Großglockner Hochalpenstraße 2010 die Vierte

Montag 07.06.2010

Gestern hatte ich mir vorgenommen bei schönem Wetter heute übers Hochtor zur Kaiser Franz Josefs Höhe zu fahren, um mir wenigstens den Großglockner nochmal anzuschauen, denn den sieht man ja auf den Auffahrten von Bruck aus gar nicht.

Normalerweise ist es wohl durchaus sinnvoll nach einem Wettkampf zu regenerieren und höchstens eine kleine Einheit im Rekom Bereich zu fahren, aber ich dachte mir, wenn ich schon mal hier bin, dann mache ich ein Minitrainingslager draus.

Da ich aus dem Hotel auschecken muss, kommt der ganze Kram ins Auto und in Fahrradklamotten geht’s erst zum ausführlichen Frühstück und dann auf’s Rad. Das Wetter ist allerdings nicht so toll, auch wenn’s nicht regnet. Aber vor allem merke ich, dass ich irgendwie recht „leer“ bin. Ich habe nicht die geringste Motivation für Berge. Und ohne Motivation zum Glockner ist Quälerei.

Ich überlege kurz einfach eine kleine Rekom Runde um den Zeller See zu fahren, denke mir aber dann „flach geht auch zu Hause“. Also fahre ich Richtung Glockner und beschließe vielleicht nur bis zum Bärenwerk, wo es steil wird, zu fahren, oder höchstens bis zur Mautstation.

Es ist Montag morgen, und so bin ich zunächst der einzige Radfahrer. Ein krasser Gegensatz zu gestern. Ich lasse es recht gemütlich angehen, und kann dafür heute die herrliche Landschaft um so mehr genießen, die ich gestern ja überhaupt nicht wahrgenommen habe. Als es in den Berg geht, fühlt es sich zunächst eigentlich noch ganz in Ordnung an.

Bei ungefähr gleichen Gängen ist allerdings die Trittfrequenz so 5 bis 10 Umdrehungen niedriger, und ich schwitze viel stärker wie gestern, obwohl es kühler ist heute und ich weniger „Watt“ trete.

Bis zur Mautstation bin ich noch unentschlossen ob ich weiter fahren soll, oder mich auf den Rückweg mache, noch immer fehlt mir so die rechte Einstellung zum Berg. Allerdings macht mir das Fahren hier in den Alpen einfach aufgrund der spektakulären Landschaft spaß, und vor allem merke ich, dass dieses schöne Gefühl in den Alpen zu fahren, dass ich letztes Jahr so genossen habe zurückkommt. Vor zwei Wochen hatte mir das noch gefehlt, und gestern kam das natürlich nicht zum Tragen. Außerdem steht an der Mautstation ein Truck der gerade beladen wird und die Jungs werfen mir aufmunternde Blicke zu, da kann ich natürlich nicht in dem Moment umdrehen, also fahre ich weiter.

Allerdings bin ich tatsächlich leer. Die Beine bringen nur so 70%, der Kopf vielleicht 40%. So mache ich zwei, drei Kilometer hinter der Mautstation eine kleine Pause. Bei einem Energiegel überlege ich kurz zurückzufahren, ist aber auch blöd, so beschließe ich bis zum Gasthaus Piffkar zu fahren, das liegt so grob in der Mitte des zweiten Teils der Strecke, und dort könnte ich schön ein zweites Frühstück nehmen und gemütlich wieder zurück fahren.

Als ich dort ankomme merke ich allerdings, dass ich gar keinen Hunger habe, und das Wetter lädt auch nicht zum draußen sitzen ein. Ich bin sowieso völlig schweißdurchtränkt. Also fahre ich auch hier erst mal weiter, und irgendwann verliere ich mich etwas in Gedanken, so dass ich den Berg gar nicht mehr so merke, obwohl ich die relativ niedrige Trittfrequenz noch wahrnehme.

Irgenwo so bei Kilometer 22 oder so sehe ich einen Reiseradler an der Seite an einem Aussichtspunkt stehen. Wir grüßen uns, und er ruft mir irgendwas zu. Da ich ihn nicht verstehe, fahre ich ein paar Kreise um ihn, und frage wo er herkommt usw. Es stellt sich schnell heraus, dass es sich lohnt hier anzuhalten, und so mache ich noch eine kleine Pause. Dieter fährt seit über dreißig Jahren Radreisen, auch in Südamerika und sonst auf der Welt, außerdem kommt er gerade von Magdalena Neuner, die allerdings Stress hatte, weil sie mit der Waschmaschine den Keller unter Wasser gesetzt hatte. (hä?) Ja und am Stilfser Joch ist er sieben Meter abgestürzt und hat sich quasi alle Knochen gebrochen (Trümmerbrüche versteht sich), er ist Post Pensionär, aber irgendwie auch Kunstmaler, daher hat er auch den Zungenkrebs. (da waren noch zwei Krankheiten, die habe ich aber vergessen, ach ja im Koma lag er auch schon). All diese Information erzählt er quasi in einem einzigen Satz.

Er hat ein Radio am Lenker, habe ich bei Reiseradlern schön öfter gesehen, finde ich aber für mich völlig absurd in der geilsten Landschaft überhaupt zu fahren, und dann das dumme Geschwätz eines Radiomoderators zu hören. Anyway, ich weiß nicht so recht was ich von ihm halten soll, dann zeigt er mir aber sein „Roadbook“. An fast jedem Schild macht er ein Foto von seinem Fahrrad, und trägt ein wo er gefahren ist, und lässt sich z.B. an der Mautstation oder bei Sehenswürdigkeiten und Gasthäusern Stempel in sein Büchlein machen. Und da ist vor drei Tagen auch fein säuberlich das Autogramm von Magdalena Neuner…

Jedenfalls eine nette Begegnung, wir machen noch Fotos, da wir niemand haben der uns beide fotografiert, fotografiert eben jeder den anderen. Ich empfehle ihm noch die Germknödel von der Edelweißspitze und mache mich weiter berghoch.

Durch diese kleine Pause haben sich die Beine recht gut erholt, und jetzt bin ich eh soweit oben, dass ich natürlich auch durchziehe. Bergfahren ist im übrigen keine Tätigkeit sondern ein Zustand. Und besonders schön ist es wenn man merkt, wie die Tätigkeit in den Zustand übergeht. Dann kommt trotz Anstrengung, so ein positives, zufriedenes Gefühl auf.

Auffällig ist die extrem niedrige Herzfrequenz, was entweder auf eine weitere positive Anpassung hindeutet, oder auch Ausdruck von Erschöpfung sein kann. Jedenfalls kann ich davon ausgehen, dass ich gestern doch Richtung Grenzbereich gekommen bin. So soll es in einem Wettkampf ja auch sein.

Auf den letzten zwei Kilometern vollziehe ich in Gedanken das gestrige Finale nach, und kann recht gut vergleichen. Das Fuscher Törl ist tatsächlich 400 Meter hinter dem 27km Stein, deshalb habe ich mich gestern mit dem Zielsprint so verschätzt. Heute ist natürlich an Sprint nicht zu denken, aber schließlich komme ich oben an. Es gibt ein Bestägigungsfoto (macht man wohl als Reiseradler so), und dann mache ich mich wieder auf den Rückweg. Zum Hochtor zu fahren habe ich überhaupt keine Lust, und ob die Kraft reicht weiß ich nicht so genau, deshalb ist das überhaupt kein Thema.

Ich ziehe meine gestern neu gekaufte Windjacke an und klemme die Brille an den Lenker, da die völlig nass ist, und ich mir am Bikerspoint eine Serviette zum Trocknen holen will. Dummer Fehler! Auf den 400 Metern Abfahrt Richtung Bikerspoint kriege ich dann doch Lust noch zur Edelweißspitze hoch zu fahren. Schließlich schreit mein Fahrrad förmlich nach Kopfsteinpflaster.

Vor mir quälen sich zwei 60er Jahre Vespas aus Holland die Strecke hoch, nur wenig schneller wie ich. Passiv rauchen am Vespaauspuff ist bestimmt schlimmer als Reval ohne Filter. Stinkt erbärmlich, auch wenn es witzig aussieht.

Als ich oben bin merke ich, dass ich durch das Kopsteinpflastergerüttel die Brille verloren habe. Hm, erst mal Germknödel und Milchkaffee! Das Ding sollte damals 179,- Euro kosten, ich habe 99,- bezahlt und getaugt hat es trotzdem nicht so recht. Also was soll’s. Der Germknödel ist lecker wie immer. Aber jetzt brauche ich natürlich was für die Abfahrt, denn bei 50 oder 60km/h eine Fliege im Auge, das hatte ich schon mal am Umbrail Pass, und das war nix.

In dem kleinen Shop beim Gasthaus auf der Edelweißspitze gibt es leider keine Sonnenbrillen. Aber der Wirt meint er würde mir eine von seinen leihen, ich solle sie dann unten an der Mautstation wieder abgeben. Die Österreicher sind echt nett! Genauso machen wir’s dann auch, und er meint noch sowas wie „auf der Abfahrt willst du ja auch Spass haben und es krachen lassen“, jedenfalls habe ich mir seine schwer verständlichen Worte aus dem Österreichischen so übersetzt.

Die Abfahrt macht dann auch tierisch Spaß. Ich gewöhne mich mehr und mehr an das neue Fahrrad, und gewinne mehr vertrauen ins Material. Die Bremsen sind wirklich sensationell gut. Im Flachen merkt man faktisch keinen Unterschied zwischen einer Ultegra und einer Dura Ace Bremse, aber hier wo man lange Abfahrten im zweistelligen Prozentbereich fährt ist der Unterschied eklatant.

Irgendwann, ich habe gerade so knapp 60km/h drauf, steht plötzlich ein Radfahrer quer auf der Fahrbahn und weiß nicht ob er vor oder zurück soll, und ruft dabei „Entschuldigung, Entschuldigung“, was mir jetzt allerdings wenig nützt… Die Frage ist bewegt er sich nach vorne und ich muss links vorbei, oder bewegt er sich nach hinten und ich muss rechts vorbei. Die Chancen stehen 50/50. Es geht irgendwie gut. Und siehe da, dass war doch der Dieter, der Reiseradler von vorhin. Ich grüße ihn nochmal, und schnappe mir dann noch ein Auto und einen Motorradfahrer. Das Abfahren macht also auch wieder richtig Spaß, so hat sich dieses Wochenende für meine Bergqualitäten, vor allem Hinblick auf das große Ziel Ötztaler Radmarathon doch sehr gelohnt. Interessant ist allerdings, dass es schwer fällt auf Grund der schlechten Aerodynamik meines Rades und vor allem der Laufräder hohe Geschwindigkeiten zu erzielen. Das ging mit dem alten Rad leichter.

An der Mautstation gebe ich wie vereinbart die Sonnenbrille vom Edelweißspitzenwirt ab, und lasse es dann etwas lockerer angehen. Am Schluss ist es nur noch ein lockeres Ausrollen Richtung Bruck. Dabei lasse ich das sensationelle Wochenende und den dann doch sehr schönen heutigen Tag nochmal Revue passieren.

Als Fazit kann man sagen, dass der Glocknerkönig die gewünschte Funktion als Trainingsmotivation und Testwettkampf voll erfüllt hat. So ungefähr dürfte das Niveau vom Vorjahr wieder erreicht sein, darauf kann ich jetzt für den Ötzi aufbauen. Vor allem gibt mir das Ergebnis auch Hoffnung, dass ich im August doch irgendwie durchkommen werde.

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