Oetztaler (Söldner) Gletscherstraße 2010

Sonntag 25.07.2010

Schon die zweite Nacht hintereinander gut geschlafen, ich sollte meinen Lebensmittelpunkt hierher verlegen…  Nach ordentlichem Frühstück gehe ich die drei Möglichkeiten durch die sich heute bieten: Mit dem Auto nach St. Leonhard, Timmelsjoch andere Seite und wieder zurück. Mit dem Auto nach Oetz, Kühtai und zurück, oder die Gletscherstraße. Letzteres hat den Vorteil, dass ich noch in der Freitzeitarena von Soelden duschen könnte, und somit nicht sieben Stunden verschwitzt autofahren müsste.

Allerdings ist die Gletscherstraße ein Monster. Auch wenn sie nur 13 Kilometer lang ist, so hat man doch pro Kilometer ziemlich konstant 100 Höhenmeter zu bewältigen. Das Wetter ist besser wie gestern, und auch wenn die Sonne nicht scheint, so regnet es doch wenigstens nicht. Oben am Berg mag das anders ausschauen. Und so beschließe ich die Gletscherstraße zu fahren, so dass ich mich in Ruhe umziehen und Duschen kann, und ggf. sogar in der Sauna der Freizeitarena Soelden aufwärmen kann.

Um kurz vor neun Uhr sitze ich also auf dem Fahrrad, genieße es im Trockenen zu fahren, habe allerdings auch Zweifel ob ich die Gletscherstraße überhaupt schaffe, denn der letzte Leistungstest hatte ja gezeigt, dass die maximale Kraft, die ich auf das Pedal bringen kann gegenüber letztem Jahr etwas abgenommen hat. Und da die Straße so steil ist, kann ich nicht einfach runterschalten um dann eben mit höherer Trittfrequenz die nötige Leistung zu erreichen.

Egal, nach fünhundert Metern werde ich’s schon wissen. Auch die Zeitmessung der Oetztaler Radtrophy ist wieder aufgebaut, so kann ich also meine Zeit (wenn ich es denn schaffe) sehr genau mit der vom letzten Jahr vergleichen. (1:39:52, was Rang 58 von 147 bedeutete).

Nachdem das Ticket abgestempelt ist, wird es noch in Soelden gleich erst mal recht steil, über blankem Fels trohnen Mehrfamilienhäuser. Kurz danach kommt auch schon der Abzweig zum Gletscher, und ab da heißt es praktisch konstant zwischen 13 und 14 Prozent Steigung.

Schon auf den ersten Metern spüre ich die brutale Anstrengung, aber ich merke auch schon, dass es wohl irgendwie machbar sein wird. Letztes Jahr musste ich nach acht Kilometern zwei Minuten Pause machen. Ich nehme mir vor irgendwie bis zur Mautstation durchzuhalten, und dann zu versuchen über die Achtkilometermarke drüberzukommen, also auf jedenfall später zu pausieren und wenn es nur fünfhundert Meter sind.

Bis nach Hochsoelden ist es schon sauanstrengend. Der Blick ins Tal macht deutlich, wie unglaublich schnell man hier an Höhe gewinnt. Und die erste Kehre verschafft einem eine Sekunde etwas Erholung. Meine Trittfrequenz liegt um 73, und dabei muss ich zwischen 300 und 350 Watt leisten, und dass im kleinsten Gang mit 34/32!!

Nach jeder Kurve hofft man, dass mal ein etwas flacheres Stück kommen möge, aber es geht immer gleichmäßig steilberghoch. Auf der Straße sind Kilometermarken aufgemalt, so werden die Kilometer der Zeitmessstrecke runtergezählt. Als ich die Acht auf der Straße sehe bin ich erstaunt, dass ich noch keine Rückenschmerzen habe. Allerdings hätte ich vielleicht doch die Ärmel vom Trikot abmachen sollen und die verdammten Handschuhe ausziehen sollen. Mir ist sehr warm. Hoffentlich kommt bald die Mautstation, war das nicht hinter der nächsten Kurve? Nee, steilberghoch geht es nach der Kurve, und nach der nächsten auch.

Die Steilheit der Strecke fordert den ganzen Körper, denn hier muss man mit den Händen am Lenker ordentlich gegenhalten um die Kraft auf die Pedale zu bringen. Das Trinken fällt recht schwer, da man dann ja den Lenker loslassen muss, außerdem fällt es zusätzlich schwer durch die Anstrengung.

Hoffentlich kommt bald die verdammte Mautstation. Sie kommt tatsächlich, und es geht so ca. hundert Meter bergab. Ich haspele ein Energiegel aus dem Trikot, und nutze die Gelegenheit zum Trinken. Mautgebühr muss ich natürlich keine zahlen.

Aber kurz nach der Station wird es gleich wieder steil. Es kommt sogar einer der schwierigsten Abschnitte wie ich finde. Ab und zu wechsele ich in den Wiegetritt, um die Position zu ändern und Muskeln und Rücken kurz anders zu belasten. Allerdings schalte ich dabei schon lange nicht mehr hoch, wie an „normalen“ Bergen, sondern bleibe im kleinsten Gang und versuche nur die Trittfrequenz beim hinsetzen wieder etwas zu erhöhen. Die ist mittlerweile bei 65 und darunter.

Ich kämpfe mich über diesen schwierigen Abschnitt, immer mit dem Ziel auf keinen Fall eine Pause einzulegen solange die acht Kilometermarke nicht überschritten ist. Eigentlich will ich natürlich gar keine Pause einlegen, aber das scheint unrealistisch, dafür ist es einfach zu lange zu steil.

Jetzt kommt nochmal ein kurzes Stück vor einem Weiderost, das etwas flacher ist, dankbar nehme ich die Chance zur Erholung wahr. Aber es sind nur ein paar Meter.

Dann geht es weiter steilberghoch. Ich überlege, ob ich nicht mein Trikot und die Mütze einfach irgendwo an den Straßenrand werfe, denn mir ist einfach nur warm. Der Schweiß läuft in Strömen, allerdings dank der Mütze nicht in die Augen wie letztes Jahr.

Noch sieben Kilometer, jetzt kommt soweit ich mich erinnern kann ein Stück mit mehr als 14% Steigung. Trotzdem muss ich plötzlich mein Trikot schließen, denn es gibt heftigen, eiskalten Gegenwind. Wie gut, dass ich den Plan mit dem Trikot wegwerfen verworfen hatte. Die nächste Kilometermarke ist erreicht, jetzt kommen einige Kehren, und so wechselt es zwischen „Gegenwind und sehr kalt“ und „Rückenwind und sehr warm“. Trikot zu, Trikot auf. Trittfrequenz knapp 60 und um 70. Mental ist dieses Wechselspiel sogar eine Hilfe. Es teilt die Strecke in überschaubare Abschnitte und man kann sich Teilziele setzen.

Als ich die 5 Kilometermarke auf dem Boden sehe, weiß ich dass ich eine Chance habe ohne Pause durchzukommen. Ich weiß, dass der letzte Kilometer in der Steigung etwas nachlässt (also auf knapp 10%). Bis dahin muss ich mich irgendwie durchkämpfen.

Und kämpfen ist die korrekte Beschreibung für das was ich hier mache. Radfahren sieht wahrscheinlich anders aus. Die Trittfrequenz schwankt wie beschrieben zwischen 58 und 72, ich liege mit der Leistung meist deutlich unter 300 Watt. Da kommt mir ein Radfahrer entgegen. Das gibt mir immer wieder das gute Gefühl nicht der Einzige zu sein, der so bescheuert ist und sich das antut, also ist es ja vielleicht gar nicht bescheuert. Als noch ein weiterer Rennradler um die Kehre geschossen kommt, und er mich sogar entgegen aller bisheriger Erfahrungen mit „allez, allez, allez“ Rufen anfeuert, erhalte ich nochmal einen richtigen Motivationsschub.

Normalerweise gibt es immer nur ein aufmunterndes oder respektvolles Kopfnicken, was übersetzt soviel heißt wie:
„ich respektiere deine Leistung, denn ich habe es gerade selber getan und weiß wie sich das anfühlt, aber ich bin auch froh, dass ich jetzt bergrunter fahre und nicht noch die Qäulerei vor mir habe, die du gerade noch vor dir hast“
Da ich das nicht wissen will, konzentriere ich mich beim Aufstieg dann immer auf die Straße, verteile diese Kopfnicker aber manchmal auch beim Abfahren. Aber diese Anfeuerung hat mich echt überrascht. Vielleicht dachte der auch, ich habe es bitter nötig…

Noch drei Kilometer, wenn ich in den Linkskehren ganz außen fahre, gibt es einen spektakulären blick zurück ins Tal. Trotz Anstrengung schaffe ich es das noch zu fotografieren. Jetzt nochmal kämpfen, die 1 Kilometermarke ist doch nicht mehr soweit. Drei Kilometer sind ja nur 3000 Meter.

Noch zwei Kilometer, leichter Eisregen setzt jetzt ein. Die Feuchtigkeit auf der Straße hat leicht angezogen. Es knistert unter den Reifen. Aber keine Gefahr, der Asphalt ist recht rauh, und der Grip der Reifen nach wie vor gut.
Hier oben sieht es eher aus wie in einer Steinwüste. Ist mir aber egal, jetzt weiß ich, dass ich es schaffe, dass bald die Steigung etwas nachlässt, dass ich ohne Pause durchkomme. Ein Blick auf den Radcomputer zeigt eine erstaunlich gute Zeit, allerdings habe ich nicht mehr die mentale Kapazität, die Zeit korrekt abzuschätzen oder gar einzuordnen.

Ich merke nur, wie jetzt meine Trittfrequenz wieder höher wird, und wie die getretene Leistung wieder deutlich steigt in Richtung 300 Watt. Noch ein Kilometer, tatsächlich wird es etwas flacher, aber schnell wird es auch wieder steiler, das hatte ich ganz vergessen. Ich sehe schon einen Teil des Gletscherstadions ganz nahe, aber vorher wird es nochmal deutlich steiler. Ich muss aus dem Sattel um da überhaupt hochzudrücken, und trete nochmal bis 350 Watt, wo kommen denn diese Kräfte noch her?

Und dann endlich einfahrt ins Gletscherstadion, da steht die Stempelmaschine der Zeitmessung. Abstempeln, kurz verschnaufen, und dann noch ein paar Runden um den Körper wieder runterzubringen.

Die Erholung kommt sehr schnell, ich bin bei weiterm nicht so fertig wie letztes Jahr. Komisch, ich bin davon ausgegangen letztes Jahr ein ganzes Stück besser in Form gewesen zu sein. Hunger habe ich eigentlich keinen, für einen Topfenstrudel und nen Cappucino (schmeckt hier eklig nach Kakao) reichts aber. Außerdem muss ich die Zeitmesskarte ausfüllen. Die Zeit von 1:23:43 h ist für mich sensationell. Auch wenn ich letztes Jahr das Timmelsjoch schon in den Beinen hatte, ist eine Verbesserung von einer Viertelstunde schon enorm.

Vor allem hat sich die Sitzposition und der Sattel als brauchbar erwiesen. Da man hier so an der Grenze fährt, ist diese Strecke ein perfekter Gradmesser dafür. So fertig werde ich sicher beim Ötzi auch spätestens am Timmelsjoch sein, und dann nervt jede Kleinigkeit.

Für eine lange Pause habe ich keine Lust, so ziehe ich meine Regenjacke und die Mütze wieder an, und mache mich auf die Abfahrt. Wegen der Wetterbedingungen fahre ich eher langsam, im unteren Abschnitt kommt man allerdings auch wenn man es gemütlich angehen lässt schnell auf ordentliche Geschwindigkeiten. Zwei, drei Fotostops, damit die Hände nicht so runterkühlen (die Handschuhe sind noch immer völlig durchnässt von gestern), und dann ist man auch schon unten.

 
In Soelden noch ein paar Meter ausrollen, und dann gibt es ein kurzes Entspannungsbad in der Freizeitarena mit Aufwärmen im Dampfbad.

Alles in allem war das Wochenende trotz der suboptimalen Wetterbedingungen dann doch noch OK, und die Zeiten an den Bergen waren mindestens auf dem Niveau vom letzen Jahr.

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