Grimsel- und Furkapass

Natürlich setze ich mich nicht ins Auto um irgendwo im Cafe dann Berge anzuschauen, sondern um kurz nach acht sitze ich auf dem Fahrrad. Etwas spät für mich, aber es gab kein frühes Frühstück (und dass, das es gab war so mager wie das Zimmer teuer ist…). Die Sommergrippe und der Stress stecken mir noch immer spürbar in den Knochen, das Wetter ist so mittel, zwar regnet es (noch) nicht, aber es ist bewölkt und in den Bergen ist das sowieso schwer vorhersagbar.

So mache ich mich etwas gedankenbeladen zunächst auf den Weg nach Innertkirchen. Es geht gleich nach dem Ortsschild ordentlich berghoch, und obwohl sich alles noch irgendwie „eingerostet“ anfühlt funktionieren die Beine einigermaßen. Ich trete so 350 Watt, was eigentlich zuviel ist, und so fahre ich an zwei weiteren Rennradlern, die zunächst so dreihundert Meter vor mir auftauchen, recht schnell vorbei, so dass die mir noch einen Spruch mitgeben…

Naja, dieser Hügel hier ist doch ganz gut zum aufwärmen, und ich weiß noch immer nicht welche Route ich letztlich fahren werde. Den Grimsel erstmal hoch ist klar, aber da ich mich noch nicht gut fühle, fahre ich ihn vielleicht direkt wieder auf derselben Seite runter und belasse es bei dann knapp 2000 Höhenmetern.

Die kleine Abfahrt hinunter nach Innertkirchen, vorbei am Eingang zur Aaresschlucht, gibt Gelegenheit die Beine nochmal auszulockern, und ein paar Fotos vom Tal zu machen. Das ist schon eine etwas andere Seite der Alpen im Vergleich zu den Facetten dieses mächtigen Gebirges, die ich bis jetzt kennengelernt habe.

Dann habe ich auch schon die Kreuzung erreicht, wo ich mich zwischen Susten und Grimselpass entscheiden kann. Ich bleibe bei meinem Vorhaben den Grimselpass zu fahren. Am Ortsausgang von Innertkirchen steht ein Baum und gegenüber ein sehr markanter Fels, diesen Punkt nehme ich als Ausgangspunkt für die Zeitmessung bis zur Passhöhe.

Ich bin schon gespannt, wie sich die schweizer Pässe zeigen, im Höhenprofil sehen die oft recht harmlos aus, da die Steigung 10% nie übersteigt, meist sogar eher im einstelligen Steigungsprozentebereich bleibt. Außerdem war Trondheim-Oslo so easy, da werden wohl auch die schweizer Passsträßchen locker gehen?!

Naja, der Unterschied zwischen dem flachen Windschattengeradel beim Styrkeproven und richtigem Berge fahren wird schon auf den ersten Kilometern deutlich. Wie gesagt so richtig gut fühle ich mich auch noch nicht, und so wächst der Respekt vor der Aufgabe. Immerhin ist der Grimsel von dieser Seite fast 28 Kilometer lang. Ich will erst mal nur oben ankommen, und dann schauen was ich weiter mache.

Ich versuche es nicht zu übertreiben und fahre so, dass die Watt Anzeige so um die 250 herum schwankt. Das SRM Powercontrol zeigt mittlerweile, nachdem ich die automatische Nullstellenberechnung noch zweimal eingestellt habe endlich auch realistische Werte an, die erfreulicherweise auch mit den am Garmin angezeigten übereinstimmen.

So nehme ich die erste von zwei sehr schönen Tunnelumfahrungen. Ein schöner Umweg am Felshang entlang, teils mit Kopfsteinpflaster und Felsdurchfahrten. Und irgendwie löst sich meine leicht missmutige Laune jetzt immer mehr auf. Anschließend überhole ich noch drei, vier Radler, um dann den Rest des Berges praktisch allein zu fahren. Wobei allein etwas beschönigend ist. Denn die Motorradfahrer sind hier schon früh unterwegs, und wie immer kommen die gerne in Horden. Da es doch einige Tunnel gibt, nervt das schon sehr. Denn darin ist es dann unfassbar laut. Überhaupt scheint es mir relativ viel Verkehr zu geben, auch Autos gibt es mehr als genug. Andererseits werden genau für die diese schönen Straßen gebaut, über die man dann mit dem Rennrad so gut fahren kann…

Die Steigung variiert zwischen gut 9% und recht flachen Passagen in den kleinen Ortschaften. Der Straßenbelang ist sehr gut und die Landschaft ist recht idyllisch.

Ich komme eigentlich ganz gut vorwärts, und nachdem ich anfangs das Gefühl habe, das die Landschaft zwar sehr schön ist, aber die Passstraße bis auf die Tunnelumfahrungen etwas „langweilig“ gebaut ist, ändert sich das mit jedem gewonnenen Höhenmeter.

Die Beine können sich in den flacheren Passagen prima erholen. An den 10% Stücken merke ich aber schon, dass ich außer dem Glockner Ende Mai und Anfang Juni noch keine richtigen Berge gefahren bin, selbst zu Hause habe ich kaum Höhenmeter gemacht. Denn mit Trondheim-Oslo habe ich überhaupt erst meine Grundlagenphase abgeschlossen.

Der Gedanke, dass ich Mitte August hier 7000 Höhenmeter fahren will, kommt mir ziemlich furchteinflößend vor. Ich überlege, ob das überhaupt Sinn macht. Ich mache mir etwas Sorgen um mein linkes Knie, dass sich bei Kilometer 500 kurz vor Oslo unangenehm bemerkbar gemacht hatte.  Bin auch gespannt, ob es heute schmerzen wird. Bis jetzt geht es, aber ich spüre schon, dass es sich etwas anders anfühlt als das rechte.

Anyway, jetzt genieße ich erst mal die Landschaft und die Anstrengung. Die Berge werden steiler und kahler. Der nackte dunkle Fels erhebt sich über die Baumgrenze. Kein Grün kann sich da halten, da die Felswände sehr steil sind. Sehr beeindruckend. Es gibt wie gesagt immer wieder recht flache Passagen, bis zur zweiten Tunnelumfahrung. Auch die ist spektakulär schön, mit Kopsteinpflaster auf einer schmalen Straße, die am Hang der hier sehr engen Schlucht entlang führt. Riesige Felsblöcke liegen da, und die Straßenbegrenzung besteht nur aus einer niedrigen Mauer oder einer kleinen Kante, so dass man die Landschaft intensiv wahrnehmen kann.

Die Straße geht jetzt recht konstant mit ca. 10% bergauf, und man kann bereits die erste Staustufe sehen. Der Blick zurück ist fantastisch. So langsam merke ich, wie ich den Stress der Woche und die Sommergrippe hinter mir lasse, das mangelnde Training in der Woche merke ich allerdings auch…

Aber die spektakuläre Landschaft entschädigt für alles. Über zwei Kehren gelangt man an den ersten Stausee, wo es dann zunächst wieder flach am See entlang geht. Allerdings weht mir hier oben heftiger kalter Wind entgegen, so dass ich mir die zwei Kehren wirklich erkämpfen muss. Auch unten gab es immer wieder Stellen mit Gegenwind. Aber hier oben wird er wirklich heftig.

Am See entlang geht es dann auf die nächste Staustufe zu. Auch hier windet sich die Straße wieder in Kehren nach oben. Hoffentlich ist danach so langsam die Passhöhe erreicht, denn zweistellige Steigungsprozente und ordentlich Gegenwind gehen schon an die Substanz. Ich bin mir eigentlich mittlerweile sicher, dass ich das mit dem Alpenbrevet lassen sollte.

Die Landschaft ist jetzt wirklich spektakulär, aber die Passhöhe ist noch nicht erreicht, denn auch über dieser Staustufe schlängeln sich weitere Kehren empor. Der Blick auf den Stausee, mit der Felseninsel und dem Hotel darauf ist allerdings einfach nur geil. Also das Ziel kann jetzt nicht mehr so weit sein, die paar Kehren schaffe ich auch noch.

Ich habe schon während der bisherigen Fahrt recht viele Fotos gemacht, was etwas umständlich ist, da meine Kamera ja in Norwegen zerstört wurde und ich mit dem Handy fotografieren muss, aber diese fantastischen Felsspitzen, der blanke Fels, der durch das etwas düstere Wetter umso beeindruckender wirkt, und diese etwas unwirkliche Stauseenlandschaft lassen mir keine andere Wahl. Auch wenn mich das immer etwas aus dem Kletterrhythmus bringt.

Die letzten Kehren sind wirklich anstrengend, der kalte Gegenwind heftig, aber dann ist tatsächlich die Passhöhe zu sehen, bzw. erst mal das Passschild, dass seltsamerweise unterhalb der Passhöhe steht. So fahre ich bis zum höchsten Punkt, stoppe die Zeit und fahre dann wieder ein Stück zurück. Leider ist da niemand der fotografieren könnte, und das Handy hat keinen Selbstauslöser, so dass auf dem Passschildfoto nur das Fahrrad drauf ist…

Ich freue mich auf einen Kaffee im Alpenrösli und versuche mich etwas aufzuwärmen. Hunger habe ich keinen, KH-Lösung hatte ich auch keine dabei und Riegel habe ich nur einen gegessen während des Aufstiegs. Auch geht die Erholung sehr schnell. So dass ich mich sehr gut fühle, obwohl es sich zwischendurch sehr anstrengend angefühlt hat.

Die nette Bedienung füllt mir meine Trinkflasche mit Leitungswasser, so dass ich mit 4 Franken für den Kaffee davonkomme. Ich hatte ganz vergessen wie sich das anfühlt mit der komplett durchgeschwitzten Kleidung wieder aufs Rad zu steigen, auch das war bei Trondheim-Oslo nicht so, aber hier am Berg verliert man schon den einen oder anderen Liter Schweiß beim Aufstieg.

Es geht zunächst ein paar hundert Meter flach am obersten See entlang, und ich bin mir noch nicht ganz im klaren wie ich weiter fahren will, beschließe aber auf jeden Fall die andere Seite des Grimselpass runterzufahren und wieder zurück, so dass ich insgesamt auf etwa 2500 Höhenmeter komme.

Als ich aber dann zur Abfahrt komme und in das Tal blicke, ist dieser Plan in der Sekunde obsolet. Die Aussicht ist spektakulär, der Traum eines jeden Pässeradlers. Man sieht die kompletten Kehren der Grimselpass Südseite, hinunter bis zum Ort Gletsch, und gleichzeitig sieht man die Westseite des Furkapasses bis fast ganz nach oben, inkl. Hotel Belvedere und Rhonegletscher. Atemberaubend! Da gibt es kein Überlegen. Ich mache gefühlt einhundert Fotos von dieser Szenerie und stürze mich dann in die Abfahrt. Autos überholen und in dieser spektakulären Landschaft fahren, gute Beine, Geschwindigkeit, Alpen, Serpentinen, ein Wort: geil!

Es ist kein Rausch, denn alles ist ganz bewußt, vor allem muss man ja in der Abfahrt eh sehr konzentriert fahren und bremsen, aber ein wunderbares Hochgefühl.

In Gletsch ist die Entscheidung links zum Furkapass abzubiegen natürlich keine mehr. Am Ortsausgang Gletsch, wo man auch die Schmalspurbahn mit Dampflokomotive besichtigen kann, setze ich die nächste Runde am Radcomputer und mache mich in den Aufstieg zum Furkapass.

Zunächst geht es nach einer Kehre sehr lange am Berghang entlang immer in eine Richtung. Die Steigung liegt moderat um 6%, manchmal sogar darunter. Dabei kann man praktisch immer auf den Rhonegletscher schauen, und vor allem auch auf die Serpentinen hoch zum berühmten Hotel Belvedere, ein markanter Aussichtspunkt direkt am Fuße des Rhonegletschers.

Kurz bevor die Straße dann in der ersten Kehre wendet ist es nochmal sehr flach, und hier begegnet mir die schnaufende Dampflok mit dem historischen Zug. Dann geht’s richtig in den Berg. Die Steigung in dem Kehrenabschnitt liegt schon meist so um 9%, geht aber auch hoch bis deutlich über 12% an kurzen Abschnitten.

So 500 Meter vor mir fährt ein anderer Rennradfahrer, dem ich mich im flachen Teil zunächst immer mehr genähert habe, jetzt im Serpentinenteil bleibt der Abstand ungefähr gleich. So habe ich einen guten Fixpunkt an dem ich mich orientieren kann. Natürlich versuche ich immer etwas näher zu kommen, was eine gute Ablenkung von der Anstrengung ist.

Während des Aufstiegs überlege ich, ob ich dann wieder umkehren soll, oder gar auf der anderen Seite wieder runterfahre bis Andermatt. Ersteres wäre rein vom Training her die sinvolle Variante, letzteres wäre befriedigender, da ich dann auch den Furkapass komplett kennenlernen würde.

Allerdings ist der Aufstieg schon anstrengend, und ich werde mich wohl erst auf der Passhöhe entscheiden. Vor allem aber genieße ich jetzt erst mal die spektakuläre Landschaft! Immer wieder bieten sich spektakuläre Blicke zurück nach Gletsch und auf die Südseite des Grimselpasses. Das Rhonetal gehört hier mit Sicherheit zu den beeindruckendsten Alpenlandschaften.

Nach einigen Kehren ist dann das berühmte Hotel Belvedere erreicht, welches man von den typischen Fotos des Furkapasses kennt. Aber ich fahre natürlich an dem Rummel vorbei weiter Richtung Passhöhe. Zunächst ist das auch noch sehr steil, aber die dann kehrenlose Straße flacht zur Passhöhe hin immer mehr ab.

So komme ich doch recht entspannt auf der recht unspektakulären Passhöhe an. Natürlich gibt es das obligatorische Passschildfoto. Motorradfahrer denen man die Kamera in die Hand drücken kann gibt es hier auf jeden Fall genug…

Auf der Passhöhe gibt es einen Kiosk, und da mein Kopf sagt ich sollte mal was essen, obwohl ich noch keinen Hunger habe, kaufe ich mir für 14 Franken ein Schnitzelbrötchen und was zu trinken um die Flaschen wieder aufzufüllen.

Das Wetter ist zwar zwischendurch in Richtung sonnig umgeschwenkt, aber es hängen auch dunkle Wolken über den Bergen. Trotzdem ist klar, dass ich runterfahre bis Andermatt um die Ostseite des Furka auch zu fahren. Bei den Preisen werde ich nicht oft in der Schweiz sein, und nicht so viel Gelegenheit haben die Pässe dort kennenzulernen. Auch die Tatsache, dass es Trainingsmethodisch sicher besser wäre nur den halben Furka zu fahren und es bei gut 2800 Höhenmetern zu belassen, hält nicht davon ab. Schließlich will ich nicht nur trainieren sondern auch Spaß haben.

Und so geht es dann hinunter in Richtung Andermatt. Auch diese Seite des Passes bietet wunderbare Alpenszenerie. Schon nach wenigen hundert Metern sieht man auf der Linken bizarre Felsformationen aufragen, und zur Rechten hat man eine spektakuläre Aussicht weit ins Tal hinunter. Die Abfahrt geht recht schnell und meist recht gerade, denn die Straße hat nicht sehr viele richtige Kurven oder Kehren.

Während es oben recht konstant steil zu sein scheint, wird es unten vor allem ab Realp sehr flach. Da ich gerade auf dem flachen Stück auch noch ordentlich Gegenwind habe, ist es nix mit Rollen, man muss schon ordentlich draufhalten um etwas Tempo zu halten.

Bei Hospental überlege ich ob ich hier wieder umkehren soll, da die Passauffahrt oft ab hier gerechnet wird. Auch geht es hier zum Gotthard Pass. Eine echte Verlockung. Aber mehr wie vier Passauffahrten sind heute nun wirklich nicht drin. So fahre ich weiter bis Andermatt, esse dort am Ortschild kurz einen Energieriegel und mache mich dann auf den Aufstieg zurück zur Furkapasshöhe. Zum Mittagessen habe ich noch keine Lust, das nehme ich mir fürs Hotel Belvedere vor. Schön am Fenster sitzen und ins Rhonetal schauen, ein motivierendes Ziel.

Nach dem ersten flachen Stück steigt die viel befahrene Straße bis Hospental schon etwas an. Dort kann man sich dann für Furka oder Gotthard entscheiden, ich biege nach rechts ab Richtung Furkapass. Dann kommt nochmal ein längerer recht flacher Teil, allerdings habe ich zunächst gar nicht den erwarteten Rückenwind, sondern Gegenwind. Murphys Gesetz halt. Aber dann kommt auch, kurz nach dem „kleinsten Dorf der Schweiz“ die Stelle mit der richtigen Windunterstützung.

Aber spätestens ab Realp ist dann Schluss mit lustig. Denn jetzt steigt die Straße ziemlich konstant mit neun bis zehn Prozent. Und dazu gibt es ab und zu auch noch etwas Gegenwind. Nach ein paar Kehren führt die Straße kilometerweit recht gerade am Hang entlang.

Jetzt spüre ich doch die Höhenmeter die mir schon in den Knochen stecken, und vor allem spüre ich mein linkes Knie. Genau der gleiche Schmerz wie kurz bei Trondheim-Oslo und auch von meiner ersten Radtour in Skandinavien 2007 kenne ich den schon. Ich benutze die gleich Methode wie in Norwegen und halte erst mal drauf. Ich wechsle sowieso immer wieder in den Wiegetritt, so dass die Belastung nicht immer die gleiche ist, aber mit der Trittfrequenz kann ich nicht arbeiten. Zum Schalten habe ich kaum Luft. Ein Gang bleibt mir, den ich niedriger fahren kann, aber durch den Schmerz kann ich nicht soviel Kraft aufbringen, so dass die Trittfrequenz um 75 liegt, obwohl ich mit meiner Bergübersetzung von 34-32 fahre.

Zwischendurch wird es immer wieder besser, und ich versuche hineinzufühlen ins Knie, ob das jetzt böser Schmerz ist, bei dem man aufhören muss oder dieser typische Schmerz, der sich durch Belastung selbst beseitigt. So ganz kann ich es nicht erspüren, aber ich hoffe einfach, dass letzteres der Fall ist.

So bin ich durchaus beschäftigt, aber nicht genug um den Anstieg nicht als recht anstrengend zu empfinden. Die Steigung bleibt konstant, und auch wenn es keine giftigen hochprozentigen Rampen gibt, so gibt es doch keine Entlastung und man muss eben konstant Leistung aufs Pedal bringen. Vor allem gibt es kaum Kehren, die man runterzählen könnte.

Auf der Abfahrt hatte ich vor Realp ein paar sehr abgekämpfte Tourenradler gesehen, und war gespannt wo ich die beim Aufstieg wieder einhole. Bei Tiefenbach ist es dann soweit. Kleine Motivationshilfe…

Mein nächstes Teilziel ist das Hotel Furkablick. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Passhöhe, und vor allem lässt die Steigung etwas nach. Aber bis dorthin zieht es sich noch ganz ordentlich. Auch der recht kühle Gegenwind macht sich an manchen Stellen recht deutlich bemerkbar. Ablenkung bietet aber immer wieder der Blick zurück ins Tal, oder auf die schöne Berglandschaft.

Die Straße zieht und zieht sich, und mein Knie meckert, aber ich halte drauf, wird schon. Und dann ist das Gebäude endlich nah. Davor stehe ich noch fast im Stau, weil ein Bus nicht an einem SUV vorbeikommt, und der einen Moment braucht das zu verstehen und zurückzufahren um Platz zu machen.

Doch dann geht es weiter, und vor allem wird es jetzt deutlich flacher. Und so ist die Passhöhe dann doch in annehmbarer Zeit erreicht. Anderthalb Stunden von Andermatt aus, ist eigentlich ok.

Wieder findet sich ein Motorradfahrer fürs Passschildfoto, und dann geht es gleich weiter in die Abfahrt. Zunächst mache ich noch ein paar Bilder vom Blick ins Rhonetal, um dann bis zum Belvedere ein bisschen die Abfahrt zu genießen.

Am Hotel Belvedere ist richtig Tourirummel. Zunächst schaue ich mir erst mal den Rhonegletscher an. Leider ist es mit den Rennradschuhen nicht gut möglich bis zum Gletscher zu laufen, also lasse ich dass. Aber auch so hat man einen guten Blick auf den Gletscher und ins Rhonetal.

Natürlich wird man hier durch einen Souvenirschop geleitet, aber Restaurant gibt es keines. Das eigentliche Hotel und Restaurant Belvedere hat nämlich geschlossen. Stadtdessen gibt es einen Snack-Shop. Das ist ja schade. Aber warum sollte man sich auch die Mühe machen Essen zu kochen, wenn man doch ein belegtes Brot für 8 Franken verkaufen kann…

Das befüllen meiner Radflaschen kostet mich über 20 Franken!! Ich überlege kurz ob es eine andere Möglichkeit gibt, aber in den Bergen macht man keine Späße und Wasser muss immer dabei sein, da zahle ich lieber den Wucherpreis. Aber man fühlt sich schon richtig abgezockt. Das letzte mal, dass ich soviel für Wasser bezahlt habe war am Nordkap.

Auch wenn mich diese Abzocke beschäftigt, so verdirbt mir das in keinster Weise den Spaß und Genuß an der spektakulären Landschaft oder die Freude auf die jetzt noch folgende Abfahrt nach Gletsch. Allerdings habe ich etwas Respekt vor dem Aufstieg zurück über die ja von hier sichtbaren Serpentinen des Grimselpasses.

Egal, nach zwei Broten, zwei Kaffee und knapp 50 Euro Spesen stürze ich mich in die Abfahrt. Zu der, für die Abfahrten obligatorischen Regenjacke und Helmmütze als Windschutz ziehe ich auch noch die Knielinge an. Das Wetter sieht mittlerweile wieder sehr düster aus. Auf der Auffahrt von Andermatt schien es noch als könnte ich Glück haben, und die dunklen Wolken hätten sich den Gotthardpass zum abregnen ausgesucht, aber jetzt sieht es doch sehr nach Regen aus, und der kalte Wind kommt noch hinzu.

Die Abfahrt macht richtig Spaß. Gerne hätte ich mein neues SL3 dabei, aber weil das SRM zum Kalibrieren eingeschickt ist bin ich mit dem „alten“ Fahrrad unterwegs. So bleibt es bei gut 70 km/h als Höchstgeschwindigkeit. Das hängt natürlich auch mit der Strecke zusammen, an der langen Geraden sind so seltsame Hügel im Asphalt, die man kaum sieht und die mir bei der Auffahrt auch nicht aufgefallen sind. Man muss regelrecht aufpassen, dass man nicht ausgehebelt wird.

Ich lasse es aber eh eigentlich eher locker angehen, höre etwas in mein Knie hinein, das aber momentan bei der geringen Belastung Ruhe gibt.

Am Ortseingang in Gletsch geht es zunächst über die Schienen der Schmalspurbahn, und dann nach wenigen hundert Metern kommt der Abzweig zum Grimselpass. Gleich geht es steil berghoch.

Schon nach der ersten Kehre sehe ich zwei Rennradler mit sehr schönen Rennrädern vor mir, die beiden sind aber recht langsam, so dass ich einfach vorbei fahre. Auch in dieser Auffahrt muss ich ständig fotografieren, was den Kletterrhythmus immer etwas stört, denn während der Fahrt das Handy aus der Triaoberrohrtasche nesteln, Tastensperre raus, Fotofunktion einschalten, und dann noch ohne zu wackeln auslösen lenkt doch etwas ab. Mit der Zeit automatisiert sich der Vorgang aber. Und ich finde den Blick in Richtung Furka und Rhonegletscher einfach zu gut, als dass ich ihn nicht auch auf Fotos festhalten will.

Die Steigung ist recht konstant um 9 bis 10%, so dass es recht anstrengend ist, aber andererseits geht es auch ganz gut. Vor allem hat sich mein Knie selbst repariert und schmerzt jetzt überhaupt nicht mehr. Auch hatte ich irgendwie überhaupt kein Gefühl dafür wie schwer diese Seite des Grimselpasses denn nun sein könnte. So fürchte ich Anfangs, dass es sehr schwer werden könnte, bin dann aber überrascht, wie schnell man sich da hochschraubt, und wie kurz dieser Anstieg eigentlich ist. Nach einer halben Stunde ist es vorbei, und ich war glaube ich nicht sehr schnell unterwegs, denn immerhin steckten schon über 3000 Höhenmeter in den Beinen.

So komme ich sehr zufrieden und mit dem guten Gefühl, dass ich heute beide Seiten von Furka und Grimsel erklommen und kennengelernt habe oben an. Das Passschild steht auch hier deutlich vor der Passhöhe, aber es gibt noch ein zweites, das ganz oben steht, und da stoppe ich die Zeit und mache auch das Passschildfoto.

Ich überlege kurz hier noch einen Kaffee zu trinken, aber eigentlich habe ich erstens keine Lust auf die Wucherpreise und eine Pause brauche ich auch nicht, und zweitens macht das Wetter einen recht instabilen Eindruck, es sieht eigentlich ständig aus, als ob jederzeit ein Unwetter losbrechen könnte. Deshalb ziehe ich nur wieder die Abfahrtsklamotten an und mache mich auf den Weg zurück nach Meiringen.

Im oberen Teil der Abfahrt, der über den Passhöhensee und über die zwei Staustufen führt, bleibe ich mehrmals stehen um zu fotografieren. Gerade jetzt wo die Wolken so düster hier entlang ziehen ist die Szenerie wirklich spektakulär. Diese Insel im oberen Stausee, die man über den Weg auf der Staumauer erreichen kann, mit dem Hotel / Restaurant sieht unwirklich aus.

Auch die Serpentinen im oberen Teil sehen einfach klasse aus. Dann stecke ich das Handy aber zunächst weg, denn ich will ja auch die Abfahrt etwas genießen. Unterhalb der Stauseenlandschaft ist die Straße naß, offensichtlich hat es, während ich den Furka erkundet habe hier ordentlich geregnet. Das nenne ich mal Wetterglück, denn immer dort wo ich gefahren bin war es trocken!

Die nasse Straße bremst mich oben etwas ein, aber nachdem ich die obere, sehr schöne Tunnelumfahrung hinter mir habe wird die Straße wieder trockener, bzw. schließlich wieder komplett trocken. So kann man ganz gut draufhalten.

Durch mein Getrödel in den schönen oberen Abschnitten der Abfahrt und dem Fotografieren, merke ich irgendwann, dass die zwei langsamen Radfahrer vom Aufstieg auf der anderen Seite hinter mir sind. Und dann setzten die doch zum Überholen an! Offensichtlich fahren die lieber bergab wie bergauf. Aber so einfach lasse ich mich auch nicht überholen. Der Konter folgt prompt und jetzt wo ich etwas Motivation habe geißele ich den Berg runter, was schon tierisch Spaß macht. Zwar alles noch im Rahmen, denn die Höchstgeschwindigkeit bleibt bei 76 km/h, aber das Knie ist ja wieder ok, und so kann ich auch an den flacheren Passagen im Wiegetritt richtig Gas geben.

Erst als es wieder flach wird und wir Innertkirchen fast erreicht haben lasse ich die beiden vorbei, und habe so doch tatsächlich ein Hinterrad an dem ich gemütlich im Windschatten den flachen Streckenabschnitt bis zu dem „Minipass“ nach Meiringen fahren kann. Als es berghoch geht trennen sich unsere Wege wieder und ich rolle dann entspannt noch die letzten Kilometer hinunter zum Hotel.

Während ich morgens noch etwas missmutig und abgelenkt gestartet bin, komme ich jetzt zufrieden und ausgeglichen wieder zurück. Das gute Gefühl, dass einem die Bewältigung von 3800 Höhenmetern bzw. vier Passauffahrten geben kann, kann man nur schwer beschreiben. Aussicht kann man  kaufen, mit einer Busfahrt zum Hotel Belvedere z.B., aber dieses befriedigende Gefühl muss man sich in den Monaten vorher erarbeiten, und dann am Berg erkämpfen. Wahrscheinlich fühlt sich das deshalb so gut an.

Ob ich allerdings morgen dann tatsächlich den Susten auch noch fahren werde entscheide ich erst morgen früh. Denn 3800 Höhenmeter heute und morgen dann auch nochmal gut 3000, das ist schon heftig. Fast die Distanz des Alpenbrevet wenn auch an zwei Tagen.

Die Vorstellung übrigens, dass ich beim Alpenbrevet jetzt nur gut die Hälfte geschafft hätte ist schon krass. Vielleicht sollte ich mir das wirklich nochmal überlegen. Andererseits habe ich diese 3800 Höhenmeter trotz nicht optimaler Vorbedingungen viel besser weggesteckt wie meine bisherigen Wochenenden mit ähnlichen Zahlen. Offensichtlich hat sich die Erholungsfähigkeit nochmal deutlich verbessert.

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