Fazit und Analyse Ötztaler Radmarathon 2010

Mit dem Abstand von fast zwei Wochen ist es Zeit für die Analyse und ein abschließendes Fazit.

1) Vorbereitung
Zunächst kann ich für mich festhalten, dass der „Trick“ sich ein so anspruchsvolles Ziel wie das Bewältigen des Ötzis zu setzen und dadurch innere Motivation zum Training zu ziehen funktioniert hat. Rückblickend zeigt sich, dass der Trainingsaufwand für einen Freizeitradler schon enorm war. Über 460 Stunden Ausdauertraining habe ich in 2010 bis heute absolviert, dazu noch schätzungsweise an die 200 Stunden Fitnessstudio. Das macht im Schnitt ca. 18 Trainingsstunden die Woche. Das kann ich im nachhinein kaum glauben.

Gestaltet habe ich das Training selbst, da mich keines der üblichen Trainingsangebote so hundertprozentig überzeugt hat. Auch wenn ich in 2010 nur eine einzige Leistungsdiagnostik gemacht habe, und die Trainingsbereiche zunächst von der letzten Saison übernommen habe, hat diese „Ungenauigkeit“ sicher nicht viel ausgemacht (wäre aber ein Ansatz für Optimierung). Es hat sich dann im Juli herausgestellt, dass ich meine Maximalleistung in Watt gegenüber letztem Jahr nach der GB-Tour nicht halten konnte. Trotzdem war ich am Berg deutlich schneller, da ich mich im Grundlagenbereich verbessert habe und nochmal ein paar Kilo abgenommen habe. Die maximale Leistung ist also für das Berge fahren nicht so entscheidend, eine gute Grundlagenausdauer aber sehr wohl.

Optimales Training hätte noch etwas anders ausgesehen, aber letztlich ist es normal, dass man als einfacher Freizeitsportler, der auch arbeiten muss beim Training Kompromisse eingehen muss. Auch Rückschläge in Form von Krankheit oder Stürzen gehören schlicht dazu. Ich denke, dass ich flexibel genug darauf reagieren konnte.

Allerdings gibt es natürlich einiges zu optimieren, falls ich nächstes Jahr so weiter trainieren will und kann. Auch das Trainingslager in Sölden hat letztlich was gebracht, nicht zuletzt den gesicherten Startplatz für den Ötzi… Ideal wäre es öfter mal so eine Woche einschieben zu können, vielleicht auch schon früh im Jahr irgendwo in warmen Gefilden. Eine Radreise wie die GB-Tour ist ebenfalls ein super Training, allerdings wäre es gut, wenn vor so einer Reise deutlich mehr Grundlagenkilometer absolviert sind wie 2009, dann wäre der Effekt umso besser.

Die Fokusierung auf das Event und die Konsequenz mit der es angegangen wurde kann ich nicht wirklich steigern. Es gibt Freunde, die mir schon jetzt „monomanisches Verhalten“ vorwerfen. Allerdings haben mich die Begründungen nicht überzeugt. Letztlich erinnert mich das an die Sprüche meiner Eltern als ich mal ein bisschen Spaß am Laufen (Jogging hieß das damals) gefunden hatte: „man muss ja nix übertreiben“ und „nimm doch den Hund mit wen du eh…“ usw.
Letztlich würde ich es nicht mal als monomanisch ansehen sich auf das RAAM vorzubereiten, das z.B. einen deutlich höheren Trainingsaufwand erfordern würde. Man tut einfach was einem Spaß macht. Warum sollte man es schlechter tun als man es tun kann. Das wäre völlig unlogisch.

2) Material und Nahrung
Der Umstieg auf das Roubaix hat sich wirklich gelohnt. Gerade weil ich viele Grundlagenkilometer auch mal auf dem Fahrradweg gefahren bin, habe ich massiv von dem besseren Komfort den ein entsprechend ausgelegter Carbonrahmen bietet profitiert. Das 2010er Roubaix ProRahmenset ist da wirklich spitze. Die erste Fahrt von der Edelweißspitze runter konnte ich kaum glauben wie gut das Ding funktioniert. Ich hätte noch mehr Gewicht sparen können, hätte dann aber noch mehr Geld ausgeben müssen…
Die R-SYS SL Laufräder sind für den Berg klasse, aber man merkt tatsächlich die schlechte Aerodynamik, also für die Abfahrten und somit auch für ein Rennen wie den Ötzi nicht optimal.
Auch der Rest war eher auf Komfort optimiert, Carbon hilft hier sehr, z.B. beim Lenker.

Am schwierigsten war es wohl ein vernünftiges Ritzelpaket zu finden. Da es SRM nur mit „zweifach“ gibt, gings vorne nicht kleiner wie 34. D.h. für jemanden wie mich, der an der Schwelle 240 Watt tritt ist mit den von Shimano angebotenen 28 (28-24-usw. zu wenig am Berg, schrecklich große Abstufungen im Flachen wer hat sich das ausgedacht?) nix zu holen. Zum Glück gab’s eine 10fach MTB Kassette von SRAM. Dass das im Radladen verwunderte Reaktionen ausgelöst hat, ist recht bezeichnend. Auch beim Ötzi sind einige mit 39/27 gefahren, was beim späteren Sieger Corradini ja Sinn macht, der Tritt aber locker um 400 Watt an der Schwelle, aber bei einem Freizeitfahrer, selbst wenn er deutlich stärker ist wie ich, zu elend niedrigen Trittfrequenzen führt, letztlich sind diese Leute fast immer langsam.
Mit der MTB-Kassetten Bastellösung (die Rolle vom Schaltwerk macht schon Geräusche…) hat es von der Übersetzung dann letztlich gut gepasst, so dass meine Trittfrequenz nie unter 60 gefallen ist. Und so konnte ich über einen Zeitraum von fast 10 Stunden einen Schnitt von 208 Watt = 2,68 Watt/kg an die Kurbel bringen bei einer durchschnittlichen Trittfrequenz von 83.

Das SRM System hat mir nicht nur bei der Auswertung hinterher geholfen, sondern auch während dem Rennen war die Wattzahl der einzige Parameter der mich wirklich interessiert hat, und genau gezeigt hat, wie der aktuelle Zustand ist, oder ob ich vielleicht etwas zurücknehmen sollte usw.

Bei der Nahrung war ich zu vorsichtig. 4 Gels statt 8 hätten es auch getan, die 1L Flaschen nur dreiviertel voll machen außer am Timmelsjoch, nur ein Isopulver, ansonsten hätte ich den Labstationen vertrauen sollen, das hätte richtig Gewicht gespart…

3) Das Rennen
Wie dem Bericht zum Rennen zu entnehmen hatte ich zunächst nicht das Gefühl zu überziehen, war aber am Jaufen doch recht langsam. Vor allem bei der Abfahrt vom Kühtai musste ich manchmal heftig kämpfen um an eine Gruppe ranzukommen, dabei habe ich auch die 500 Watt getreten, da hätte ich vielleicht auf eine Gruppe warten sollen, statt mich an eine ranzukämpfen. In der Abfahrt habe ich da wohl nicht aufgepasst, so dass ich dann auf einmal recht allein gefahren bin.
Am Brenner in den Gruppen hat man schon gemerkt, dass viele Freizeitfahrer dabei sind. Prinzipiell ist der Führende viel zu lange vorne geblieben, und wenn man dann selbst geführt hat, wollte man halt nicht gleich wieder abgeben, aber das kostet natürlich Kraft. Auch sind die Gruppen oft sehr groß was ebenfalls nicht optimal ist. Ich glaube im Nachhinein würde ich mich eher mal nur hintendran hängen, und wenn Führungsarbeit dann deutlich kürzer (macht allerdings auch riesig Spaß so einen Zug hinter sich her zu ziehen).

Am Jaufen hätte ich auf die Kilometer schauen sollen und fertig, durch die Enttäuschung nach jeder Kurve habe ich mich da selbst ein bisschen runter gezogen. Allerdings war das auch mein erster Marathon, und vor allem „Alpenmarathon“, d.h. mein Körper war vielleicht etwas „überrascht“ von der Belastung. Hier habe ich schon gemerkt, das das eine andere Dimension ist wie eine normale Tour.

Die Abfahrten, auch die vom Jaufen gingen problemlos, da zieht sich das Feld weit auseinander, bzw. ist eh schon zerstreut durch die Anstiege vorher, das war wie bei den normalen Touren.

Am Timmelsjoch ist das eingetreten, was ich mir wirklich erhofft hatte. Bei meinen Radtouren war es oft so, dass Nachmittags bei deutlich über 100 Kilometern der Motor erst so richtig angesprungen ist. Hier hat mir das immerhin geholfen dann wieder besser zu fahren wie am Jaufen. Letztlich bin ich das Timmelsjoch beim Ötzi praktisch in der gleichen Zeit gefahren wie letztes Jahr direkt nach dem Frühstück. Damals kam mir das locker vor, diesmal war es Kampf mit hundert Prozent Leistung und ich hatte das Gefühl ich fahre langsam. Aber letztlich habe ich gegenüber der Bestzeit von zwei Wochen vorher nur gut zwanzig Minuten verloren, da hatte ich mit deutlich mehr gerechnet.

Gerade am Timmelsjoch hatte ich eigentlich damit gerechnet, massive Schmerzen in den Füßen zu haben, wegen der schlechten Einlagen. Außerdem hatte ich viele Schauergeschichten von kotzenden Teilnehmern gehört, die die Mauern an den Serpentinen bevölkern würden. Auch vor Sitzproblemen hatte ich mich etwas gefürchtet.

Die Füße haben zwar schon weh getan, aber nicht so stark wie erwartet, und irgendwie konnte ich das ziemlich ausblenden. Der untere Rücken, der sich am Kühtai und der Abfahrt noch heftig gemeldet hatte, machte sich dann eigentlich erst am nächsten Tag wieder etwas bemerkbar, so dass ich bis auf die krampfigen Oberschenkel im Gegenanstieg recht entspannt und schmerzfrei angekommen bin.  Allerdings sind einige Finger eingeschlafen und das rechte Knie hat etwas „gekrummelt“.

Die Gesamtzeit von 9:52:36,3 finde ich noch immer sensationell. Ich habe natürlich dran geglaubt, dass ich finishen werde (nur ein kurzer Zweifel, als beim Radsportcamp auf die Frage „wer ist noch nie einen Radmarathon gefahren“ meine Hand als einzige nach oben ging und plötzlich betretenes Schweigen im Raum herrschte…), aber welche Zeit ich wohl fahren könnte konnte ich nur schwer abschätzen.

Es war aber wichtig sich die 10 Stundenmarke vorzunehmen, möglicherweise hätte ich sie sonst auch nicht geschafft. Dann hätte ich das Ding auf jeden Fall nochmal fahren müssen um das zu erreichen, so ist das gegessen.

Um die Zeit einzuordnen, Franz Venier ist als Quereinsteiger in den Radsport gekommen und wegen einer Wette den Ötztaler gefahren. In über 13 Stunden (ohne spezielle Radklamotten und in Wanderschuhen), ca. fünf Jahre später hat er das Race across America als 6. gefinisht.
Auch Dr. Michael Nehls, der als ehemaliger Ausdauerathlet ein Wiedereinsteiger war und sich schon im zweiten richtigen Trainingsjahr befand hat den Ötztaler in 2004 in 10:06:53 Stunden bewältigt und hat in 2008 das RAAM als 7. gefinisht.

4) Was kommt danach?

Wenn ich jetzt den Ötztaler in unter 10 Stunden gefahren bin, was bleiben mir noch für Ziele? Im Bereich Marathon ist das nicht zu toppen, da bleibt nur der Ultralangstreckenbereich, also 24 Stunden Rennen oder z.B. Trondheim – Oslo. Aber ich kann noch keinen Sinn oder Spaß daran entdecken unter Schlafentzug zu fahren. Auch wenn ich das bei den Wochenendtripps jetzt ein paar mal gemacht habe, ausgeschlafen macht es einfach mehr Spaß.

Auch macht es mir mehr Spaß morgens um sechs allein der Passhöhe entgegen zu fahren und das einfach nur als solches zu genießen, als für ein Rennen zu „trainieren“. Das Rennen selbst hat allerdings sehr viel Spaß gemacht, nur hat das fast nichts mit dem normalen Alpenradfahren zu tun. Allerdings war der Spaß eher drumherum. Vor allem die Unterstützung durch meine „Edelfans“ hat die ganze emotionale Tiefe, die bei so einem fantastischen Event zum Tragen kommt für mich persönlich sichtbar gemacht. Während dem Fahren selbst war es ab dem Jaufenpass sicher eher Quälerei denn Spaß.

Ich glaube also nicht, dass ich nächstes Jahr wieder beim Ötztaler starten werde. Selbst wenn meine geplante Radreise nicht zustande kommen würde. Die „unter zehn Stunden“ auf dem Finisher Button reicht mir um später damit im Altersheim anzugeben…

Nach dem erfolgreich beendeten Ötztaler kann ich auch meine Leistungen bei den Radreisen noch besser einschätzen. Schließlich bin ich ja genau aus diesem Grund zu meinem ersten Pass gekommen (und zu diesem Blog). Die GB-Tour ist schlicht das härteste und schönste was ich bis jetzt gemacht habe (auch wenn ich es leider nicht mit SRM Daten belegen kann). Die Skanditour habe ich mit so einer geringen speziellen Vorbereitung auf dem Fahrrad bestritten, dass ich da sicher nicht mal das Kühtai hochgekommen wäre, nach dem Rückweg durch Norwegen hätte es aber dann wenigstens für den Jaufenpass gereicht…

Ich frage mich natürlich jetzt, bin ich überhaupt noch Reiseradler oder schon Freizeitradsportler, bei dem Trainingsaufwand war ich dieses Jahr wohl eher letzteres. Letztlich ist aber die Bezeichnung ziemlich egal. Ich hoffe nur, dass ich nach diesem für mich großen Event und tollen Erlebnis, auf das ich das ganze Jahr hingearbeitet hatte nicht wie bei meiner ersten Radreise in ein großes Loch falle. Deshalb ist es vielleicht gefährlich sich kein neues Ziel zu setzen. Es kann ja durchaus bescheidener sein. Oder ist Trondheim-Oslo doch interessant… ?

Ein Kommentar

  1. Lieber Guido,
    es wird sich ja wohl für 2011 noch irgendwo ein Radmarathon auftreiben lassen… Deine „Edelfans“ werden dich selbstverständlich wieder unterstützen! Und apropos „monomanisches Verhalten“ : deine „Edelfans“ freuen sich auch über ein „Rad-freies-Wochenende“ mit dir ;o))