Oetztaler (Söldner) Gletscherstraße

Samstag 19.09.2009 ab 11:20 Uhr

Als ich auf die Gletscherstraße einbiege fluche ich kurz in mich hinein für diese Idee, denn diese Straße ist richtig steil. Es geht gleich los mit 13% und dabei bleibt’s. Keine flachen Stücke zur Erholung, keine Kehren, sondern einfach steil berghoch…


Ich schaffe tatsächlich den ersten Kilometer, und beschließe den zweiten auch noch zu fahren, aber drei oder gar fünf könnte knapp werden.

Die Sonne scheint mittlerweile ganz ordentlich, die dämliche Brille läuft immer sehr schnell an, und die Schweißbildung führt dazu, dass der Helm die Flüssigkeit, gemischt mit der Sonnencreme von der Stirn, über die Augenbrauen direkt ins Auge leitet. Na super. Hätte ich doch nur meine Mütze aufgezogen. Das Sonnencreme-Schweiß Gemisch brennt wie Sau.


Ich kämpfe mich auch den zweiten Kilometer hoch, und beschließe den dritten auch anzugehen, aber fünf auf keinen Fall. Das Helm Schweiß Auge Problem wird heftiger und das Auge brennt so, dass ich es unwillkürlich zusammenkneifen muss. So fahre ich mit einem Auge und heftigem Brennen im anderen die mittlerweile auf ziemlich konstant 14% gestiegene Steigung hoch. Trotzdem schaffe ich auch den dritten Kilometer. Ich beschließe die fünf zu versuchen, aber wenn’s nicht geht bei vier aufzuhören.

Neben dem brennenden Auge meldet sich so langsam auch der Rücken, Die Trittfrequenz liegt trotz 30-27 unter sechzig. Das Fahrrad ist ergonomisch schlicht Mist, je mehr man an die Grenze geht umso deutlicher wird das natürlich. Ich beschließe mir das leichteste Fahrrad zu kaufen, das ich bezahlen kann, und diese Alumühle zu verschrotten. Vier Kilometer sind geschafft, ich will aber auf jeden Fall die fünf Schaffen. Bis hierher habe ich mich ganz gut hochgekämpft, vielleicht geht ja sogar noch mehr?


Der Straßenbelag ist ganz ok, die Straße breit und gut zu fahren. Aber die Steigung bleibt gnadenlos bei 13%. Fünf Kilometer 13% freiwillig hochfahren, bis vorhin war das für mich unverstellbar. Jetzt sind die fünf geschafft. Ich beschließe hochzufahren, zumindest solange bis es nicht mehr geht. Wenn ich dann platt bin, dann fahre ich zurück über’s Timmelsjoch eben mit dem Taxi, ist mir dann auch egal. Auf jeden Fall merke ich, das „was geht“.

Dann kommt irgendwann die Mautstation. Es fühlt sich an als würde es für zwei, dreihundert Meter steil bergab gehen, aber genau weiß ich es ehrlich gesagt nicht, vielleicht ist die Steigung auch nur auf 4% zurückgegangen…


Die Erholungspause ist nur kurz, es geht nach der Mautstation über eine kleine Brücke, und dann steigt die Straße sofort wieder mit 13% an. Jetzt kann man das Ziel sehen und fast die Hälfte ist geschafft. Aber eben auch nur die Hälfte. Ab jetzt heißt es beißen. Ich bin kurz davor den Helm samt Brille auf die Straße zu werfen, aber ich lasse es. 7 Kilometer. Irgendwo kommt ein Stück das auf 15% zunimmt. Dann wieder 13%, fast Erholung. Die Trittfrequenz liegt um 50, im Wiegetritt kann ich kaum noch hochschalten.
Bei acht Kilometern muss ich 4 Minuten Pause machen. Dann steige ich wieder auf und fahre weiter.


Kein anderer Radfahrer hier, aber vielleicht ganz gut, so kann ich mich ganz darauf konzentrieren hier überhaupt hochzukommen. Irgendwann ist Kilometer 9 erreicht. Zehn geht auf jeden Fall. Die Anstrengung ist brutal, wenn ich hier in annehmbarer Zeit hochkomme, dann bin ich ein Held des Sports, das steht fest, und irgendwie weiß ich auch, dass es zu schaffen ist.


Und als die zehn Kilometer erreicht sind kämpfe ich einfach ohne große Gedankenspiele oder Selbstmotivationslügen weiter. Vom Rad kriegt mich jetzt nichts mehr. Und irgendwann fällt die Steigung tatsächlich auf 10%, was für eine Erholung!


Die letzten Kilometer sind trotzdem hart, die Höhe über 2500 Meter wirkt natürlich nicht gerade leistungsfördernd, ca. 11 Kilometer mit gut 13% in den Beinen (ach ja, und das Timmelsjoch von heute morgen…), hier hilft nur kämpfen. Und dann ist tatsächlich die Talstation des Gletscherlifts erreicht. Das Ziel der Zeitmessung liegt im Gletscherstadion. 1:39 h. Eine sensationelle Zeit! (für mich)


Von hier könnte ich noch zum Parkplatz am Rettenbachferner weiterfahren, um den höchsten mit dem Fahrrad auf asphaltierter Straße erreichbaren Punkt der Alpen zu erreichen. Aber irgendwie ist mir das egal. Ich weiß auch nicht genau welche Straße ich da lang fahren muss, und so bleibt mir wenigstens noch diese letzte Herausforderung für zukünftige Touren.

Denn jetzt hier oben am Tiefenbachferner ist alles erreicht was ich mir theoretisch zugetraut hatte, aber praktisch eigentlich gar nicht mehr zumuten wollte. Auf der Website der Oetztaltrophy kann ich später sehen, dass nur 128 Radfahrer sich das mit Zeitmessung angetan haben, und ich auf Platz 46 gelandet wäre. Wie meist also, eine gute mittlere Zeit. Und mehr ist für einen Freizeitradler meines Alters mit vertretbarem Aufwand nicht drin.

Aber unabhängig von der sportlichen Herausforderung, habe ich wieder eine neue Seite der Alpen kennengelernt, und außerdem finde ich Gletscher immer spannend.


Aber zunächst mache ich erst mal die Zielfotos an der Zeitmessung und der Gletscherbahn. Im Hintergrund läuft Apres-Ski-Schlager-Musik (warum auch immer). Dann geht’s ins Panorama Restaurant zum Aufwärmen (es sind nur 6° hier oben, aber nur auf den letzten Kilometern hat der Wind etwas kalt vom Gletscher runtergeblasen).

Essen kann ich nicht so richtig viel, so dass es bei Fritattensuppe mit Brot und einem Balistoriegel bleibt. Dafür gibt es jede Menge Getränke, denn Trinken geht immer.


Ich lasse mir viel Zeit um mich ordentlich zu erholen bevor ich mich zurück auf die Abfahrt nach Sölden mache. Die Abfahrt macht Spaß und ist nicht so anstrengend wie andere Passabfahrten, denn es gibt keine Serpentinen und die Straße ist recht breit mit meist gutem Belag. Wenn man will kann man hier bestimmt sehr hohe Geschwindigkeiten erreichen, aber ich lasse es locker angehen, irgendwie ist mir das egal.



Im Tal ist auch das Wetter wieder etwas besser, und so mache ich mich direkt auf die Auffahrt zum Timmelsjoch, diesmal von der Söldener Seite…

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