Jaufenpass

Freitag 30.07.2010

Auch diesmal bin ich wieder in der Nacht gefahren und habe immerhin 2 Stunden schlafähnlichen Zustand quer überm Fahrersitz gehabt (warum gibt es diese tollen durchgehenden Sitzbänke vorne eigentlichen nur bei alten Amischlitten?).

Um kurz vor sieben ist das Ziel St. Leonhard erreicht. Ein früher Checkin ist diesmal leider nicht möglich, aber ich kann mich im Hotel kurz etwas frisch machen und umziehen. So sitze ich um viertel nach sieben auf dem Fahrrad und kann endlich den Jaufenpass in Angriff nehmen.

Letztes Jahr wurde dazu leider die Zeit zu knapp. Das Wetter ist ausgesprochen gut. Zwar ist es etwas bewölkt, aber die Sonne scheint sogar, und momentan ist es trocken. Da ich bei der Anreise schon mit dem Auto über den Pass musste, weiß ich auch, dass es oben auf der Passhöhe zwar frisch und windig ist, aber alles im erträglichen Rahmen.

Der Pass gilt nur als mittelschwer und zwar von beiden Seiten. Aber die jetzt folgende Steigung ist immerhin fast zwanzig Kilometer lang und es gilt so ca. 1350 Höhenmeter zu überwinden. Durch das „Durchmachen“ ist eine gewisse „Vorermüdung“ da, was ein durchaus willkommener Zustand ist, denn der Rückweg, also der Aufstieg von der anderen Seite ist ja eine Teilstrecke des Oetztaler Radmarathons, und dann bekomme ich vielleicht einen Eindruck wie sich die Strecke anfühlt, wenn man schon ein bisschen schlapp ist.

Allerdings bin ich erst mal gar nicht schlapp. Die Nacht gut weggesteckt, von der herrlichen Landschaft und dem herrlichen Wetter inspiriert und motiviert geht es recht gut bergauf. Bis auf wenige kleine Stellen wird es nie so richtig heftig steil. Außerdem ist es ein fantastisches Gefühl in trockenen Klamotten zu fahren…

Der Jaufenpass bietet wirklich atemberaubend schöne Ausblicke. Auch wenn die Passstraße nicht ganz so steil ist, gewinnt man doch schnell an Höhe, und schon der erste Aussichtspunkt ist eine Sensation. Das liegt auch daran, dass St. Leonhard auf dem Schnittpunkt von drei Alpentälern liegt, die von oben betrachtet ein Y ergeben (genau genommen sind es nur zwei Täler, denn die Passer fließt bei St. Leonhard fast rechwinklig um die Ecke). Und so bieten sich nach vorne tolle Ausblicke in Richtung Passhöhe und dem Wannser Tal, und zur Seite bzw. leicht nach hinten Ausblicke in die Arme des Passeiertals. Spektakulär!

Je höher man kommt, desto spektakulärer werden die Ausblicke zur Seite. Die Länge der Steigung macht sich schon bemerkbar, aber ich versuche auch in den flacheren Passagen nie die Beine hängen zu lassen, sondern immer tapfer hochzuschalten und immer deutlich über 250 Watt zu treten. Da ich aufgrund der fehlenden Biestigkeit in Form von Steigungsprozenten mit ordentlich hohen Trittfrequenzen fahren kann (so immer zwischen 80 und 90) ist das auch gut machbar.

Und so vergehen die Kilometer und Höhenmeter recht schnell, und es ist auch schon der Punkt erreicht, an dem man aus dem bewaldeten Teil herauskommt und auf die Serpentinen blicken kann, die zur Passhöhe führen. Jetzt sind es noch so ca. 5 Kilometer. Die Ausblicke Richtung St. Leonhard und zur Seite hinab sind einfach fantastisch.

Ich versuche nicht nachzugeben und die Leistung hoch zu halten. Der heftige, kühle Gegenwind vermindert die Geschwindigkeit etwas, aber als ich dann oben ankomme stehen 1:37 h auf dem Fahrradcomputer. Die Zeit ist also völlig in Ordnung. Es gibt nur kurz ein Foto am Passschild, und dann geht’s auch gleich in die Abfahrt hinunter nach Sterzing.

 

Die Straße ist zwar nicht perfekt, aber es lässt sich prima fahren. Da ich es eher locker angehen lasse, steht auf dem Tacho meist was zwischen 50 und 60 km/h, die Straße ist meist nicht steil genug um hier große Geschwindigkeiten zu erreichen. Das heißt natürlich im Umkehrschluss, dass es berghoch nachher auch nicht so steil ist, also sehe ich das eher positiv. Da das Wetter trocken geblieben ist, und auch die Klamotten trocken sind ist die Abfahrt ein Genuss. Die Temperatur auf der Passhöhe lag bei knapp 6° C, aber desto tiefer man kommt, desto wärmer wird es natürlich und dann ist auch irgendwann der Wind nicht mehr so kalt.

In Sterzing mache ich Frühstückspause. Der Ort hat einen ganz schönen Stadtkern mit einigen historischen Gebäuden, und vor allem mit Cafes zum draußen sitzen. Herrlich. Außerdem könnte man von hier über das Penser Joch fahren, und dann von Bozen wieder zurück nach St. Leonhard, also eine schöne Runde fahren. Ich will aber natürlich die andere Seite des Jaufenpasses fahren, im Hinblick auf den Ötzi.

Nach einer halben Stunde geht es also wieder zurück den Jaufenpass hinauf, diesmal von Sterzing. Diese Strecke ist nur gut 17 Kilometer lang und hat ca. 250 Höhenmeter weniger. Sie erweist sich wie in den einschlägigen Quellen beschrieben als nur mittelschwer. Vor allem hat das Frühstück wohl extrem gut getan, denn es macht wirklich Spaß, und ich kann gut Druck machen.

Das Profil dieser Seite liegt mir sehr gut, wenige sehr steile Passagen, so dass man immer noch Luft zum Schalten hat und die Trittfrequenz hoch halten kann. Die Kehren kann man innen im Wiegetritt nehmen, und dass ab und zu andere Radler unterwegs sind die man überholen kann bietet zusätzlich Motivation.

Einige wenige Schnappschüsse ins Tal, sonst konzentriere ich mich darauf in den flacheren Passagen auf das Wattmeter zu schauen, und tapfer hochzuschalten, um keine Leistung und damit Zeit zu verschenken.

Obwohl es eigentlich saugut geht, merke ich, dass zwar die Beine gehen wie die Hölle, aber mein „cardiovaskuläres System“ die durchgefahrene Nacht nicht einfach so weggesteckt hat. Ich erreiche sogar, genau wie letztes Wochenende am Freitag meinen Fahrrad-Maximalpuls. Natürlich fahre ich recht flott, aber es liegt gefühlsmäßig eben nicht nur daran.

Dann kann man endlich die Passhöhe das erste mal sehen. Jetzt fährt man über die Baumgrenze hinaus, und es kommen noch einige Serpentinen und auch ein paar etwas steilere Stücke, die teils mit ordentlichem Gegenwind garniert werden.

Aber auch das ist natürlich noch zu machen, und kurz vor der Passhöhe werde ich sogar noch professionell fotografiert. Wie sich herausstellt ist die Fotografin die Begleitung einer geführten Reisegruppe, (was kann man an so einem Pass eigentlich führen, ist doch ganz einfach: immer steilberghoch…). Ich gebe ihr meine Emailadresse, vielleicht gibt es ja endlich mal ein Bild in Action für das Blog!

Auf der Passhöhe gönne ich mir noch einen Milchcafe, und merke das mein Puls schon etwas zu lange braucht um runter zu kommen. Nicht viel, aber mittlerweile bin ich doch ziemlich sensibilisiert was die Reaktionen meines Pulses auf Be- und Entlastung betrifft. Ich beschließe, dass dies die letzte Übernachtaktion ohne richtigen Schlaf für dieses Jahr war.

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe geht es in die Abfahrt, und ich versuche herauszufinden ob es irgendwelche Stellen gibt, auf die man für den Ötzi besonders achten muss. Der Straßenbelag ist zwar an manchen Stellen schon schlecht, aber trotzdem immer gut zu fahren. Wenn man in der Gruppe seine Fahrlinie nicht frei wählen kann, muss man aber schon sehr aufmerksam fahren. Außerdem wehte im oberen Teil ein sehr heftiger, böiger Wind, der schon mal, je nach Geschwindigkeit, das Fahrrad heftig verreißt. Auch das kann in der Gruppe natürlich gefährlich werden.

Sonst ist die Strecke aber klasse zu fahren, und macht tierisch Spaß. Ich genieße einfach die Abfahrt und mache gar keine Fotos. Erst als mich ziemlich unten ein paar Autos aufhalten, gerade als es an diesem schönen neuen Aussichtspunkt vorbeigeht, halte ich für eine Weile an und genieße den Blick über das Tal. Einfach fantastisch!

Dann geht es runter, zurück nach St. Leonhard. Seltsamerweise hätte ich tierisch Lust noch das Timmelsjoch dran zu hängen. Die Beine melden volle Energie, aber das machen sie in der Abfahrt natürlich gerne, wenn dann das erste Stück mit 13% Steigung kommt, ist das schnell wieder vorbei. Außerdem will ich mich heute bestimmt nicht überlasten, denn für morgen habe ich mir das Timmelsjoch von beiden Seiten vorgenommen.

Also heißt es relaxen, essen (als Nachtisch auf jeden Fall Kaiserschmarrn), und früh ins Bett, um etwas Schlaf nachzuholen.

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