jedermannrennen sind meist ca. 100km lang (oft gibt es mehrere auch kürzere Strecken zur Auswahl), Radmarathons ab 200km, aber selten mehr als 270km)

Neben diesen ganzen „Kurzstreckenkategorien“ gibt es noch die Randonneure. Hier werden sehr lange Strecken gefahren, meist sogenannte Brevets. Allerdings nicht als klassische Rennen, sondern es gilt vielmehr die Strecke innerhalb einer bestimmten Karenzzeit zu bewältigen. Der Rest ist dem Randonneur im Prinzip egal.

Die bekanntesten Klassiker sind hier Paris-Brest-Paris (P-B-P) oder London-Edinburgh-London. Es gibt aber auch kurze Brevets, z.B. muss man für die Quali zu P-B-P drei Brevets fahren die 200, 300 und 600 km lang sind.

Damit scheint für jeden Radfahrertyp eigentlich was geboten?!

Was ist denn nun Ultracycling?

Mit dem Ultracycling gibt es aber noch eine ganz anderer Radsportkategorie.

  • Hier geht es um klassischen Wettkampf wie im Eintagesrennen, also sehr wohl um das Gewinnen, aber auch um das Finishen an sich wie bei den Randonneuren.
  • Man legt sehr lange Strecken zurück, die deutlich länger sind als selbst bei den Profiradrennen (ab 500 km), und denoch fährt man alleine im Wind wie beim Einzelzeitfahren.
  • Man fährt nicht in einer Manschaft, sondern alleine und doch hat man ein Team dabei.
  • Die Kosten sind teils sehr hoch und doch kann man kaum Geld damit verdienen.

Beim Ultracycling startet man auf eine Strecke die meist deutlich über 500 Kilometern liegt, oft deutlich über 1000 Km mit gerne mal ordentlich Höhenmetern. Gewinner ist wer als erster ankommt (ggf. werden versetzte Startzeiten mitgerechnet). Man fährt alleine, Windschattenfahren ist verboten egal in welcher Form. Begleitet wird man von einer Crew in einem Followcar genannten Auto, das einen vor dem Verkehr beschützt, sich um die Navigation kümmert und die Versorgung mit Nahrung und Wechselkleidung sicherstellt.

Während also die Lizenzfahrer ggf. von Manschaftsmitgliedern oder Trainern versorgt werden, man bei Jedermannrennen und Marathons Verpflegungsstationen anfährt und Randonneure sich selbst versorgen indem sie gerne mal eine Bäckerei ansteuern, wird die Versorgung für den Ultradistanzfahrer von einem Begleitteam gewährleistet.

Kenzeichen der Ultradistanzen ist praktisch ausnahmslos, dass man auch in der Nacht fahren muss. Das teilen sie mit den Randonneuren. Allerdings macht es für einen Randonneur Sinn mit Nabendynamo zu fahren, während Ultras mit Batterielicht fahren, das (meist) während des Tages wieder abgenommen werden kann. Außerdem hat man den Lichtkegel des Followcars (oder gar eine zusätzliche Lichtanlage).

Kennzeichen praktisch aller Ultradistanzrennen ist die zusätzliche mentale Herausforderung die durch die lange Exposition gegenüber den Elementen der Natur entsteht. Wenn es den ganzen Tag regnet ist man bei einem klassichen Radrennen drei bis maximal fünf Stunden der Nässe ausgesetzt. Bei einem Radmarathon möglicherweise zehn Stunden, bei einer Ultradistanz vielleicht ein oder zwei Tage und vor allem auch Nachts.
Das gleiche gilt für Gegenwind. 50 Kilometer Gegenwind ist ätzend, aber 300 Kilomter Gegenwind steckt niemand einfach so weg.

Und hier wird auch schon deutlich was das RAAM nochmal von den „normalen“ Ultradistanzrennen abhebt. In einem Interview mit dem RAAM Teilnehmer 2014 Alberto Blanco auf „OhioRAAMshow.com“ sagt er „man weiß erst was das RAAM bedeutet, wenn man es gefahren hat. Man kann es sich vorher einfach nicht vorstellen“.

Das RAAM ist eben nicht nur 3000 Meilen, also mehr als 4800 Kilometer lang, sondern man fährt quer durch die USA, durch unterschiedliche klimatische und geographische Bedingungen. Man fährt durch die Wüste bei 45° C und über Rocky Mountains Pässe mit Höhen über 3000 Metern. In Kansas kann man auf unfassbar langen Geraden hunderte von Kilometern gegen den Wind fahren oder von Stürmen und Tornados erwischt werden usw.

Beim RAAM kommt somit noch eine „Abenteuerkomponente“ zum Ultracycling hinzu. Bei einem normalen Ultracyclingevent  kann man einen Tag oder zwei über seine Grenzen gehen und sich dann erholen, beim RAAM geht es dann überhaupt erst los. Will man gewinnen oder auf’s Podium kann man kaum schlafen. D.h. auch, man kaum regenerieren.

Wer mal eine Radreise gemacht hat kennt das Gesetz der großen Zahl. Eine kleine Naht in der Radhose an der falschen Stelle macht 200 Kilometer lang nichts aus, nervt höchstens ein bisschen. Aber nach 2000 Kilometern ist die Haut durchgescheuert, die Wunde entzündet, der Schmerz unterträglich. Deshalb können schon kleine Details bei diesem Rennen zu Leiden führen.

Der Schlafentzug beim RAAM birgt auch eine große Gefahr. Einen Tag durchfahren ist kein Problem, zwei Tage mit wenig Schlaf sind hart, aber acht bis zwölf Tage machen aus erwachsenen Rennradfahrern manchmal hilflose Gestalten denen man erklären muss, dass sie auf dem Fahrrad treten müssen um nicht umzufallen.

Mit anderen Worten, das RAAM ist mehr als ein Ultracyclingrennen. Es ist eine Grenzerfahrung. Bei keinem anderen Rennen setzt man sich so sehr dem Risiko des Scheiterns aus. Marko Baloh ist zweimal gescheitert bevor er es erstmals gefinished hat. Rekordhalter Christoph Strasser musste bei seiner ersten Teilnahme mit Lungenentzündung aufgeben.

Andererseits ist ein erfolgreiches Finish eine fundamentale positive Lebenserfahrung auf einem Niveau wie es nur wenigen Menschen im Leben vergönnt ist.

Wie rar dieses Erlebnis ist kann man daran ablesen, dass es deutlich mehr erfolgreiche Mount Everest Besteigungen pro Jahr gibt als erfolgreiche RAAM Finisher seit bestehen des Rennens überhaupt.

In Teil 3 geht es demnächst um die Protagonisten des RAAM

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