Glocknerkönig 2011 das Rennen

Dieses mal werde ich nicht mitten in der Nacht wach, sondern erst um fünf Uhr. Eigentlich perfekt zum Rennen. Da ich gestern noch erfahren habe, dass meine 2000er Startnummer auch tatsächlich für den Startblock zwei gilt, kann ich mich nochmal rumdrehen und etwas vor mich hin dösen, denn ich kann spät zum Start gehen.

Irgendwie fehlt mir etwas die Spannung vom letzten Jahr. Und gleichzeitig die Lockerheit. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber mir fehlt dieser Enthusiasmus vom ersten Mal. Dabei habe ich mich schon auf dieses Wochenende gefreut, und mich eigentlich im Rahmen der Umstände noch ganz ordentlich vorbereitet.

Ich versuche das konsequent weiter umzusetzen, und nach dem Frühstück versuche ich mich ein bischen zu pushen. Um zwanzig vor fahre ich mich noch etwas warm. Das fühlt sich nicht so gut an. Ich kriege die Maschine nicht so recht in Schwung. Fahre aber trotzdem so wie ich es mir vorgenommen habe und gehe dann so zehn vor sieben zum Start.

Ich hatte das zunächst als Vorteil gedeutet so spät zum Start gehen zu können, aber eigentlich geht es mir dann viel zu schnell. Letztes Jahr hier und auch beim Ötztaler habe ich die Wartezeit wirklich genossen. Man kann etwas mit den anderen quatschen, sich die ganzen Räder anschauen und es baut sich immer mehr Spannung auf.

Hier in Startblock zwei bin ich bis auf einen weiteren Fahrer der einzige mit unrasierten Beinen. Alle gucken ganz ernst und scheinen sich ordentlich was vorgenommen zu haben. Ich habe mir ja auch was vorgenommen, das war aber vielleicht ein bisschen vorlaut mit der ersten Startgruppe, bzw. der Qualizeit für die erste Startgruppe von 1:45 h.

Das Fahrrad habe ich abgespeckt wo es nur geht, d.h. kein Ersatzschlauch, keine Luftpumpe, kein Flickzeug, keine Triatasche am Oberlenker, nur ein Flaschenhalter, nur eine Flasche (aber 1 Liter). Damit komme ich inkl. Computer ziemlich genau auf 10kg. Viel zu schwer. Wie gut, dass das neue Fahrrad schon in Arbeit ist.

Auch bei den Klamotten wird gespart, keine Mütze für die Abfahrt, nur eine dünne Windjacke, keine langen Handschuhe, keine Beinlinge. Oben und bei der Abfahrt werde ich ganz schön frieren. Ist mir aber egal, ich will ja die 1:45 h angreifen.

Also nochmal irgendwie pushen, Spannung aufbauen, hoffentlich spielen die Hells Bells… Aber wie gesagt, die Zeit bis zum Start ist recht kurz. Mein Puls ist bei 108, letztes Jahr war er bei 78, kein gutes Vorzeichen. Aber dann kommt vom Sprecher groß angekündigt „Die Glocken von Bruck“ von AC/DC, und schon setzt sich das Feld in Bewegung. Die ersten Meter am Start mit Hells Bells sind einfach geil, und ich versuche so viel Kraft daraus zu ziehen wie möglich.

Und dann schießt das Feld auch schon los. Diesmal will ich gleich an den richtigen Gruppen dranbleiben. Das klappt anfangs mal und mal nicht, dann aber immer besser. Zwischendurch habe ich sogar das Gefühl zu wenig Watt zu treten, als ich mich in einer größeren Gruppe eingerichtet habe. Von der Geschwindigkeit, die bis 45 km/h reicht ist aber eigentlich alles im Lot um die angestrebte 0:34 h bis zur Mautstation zu erreichen.

An einem Fahrbahnteiler bricht die große Gruppe auf, und zwei vor mir sehen das Ding gerade noch rechtzeitig, beim zweiten Fahrbahnteiler scheint es aber hinter uns zu krachen, denn ich höre einen schreien, und hinter uns ist am Bärenwerk eine recht große Lücke. Hoffentlich hat er sich nix ernsthaftes getan. Beim Ötzi waren solche Stellen vorbildlich abgesichert, wäre hier vielleicht auch ganz clever, vor allem da es ja nur zwei Stück sind.

So komme ich aber ganz gut bis in die Steigung hinein. Auch wenn es sich nicht so spektakulär anfühlt wie letztes Jahr, komme ich ganz gut voran. Auch heuer bewege ich mich schon ganz gut durch das Feld, so dass ich immer Hinterräder habe die ich anvisieren kann.

Es ist genauso wie bei den bisherigen Rennen, die Landschaft nimmt man kaum wahr, nur das eigene Vorderrad und die anderen Fahrer liegen im Blickfeld. Dadurch vergeht die Zeit viel schneller. Noch immer fühle ich mich nicht so gut wie letztes Jahr, sehe aber auch ein, dass das heute nicht mehr der Fall sein wird. Immerhin habe ich das Gefühl, dass das Tempo stimmt, und die Beine zumindest ihren Job machen, sie müssen ja nicht tanzen und singen dabei.

Fotos mache ich keine, denn das bringt einen schon aus dem Rhythmus, und das will ich heute vermeiden. Als die Steigung abflacht erwarte ich zwar schon etwas zu früh die Mautstation, aber insgesamt passt es grob mit der Zeit. Der Computer sagt 0:34:21 h, also etwas über den anvisierten 34 Minuten, aber lieber hier unten nicht überzogen, auf dem folgenden Streckenabschnitt gibt es mehr als genug Gelegenheit die gesparten Körner einzusetzen.

Auch auf dem nächsten Teil geht es zunächst ganz gut. Mein Gefühl schwankt immer zwischen „eigentlich geht es ja ganz gut“, „irgendwie fehlt mir die mentale Energie vom letzen Mal“ „1:45 könnte gehen“ und „2:10 sind auch ok“.
Letzter Gedanke bekommt umso mehr die Überhand, je höher ich komme. Nicht weil die Beine schlapp machen, sondern weil ich das Gefühl habe, es wird knapp mit der Zeit. Die Kilometer rinnen aber nicht langsam dahin, ich achte nicht mal auf die Kilometersteine, und auch bei der kleinen Verpflegungsstelle Pifkar denke ich noch „schon da?“. (Ich nehme mir einen Tee, der aber nicht so gut ankommt. So schmeiße ich die hälfte Weg. In der Trinkflasche ist auch noch genug.) Allerdings erwarte ich die steile Steigung am unteren Nassfeld, und dass Fuscher Törl ist lange noch nicht zu sehen.

An der Mautstation hatte ich ein halbes Gel genommen. Da ich keine Triatasche dabei habe, steckt alles inkl. Handy und Verpflegung im Trikot. Zum Glück sind die Geltuben wiederverschließbar. Dumm nur, dass das mit dem wiederverschließen beim zweiten Gel, dass ich jetzt nehme nicht so klappt. Noch während der Fahrt merke ich wie die Soßé ausläuft und alles verklebt. Na super! Es lebe der Riegel. (Die Verpackungen einfach wegschmeißen finde ich assig)

Kurz bevor am unteren Nassfeld nochmal ein richtig steiles Stück kommt bläst uns heftiger Wind entgegen. Den braucht man am Berg nun mal überhaupt nicht. Allerdings schiebt der Wind an dem Steilstück von hinten. Passt ja perfekt.

In den folgenden Abschnitten muss man dafür aber wieder mit Gegenwind bezahlen. Ich merke, dass es mit der Zeit nicht reichen wird. Ich rechne mir keine Chance aus die 1:45 zu knacken, ich bin nicht mal sicher, dass ich die Vorjahreszeit bestätigen kann, bin mir aber sicher unter zwei Stunden zu fahren.

Eigentlich gehen die Beine noch ganz gut, und als die letzten zwei Serpentinen kommen versuche ich nochmal mehr zu geben. Trotz des nervigen Windes geht es sogar. Die letzte Kurve zur Zielgeraden, irgendwie fühlt es sich verdammt anstrengend an, aber es nutzt nix. Auf der Zielgeraden gebe ich wirklich nochmal Feurer, doch die Uhr zeigt 1:49:nochwas an, der Computer 1:48:nochwas, letzteres wird wohl stimmen. Aber ich habe mein Ziel nicht erreicht. Kein Glücksgefühl strömt durch meinen Körper. Die letzten Meter haben mich schon fertig gemacht, aber ich merke sofort, dass die 1:45 drin gewesen wäre, ich aber schlicht nicht so über mich hinauswachsen konnte wie letztes Jahr. Reine Kopfsache. Ich habe kaum Durst, allerdings bläst der Wind so kalt, dass ich den warmen, süßen Tee den man mir reicht gerne annehme.
Die Enttäuschung ist groß. Nicht, dass es knapp gewesen wäre, es ist schlicht das Gefühl, nicht genug gekämpft zu haben, ich hätte viel früher anziehen müssen, mich gegen den Körper durchsetzen sollen. Jetzt fühle ich mich nicht als hätte ich hundert Prozent gegeben, es fühlt sich eher an wie nach einem intensiven Training, nicht wie nach einem Rennen.

Zur Strafe würde ich am liebsten zehn mal die Edelweißspitze hochfahren. Stattdessen hole ich mir einen Kaiserschmarrn. Aber nicht mal der schmeckt mir heute, auch die herrliche Aussicht auf die lange Schlange von Radlern, die sich den Berg hochwindet kann ich nicht genießen. Abgesehen davon ist es bitter kalt durch den Wind und die Tatsache, dass ich sämtliche wärmenden Klamotten im Hotel gelassen habe. (Nächstes Jahr nehme ich den Kleidersacktransportservice in Anspruch…)

So fahre ich gleich wieder ab, und kann immerhin noch feststellen, dass die neuen Laufräder sehr steif sind und viel Sicherheit vermitteln. Viel schneller als 68 km/h fahre ich aber eh nicht, da ja noch viele Teilnehmer nach oben unterwegs sind, und man dementsprechend vorsichtig fahren muss.

Da meine Beine sich überhaupt nicht ausgelastet fühlen, fahre ich im flachen Teil ein Zeitfahren mit gut 350 Watt über weite Strecken. Hätte ich diese Körner mal im Anstieg verschossen…

Im Hotel angekommen, geht es erst mal ins Bett. Vorher versuche ich noch mein Handy vom Gel zu befreien, was zur Stilllegung desselben führt. Hoffentlich trocknet das Ding wieder, schließlich sind die einzigen Bilder die ich gemacht habe darauf.

Nach einem kleinen Regenerationsschlaf gibt es ein bisschen was zu essen und ich gebe den Transponder ab. Ein kurzer Blick auf die Ergebnisliste zeigt Rang 435 mit 1:48:34 h. Ich versuche mich darüber zu freuen , dass ich meine Zeit verbessert habe. Allerdings schockiert dann der erst Blick auf die Radcomputerdaten, der deutlich niedrigere Werte als letztes Jahr anzeigt. Allerdings hätte ich mich, wenn ich tatsächlich schwächer gefahren wäre wie letztes Jahr, bei deutlich mehr Teilnehmern nicht in der Position verbessern können, das ist statistisch völlig unwahrscheinlich. Auch das eine Kilo Fahrradgewicht kann nicht so große Auswirkung gehabt haben. Nach einer weiteren Analysem mit der SRM Software stellt sich allerdings heraus, dass der Garmin Schrott anzeigt oder der Powermeter nach der Kalibrierung andere Werte als vorher. Beides extrem unbefriedigend. Noch dazu hatte der SRM Aussetzer bei der Geschwindigkeitsmessung. Elend teuerer Schrott, das einzige was mir dazu einfällt.

Um mich etwas in Stimmung zu bringen und die unausgelasteten Beine zu vertreten fahre ich noch eine Runde um den Zeller See. Die spektakuläre, postkartenschöne Landschaft bringt mich wieder etwas besser drauf.

Aber Fazit bleibt, mit dem Kampfgeist wird Trondheim – Oslo zur Tortur…

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