Glocknerkoenig 2018

| Keine Kommentare

Von selbst werde ich nicht wach. Auch mein Unterbewusstsein ist also mit der Entscheidung nicht am Wettkampf teilzunehmen einverstanden. Allerdings muss ich trotzdem um kurz vor sechs Uhr morgens aufstehen, denn ich muss ja eine halbe Stunde vor Rennstart mit Katrin und Anne im Auto zum Fuscher Törl fahren um Marco dort in Empfang zu nehmen und mir die Topfahrer anzuschauen.

Das wollte ich sowieso schon immer mal machen: Mir anschauen es aussieht, wenn jemand unter 1:20 h im Ziel ankommt. Andererseits will ich ja heute sowieso nochmal in Ruhe hochfahren zum Hochtor. Also nachher mit dem Auto wieder runter, und mittags wieder mit dem Rad hoch. Hm, ich beschließe nicht mit dem Auto hochzufahren, sondern nach dem Start des Glocknerkönigs meinen Transponder abzugeben und dann gemütlich um neun Uhr oder so in meinem Tempo hochzukurbeln.

Ich hatte mein Fahrrad natürlich vorbereitet, denn gestern habe ich doch so 1% Wahrscheinlichkeit gesehen, dass ich starten könnte. Auch auf dieses eine Prozent wollte ich natürlich vorbereitet sein. Mein Fahrrad konnte ich inkl. Trinkflasche und Radcomputer nicht unter 8,9 kg abspecken. Die billigen Trainingslaufräder wiegen halt schon 2kg…

Beim Frühstück redet mir Marco nochmal subtil, vielleicht sogar unabsichtlich ins „Gewissen“. Aber ich esse kaum was und habe auch gestern nicht so gegessen, also ob ich heute starten würde. Außerdem bin ich gestern zum Hochtor gefahren statt mich auszuruhen, wäre also schon Quatsch zu starten.

Ich lege mich kurz wieder hin, Katrin und Anne müssen los, es ist fast halb sieben. Ich bin etwas unsicher und rede mir ein, dass es doch angenehm wäre, wenn ich die ersten 10 Kilometer bis in den Anstieg nach dem Bärenwerk vom Feld gezogen würde. Wenn ich doch sowieso mit dem Fahrrad hochfahre?!

Aber ich bin halt wirklich nicht auf einen Wettkampf aus und finde es albern unvorbereitet und ohne Motivation zum Kampf in einen Wettbewerb zu gehen. Die Startgruppe 1 und auch die 2 verliere ich sowieso. Das habe ich gestern gesehen. Mit dem Leistungsgewicht – keine Chance.

Um viertel vor muss ich mich entscheiden. Ich schnappe mir das Rad und trabe nach draußen. Ich bin noch gar nicht so richtig wach. Ich beschließe aber trotzdem mich in den Startblock zu stellen. Warmfahren ist nicht mehr, ein paar Meter rolle ich durchs Dorf, dann gehe ich in den Startblock 1. Also da wo all die ambitionierten, leichten und motivierten Fahrer stehen. Im Winter haben sie hart trainiert. Da bin ich etwas deplaziert. Ich finde keine emotionale Bindung zum Glocknerkönig, fühle mich fast etwas fremd. Was mache ich hier eigentlich?

Die Musik ist der übliche Kindermusikmix der jeden halbwegs normalen Verstand beleidigt und doch in jedem Kaufhaus, jedem Fitnessstudio, jeder Skihütte, jedem Restaurant dudelt. Das Aufpeitschen des Moderators funktioniert bei mir nicht. Zum Glück muss ich nicht mal zehn Minuten da stehen, dann geht es los.

Ich rolle etwas schwerfällig an, habe Probleme überhaupt ins Pedal zu kommen. Doch dann habe ich endlich Fahrt aufgenommen. Allerdings rasen einfach alle davon. Ich kann nicht mal die ersten fünfhundert Meter dranbleiben. Die Beine gehen gar nicht. Der Kopf ruft nicht zum Kampf.

Immer wieder überholen mich dutzende Fahrer, immer wieder fahren Gruppen an mir vorbei, ich kann an keiner einzigen dranbleiben. Dann finde ich einen Trekkingradfahrer, der fährt mit Riemenantrieb und einer Nuvinci Nabe. Er sitzt sehr aufrecht, tritt aber erstaunlich kräftig rein. Da kann ich mir etwas Windschatten holen und schaffe es auch mit Mühe dranzubleiben. In den ersten kleinen Steigungen wachen die Beine etwas auf, aber ich muss die meisten Fahrer weiterhin ziehen lassen.

Der Ziehharmonikaeffekt an manchen Stellen bringt mich wieder etwas dichter ins Feld, mittlerweile sind die Gruppen groß und verschmelzen teilweise zu einem Peloton in dem ich mitschwimmen kann.

Dann kommt aber auch schon das Bärenwerk und ich stelle fest, dass ich vergessen hatte den Radcomputer anzuschalten, Mist! Mitschwimmen ist jetzt auch vorbei, jetzt geht es steil berghoch. Und nun fahren alle einfach davon. Ich werde ununterbrochen überholt.

Ich spüre auch, das heute kein Wettkampfmodus mehr kommt. Ich kurbele was ich so kann, das drumherum berührt mich kaum, motiviert mich auch nicht. Ich versuche aber schon mich aufzuraffen, will aber auf keinen Fall zu schnell fahren, also nicht überziehen, sonst gehe ich im zweiten Teil um.

Da ich gestern die Strecke ja nochmal gefahren bin, rette ich mich mental immer gerade so zu den etwas flacheren Stellen und nehme mir auf den letzten 1500 Metern zur Mautstation ein Hinterrad um mich, viel zu langsam, zur Zwischenzeit schleppen zu lassen. Nach 37 Minuten fahre ich über die Zwischenzeitmessung und in den zweiten Teil.

Ein bisschen hatte ich noch gehofft, dass jetzt das Wettkampftier doch noch rauskommt. Aber wo immer es auch ist, nix passiert. Aber ich kann, so wie gestern, trotz geringer Leistung und viel zu niedriger Trittfrequenz, einigermaßen den ersten steilen Abschnitt hochkurbeln.

Allerdings habe ich auch vor der ersten Kehre schon Phasen in denen ich mich so schlecht fühle, dass ich sicher bin nicht oben anzukommen. Mein Ziel ist also heute keine Zeit, sondern überhaupt bis oben hinzukommen. Ein Rucksackfahrer mit Schutzblech und Turnschuhen überholt mich. Das ist schon etwas erniedrigend. Ich frage mich schon immer, was man für einen 28 Kilometertrip in so einen riesigen Rucksack alles reinpacken kann? Gerne würde ich ihn Fragen was er denn da alles drin hat, aber erstens wäre das wohl etwas unhöflich und zweitens ist er halt schneller als ich und fährt davon.

Noch vor der dritten Kehre überholen mich die ersten Mountainbiker. Hier im ersten Teil nach der Mautstation trete ich etwas weniger Leistung als gestern. Wenn oben dann die Leistung nochmal um 20 Watt absinkt wie gestern bekomme ich wirklich ein Problem. Aber momentan kurbele ich so vor mich hin und die Kilometer vergehen. Mittlerweile fühle ich mich nicht mehr ganz so schlecht.

Ich beneide etwas die teils sehr leicht aussehenden Frauen die mich gerade überholen. Die Zeit rinnt dahin, zwischendurch sinkt die Leistung mal etwas, dann geht es aber auch mal wieder besser. Ich kann nur die anderen Fahrer nicht „nutzen“. Ich hatte mir in der Vergangenheit immer Fahrer gesucht und versucht deren Geschwindigkeit zu halten, aber geht momentan gar nicht, ich fahre im Freizeitmodus mein eigenes Ding.

So komme ich aber doch bis zum Nassfeld. Nun bin ich schon überzeugt, dass ich bis oben hin komme. Zwischendurch hatte ich überschlagen was so für eine Zeit rauskommen könnte. Mit dem Vorteil der schnelleren Anfahrt zur Mautstation gegenüber gestern, rechne ich mit einer Zeit zwischen 2:10 und 2:15 h. Ich merke, dass ich sogar, wenn ich ab hier konstant 260, 270 Watt raushauen könnte, es noch unter der Zweistundenmarke packen könnte. Dann müsste ich aber jetzt in den Wettkampfmodus umschalten, mich richtig quälen. Geht aber nicht, ich fahre fast entspannt, die Beine geben einfach nicht genug her, den Schalter im Kopf finde ich nicht.

So habe ich ganz schön Mühe jetzt in diesem langen und steilen Abschnitt am Nassfeld. Andere aber auch. Ein Fahrer steigt am Ende der Geraden ab und schiebt. Ich versuche ihn etwas aufzumuntern „noch viertausend Meter“ und versuche seinen Kampfgeist mit aufmunternden Worten zu wecken, aber er schaut mich nur irritiert an.

Meine eigenen Worte helfen mir allerdings selbst etwas. So schaffe ich es in die lange Gerade an der Edelweißwand entlang. Ich trete sogar etwas mehr Leistung als gestern. Als es dann in die Schlussserpentinen geht merke ich aber, dass ich jetzt für meine gestrige Auffahrt zum Hochtor bezahle.

Auch wenn ich den Kampfmodus nicht mehr finde, so profitiere ich nun doch von den Fahrern um mich herum, die mir etwas Motivation geben. Ich suche mir das ein oder andere Hinterrad, und versuche dranzubleiben. Einen Endspurt kann ich aber nicht ansetzen. Im Gegenteil, die letzten siebenhundert Meter auf dem abgefrästen Belag der Baustelle dort oben gehen schwer, sehr schwer. Jetzt muss ich aus dem Freizeitmodus doch nochmal raus, nochmal beißen.

Dann ist es aber geschafft. Es waren auch nur die Beine die Kämpfen mussten/konnten. Ich bin sofort wieder fit, kein wildes Schnaufen, erschöpft über dem Lenker hängend, so wie die vielen Male zuvor. Die Zeit: knapp 2:04 h.

Es fühlt sich seltsam an. Ich bin ganz froh, dass ich oben angekommen bin, sehe aber auch, dass ein Wettkampf momentan überhaupt keinen Sinn macht. Andererseits hat es trotzdem Spaß gemacht hochzufahren. Und die Freud am Rennradfahren in den Alpen kommt auch wieder.

Durch die Zeit über zwei Stunden habe ich natürlich beide Startgruppen verloren, aber momentan bin ich nun mal nicht leistungsfähiger. Allerdings schlummert da noch etwas Potential, so dass ich hoffe dieses Jahr noch den ein oder anderen schönen Alpenpass zu fahren – und nächstes Jahr vielleicht sogar nochmal ein Rennen, dann aber im Wettkampfmodus. Beim Glocknerkönig zehn Schläge unter meinem Maximalpuls zu bleiben wird mir sicher nicht nochmal passieren…

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.