Kühtai

Freitag 23.07.10

Voller ungeduld blicke ich den Bergen entgegen. Endlich Alpen! Der Schwarzwald war kein wirklicher Ersatz. Allerdings habe ich vor den mich erwartenden Anstiegen Timmelsjoch und Kühtai erheblichen Respekt.

Um dem unsäglichen Stau zu entgehen fahre ich in der Nacht los. Hinlegen macht eh keinen Sinn, also durchmachen und statt ins Bett geht’s dann um halb eins ins Auto. Die Wetterprognose für das Wochenende ist schlecht. Auch fühlt es sich völlig anders an wie die ersten Fahrten letztes Jahr, als naive Freude auf das Fahren in der fantastischen Umgebung der Alpen das dominierende Gefühl war. Jetzt geht mir eher im Kopf rum, dass ich mich für den Ötztaler Radmarathon fit kriegen muss/will, und die Anstiege werden zu Trainingseinheiten.

Das liegt auch daran, dass ich letztes Jahr durch die Quälerei auf der GB-Tour top in Form war, und recht locker die Berge hochgefahren bin. Für dieses Jahr muss ich mir das erst wieder erarbeiten. Was aber schwer ist, wenn man nicht in der Nähe der Alpen wohnt.

Anyway, nachdem ich wegen dem starken Regen und unzähligen Baustellen auch noch eine Abfahrt verpasse, und so hundert Kilometer zusätzlich fahre, komme ich schließlich um halb zehn in Sölden an. Da ist normalerweise der erste Pass schon bezwungen.

Da ich glücklicherweise sogar schon einchecken kann, geht’s gleich auf’s Fahrrad. Plan ist das Tal zurück bis Oetz zu fahren, über den Kühtai, auf der anderen Seite runter bis Kematen und zurück. Schon ein ordentliches Programm für anderthalb Stunden Schlaf quer überm Fahrersitz auf dem Raststättenparkplatz. Aber hat am Stilfserjoch letztes Jahr ja auch geklappt.

Mit dem Auto hat sich die Strecke von Oetz bis Sölden schon eine gefühlte Ewigkeit gezogen, immerhin 30 Kilometer. Jetzt die umgekehrte Strecke mit dem Fahrrad macht aber mehr Spass. Und vor allen Dingen entfaltet das Fahren in diesem herrlichen Alpental sofort seine Wirkung. Ich war wirklich schlecht gelaunt, aber das ist jetzt sofort weg.

Die Strecke ist auch der erste Teil des Ötzi, und ich bin überrascht wie lange sie ist, und vor allem, dass man nicht einfach berg runter rollt, sondern dass man doch ordentlich treten muss, vor allem weil es auch ordentlich Gegenwind gibt.


 Das Wetter geht eigentlich bis jetzt. Auf Grund der Wetterprognose und meinen Erfahrungen auf den Passhöhen, fahre ich in langen Hosen und Handschuhen. Allerdings brennt jetzt erst mal die Sonne und ich bin viel zu warm angezogen. So fühlt es sich schnell an, als ob ich durch einen Regenschauer gefahren wäre, allerdings ist das „Schönheit die von innen kommt.“

Endlich ist dann Oetz erreicht, und gleich im ersten Kreisel geht es in Richtung Kühtai. Und auch gleich richtig berghoch. Der Kühtai Pass wird gerne mal als mittelschwerer Pass verniedlicht. Bei Steigungen bis 17% gibt es nix Mittelschweres, es sei denn das Ding wäre so kurz wie der Schlussanstieg am Feldberg.

Anfangs bin ich regelrecht dankbar, dass ich endlich richtig steilberghoch fahren kann. Es fängt leicht an zu regnen, aber Regenjacke lohnt noch nicht. Nach dem ersten recht steilen Stück wird es erst mal wieder flacher. Und das wiederholt sich im Prinzip bis obenhin so. Immer wieder werden sehr steile Stücke mit kurzen flacheren oder gar flachen Passagen „belohnt“. Es gibt Leute die sagen so ein Berg ist „unrhythmisch“ zu fahren. Ich bin ehrlich gesagt recht dankbar für die Chancen zur Erholung.

Allerdings wird es irgendwann wirklich nervig. Denn immer wenn man denkt man hätte es so langsam geschafft, kommt das nächste brutale Steilstück. Natürlich kann man auf den Kilometerzähler schauen, aber irgendwie kommt mir das Ding vor wie der längste Pass den ich je gefahren bin. Vielleicht muss ich auch dem mangelnden Schlaf etwas Tribut zollen, jedenfalls wird es nach der Hälfte nochmal richtig Anstrengend. Es kommen mehrere 16-17% Abschnitte, von respektabler länge, und an manchen Stellen geht es nur im Wiegetritt einigermaßen voran.

Als ich denke ich bin endlich oben, stellt sich raus, das war nur die Staumauer, und es kommt nochmal ein ordentliches steiles Stück. Als ich dann schließlich das Ortsschild Kühtai sehe, ist die Freude schon wieder verfrüht, denn bis oben hin gibt es nochmal ein Steilstück zu überwinden. Aber wie gesagt, irgendwann hört jede Steigung auf.

Oben angekommen muss ich leider feststellen, dass es kein Passschild oder sowas gibt, dafür aber ein Einkaufszentrum…
So mache ich das Foto vor einer Kuh die dort aufgebaut ist. Ich denke das ist ein respektabler Ersatz für das Gipfelfoto auf dem Kühtaisattel!

Ich beschließe meinen Plan zu ändern und nicht in Kematen meine Mittagspause zu machen, sondern hier oben, und den Kühtai nur von einer Seite zu befahren. Ich werden dann so auf ca. 100 Kilometer kommen und 1500 Höhenmeter. Aber mit anderthalb Stunden Schlaf, macht es keinen Sinn, und das wäre dann auch kein Training mehr, und der morgige Tag würde dann sicher auch leiden.

Wie auch immer, nach Gulasch mit Semmelknödel geht es in die Abfahrt zurück nach Ötz. Dumm nur, dass es in dem Moment in dem ich losfahre, richtig zu schütten anfängt. Kurz versuche ich mich unterzustellen, aber erstens wird es wohl den ganzen Nachmittag regnen, zweitens sind Gewitter angesagt und drittens meint der Wanderer der sich auch untergestellt hat „fahr doch mit dem Bus“. Hä?? Bus? Sehe ich aus als wäre ich gestürzt?
Nee, nee also voll in die Abfahrt gestürzt, allerdings ist die wirklich krass. Mit Brille sehe ich gar nix, ohne Brille sehe ich überhaupt nichts. Ein Platzregen folgt dem anderen, die Augen tun höllisch weh, und ich kann nicht mal recht sehen, wo die Kurven anfangen, weil mir das Wasser so ins Gesicht peitscht.

Die Klamotten sind nach einer Minute komplett durchnässt, inklusive Schuhen und Handschuhen. Die Bremse vorne mag irgendwie auch keinen Regen. Obwohl frisch eingestellt ist die Bremswirkung nur mittelgut. So gurke ich im Verhältnis zum Gefälle recht langsam die Abfahrt runter, trotzdem wird’s natürlich ordentlich kalt in den komplett nassen Klamotten. Zum Glück habe ich die Mütze aufgezogen und nicht den Helm, so habe ich wenigstens einen einigermaßen warmen Kopf.

Unterstellen macht keinen Sinn, man wird nur kalt, trocken wird man davon ja nicht. Außerdem hat das versprochene Gewitter angefangen, scheint aber noch etwas weg zu sein. Durch das langsame Tempo zieht sich die Abfahrt natürlich jetzt. Hoffentlich ist nicht so ein Wetter beim Ötzi, denn obwohl ich Fritz Walter Wetter mag, das hier ist eher so die irische Kategorie, mit böigem Wind und so. Richtig scheiße zu fahren.

Aber genauso wie Anstiege irgendwann enden, tun’s auch die Abfahrten. Der Durchschnitt lag bei knapp 29 km/h. Schade, diese Strecke gibt abwärts eigentlich einiges her, der Belag ist gut, es gibt sehr hochprozentige Gefälle und gleich anschließend meist ein Flachstück. Unten in Oetz ist es gleich etwas wärmer und es hat sich locker eingeregnet. Es regnet zwar stark, aber diese heftigen Platzregen haben endlich aufgehört.

Jetzt geht es ca. 30 Kilometer meist bergauf zurück nach Sölden. Die Steigung ist gut machbar und es fühlt sich an wie ein Zeitfahren. Die Strecke hat allerdings elend viel Verkehr, und vor allem steht das Wasser an vielen Stellen. Aber fast alle Auto- und LKW-Fahrer sind sehr aufmerksam und versuchen ordentlich Abstand zu halten, so dass ich nicht bei jeder Vorbeifahrt komplett eingesaut werde.

Die Strecke zieht sich, aber ich fühle mich wieder recht gut. Obwohl alles nass ist, ist durch die Anstrengung (so immer um die 200 Watt) auch gleichzeitig alles warm. Und manchmal hält der Regen sogar etwas inne. Nach zwanzig Kilometern stelle ich mir allerdings schon vor endlich unter der Dusche zu stehen. Aber wie gesagt die Strecke lässt sich gut fahren, und so gehen auch die restlichen zehn noch vorbei.

Heiße Dusche, Garmin Daten laden (die SRM Daten haben den Regen leider nicht überstanden.), dann ab ins Dorf: Milchcafe (coffeinfrei) und Kaiserschmarrn!

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