Fazit Trondheim – Oslo 2011

Renntaktik

Wenn mir einer sagt, er hat Trondheim – Oslo in 18 Stunden gefinisht, weiß ich jetzt, dass das alles mögliche heißen kann. Denn die Endzeit hängt vor allem von zwei Bedingungen ab. Dem Wetter und den Gruppen die man erwischt.

Mit dem Wetter hatten wir dieses Jahr enormes Glück, zwar gab es anfangs zwei kleine Schauer, aber sonst war es trocken. Es war auch nicht zu warm. Und der Wind stand oft gut, bzw. war als Gegenwind nie sonderlich stark, da habe in Norwegen auf meiner Radreise schon ganz andere Sachen erlebt.

Wenn es stark regnet sind die Gruppen auch langsamer und es gibt ein viel höheres Sturzrisiko wenn man in oder an einer Gruppe fährt. So würde ich schätzen, dass das Wetter bis zu einer Stunde, bei extremem Wind sogar deutlich mehr ausmachen kann.

Trondheim – Oslo ist auch kein Einzelzeitfahren. D.h. die eigene Zeit ist sehr stark vom Rennverlauf, bzw. den Gruppen die man erwischt abhängig. Da sich immer wieder Gruppen bilden die an schnellen Teams hängen, kann man als Einzelfahrer praktisch Teamzeiten fahren. Dazu muss man allerdings sehr viel Glück haben. Eigentlich alle aus unserer Reisegruppe hatten lange Passagen in denen sie alleine gefahren sind.

Je langsamer man fährt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit über lange Strecken Gruppen zu haben. Vor allem wenn man nicht an den schnellen Gruppen dranbleiben kann, weil man das Tempo nicht mitgehen kann bezahlt man doppelt, denn dann fährt man praktisch die ganze Strecke im Wind.

Die Regel Nummer eins für dieses Rennen heißt: eine Gruppe finden, und niemals eine Gruppe opfern um anzuhalten! Solange man Wasser und KH-Getränk oder Riegel hat weiterfahren! Je weiter vorne man ist und je früher man startet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit von guten Gruppen zu profitieren.

Durch die große Distanz, die zu bewältigen ist, und die Mischung von Teams und Einzelfahrern, ist Trondheim – Oslo nicht mit einem normalen Radrennen oder einem Radmarathon zu vergleichen. Man kann sagen, wenn man an einer Gruppe mit führendem Team hängt, fährt man wie im Peloton eines Radrennens. Wenn man mit ein paar Leuten zusammenfährt, ist es wie in einer Ausreißergruppe, und wenn man keine anderen Fahrer um sich rum hat ist es wie bei einem Einzelzeitfahren.

So erklärt sich auch, dass man bei gleichem Leistungsstand recht unterschiedliche Zeiten fahren kann. Wenn man noch die Wetterbedingungen mit einbezieht, glaube ich dass die Toleranz um einen anzunehmenden Mittelwert anderthalb bis zwei Stunden betragen kann. D.h. evtl. eine Differenz von bis zu vier Stunden zwischen optimalen und extrem schlechten Bedingungen und Rennverlauf.

Ernährung

Ernährung ist auf die Distanz extrem wichtig. Was bei mir fantastisch funktioniert hat war das KH-Getränk. (Sponser Long-Energy). Wenn ich mehr davon hätte mitführen können, hätte ich meine schnelle Gruppe bei Kilometer 250 nicht opfern müssen. Allerdings hatte ich ja schon zwei 1 Liter Flaschen am Rad und eine 0,75 Liter Flasche im Trikot. Beim nächsten mal würde ich im Trikot statt der 0,75 zwei 1 Liter Flaschen mitführen. Damit wäre man sehr flexibel was die Pausen betrifft.

Pausen
Da es für eine schnelle Zeit von Vorteil ist an schnellen Gruppen (im Klartext: an einem schnellen Team) zu hängen, und die Teams eigene Verpflegungsstationen haben an denen sie sehr schnell versorgt werden, muss man sehen, dass man nur dann Pause macht, wenn man das Team gerade an so einer Verpflegung hinter sich gelassen hat und zufällig eine offizielle Verpflegungsstation kommt. Als erstes die Flaschen voll machen, das mitgeführte KH-Pulver rein, und wenn noch Zeit ist essen was geht. Sobald aber die Gruppe anrauscht sehen, dass man hinterher und vor allem wieder drankommt. Lange Pausen sind eigentlich nicht wirklich nötig, man kann sich an vielen Stellen gut auf dem Fahrrad erholen. Meine lange Pause bei Kilometer 250 war bei diesen guten Wetterbedingen totaler Quatsch. Fünf bis zehn Minuten hätten auf jeden Fall gereicht, aber ich hatte kein Gefühl dafür wie mein Körper diese Distanz verkraftet, da ich das erste mal soweit gefahren bin.

Leistungsbereiche
Wenn man eine gute Gruppe hat kann man ganz viel im (teils sogar niedrigen) GA1 Bereich fahren. Viel fährt man auch GA2, und auch EB und Spitzenbereich müssen abgerufen werden. Gerade wenn man an eine Gruppe ranfahren will muss man manchmal über einige Minuten in den roten Bereich. Auf die Länge gesehen gewinnt man damit mehr als man verliert, denn in der Gruppe kann man sich wieder gut regenerieren.
Wenn man ohne Gruppe unterwegs ist, muss man abwägen wieviel man investiert. Einige meinen locker dahinrollen und auf die nächste schnelle Gruppe von hinten warten, das war aber meinem Ehrgeiz oder Stolz zuwider, so dass ich in den Solokilometern schon im GA2 Bereich gefahren bin, vielleicht holt man ja so auch gerade eine Gruppe ein, die gerade Pause macht.

Technik und Material
Gewicht spielt keine Rolle! Deshalb kann man sich auch mit Trinkflaschen und Essen vollpacken. Auch ob das Fahrrad nun ein Kilo mehr oder weniger wiegt ist völlig egal. Es gibt keine heftigen Anstiege, 6% ist das steilste (bis auf mini Ausnahmen im eher welligen Terrain hinter Lillehammer, aber die fallen nicht ins Gewicht). Die Gruppen fahren berghoch extrem langsam.
Man sollte schon gute Laufräder haben, brauchbare Aerodynamik schadet nicht, aber Aerolaufräder wie beim Zeitfahren sind nicht nötig, bzw. bringen wohl meist kaum Vorteile und der Seitenwind nervt dann mehr.

Wichtig ist vielmehr, dass man sehr gut auf dem Rad sitzt, und dass es bequem ist. Mit dem Specialized Roubaix hatte ich hier einen Volltreffer gelandet. Durch das hohe Steuerrohr sitzt man etwas aufrechter als auf einer brutalen Rennfeile, aber vor allem die Dämpfung, ja Federung des Rahmens bei trotzdem hoher Steifigkeit nimmt etwas Belastung vom Körper. Und bei 540 Kilometer Distanz macht sich dass dann schon deutlich bemerkbar.

Ich hatte zwar meine Bergübersetzung dabei (34-32), aber das wäre nicht nötig gewesen. Mit meiner Leistung von 264 Watt an der IAS zum Zeitpunkt des Rennens habe ich eigentlich höchstens mal bis 34-27 geschaltet und konnte immer hohe Trittfrequenzen fahren, es gibt halt keine steilen Anstiege, und meine Befürchtung, dass ich gegen Ende platt bin und dann noch für die Schlusssteigung an der Autobahn einen Rettungsring brauche hat sich nicht bewahrheitet.

Organisation, Veranstalter, Reiseveranstalter
Die Organisation des Rennens war gut, man kann, auch beim ersten mal, das Ganze ruhig selbst machen ohne Reiseveranstalter. Der Gepäcktransport von Trondheim nach Oslo in den Zielbereich funktioniert. Auch die Verpflegung während des Rennens war ok. Im Zielbereich hätte ich mir nochmal eine richtige Verpflegungsstation gewünscht, aber da gab es „nur“ fette Würstchen und Cola. Igitt. Aber ist halt so, und wenn man das Ding gefinished hat ist einem das eh egal.

Ich habe für meinen ersten styrkeproven einen Reiseveranstalter in Anspruch genommen. Ich wollte alles Organisatorische von mir fernhalten. Dazu hatte ich mir velotravel.de ausgesucht. Andrew, der auch die Reiseleitung selbst gemacht hat, hat viel Erfahrung mit diversen Radsportveranstaltungen und hat Trondheim – Oslo schon mehr als ein Dutzend mal gemacht (und ist es auch schon selbst gefahren).
So ging alles reibungslos. Auch hat es natürlich Spaß gemacht sich mit den anderen Radlern zu unterhalten und von deren Erfahrung zu profitieren (wir waren so acht Leute in der Gruppe). Schließlich fährt man praktisch zweieinhalb Tage hin und anderthalb zurück, da ist es schön wenn man in der Gruppe etwas Spaß haben kann.
Die Hinweise die wir auf der Fahrt von Oslo nach Trondheim über die Strecke bekommen haben waren im Nachhinein gar nicht so wichtig.
Der Preis war absolut fair. Wenn man es selbst organisiert kommt man nicht billiger weg. Das ganze Unternehmen Trondheim – Oslo ist für jemand der aus der Mitte Deutschlands anreist schon recht teuer. Norwegen hat ein sehr hohes Preisniveau, man braucht eine Unterkunft in Trondheim, eine in Oslo, man muss fliegen oder eben die Nachtfähre nach Oslo und zurück nehmen und dann von Oslo nach Trondheim fahren, so kommt einiges zusammen.
Aus heutiger Sicht würde ich im Hotel in Oslo entweder einen early checkin vereinbaren, oder einfach die Nacht vorher auch schon buchen, denn sonst hängt man noch mehr als einen halben Tag im Zielbereich herum bis man im Hotel in Oslo einchecken kann. Und da gibt es wenig zu tun. Die Schlafplätze die man mieten kann sind besser wie nichts, aber letztlich nicht so der Bringer. Eine viel zu kleine Decke, kein Kopfkissen und schnarchende Nachbarn…

Gesamtfazit
Anyway, einmal sollte man das Ding auf jeden Fall gefahren sein. Ein ganz eigener Typ von Rennen, kein normales Radrennen, aber auch kein typischer Marathon, irgendwie ein Mix. Mal ein ganz anderes Teilnehmerfeld wie beim Ötzi und ähnlichen Veranstaltungen.
Aufgrund der guten Truppe mit der ich unterwegs war hat es auch drumherum großen Spaß gemacht. Wenn es nicht soviel Zeit und Geld in Anspruch nehmen würde, würde ich auf jeden Fall nochmal fahren. Aber momentan ist mir der Aufwand zu groß, vor allem die lange An- und Abreise.

Für mich war es eine tolle Erfahrung zu erleben wie locker ich das Ding unter zwanzig Stunden fahren konnte. Allerdings muss man auch sehen, dass ein Radmarathon in den Alpen um ein vielfaches härter ist. Auch wenn hier die Distanz nur halb so lang ist, hat man halt doppelt so viele Höhenmeter. Ich fahre zwar am liebsten steilberghoch, aber rein physisch bin ich vom Radfahrertyp her wohl doch eher ein Rouleur, so dass mir der styrkeproven ganz gut lag.

Kommentare sind deaktiviert.