Day 6 Machhermo – Gokyo

Trekking Strecke: Machhermo – Gokyo (ca. 6 km)
Besteigung Gokyo Ri (ca. 1 km)

SpO2: 75 | Ruhepuls: 60 | Schlafdauer 4 St. | Temperatur Lodge Nachts -3,7° C

Gehzeit: ca. 5:40 Stunden (Gokyo Ri 1:25 St.)
Abstieg: 692m
Aufstieg: 1206m
Max. Höhe: 5357m
Puls Schnitt/Max: 122/162

Was für eine schreckliche Nacht, wenn ich gekonnt hätte, wäre ich mit dem Hubschrauber runtergeflogen. Der Hals schmerzt, die Nase ist zu, ich liege hier in dem dunklen Loch in der lebensfeindlichsten Gegend die man sich vorstellen kann. Ich habe das Gefühl, ich kriege keine Luft mehr, eingekesselt von den Bergen. Oder ist es doch die Höhe? Rasselt die Lunge? Gar nicht so einfach festzustellen bei so einer veritablen Halsentzündung und verschnupfter Nase. So liege ich die meiste Zeit der Nacht wach, genug Zeit um sich elend zu fühlen. Wann wird es endlich Tag, bitte bitte, lass diese verdammte Nacht zu Ende sein.

Zu meiner Überraschung geht diese Nacht tatsächlich zu Ende, und ich fühle mich sogar etwas besser. Ich will auf keinen Fall hier bleiben. Den ganzen Tag und noch eine Nacht hier? No way!

Beim Gehen ist es bis jetzt immer besser geworden. So machen wir uns auf nach Gokyo. Und es geht zunächst erstaunlich gut. Ich hatte mir noch einen Toast mit Marmelade reingezwängt, nachdem  zum Dinner gestern gar nix ging. Insgesamt scheinen die Beine aber ganz gut zu funktionieren. Ich trabe brav hinter Nir her. Zunächst geht es die gleiche Strecke hoch, die wir gestern nachmittag schon mal gelaufen sind, dann geht es aber entlang des Tals recht moderat bergauf und bergab.

Es ist recht staubig, den Yaks scheint es aber nichts auszumachen. Die Sonne knallt, trotzdem ist es ordentlich kalt. Jetzt am Tag habe ich den Albtraum von heute nacht weggesteckt.

Die Strecke sieht auf den Fotos möglicherweise recht idyllisch aus, in natura ist die Idylle aber sehr fragil.

Weiter geht es recht flach, zwischendurch aber auch mal recht steinig. Links im Hang der Trek, rechts im Tal der Abfluss des Gletschers. Immer wieder mal geht es in „Treppenstufen“ ordentlich bergauf. Die Landschaft ist karg, brutal und sensationell.

Schließlich erreichen wir den ersten See und machen eine Pause. Es gibt sogar Enten im See, die müssen hart im Nehmen sein.

Dann geht es weiter zum zweiten See. Ist durchaus anstrengend, aber dafür, dass ich krank bin geht es sensationell. Auch am second lake machen wir eine Pause.

Auf dem Weg zum dritten See, und damit Gokyo, kann man schon Gokyo Ri sehen, unser geplantes Nachmittagsprogramm. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob ich mich nicht vielleicht doch lieber schone.

Der Weg bis Gokyo ist recht steinig, aber schließlich doch bewältigt. Die Szenerie sieht toll aus, und da Gokyo ein Knotenpunkt mehrerer Treks ist, ist es sogar relativ groß.

Die Lodge macht einen guten Eindruck und wir ruhen uns erst mal aus und essen Lunch. Der Appetit ist zurück und so beschließe ich Gokyo Ri heute zum Sonnenuntergang in Angriff zu nehmen. Ich bin gespannt wie ich mit der Höhe zurechtkomme. Die blöde Krankheit schwächt mich natürlich und es geht auf über 5350m Höhe. Ich habe wirklich großen Respekt vor diesem Hügel. Allerdings bieten sich oben tolle Aussichten auf den Mount Everest und seine Freunde.

Nach der Mittagspause nehmen wir den Hügel also in Angriff. Der erste Teil windet sich in steilen, angedeuteten Serpentinen staubig nach oben. Nir trabt in seinem megalangsamen Schritt vor mir her. Diesmal hat er ja kein Gepäck. Im Gegenteil, ich bin es der mit dem Tagesrucksack beladen ist. Ich werde wahnsinnig so hinter ihm herzutraben. Also überhole ich und gehe mein eigenes Tempo.

Schnell gewinnen wir an Höhe und es bieten sich erste schöne Ausblicke auf Gokyo, die Seen und auch den Ngozumba Gletscher im Hintergrund.

Je höher wir kommen, desto mehr lässt mein Tempo nach. Nir bleibt hinten dran, ist aber auch immer froh, wenn wir mal kurz halten um die Aussicht zu genießen. Während der erste Teil noch sehr erdig, staubig ist, wird es jetzt sehr steinig. Es ist noch erstaunlich weit bis oben hin. Dabei sind wir beide schon am schnaufen.

Ich nehme die Bergwelt um mich herum kaum wahr, nur bei Pausen die wir machen. Mittlerweile läuft Nir vorne, ich schaue nur auf seine Spur. Es ist wirklich anstrengend. Oben sind schon die Gebetsfahnen zu sehen, aber etwas brauchen wir noch. Die Aussicht muss man sich wirklich erarbeiten. Nir ist am stöhnen, ich bin auch ordentlich am schnaufen. Es bläst mittlerweile ein heftiger Wind.

Doch dann sind wir oben. Wir fallen uns in die Arme. Die Aussicht ist spektakulär! Auch wenn der Gipfel des Mount Everest gerade in Wolken gehüllt ist. Jetzt stehe ich also auf 5357m Höhe mit Blick auf die höchsten Berge der Welt, mitten im Himalaya, einer der beeindruckendsten und lebensfeindlichsten Regionen der Welt. Wie geil!

Ich mache viele Fotos und Nir fotografiert mich vor dem ME, der immer mal wieder aus den Wolken hervorscheint.

Auch der Blick auf den Gletscher und der Blick zur anderen Seite sind fantastisch. Mittlerweile peitscht der Wind und nach ca. zwanzig bis dreißig Minuten steigen wir wieder ab.

Für mich vielleicht der spannendste Teil, aber mit Einsatz der Trekkingstöcke komme ich ganz gut runter. Die Strecke zieht sich zwar sehr, und, vor allem im oberen Teil, bläst der Wind brutal, aber schließlich haben wir es geschafft.

Die Lodge ist die beste, in der wir bis jetzt waren (Gokyo Ri Resort). Ein riesiger Ofen, der auch schon vor 16 Uhr angefeuert wird, ein sehr schöner Gemeinschaftsraum mit viel Sonne. Echt ok. Allerdings war es etwas mutig von mir den „Kaser Schman“ zu bestellen, der tatsächlich so auf der Karte stand. Vom Ansatz her nicht schlecht, aber mit ordentlich Rum versetzt! Widerlich, Alkohol in der Höhe, das geht doch gar nicht, damit konnte ich wirklich nicht rechnen. Nach zwei Bissen lasse ich die Finger davon, die Sherpa am Tisch nebenan machen sich über den Rest her. So findet die mit 600 Rupien bisher mit Abstand teuerste Mahlzeit doch noch eine sinnvolle Verwendung.

Die Lodge hier ist deutlich belebter als die bisherigen seit Namche. So gibt es die Chance auf etwas Unterhaltung. Alles in allem ein ordentlich ausgefüllter Tag mit einem ersten Höhepunkt. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.

Bis jetzt habe ich die Höhe gut weggesteckt, auch wenn der SpO2 Wert heute morgen bei sagenhaft niedrigen 75 war! Auf dem Weg nach Gokyo hatte ich schon das Gefühl, dass ich nicht so konzentriert war, auf den Gokyo Ri hinauf war aber alles ok. Ich hoffe nur die Halsentzündung und der Schnupfen bessern sich weiter. Bitte nicht nochmal so eine Horrornacht wie gestern.

Das Essen in der Lodge ist wirklich ok. Von einem anderen Guide gibt es noch frisch geschälte Äpfel. Da es hier zwar theoretisch Internet gibt, der Strom aber heute nicht für den Rechner reicht, hänge ich noch etwas im Gemeinschaftsraum herum, der von Hakenkreuz LEDs beleuchtet ist.

Irgendwann muss ich dann doch ins Bett. Mein Puls pocht mit 80 vor sich hin. Keine Ahnung wie ich so einschlafen soll.

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