Oberalp und Lukmanier

Der Regenerationszustand am frühen morgen scheint nicht so gut zu sein. Der Ruhepuls liegt 5 Schläge höher wie gestern, und die Sauerstoffsättigung liegt das erste mal seit ich den Pulsoxymeter benutze unter 95 nämlich bei 93.

Die nicht so berauschenden gemessenen Werte spiegeln auch gut das subjektive Gefühl wieder. Eigentlich hatte ich für den heutigen Tag einen Ruhetag mit etwas GA1/Rekom geplant, um dann morgen nochmal einen intensiven Tag zu machen und am Donnerstag das ganze mit einer Cappuccinorunde ausklingen zu lassen. Aber leider muss ich morgen schon wieder zurückfahren, so dass ich die beiden 4000er direkt hintereinander fahre.

Der Vorteil ist, dass ich so ein bisschen die Belastung simuliere die beim Alpenbrevet auf mich zukommt. Zwar sind die 7000 Höhenmeter dort nicht auf zwei Tage verteilt, aber mit der Vorermüdung durch die Tage in Freiburg summiert sich die Belastung doch schon erheblich.

Was ich mir theoretisch so schön ausdenke fühlt sich praktisch erst mal nur mittelgut an. So gehe ich spät zum Frühstück und sitze dementsprechend spät auf dem Fahrrad. Der Oberalppass beginnt direkt an meinem Hotel. So dass ich erst noch ein paar hundert Meter in die falsche Richtung fahre um mich wenigstens etwas einzufahren.

Dann geht es aber in den Berg, und da die Steigung erst mal moderat um 7% liegt, fühle ich mich gleich wohl und die Beine funktionieren gut. Relativ schnell schraubt man sich über Andermatt nach oben und hat mit jeder Serpentine einen schöneren Ausblick über den Ort und das Tal. Man kann sogar die ersten Kehren des Furkapasses von hier sehen.

Die breit ausgebaute Straße, die Wiesen und die sich ebenfalls nach oben schlängelnde Eisenbahn geben dem Oberalppass auf dieser Seite einen idyllischen Ausdruck. Unterstützt wird das Ganze durch etwas Sonnenschein. Allerdings ist es nicht sehr warm, und in Anbetracht der Tatsache, dass ich am weitesten Punkt in Biasca zwei Passüberquerungen vom Hotel weg bin, war es vielleicht etwas gewagt so ganz auf Sommerkleidung zu setzen, denn schließlich sind das hier die Alpen und nicht der Vogelsberg.

Anyway, die halbwegs moderate Steigung kommt mir gerade recht, ein paar Tourenradler überhole ich, die ziemlich kämpfen, die scheinen das mit dem moderat aber anders zu sehen. Nach einem kleinen Tunnel, an dem erneut die Eisenbahn die Strecke kreuzt geht es ein ganzes Stück mit 9% berghoch. Ich merke nichts von den Höhenmetern die schon in den Beinen stecken und komme gut vorwärts. Da der Anstieg bis zur Passhöhe auch recht kurz ist beschließe ich diesen Anstieg und den ersten zum Lukmanier als eine Strecke zu begreifen und dementsprechend zu fahren.

Nachdem weitere Serpentinen bzw. Kurven gefahren sind, verläuft die Straße recht gerade am Hang entlang. Ich hatte was gelesen von „führt hinüber zur Passhöhe“, deshalb stelle ich mir nach dieser Passage noch einen kurzen aber heftigen serpentinenreichen Anstieg zur Passhöhe vor. Vor allem, da die Straße jetzt immer mehr abflacht und nur noch um 5% Steigung aufweist erscheint mir das logisch.

An einem kleinen See folgt dann eine etwas längere Lawinengallerie. Dahinter kann man den Berg mit den Serpentinen sehen. Obwohl es nicht sehr hoch ist, ist es hier oben doch recht kühl. Vor allem durch die Gallerie pfeift ein ordentlich kalter Wind.

Als ich aus der Gallerie rauskomme muss ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass dahinter schon gleich die Passhöhe liegt, denn die Straße führt um den Berg mit den Serpentinen herum. So ist nach 45 Minuten schon alles vorbei. Ich hatte nicht mal an meiner Trinkflasche genippt. Na ist mir auch recht, so war das eine gute Strecke zum aufwärmen.

Ich mache mein Passschildfoto, werfe noch einen kurzen Blick auf den hier oben seltsam deplaziert wirkenden Leuchtturm, der das Museum zur Rheinquelle ziert, und fahre dann gleich weiter in die ersten Serpentinen der Abfahrt hinunter nach Disentis.

Anfangs gibt es einige Serpentinen in kurzen Abständen, was mir für den späteren Aufstieg sehr sympathisch ist. Einige wenige Fotostopps mache ich noch.

Die Abfahrt ist nicht sehr schnell. Oben sind die eben beschriebenen kurz aufeinander folgenden Serpentinen, in den geraderen Abschnitten ist es dann nicht mehr so steil. Auch das lässt natürlich auf einen nicht ganz so anstrengenden Aufstieg später hoffen.

Diese Seite des Oberalppasses sieht landschaftlich ganz anders aus, viele Bäume und ein etwas freundlicheres Erscheinungsbild der umgebenden Berge gibt dem Ganzen etwas sanftes. Die Dörfer mit den Holzhäusern tragen zum idyllischen Erscheinungsbild bei.

In Disentis angekommen, ziehe ich nur eben die Abfahrtsklamotten aus, um dann direkt in den Lukmanierpass zu fahren. Das Wetter sieht jetzt doch recht durchwachsen aus, aber immer wieder scheint auch die Sonne.

Der Passaufstieg beginnt verwirrenderweise mit einer kleinen Abfahrt, die in einer Baustelle endet, so dass ich bevor ich auch nur einen Höhenmeter gemacht habe erst mal an der roten Ampel stehe. Anhalten während einer Passauffahrt kann ich überhaupt nicht leiden. Die paar hundert Meter Natur- und Buckelpiste stecke ich aber auch noch weg, und dann geht es endlich richtig in den Berg.

Zunächst ist die das Tal mehr eine enge Schlucht, und immer wieder führt die Straße durch kleine Tunnels oder Gallerien. Die Steigung ist schon recht ordentlich, so dass mir schnell wieder warm wird. Aber die Beine funktionieren auch hier sehr gut, und nach dem ersten steileren Stück kommt dann wieder ein etwas flacherer Teil. Mit ein, zwei weiten Serpentinen geht es in ein kleines Dorf, und so geht es eine weile, dass sich steilere und moderater Stücke abwechseln, wobei die Steigungsprozente so zwischen 7 und 9% schwanken.

Nachdem das letzte Dorf durchquert ist, führt die Straße praktisch gerade nach oben. Wie nicht anders zu erwarten bläst hier heftiger kalter Wind entgegen. So wird das ganze doch auch durchaus anstrengend.

Weit vor mir sehe ich einen schwarzen Punkt, den ich als Radfahrer identifiziere. Ich hoffe mich ranzufahren um dann vielleicht zusammen etwas gegen den Wind zu arbeiten. Aber ich komme viel zu schnell heran, und ahne bereits, dass es ein Mountainbiker ist.

So dient er mir zwar als Motivationshilfe und Zielpunkt, aber leider nicht als Windschattenspender. Egal, ich fühle mich noch gut, und die letzten Kilometer gehen auch noch. Auch wenn es psychologisch immer etwas anstrengender ist eine lange gerade berghoch zu fahren, so ist der physiologische Unterschied doch gering. Denn auch Serpentinen bieten nicht immer guten Schutz vor dem Wind. Das habe ich auf jeden Fall dieses Jahr in den Schweizer Bergen gelernt.

Als dann die lange Gallerie erreicht ist, ist mir doch recht kalt, obwohl ich mich den Berg hochkämpfe. Denn der Wind pfeift kalt, und mit ca. 6°C ist es hier nicht wärmer wie auf dem 2478 m hohen Nufenen gestern.

Der höchste Punkt des Passes ist mitten in der Gallerie, so dass ich die Zeit erst hinter der Gallerie am Hospiz stoppe. Dort mache ich auch das Foto. Da es kalt ist, und die Passhöhe nicht besonders attraktiv ist, fahre ich gleich weiter in die Abfahrt. Das Wetter sieht etwas bedrohlich aus, und die Abfahrt ist mit 43 Kilometern bis Biasca sehr lang, so dass ich bei einem Wetterumschwung sicher echte Probleme bekommen würde, aber man muss sich ja auch keine unnützen Gedanken machen, zur Not müsste ich halt ein Monatsgehalt in eine Taxifahrt über den Furka zurück nach Andermatt investieren…

Die ersten paar Kilometer geht die Abfahrt eigentlich recht sanft und mit ganz gutem Straßenbelag hinunter. Dann wird es etwas steiler und der Belag wird schlecht. Heftige Querfugen in der Betonpiste, kleine Schlaglöcher und Frostrisse machen die Fahrt hinunter auf Grund der Geschwindigkeit zur Tortur für Material und Fahrer. Immer wieder bekommt man kleine spitze und heftige Stöße. Nach einer Weile gewöhne ich mich aber daran, und nehme von der Geschwindigkeit her keine Rücksicht darauf. Wie gesagt das Fahrrad ist nur Material und muss das eben aushalten.

Das Gefälle ist nie richtig steil, was für den langen Anstieg zurück ja ganz positiv ist. Für die Abfahrt ist mir das aber zu lasch. So richtig auf Highspeed kommt man hier nicht, selbst für ein mittleres Abfahrtstempo muss man noch ordentlich mitarbeiten. Vor allem nachdem man den oberen Serpentinenteil verlässt und dann in ein anderes Tal „abbiegt“, wird die Straße flacher, oft nur 5 bis 6%.

Oben hatte ich ein paar Fotostopps gemacht, denn fotografieren während der Fahrt war auf Grund des holprigen Belages nicht möglich. Hier unten wird der Belag jetzt wieder besser, und man fährt auf normalem Asphalt.

Die Strecke zieht sich allerdings enorm, und ich finde das Tal eher langweilig. Vielleicht habe ich zu viele wirklich spektakuläre Aussichten genießen können bei meinen bisherigen Pässetouren, oder mir geht die elend lange Abfahrt etwas auf die Nerven. Ich fahre halt einfach lieber bergauf.

Die Abfahrt nimmt kein Ende. Als ich denke jetzt müsste es das aber gewesen sein, kommt ein Schild „Biasca 23 Kilometer“. Oje, das gibt’s doch nicht. Nach weiteren gefühlten 50 Kilometern halte ich erst mal an und ziehe die Abfahrtsklamotten aus, denn obwohl es bewölkt ist, ist es hier unten doch recht warm. Jetzt sind es noch 11 Kilometer. Na die gehen auch noch.

So langsam bekomme ich auch richtig Hunger, denn ich hatte keinen einzigen Riegel gegessen und auch nur eine Flasche getrunken, was für zwei Passauffahrten schon recht wenig ist. Hoffentlich finde ich in Biasca was zu Essen, denn mittlerweile ist es schon fast halb zwei und in der italienischen Schweiz geht es bestimmt zu wie in Italien, und das man da Mittags spät nicht so einfach was halbwegs vernünftiges zu essen findet habe ich spätestens auf Sardinien gelernt.

Nachdem die letzten Kilometer auch noch geschafft sind, biege ich gleich beim ersten Ortsschild ab nach Biasca rein. Ich glaube ein paar Höhenmeter hätte ich nach abgeben können, aber das ist jetzt auch egal.

Schon nach ein paar hundert Meter findet sich die Bar 2000. Der Name klingt nach einer billigen Spielhölle, und das Logo sieht auch so aus. Es stellt sich aber heraus, dass man hier nicht nur schön windgeschützt draußen sitzen kann, sondern dass ich auch das Fahrrad geschützt direkt neben meinen Tisch stellen kann. Perfekt.

Als ich die Bedienung sehe ist es Liebe auf den ersten Blick. Immerhin bin ich jetzt doch schon eine Ganze Weile unterwegs und so werden es drei Cappuccinos (für Italiener Cappuccini) und das leckerste belegte Ciabatta, das ich je gegessen habe. Dazu die nette Bedienung und interessante Leute, die ich beobachten kann. Nebenbei das Ganze umgeben von alpiner Landschaft. Ein Traum.

So gönne ich mir eine gute halbe Stunde um mich für den kommenden, über 40 Kilometer langen Anstieg, zu erholen. Hier in der italienischen Schweiz ist eigentlich alles wie in Italien. Nur die Preise sind (allerdings zum Glück etwas abgeschwächt) schweizerisch.

Nachdem ich mich leider von der hübschen Kellnerin verabschieden muss, mache ich mich wieder auf den Rückweg. Die Trinkflaschen gefüllt und mit guten Beinen biege ich ab zurück auf die Passstraße.

Jetzt geht es erst mal mit sehr moderater Steigung ins Tal hinein. Und schon auf den ersten Kilometern muss ich zu meiner Verwunderung feststellen, dass in diese Richtung die Landschaft viel beeindruckender ist. Und vor allem gar nicht langweilig. Was doch so ein Wechsel der Perspektive bewirken kann. Faszinierend!

Ich genieße die Auffahrt sehr, die Berge entfalten ihre volle Wirkung und obwohl es nicht so steil ist, versuche ich immer meine 250 Watt zu treten und eben entsprechend schneller zu fahren. Meine Passankunft vorhin war schon, dadurch, dass die höchste Stelle in der Gallerie liegt, die erste die ich mit 50-13 erreicht habe, und auch jetzt fahre ich im unteren Teil oft Übersetzungen zwischen 50-16 und 50-12. Also Gegenwind habe ich bis jetzt wohl keinen…

Gerade finde ich es richtig geil hier zu fahren. Auch nach fünf Tagen bergauf fahren und mit dem Schauinslandkönig vorgestern und über 4000 Höhenmetern gestern funktionieren die Beine am dritten Passaufstieg für heute noch gut. Die Erholung und Regeneration funktioniert offensichtlich momentan wirklich sehr gut.

Und auch wenn es dann immer mal wieder etwas steiler wird, die Steigungen kommen praktisch kaum über 8% hinaus. Vorbei an Olivione werden allerdings die flachen Abschnitte kürzer und weniger.

Dann dreht die Straße in ein anderes Tal hinein, und ab jetzt wird der Straßenbelag schlechter und es bleibt recht gleichmäßig steil bei 7 bis 8%. Bergauf macht der mäßig gute Belag keine Probleme. Ich kann die Fahrt in vollen Zügen genießen, und auch die ersten Kilometer gingen durch die relativ hohe Geschwindigkeit schnell vorbei.

Allerdings mache ich mir einige Gedanken um den Alpenbrevet, denn bis ich in diesen langen Anstieg komme habe ich ja dann schon die lange Seite des Grimsel und die brutale des Nufenen in den Beinen. Und die muss ich in gut 4 Stunden geschafft haben, damit ich mich überhaupt für die Platinrunde qualifiziere, also bummeln am Anfang ist auch nicht. Ich kann nur hoffen, dass ich bis hier noch eine Gruppe habe, damit man in den flachen Abschnitten nicht so allein im Wind fährt.

Apropos Wind. Auch hier ist es so, dass je näher ich der Passhöhe komme, der Wind umso stärker wird, und auch recht kalt bläst.Überhaupt verdüstert sich der Himmel etwas und es sieht, wie schon mehrmals heute, nach Regen aus. Bis jetzt bereue ich es allerdings nicht, dass ich kurze Hosen trage, im Anstieg ist das einfach angenehmer.

Nach oben hin zieht sich der Anstieg schon etwas, aber ich versuche immer gut draufzuhalten, da ich noch vor dem Regen oben ankommen will. Ganz gelingt mir das nicht, den kurz vor der Passhöhe fängt es leicht zu nieseln an. Aber kaum der Rede wert.

Und dann endlich ist die Passhöhe erreicht, bzw. erst mal das Hospiz. Weil dieser Ort aber eigentlich recht uninteressant ist und der höchste Punkt iin der Gallerie liegt fahre ich durch und beschließe das Foto auf der anderen Seite der Gallerie zu machen und auch dort die Zeit zu stoppen.

Die Gallerie ist sehr lang, und ich bin froh, dass ich ein gutes Rücklicht habe. Zunächst geht es also noch etwas bergauf, und dann als die eigentliche Passhöhe erreicht ist geht es so mit gut 6% bergab. So habe ich ungefähr noch 50 km/h drauf als ich aus der Gallerie herausfahre, als mich ein heftiger Schlag trifft und fast gegen die Felswand wirft. Ich bleibe aber auf dem Rad und kann einen Sturz vermeiden, kapiere aber erst langsam was eigentlich los ist.

Direkt am Ausgang der Gallerie ist eine kleine Baustelle und ein Hubschrauber lädt dort gerade Baumaterial ab. Der war keine 10 Meter von mir entfernt und hätte mich mit seinen Rotorblättern fast von der Straße geblasen.

Ich halte dann ein paar Meter weiter an, mache mein „quasi Passhöhenfoto“ am Stausee und schaue mir noch den Hubschrauber an, wie er ein zweites mal kommt und Material ablädt. Dann mache ich mich aber auf die Abfahrt hinab in Richtung Disentis.

Die Abfahrt läuft ganz gut, aber auch hier ist der Belag im oberen Teil nur mäßig gut. Dafür geht es zunächst fast gerade bergab. Ich bleibe nur noch zwei, dreimal stehen für einen Fotostopp, sonst genieße ich einfach die Abfahrt.

Da ich immer in Passauffahrten denke, und jetzt also die vierte Passauffahrt kommt, habe ich gar nicht so sehr auf die Kilometer geachtet, und muss jetzt erstaunt feststellen, dass schon über 150 Kilometer auf dem Radcomputer stehen. Das ergibt heute eigentlich eine Marathondistanz, und dass in den Alpen. Erstaunlich wie gut ich mich körperlich noch fühle.

Unten in Disentis angekommen fülle ich nochmal die Wasserflaschen auf, und merke dabei aber, dass ich mental schon an der Grenze bin. Beim Ausziehen der Abfahrtsklamotten werde ich stinksauer, und das ohne tieferen Grund. Das kenne ich eigentlich nur von Situationen in denen ich sehr erschöpft bin. Durch die Erfahrung weiß ich es aber zu deuten.

Jetzt folgt ja auch nur noch eine Passauffahrt, und auch der Oberalppass von der Disentis Seite aus ist nie bösartig steil, so dass ich ganz zuversichtlich bin.

In den ersten Kilometern funktionieren die Beine auch ausgesprochen gut. Ich werde fast etwas übermütig in den etwas flacheren Passagen, bleibe auf dem großen Kettenblatt und trete teils deutlich über 350 Watt

Die Landschaft ist sehr idyllisch, für meinen Geschmack schon zuviel, aber wie gesagt so gut die Beine auch funktionieren, insgesamt bin ich etwas grantelig, was einfach auf die kumulierte Anstrengung zurückzuführen ist.

Ich stelle mir vor, dass das beim Alpenbrevet der vorletzte Pass ist, und dass ich ja dann hinterher noch den Susten von Wassen aus fahren müsste, mit der elend langen, konstant steilen und kurvenarmen Steigung. Das wird psychologisch eine wirklich harte Herausforderung! Vielleicht ist das einfach vermessen mir 7000 Höhenmeter am Stück zuzumuten?

An einer Baustelle muss ich an einer roten Ampel halten. Auf der Abfahrt hatte ich die Ampel einfach ignoriert, aber berghoch geht das nicht, außerdem kommen Autos entgegen, und ein großer LKW steht vorn in der Reihe, der fände das bestimmt nicht lustig wenn er dann hinter mir hängt. Aber zunächst hänge ich dann hinter dem LKW, denn hier ist es noch nicht so steil und der LKW recht langsam. Ich bin etwas genervt, vor allem weil sich der Verkehr auch nach der Baustelle nochmal zu stauen scheint, aber dann nach dem Ort löst sich alles auf, und ich kann wieder in Ruhe vor mich hin klettern.

Jetzt kommt ein langes eher gerades Stück mit ca. 8%. Fühlt sich durchaus anstrengend an. Vor allem als nach einer Biegung der nicht unerwartete kalte Gegenwind einsetzt.

So ca. 8 Kilometer vor der Passhöhe erfasst mich dann eine echte Schwächephase. Ich habe zwar für den Aufstieg zum Lukmanier für jede Seite eine Flasche mit KH-Getränk getrunken, und das lecker Ciabatta in Biasca gegessen (kurz blitzt das nette Lächeln der Bedienung irgendwo in meinen leicht vom Unterzucker getriebenen Gedanken auf), aber insgesamt vielleicht zu wenig. Auch habe ich sonst gerade mal noch einen Riegel gegessen.

So nehme ich jetzt das Gel, das ich noch habe und trete bei ca. 200 Watt vor mich hin. Der Puls ist mittlerweile auf 133 abgesunken, was normalerweise noch GA1 wäre. Aber der Puls war, durch die kumulierte Belastung, heute schon den ganzen Tag niedriger als gewohnt. Deshalb kann ich es nicht recht einschätzen.

Ich fahre einfach mit der geringeren Leistung weiter und nach zwei Kilometern habe ich mich erholt. Alles funktioniert wieder, ich trete wieder so um die  250 Watt, und auch der Puls normalisiert sich und geht wieder normal hoch.

Dann kommt auch schon nach dem letzten längeren geraden Abschnitt hinter Tschamut die Kehrengruppe, die mir bei der Abfahrt so gut gefallen hat. Eigentlich mag ich es sehr wenn die Kehren dicht beieinander liegen und man immer wieder die Richtung wechselt. Jetzt hat das zumindest den Vorteil, dass man immer mal wieder eine Kehre Rückenwind und eine Gegenwind hat. Aber es sind viel mehr Kehren wie ich es von heute morgen in Erinnerung habe.

Durch die dichten Wolken und weil es ja mittlerweile auch schon nach 18 Uhr ist, ist es recht düster, Regen droht zum x-ten mal heute, aber das wäre mir jetzt auch egal, denn direkt am Ende der kommenden Abfahrt steht mein Hotel. Aber erst mal muss ich hoch kommen. Zum Glück muss ich nicht auf Kopfsteinpflaster fahren wie gestern, aber dafür kommen immer wieder neue Kehren wo ich eigentlich die Passhöhe schon erwarte.

Ich merke jetzt schon, dass ich fast 4000 Höhenmeter in den Beinen habe, und es der letzte Tag einer harten Trainingswoche ist. Der verdammte Berg wird doch wohl bald zu Ende sein?! Die Idee hier noch den Susten dranzuhängen erscheint mir völlig absurd. Das mit dem Alpenbrevet war eine dämliche Idee.

Trotzt meiner etwas von granteliger Erschöpfung geprägten Gedanken kann ich noch die Bahn bewundern, die hier die Passstraße kreuzt, und einen manchmal mit ihren von unten nicht zu unterscheidenden Serpentinen täuscht. Einmal lasse ich mich dann noch täuschen und muss enttäuscht feststellen, dass nach der Biegung noch weitere Serpentinen folgen, doch dann zeichnet sich die Passhöhe ab.

Aber noch bin ich nicht am Ziel, es kommt nochmal ein kehrenloses Stück, aber der Leuchtturm ist schon sichtbar, und dann ist es tatsächlich geschafft, auch der vierte Passaufstieg ist bezwungen. Ich mache das obligatorische Foto und ziehe die Abfahrtsklamotten an.

Es ist bitterkalt und windig. So erweist sich die Idee auf die Knielinge zu verzichten als Fehler und kurz nach der Gallerie auf der Passhöhe, am See vorbei, halte ich nochmal an um die Dinger auch noch anzuziehen.

Mittlerweile nieselt es etwas. Aber trotzdem kann ich diese letzte Abfahrt für heute noch genießen. Auch auf dem flachen Abfahrtsstück funktionieren die Beine noch gut, und in dem etwas steileren Stück mache ich aus Spaß noch etwas Tempo, genieße aber trotzdem dabei die herrliche Aussicht auf Andermatt und das Tal mit den umgebenden Bergen.

Unten angekommen stehe ich ja direkt vor meinen Hotel, so dass ich gar nicht erst groß auskühlen kann, und keine fünf Minuten nachdem ich unten angekommen bin unter der Dusche stehe. Ich bin doch etwas platt, so gibt es noch eine doppelte Portion zum Abendessen, und dann geht’s früh ins Bett, damit hGH und Co ihre Arbeit verrichten können.

3 Kommentare

  1. Allergrößten Respekt im Angesicht deiner Leistungen , lieber Guido.
    Sag mal , brauchst du eigentlich noch das 32 Ritzel?

    Herzliche Grüße Jürgen

  2. Hallo Jürgen, das mit dem 32er ist so eine Sache. Ich hätte gerne etwas reduziert, einfach um die Leistungssteigerung zu dokumentieren.
    Allerdings gibt es keine Kassette die ein 30er als größtes Ritzel hat.
    Ich brauche das 32er nur selten, aber bei Steigungen ab 12% kann ich nur damit noch eine halbwegs ordentliche Trittfrequenz halten.
    Vor allem am Ende einer Tour, wenn die Kraft nachlässt hilft mir das sehr.
    Zu Hause fahre ich ein Ritzelpaket mit 25-12, das 32-11 Paket setze ich nur in den Bergen ein.

  3. Ja , mache ich genauso , mir ist aufgefallen , das bei Verwendung des grössten Ritzels der Kettenschräglauf enorm wird.
    Deshalb habe ich eine XT Kassette 11–34 geordert , so das ich des öfteren das zweitgrösste , sprich das 30er nutzen kann.
    Viele Grüße