Peakbreak 2012 – 1. Etappe

Ich werde recht früh wach und bin lange vor dem Start fertig. So fahre ich mich noch etwas ein, lege mich nochmal an der Rezeption des CampRoyalX etwas hin, fahre mich nochmal ein und dann geht es endlich in die Startaufstellung.

Hier sind wirklich hauptsächlich Kletterer am Start. Lässig wirft man seine „1:42 h“ vom Glocknerkönig hin um eine „1:30 h, bin dieses Jahr schlecht gefahren“ zurückzukriegen. Auch vom Material her ist hier Klettermaterial angesagt. Selten habe ich soviele Lightweight Laufräder gesehen, und ich bin bei weitem nicht der einzige mit einem 32er Riesenritzel oder ähnlicher Konstruktion.

Auch sehen die meisten hier ziemlich leicht, um nicht zu sagen ausgezehrt aus, dabei natürlich mit sehnig muskulösen Beinen. Irgendwie hoffe ich gerade nur noch nicht letzter zu werden. Denn wer sich beim Peakbreak anmeldet weiß was er tut, außer mir eben… (ich weiß es eigentlich auch, kann aber gut verdrängen)

Dann endlich um 9 Uhr geht es los. Die ersten Kilometer sind neutralisiert, d.h. es wird hinter dem Auto der Rennleitung hergefahren und erst nach einigen Kilometern wird von diesem der Start freigegeben.

Das Fahren hinter dem Führungsfahrzeug erfordert schon hohe Konzentration. Ich will nicht zu weit hinten fahren, um nicht gleich den Anschluss zu verlieren wenn es losgeht, andererseits wird es vorne auch mal eng. Insgesamt ist das neutralisierte Starten aber super, da nicht gleich alle mit 500 Watt losschießen, sondern man erst mal einrollen kann.

Dann nach ca. 10 Kilometern wird der Start freigegeben. Sofort ziehen vorne die an, und das Racing geht los. Obwohl dies erst der Anfang einer Etappe ist, die nach drei Bergen auf dem Monte Zoncolan endet und das erst die erste von acht schweren Etappen ist, geht es gleich genauso los wie bei Rund um den Finanzplatz. Radrennen eben. Irgendwie geil.

Ich versuche einfach nur irgendwie vorne dranzubleiben, und offensichtlich ist das die Taktik von den meisten, denn an der Spitze bleibt eine sehr große Gruppe zusammen. Immer wieder ziehen die vorne mal an, so dass kleine Lücken entstehen die man wieder zufahren muss. So spart man einerseits viel Kraft im Windschatten der Gruppe, und muss andererseits immer wieder heftige Intervalle einstreuen um dranzubleiben.

Selbst bei Kilometer dreißig bin ich noch in dieser Gruppe dabei, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin schon etwas nervös, denn noch immer stecken mir die 720 Kilometer vom Schweizer Radmarathon letztes Wochenende in den Knochen. Ich will diese erste Etappe einfach nur überleben und nicht letzter werden.

Der Monte Zoncolan ist nicht gerade ein Berg den ich freiwillig fahren würde, denn Steigungen über 20% kann ich auch mit meinem 32er Ritzel nicht mehr wegschalten. Zum Vergleich: Alberto Contador ist letztes Jahr beim Giro den Zoncolan mit 32er Ritzel gefahren. und der tritt lässig die doppelte Leistung an der IAS wie ich.

Aber zunächst mal geht es darum dranzubleiben. An einer sanften Steigung habe ich echte Probleme, ich überlege schon abreißen zu lassen, sehe aber dass es danach wieder flacher wird, so kämpfe ich mich über den leichten Anstieg und wieder an die Gruppe dran.

Wir fliegen dahin, vorne die machen wirklich gute Arbeit, ich weiß zwar nicht warum, aber ich profitiere ja gerade davon, also danke! Bis jetzt bin ich kaum im Wind gefahren, höchstens mal um eine Lücke zuzufahren, dabei geht es aber heftig in den roten Bereich.

Das Tempo liegt auf der Geraden und selbst wenn es ganz leicht berghoch geht bei deutlich über vierzig, oft geht es ziemlich auf die fünfzig zu, es geht aber auch teils leicht bergab. Selbst bei Kilometer 50 bin ich noch ziemlich vorne, das Begleitfahrzeug der Spitzengruppe immer im Blick.

Vorne versucht mal einer wegzukommen, lässt es dann aber wieder, dann versuchen es zwei, kehren aber auch wieder in die, recht große, Gruppe zurück.

Dann geht es links ab in den ersten richtigen Anstieg des Tages. Obwohl die Beine bis jetzt gut gehen ist mein Kopf noch unsicher ob ich heute durchkomme.

Im Anstieg zum Gailbergsattel zieht es sich sofort auseinander, ganz vorne die fahren ein super Tempo, ich fürchte erst komplett wegzuplatzen, komme dann aber in einen ganz guten Rhythmus und werde nicht wie befürchtet nach hinten durchgereicht.

Um mich herum fahren so vier fünf andere Fahrer, wir sind ähnlich schnell, mal ist der eine etwas schneller, mal der andere, so überholen wir uns immer wieder gegenseitig. Eine gute Motivation andere Fahrer vor sich zu haben.

Der Verkehr ist recht stark, aber alles gut im grünen Bereich. Ich gewinne etwas Vertrauen in meine Beine, und trete meist so um die 280, 290 Watt. Vielleicht zuviel, aber schonen für den Zoncolan geht ja eh nicht, lieber im Rhythmus fahren.

Der Anstieg ist eigentlich nirgends böse, und letztlich auch relativ schnell überwunden. Oben habe ich nochmal etwas angezogen, bin auf einen anderen Fahrer aufgefahren und hänge an seinem Hinterrad, als die erste Labstation kommt. Es gibt Kuchen und Getränke, ich fahre aber vorbei, denn weder habe ich Hunger, noch brauche ich frische Flaschen.

So fahre ich erst mal alleine bergab, als von hinten ein weiterer Fahrer kommt, vorbeizieht, mich dann aber an sein Hinterrad winkt. So geißeln wir zusammen bergab bis wir von einem etwas nervigen Wohnwagen aufgehalten werden. Der Fahrer lässt uns nicht vorbei, aber in einer Serpentine bietet sich doch Gelegenheit zum Überholen.

Wir fahren noch eine ganze Weile zusammen, bis in den nächsten Anstieg zum Plöckenpass. Auch den kenne ich noch nicht. Zunächst steigt der eher moderat. Jedenfalls aus der Sicht eines Peakbreakers…

Der andere Fahrer ist etwas stärker und entschwindet Zentimeter um Zentimeter. Mein Kopf traut sich nicht so recht, irgendwie fühle ich mich schwach. Da beschließe ich, mich auf meine Beine zu verlassen. Die haben doch letztes Wochenende in der Schweiz so wunderbar funktioniert. Und siehe da, die Beine arbeiten auch diesmal ohne zu murren. So gewinne ich im Berg immer mehr an Selbstvertrauen und versuche tapfer durchzuziehen.

Recht schnell geht es dann auch wieder bergab, jedenfalls schneller als erwartet. War denn da eine Zwischenabfahrt? Ich weiß nicht mehr genau, habe aber auch keine Konzentration um ins Roadbook zu schauen. Nach meinem Navigationsdesaster beim Schweizer Radmarathon habe ich eine Roadbookallergie entwickelt. Da immer wieder mal ein Radfahrer zu sehen ist, brauche ich mir hier keine Gedanken um die Navigation zu machen.

Die Straße in der Abfahrt ist zunächst schlecht, aber die angekündigte gefährliche Abfahrt ist das nicht. Schnell weiß ich warum, der Pass ist noch längst nicht zu Ende, denn jetzt geht es wieder berghoch. Und zwar steil berghoch.

Wir fahren durch eine Galerie und dort ist die Steigung deutlich im zweistelligen Prozentbereich. Und selten habe ich das „steil berghoch“ so offensichtlich, bildlich vor mir gehabt. In der Gallerie, nicht abgelenkt von der alpinen Landschaft, sondern nur mit grauem Beton als Hintergrund sieht die lange Steigung elend steil aus.

Ein Fahrer ist hinter mir und versucht näher zu kommen, ich bin also wohl seine „Motivationshilfe“. Zwei sind vor mir, aber ähnlich schnell, die nehme ich mir vor. Es dauert aber ewig, erst in der letzten Gallerie, die nicht zu enden scheint und nach jeder leichten Biegung genauso steil weiter nach oben geht, überhole ich einen Faher und nachdem ich einfach darauf hoffe, dass es jetzt endlich vorbei ist kommt dann tatsächlich auch die angekündigte Tunnelumfahrung. Genau dort hole ich den anderen Fahrer. Wir kommen kurz ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass er mein Fahrrad erkannt hat, da ich beim diesjährigen Glocknerkönig am Start direkt vor ihm gestanden habe.

Jetzt geht es aber wirklich in die Abfahrt. Die ist nicht ganz so gefährlich wie dargestellt. Allerdings gibt es mehrmals Tunnel mit direkt anschließender Serpentine. Gut, dass das in der Fahrerbesprechung gestern erwähnt wurde, denn damit rechnet man erst mal nicht. Ansonsten ist die Abfahrt super, vor allem kann ich jetzt ab und zu mal die sehr schöne Landschaft genießen. Die Abfahrt läuft super, auch wenn zwei weitere Fahrer etwas näher rankommen. Zwei weitere sammeln wir (mittlerweile zu dritt) noch ein. So kommt es das eine Fünfergruppe entsteht, die auch richtig gut läuft.

Kein Vergleich mit dem Schweizer Radmarathon, als die Fünfergruppe vor Sargans einfach nicht laufen wollte, obwohl ich viel Körner eingesetzt habe. Hier merkt man gleich das etwas andere Publikum. Eben Rennfahrer, keine Randoneure (nix gegen Randoneure).

So geißeln wir mit hohem Tempo auch in den flacheren Teilen der Abfahrt. Ich beteilige mich voll an der Führungsarbeit, obwohl ich das eigentlich vermeiden wollte, aber irgendwie bin ich einfach kein Hinterradlutscher. In meinem Hinterkopf ist sehr wohl der Monte Zoncolan und mein nicht regenerierter Zustand, aber bis jetzt fühle ich mich wohl.

Wieder an der Führung merke ich aber, dass der Akku leer wird, ich fahre noch ein paar hundert Meter weiter im Wind, hier hätte ich auf jeden Fall früher abgeben müssen. Denn als ich wieder nach hinten gehen will muss ich abreißen lassen.

Aber da kommt auch schon der Abzweig zum Zoncolan. Diese Gruppe hat es echt gebracht, aber die letzte Führung wird mir jetzt weh tun im Anstieg, das ist klar. Die anderen sind so zwei, dreihundert Meter vor mir. Jetzt werden mir die Getränke knapp da ich ja die Labstation ausgelassen hatte.

Aber zu meiner Freude kündigt ein Schild die nächste Aidstation, wie die beim Peakbreak heißen, in 50 Metern an. Dort esse ich erst mal zwei Stück Melone und ein Stück Banane und nehme eine Flasche Iso. Die Hitze ist mittlerweile fast schon so groß wie letztes Wochenende in der Schweiz. Die Temperaturtafel am Fuße des Anstiegs zeigt 31° C, mein Radcomputer knapp 29° C, die Sonne knallt.

Ich versuche die anderen wieder zu erreichen, einige sind ja auch an der Labstation stehen geblieben, aber der Monte Zoncolan ist unten zwar ein „normaler“ Pass, aber auch schon mit Steigungen im zweistelligen Prozentbereich, also eigenen Rhythmus fahren und gut ist.

Vor dem steilen, wohl vier Kilometer langen, Schlussstück habe ich allergrößten Respekt. Ich wünsche mir gerade Jürgens langes Mountainbike Schaltwerk und das 36er Ritzel. Aber vielleicht wird es ja auch gar nicht so schlimm.

Die Beine sind noch ok, aber ich merke das recht hohe Tempo bis hierher schon deutlich. Die Sonne brennt, Schatten gibt es kaum. Ich trinke sehr viel, das könnte sogar nochmal knapp werden mit der Flüssigkeitsversorgung. Durch die schnelle Gruppe hatte ich auch keine Zeit zum Essen in der Abfahrt vom Plöckenpass. So esse ich jetzt noch einen halben Riegel und nehme mir vor gleich noch ein Gel reinzuquetschen.

Das Ding zieht sich ohne Ende, mein Garmin Edge 800 zeigt 101 Kilometer, bei einer Etappenlänge von 109 heißt das noch 8 Kilometer. Ich versuche runterzuzählen, aber es passiert nichts auf der Anzeige. Ewig dauert es bis es 102 sind. Und noch eine Ewigkeit bis 103. Dort scheint das Ding zu verharren. Mittlerweile sind immer mal recht steile Passagen dazwischen. In den Serpentinen flacht es etwas ab, aber nicht so schön wie z.B. am Glockner.

So einen Pass zu fahren ist schon anstrengend genug, aber so ein Ding zu fahren mit 100 Kilometern im Renntempo und zwei Anstiegen in den Beinen, wobei der Plöckenpass schon ganz ordentlich steil ist oben, das ist nochmal was anderes.

Dann endlich die 104, noch fünftausend Meter. Jetzt müssten bald die richtig steilen Abschnitte kommen. Ich fahre schon lange auf dem 32er, zwischendurch geht es mal besser, dann mal weniger gut, d.h. 280 Watt oder eben nur 220.

Ich schließe sogar zu einem vor mir fahrenden auf und lasse einen oder zwei hinter mir zurück. Noch weiter vorne ist ein Fahrer in einem gelben Trikot, den versuche ich zu erreichen, er ist aber ganz schön weit weg. Bei 106 Kilometern überholt er einen anderen Fahrer, und ich versuche das gleiche, komme auch ganz langsam ran, aber eben nur ganz langsam. Ich fahre wirklich am Limit, noch immer knallt die Sonne.

Es dauert einen Kilometer, in dem es steil berghoch geht, aber dann bin ich dran. Und es scheint gerade eine Spur flacher zu werden. „Noch zwei Kilometer“ sage ich zu ihm. Es scheint sich sogar schon die Passhöhe anzukündigen, aber von den super steilen Passagen auf den letzten vier Kilometern war bis jetzt noch nix zu sehen. Mir nur recht, ich bin auch mit den steilen Passagen bis hierher schon bedient.

Dann scheint sich die Passhöhe abzuzeichnen, es wird kurz flach, ein großer Parkplatz ist ausgeschildert. Und es kommt ein Pfeil nach links. Ich ahne böses. Noch einmal gibt es was zu trinken, kommt mir gerade recht. Aber was das Mädel an der Labstation sagt schockiert mich. „Noch 5 Kilometer“.

Innerlich sacke ich zusammen, bitte bitte nicht. D.h. mein Garmin zeigt, vielleicht wegen den Gallerien ohne GPS Empfang etwas zu viel Strecke an. Aber was viel schlimmer ist, das fiese Schlussstück mit den extremen Steigungen kommt tatsächlich noch.

Ich will nicht! Ich teile es dem andern Fahrer, offensichtlich ein Holländer, mit, dass ich mich mit der Kilometerangabe vertan habe. Er fühlt genau das gleiche wie ich, das kann doch nicht wahr sein.

Es geht mittlerweile sehr steil bergauf. Selbst im Wiegetritt mit 34-32 muss ich alles geben. Kann man nicht beschreiben. Aber dann kommt das wirklich böse. Ja jetzt kann ich mich wieder an diese kranken Steigungen in Südengland und an den English Borders erinnern. An das „Loch“ in Lynmouth, das man nur über eine 25% Steigung verlassen kann.

Genauso ist es hier. Aber noch härter, die Steigungen auf den letzten Kilometern sind elend. Die Trittfrequenz, wenn man das Gedrücke so nennen mag liegt um 45! Bei einer Übersetzung von 34-32 und ich gebe alles was noch geht. Tritt man im Sitzen muss man aufpassen, dass das Vorderrad nicht hochgeht, fährt man im Wiegetritt dreht das Hinterrad durch.

Beschreiben kann man diese elende Steilheit nicht, die Zahl 26% sagt gar nix. Und ich bin auch nicht gerade frisch. Brutale Quälerei, anders kann ich das nicht beschreiben. Ich überhole einen S-Works Venge – Fahrer, der schiebt. Ich versuche das zu vermeiden, bin aber ganz kurz davor. Irgendwie drücke ich diesen Teil hoch, bis die Steigung etwas abflacht, ich versuche zu fluchen oder zu schreien bringe aber nur gurgelnde Laute heraus.

Und dann wird es in der nächsten Kurve genauso steil. Ich könnte kotzen. Ich gurke mit letzter Kraft vor mich hin. In einer Kurve stehen zwei und verschnaufen, die versuche ich noch zu erreichen, was mir auch gelingt, aber da geht es genauso steil weiter, ich muss stehen bleiben.

Ich steige kurz ab, lege meinen Kopf auf den Sattel und schnaufe durch, meine Beine geben wirklich alles, aber jetzt müssen sie kurz nachladen. Ich trinke, ein Mädel das dort steht betreut zwei andere Fahrer und fährt zum Spaß diesen Abschnitt des Zoncolan. Die ist ganz besorgt um mich und fragt ob ich noch Wasser habe. Sehr nett. Ich frage sie wie sie dass zum Spaß fahren kann…

Der Kameramann steht auch in der Kurve, kommt auf mich zu und interviewt mich kurz. Ich sehe bestimmt elend aus. Hoffentlich kommt nicht ausgerechnet das im ORF oder auf ServusTV. Ich klicke ein und fahre weiter.

Nun ja, fahren ist falsch gesagt. Ich gurke weiter. Ein Kilometer am Zoncolan oben ist mindestens so hart wie 100 Kilometer beim Schweizer Radmarathon, jedenfalls kommt es mir gerade so vor. Ich weiß nicht mal ob der Mistberg jetzt noch brutaler wird, oder einfach genauso brutal bleibt wie er seit zwei Kilometern schon ist. Elende Plackerei, hat mit Radfahren auch optisch nichts zu tun. Obwohl es so heiß ist und mich bis zur Grenze anstrenge friere ich, komisch.

Dann höre ich schon den Zielsprecher, es kann maximal noch ein Kilometer sein, aber wie lange kann ein Kilometer am Monte Zoncolan sein? Unfassbar lang! Ich muss nochmal pausieren. Der Typ mit dem Venge, der eben geschoben hat überholt mich jetzt wieder. Ich setze mich einen Moment hin, das Mädel ist immer noch besorgt und fragt ob es mir gut geht. Ich muss grinsen. Denn ja, es geht mir relativ gut, meine Beine geben nur einfach nicht mehr her.

Nochmal trinken, wieder rauf aufs Fahrrad, der Typ mit dem Venge schiebt wieder. Ich versuche ihn zu erreichen. Dieser Berg ist so unfassbar brutal, ich schreie einfach um meine Emotionen irgendwie rauszuhauen. Vor mir kreuzt das Mädel hin und her, dabei immer lächelnd, ich weiß nicht ob mich das motiviert oder nicht, ich glaube mir ist gerade alles egal. Ich bin nicht viel schneller als der Typ der schiebt, aber ein bisschen. Er geht ziemlich in der Mitte, und ich gurke an ihm vorbei mit allerletzter Kraf, und rufe weg da, da ich nicht in der Lage bin an ihm vorbeizusteuern, er geht ein Stück zur Seite und schiebt mich ein paar Meter an, und es fühlt sich an als würde ich losschießen wie eine Rakete – für zweimeterfünfzig…

Der Sprecher, den man schon über die Lautsprecher hört, erzählt was von „die Hälfte ist im Ziel“ und versucht motivierendes zu sagen, es sind auch nur noch ein paar hundert Meter und ich weiß, dass ich heute nicht letzter werde, aber diese paar hundert Meter sind elend. Ich weiß nicht wie ich die noch schaffen soll, aber ich will nicht nochmal stehen bleiben. Der S-Works Venge Fahrer ist wieder aufgestiegen und fährt, wenn man das so nennen will an mir vorbei.

Ich versuche daraus nochmal Motivation zu ziehen, die letzten Meter noch hochzugurken. Gerade scheinen mich die Kräfte wieder zu verlassen, da kommt von oben einer runter und gibt mir ein paar aufmunternde Worte. Noch hundert Meter. An jedem anderen Berg fliegt man dann. Hier überlebt man gerade noch so. Aber das verdammte Ziel kommt näher. Da sitzt ein Fotograf, ich weiß, ich sehe scheiße aus, völlig kaputt, aber ich habe nicht die Kraft zu lächeln oder auch nur irgendwie willentlich einen Gesichtsmuskel zu bewegen, aber verdammt nochmal ich bin oben.

Oben, oben. Durch. Was für ein Drecksberg. Jetzt bloß nicht vom Fahrrad steigen. Ich fahre ein paar mal auf dem Parkplatz im Kreis, bis ich wieder vernünftig atmen kann, mein Puls wieder etwas runterkommt, das Laktat und die H+ Ionen in meinen Beinen wieder ein nichtletales Level erreicht haben.

Dann lasse ich mich tatsächlich an so einem Monte Zoncolan Denkmal fotografieren, ich kann nicht erkennen was es ist, weil ich überhaupt nichts erkennen kann. Ich mache es nur weil zwei andere das auch machen, und ich denke, gut ein Foto.

Dann schnappe ich mir eine Flasche Wasser und setze mich einen Moment hin. Dabei zucken die Waden wie ein Froschschenkel unter Strom. Hm, lieber aufs Fahrrad, ausfahren. Also fahre ich wieder hinunter und Richtung Arta Terme, unserem heutigen Übernachtungsort. Der Wind ist teils heftig, denn ja klar Gegenwind hatten wir an manchen dieser brutalen Stellen im Anstieg auch noch. Jetzt fahre ich aber aus, mit so 180 bis 200 Watt, und dann noch mal eine kleine Steigung zum Hotel. Und es ist geschafft.

Duschen und dann geht es ins Städtchen. Um 15 Uhr in Italien was zu essen zu bekommen könnte schwierig werden, aber ich entdecke eine herrliche kleine Pasticeria, mit einem Cafe Latte wie ihn nur Italiener hinkriegen. Das ist ein Klischee, aber es wird jedesmal wieder bestätigt.

Auch wenn ich dort ganz entspannt  sitze und schreibe, das war brutal. Der Monte Zoncolan ist ein brutales Monster. Dagegen ist die Glocknerstraße geradezu eine Ebene…

Ich bin erstaunt, das ich nicht weiter hinten gelandet bin, aber ob ich diese acht Etappen überstehe, ich glaube ehrlich gesagt nicht. Aber selbstverständlich werde ich kämpfen so lange es geht. Die Hände sollten es durchstehen. Heute ging es jedenfalls.

Abends gibt es noch eine Fahrerbesprechung für morgen und Pastaparty. Dort gibt es allerdings nur Nudeln. Das ist echt grenzwertig. Ich esse zwei Teller, aber eigentlich bräuchte ich jetzt auch ein Steak und Salat und Gemüse. So übersteht man keine acht Etappen. Morgen werde ich mir ein Restaurant suchen oder vorher einkaufen. Aber einen Tag kann man das machen. Hoffe ich.

Mit 4:41:55,7 bin ich ca. 50 Minuten nach dem Führenden ins Ziel gekommen. Im Klassement liege ich damit auf Platz 54. Also nur wenig schlechter als die Hälfte, das geht ja noch. Jedenfalls erst mal durchgekommen.

Ein Kommentar

  1. Hallo lieber Guido!
    Also im Gegensatz zu mir , bist du ein Regenerationswunder.
    Eine Woche und dann Peakbreak…. Mann oh Mann !?!
    Und ja , mein 34 er hätte am Zoncolan den Kohl auch nicht fett gemacht.
    Weiterhin viel Kraft und noch mehr Spaß wünscht Dir

    Jürgen