Fazit Schweizer Radmarathon 2012

Auf dem Rad war mir völlig klar, Ultracycling ist nichts für mich. So lange alleine zu fahren, selten sieht man andere Radfahrer, von schnellem Dahinfliegen in Gruppen kann keine Rede sein, keine abgesperrten Straßen, das Navigieren und letztlich auch die epische Länge der Strecke, das alles macht mir eigentlich nicht so viel Spaß wie z.B. beim Glocknerkönig am Berg andere Fahrer zu überholen, oder bei Rund um dem Finanzplatz drei Stunden um irgendwelche Hinterräder und Gruppen zu kämpfen, oder gar einsam einen schönen Pass zu erklimmen.

Trotzdem hat das Ganze auch seine Reize. Die erwartete Grenzerfahrung war es allerdings nicht. Das lag wohl daran, dass ich meine Grenze noch nicht erreicht habe. 800 Kilometer wären auf jeden Fall drin gewesen, mehr geht wahrscheinlich auch irgendwie. Aber nach diesen 720 Kilometern nach kurzem Schlaf nochmal aufs Rad und noch über 4100 Kilometer dranhängen? No way! Nachdem ich jetzt den Schweizer Radmarathon auf der RAAM Quali Strecke gefahren bin, ahne ich was ein RAAM Fahrer leisten muss. Mein Kopf würde das nicht zulassen.

Die Beine haben extrem gut funktioniert, mein Cardiopulmonares System, war definitv nicht am Limit. Die Sitzfläche hat es gut überstanden, hatte aber auch genug und war froh im Ziel zu sein. Aber die Hände waren ein echtes Problem. Nicht das ich zu irgendeinem Zeitpunkt befürchtet habe aufgeben zu müssen, aber ab 250, 280 Kilometern haben die beständig geschmerzt. Nicht wie Zahnweh oder irgendwas schlimmes, aber doch unangenehm latent.

Ab Kilometer 600 hat der Kopf diese Beschwerden manchmal ausgeblendet, auch hier konnte ich ahnen, wie RAAM Fahrer diese Tortur überstehen. Zumal die ja meist unter Schlafentzug fahren.

Schlafentzug war auf der 720er Strecke allerdings kein Thema. Schon bei Trondheim-Oslo habe ich nicht die geringste Müdigkeit verspürt. Auch wenn die Events nicht vergleichbar sind und ich beim Schweizer Radmarathon fast doppelt so lange gefahren bin, so hat sich das aber bestätigt, eine Nacht durchfahren ist überhaupt kein Problem. Zu keinem Zeitpunkt habe ich besondere Müdigkeit verspürt. Auch wenn die Aufmerksamkeit und Motivation durch das Alleinefahren deutlich mehr gefordert wird.

Körperliche Erschöpfung habe ich allerdings schon gespürt. Vor allem die Abfahrt von Jassbach war sehr anstrengend, da der Gegenwind die erwartete leichte Abfahrt in eine mentale Herausforderung verwandelt hat. Auch die letzte Etappe war sehr sehr anstrengend, hier hatte ich eigentlich nochmal einen Motivationsschub erwartet, so kurz vor dem Ziel, der blieb aber irgendwie aus.

Überhaupt fühlt sich vieles anders an, als z.B. beim Ötzi, denn da man alleine losfährt, alleine auf der Strecke radelt und alleine ankommt, fühlt sich das ganz anders an als bei einem Start mit 4000 Teilnehmern, vielen Radlern und Supportern auf der Strecke, und einem Zieleinlauf mit jubelndem Publikum.

Ultracycling ist einfach ein anderer Sport. Ohne Begleitteam macht das eigentlich auch keinen rechten Sinn, denn sonst wird es eher so eine Ranndoneur Geschichte. Auch das hat natürlich seinen Reiz, und an der hohen Teilnehmerzahl auf der 600er Strecke kann man sehen, dass es viele Freunde dieser Art von Radfahrevents gibt. Da würde ich dann aber eine Radreise mit Reiserad vorziehen.

Aber wenn ich tatsächlich nochmal so ein Rennen bestreite, dann als RAAM Qualifier mit Begleitfahrzeug und Aerolenker. Prinzipiell habe ich die Qualizeit sicher in den Beinen. Mehr allerdings auch nicht. Eine Zeit unter 24 Stunden wie es fünf Fahrer gefahren sind finde ich schlicht sensationell.

Mit meinen 32:25:04 bin ich hochzufrieden. Das ursprüngliche Ziel von unter 26 Stunden war völlig unrealistisch, weil ich es von Trondheim – Oslo hochgerechnet habe. Das ist aber ein völlig anderes Rennen. Kann man nicht vergleichen mit dem Einzelzeitfahren einer nicht abgesperrten 720 Kilometer Strecke.

Das realistischere Ziel unter 30 Stunden wäre körperlich schon drin gewesen mit etwas mehr Erfahrung und ohne Navigationsfehler. Die gehören zwar beim Ultracycling durchaus dazu, aber ab Sargans war es bei mir schon extrem. Wie gesagt es wurde sogar ein Running Gag mit den Leuten die mich dadurch immer wieder überholt haben.

Die RAAM Qualizeit ginge sicher nur mit Team und Begleitfahrzeug, die halte ich auch für erreichbar. Aber das ist schon eine echte Herausforderung.

720 Kilometer an sich sind schon eine echte Herausforderung. Nach dem Rennen war ich zwar froh, dass es vorbei war, aber es ist jetzt auch nicht so ein Glücksgefühl durch mich geströmt wie beim ersten Glocknerkönig. Ich  war halt schlicht platt.

Am nächsten Tag auf der Heimfahrt, als gerade ein Gewitter auf der Autobahn niederging und der MP3 Player Desert Song von Michael Schenker Group gespielt hat, hatte ich so einen kurzen Moment eines großartigen Hochgefühls, so einen Moment wie man ihn nur nach großer, erfolgreicher Anstrengung hat. Diesen kurzen Moment wenn die schwere Aufgabe geschafft ist und die nächste noch nicht bevorsteht, so eine Oase in der Zeit, ohne Verplichtungen, mit der Bestätigung für das Selbst durch das erreichte Ziel. Aber schon zu Hause war ich wieder voll im Alltag. Einzig die etwas schweren Beine und die schmerzenden Hände haben mich an die für mich sicher außergewöhnliche Leistung erinnert.

Meine nächste schwere Aufgabe ist allerdings schon viel zu Nahe. Am Sonntag war ich mir sicher, dass ich das Peakbreak absagen muss, da ich einfach zu erschöpft bin. Jetzt drei Tage später will ich zwar hinfahren, mir ist aber klar, dass ich kaum durchkommen werde. Diese zwei Höhepunkte habe ich mir einfach zu dicht gesetzt. Die drei Wochen bis Kehlheim hätten gepasst, aber schon am Samstag in ein schweres Etappenrennen starten, eine Woche lange nur heftigste Berge, das wird ganz eng.

Im Nachhinein war es richtig in Fell beim 20 Stunden Rennen nach sechzehneinhalb Stunden aufzuhören obwohl noch weitere Runden möglich gewesen wären. Jedenfalls habe ich mich körperlich wirklich super gefühlt, über die ganzen 32,5 Stunden, auch die Knie haben sensationell durchgehalten ohne zu murren. Aber die Regenerationszeit bis zum Start des Peakbreak ist sicher zu kurz.

Den Versuch am Sonntag ein bisschen auszufahren habe ich nach 7 Minuten abgebrochen, ich konnte nicht sitzen und war immer noch platt. Am Dienstag bin ich immerhin 75 Minuten Rekom gefahren, der Puls war allerdings sehr niedrig und ist nicht recht hochgegangen. Auch ein Zeichen der immer noch vorhandenen Ermüdung.

Die Organisation des Events lief gut ab. Gerade wo das Orgateam gewechselt hat und zum ersten mal hauptverantwortlich die Veranstaltung durchgezogen hat.

Auch wenn ich mich oft verfahren habe, so war die Beschilderung bis auf zwei Ausnahmen doch ok, meistens lags an mir selbst. In Sargans allerdings war der Pfeil wirklich versteckt. Einige sind daran vorbeigerauscht. Ich habe es den Leuten dort vor Ort sogar gesagt, aber sie haben nix geändert, als ich losfuhr kam schon wieder einer fluchend entgegen.
Und auch auf der Etappe nach Jassbach war weder das Roadbook eindeutig, noch gab es den gewohnten Pfeil an der Kreuzung oben, bevor es den Berg hinunter ging auf die Hauptstraße.

Allerdings mussten die Organisatioren auch ca. 1000 Kilometer ausschildern, dafür war es wirlich gut, genauso wie das Roadbook.

Die Verpflegung an den Kontrollstationen war auch gut. Nicht dass ich normalerweise ein Hotdog essen würde, oder belegte Hamburgerbrötchen, aber es gab an jedem Checkpoint leicht unterschiedliches und meist habe ich was gefunden was mir geschmeckt hat, und ab 300 Kilometern ist es sowieso egal, Hauptsache essen. Besonders gut war Affoltern, dass ich mein Leben lang mit „Joguhrt mit Cornflakes“ in Verbindung bringen werde.

Die Leute an den Kontrollstationen waren alle super nett, sehr umsorgend und herzlich. Das war echte Werbung für die Schweiz und die Schweizer!

Mit meinem Material bin ich wirklich sehr zufrieden, das Rad läuft wie’s Lottchen, die Schaltung gewohnt zuverlässig. Elektrisch schalten ist gerade wenn man schon recht platt ist das beste was es gibt. Selbst mit dem Riegel in der einen Hand, der Trinkflasche in der anderen und berghoch kann man noch irgendwie an den Taster kommen und runterschalten.
Die Laufräder habe ich wohl bis jetzt unterschätzt. Vielleicht sind die aber für das Gefühl immer Rückenwind zu haben verantwortlich, in der Ebene laufen die jedenfalls richtig, richtig gut. Berghoch sowieso. Bremsen ist auch ok, das hatte ich ja schon in Fell festgestellt bei den 20 Stunden. Etwas seitenwindanfällig wird das Rad dadurch, was aber bei so einem hohen Profil logisch ist.
Der Sattel ist wirklich super, wenn man auf dem Ding 32einhalb Stunden am Stück sitzen kann, gibt es keinen anderen logischen Schluss.

Das spricht natürlich auch für die Sitzcreme. Hier habe ich ja eigentlich eine Handcreme zweckentfremdet. Aber das Zeug ist einfach sensationell. Der Tipp kam von einem Hautarzt. Im Training benutze ich die Sixtus Gesäßcreme, aber für lange Strecken immer die Hans Karrer Handrepair microsilver.

Die Anmeldung für 2013 ist schon offen. 95 RAAM Qualifier werden zugelassen. Noch sind 92 Plätze frei…

2 Kommentare

  1. „Die Anmeldung für 2013 ist schon offen. 95 RAAM Qualifier werden zugelassen. Noch sind 92 Plätze frei…“ Dann sag rechtzeitig Bescheid damit dein Supporter-Team sich vorbereiten kann!
    Viel Erfolg auf der 1.Etappe heute!!! Liebe Grüße, Maj-Britt

  2. Vielleicht kommst du der Grenze bei der neuen Swiss-900 über 927km näher? Schönere Grenzerfahrungen gibt es kaum.

    Adi
    :-)