Peakbreak 2012 – 6. Etappe

Wenn ich wählen könnte, würde ich heute sicher kein Radfahren. Nachts um zwei bin ich mit Halsschmerzen erstmals wach geworden, in der rechten Kniekehle zieht es etwas, der Beinbeuger leidet wohl, und auch nach dem Ausfstehen die ersten Schritte sind schwer, die Beine fühlen sich nicht gut an.

Ein Regenerationstag wäre angesagt. Aber wenn ich im Rennen bleiben will, muss ich natürlich fahren. Ich werde mich also irgendwie im Feld über den Pass Thurn schleppen, auf der anderen Seite runterrollen und dann hoffen, dass ich irgendwie das Kitzbühler Horn hinaufkomme ohne aus der Karenzzeit zu fallen. Mehr geht heute nicht.

Zum Glück bekomme ich noch eine Anfeuerungs SMS von Andrea und Jörg. So wird zumindest mein Kampfgeist wieder geweckt.

Aber selbst während wir im Startbereich stehen fühle ich mich nicht gut. Dann geht es endlich los und wir rollen neutralisiert hinter dem Fahrzeug der Rennleitung her. Und seltsam genug, mit jedem Kilometer vergeht das elende Gefühl im Magen, und noch vor Mittersil kommt auch wieder Leben in die Beine.

Offensichtlich regeneriere ich am besten auf dem Rad. Noch bin ich etwas unsicher was wohl im Berg passieren wird, aber ich will jetzt auch endlich berghoch fahren, mein Kampfgeist ist zurück.

Dann geht es nach einer scharfen Rechtskurve in den Pass Thurn. Und meine Beine funktionieren plötzlich. Ich fahre immer deutlich über 300 Watt da ich in der Spitzengruppe bleiben möchte, zumindest so lange die Steigung noch einigermaßen moderat ist.

Vorne sprengen zwei weg, dann wird es etwas steiler, und die Spitze reißt etwas auseinander. Zu meinem erstaunen flacht der Anstieg dann aber wieder etwas ab, und ich kämpfe mich mit hohen Wattleistungen oft über 400 Watt wieder an die große Spitzengruppe ran, die nicht weit hinter den zwei Ausreißern fährt.

Der Pass steigt jetzt ziemlich gleichmäßig mit nur ca. 4% an. Ich will jetzt unbedingt in der Gruppe bleiben. Ich habe keine Ahnung wie das sein kann, aber die Beine gehen wie der Teufel. Ständig über 300 Watt, immer wieder mal auch über 400 Watt muss ich treten, aber es geht. Wenige, seltene Erholungsphasen um die 200 Watt scheinen zu reichen um mich zu erholen.

Ich weiß nicht genau, wie lange der Anstieg noch geht, so denke ich an einer Stelle wo es abflacht, wir haben die Passhöhe erreicht, aber es geht nach einer Kehre noch weiter. Und noch immer kann ich dranbleiben. Ich denke jetzt nicht an das Kitzbühler Horn, sondern nur daran, möglichst in der Spitzengruppe zu bleiben.

Wieder flacht der Anstieg etwas ab, und die Vorderen ziehen mächtig an. Jetzt sind wir wohl wirklich oben. Der Fahrer an dessen Hinterrad ich hänge lässt reißen, etwas weiter vorne zwei andere auch. Ich überhole meinen Vordermann und versuche die beiden anderen zu erreichen, vielleicht können wir zusammen wieder an die große Spitzengruppe ranfahren. Denn jetzt geht es auch direkt in die Abfahrt.

Ich erreiche die beiden, und wir fahren noch etwas nach vorne, schließlich stürzen wir uns zu viert in die Abfahrt.

Vierergruppe, Abfahrt, nicht weit weg von der Spitze, entgegen aller Erwartung läuft es super. Und am Kitzbühler Horn werde ich dann schon sehen. Irgendwie geht auch das.

Die Abfahrt wird steiler und mein Rad läuft wie Sau, so dass ich aus der Gruppe rausfahre, und vorbeirolle, ein weiterer Fahrer aus der Gruppe überholt die restlichen beiden. Es geht schnurgeradeaus, ordentlich Gefälle, ich habe 70 km/h drauf, da kommt von hinten einer vorbeigeschossen, hat aber entweder das Rad nicht unter Kontrolle, oder fährt einfach brutal, ich weiß es nicht, er rempelt mich voll weg, ich versuche das Rad noch zu kontrollieren, aber keine Chance, verdammt, verdaaammmmt

Und dann schlage ich auch schon bei vollem Tempo mit der linken Seite auf den Asphalt, wie eine willenlose Puppe rolle ich ungebremst über den Asphalt, völlig der Gewalt der Geschwindigkeit ausgeliefert.

Irgendwann hat sich’s ausgerollt. Ich bleibe erst mal liegen. Noch während dem internen Funktionstest schießt mir ein Gedanke durch den Kopf, „Du Arschloch willst du mich umbringen?!“

Ich versuche aufzustehen, ich liege auf der Gegenfahrbahn, ich hoffe es kommt jetzt nicht gerade ein Auto, also schnell aufstehen. Geht.

Geht sogar erstaunlich gut. Meine rechte Hand schmerzt elend, die Fingerkuppen sind sauber über den Asphalt geschliddert. Das linke Handgelenk schmerzt, die linke Seite blutet. Aber ich bin total erleichtert. Ich kann alles bewegen, Kopf hin und her – geht, Schultern ok, Hüfte ok, Beine und Füße ok.

Bei den Fingern der rechten Hand bin ich mir nicht sicher, die schmerzen und werden etwas dick. Ich schaue nach dem Fahrrad, kann ich weiterfahren? Zumindest ist nichts rausgerissen, aber meine rechte Hand, ich kann nicht bremsen.

Da steht auch schon eines der Begleitfahrzeuge und ein weiterer Autofahrer hat angehalten und erkundigt sich nach meinem Zustand. Das Rad wird von der Straße geräumt, das Kamerateam ist auch da.

Jetzt merke ich, dass mehr als nur die Hände weh tun, aber es geht noch, noch habe ich genug Adrenalin in mir. Wenn ich den anderen Fahrer jetzt packen könnte würde ich den Adrenalinüberschuss auch umsetzen.

Der Offizielle vom österreichischen Radsportverband ist auch in einem Begleitfahrzeug und will die „lokale“ Ambulanz anrufen hat aber keine Nummer, für sowas würde er aber andererseits keine 112 wählen. Was faselt der denn für einen Scheiß? Aber ich stehe nur da, bin immer noch erleichtert, und rede mir ein es hätte schlimmer kommen können. Zum Glück verständigt er die Rennleitung, und Tom der Orgachef informiert die Ambulanz.

Er ist auch gleich mit dem Wagen der Rennleitung da und ein Polizeifahrzeug kommt auch noch. Ich mache mir derweil Gedanken um meine Fingerkuppen und die gesamte recht Hand. Ich laufe herum, hole noch den zerstörten PC VI von der Straße. Hinlegen will ich mich nicht, mache es dann doch, ist aber blöd und ich fange an zu frieren. Ich bekomme eine Aludecke, und stehe da am Auto der Rennleitung. Es steht eigentlich immer jemand bei mir und spricht mir gut zu.

Es dauert etwas, aber dann kommt endlich ein Rotkreuzwagen und fährt mich nach Mittersil ins Krankenhaus. Mein Fahrrad und den kaputten Helm nimmt das Begleitfahrzeug mit.

In Mittersil im Krankenhaus werden dann die entsprechenden Stellen geröntgt, aber es ist nichts gebrochen. Dann gibt es eine ordentliche Wundversorgung für die Schürfwunden und die malträtierten Hände. Die Schwester meint zwar, dass da wohl ein Ganzkörperanzug angebracht wäre, aber kriegt es dann auch so hin.

Dem Anhängen an den Tropf und intravenösem Schmerzmittel verweigere ich mich, auch will ich entgegen dem Rat der Ärzte nicht im Krankenhaus bleiben. Ich schlucke brav die Schmerztabletten und fahre dann mit dem Taxi wieder zurück nach Neukirchen.

Auf der Fahrt schaue ich mir die schöne Landschaft an, und mir kommen vor Wut, Ärger und Frust fast die Tränen, aber mein Kampfgeist meldet sich, und so beschließe ich, unabhängig davon ob ich den Schweizer Radmarathon noch mal fahre auf jeden Fall den Peakbreak nächstes Jahr zu fahren und zu finishen. Und das mit deutlich weniger Gewicht und mit dem Ziel unter die Top 30 Fahrer zu kommen.

Ob ich dieses Jahr noch eine Etappe fahren kann weiß ich nicht. Gerade eben geht es mir nicht so super, der Arzt meinte ich hätte sie wohl nicht mehr alle. Außerdem weiß ich zunächst nicht, wie es mit dem Fahrrad aussieht.

Abends stellt sich dann heraus, dass mein Körper das Fahrrad wohl gut beschützt hat. Aber den Lenker hat es schon erwischt. Der muss getauscht werden. Einen neuen Helm brauche ich auf jeden Fall auch. Der hat seinen Zweck erfüllt und meinen Kopf vor bösen Verletzungen bewahrt, ist jetzt aber natürlich Schrott.

Ich beschließe morgen auf jeden Fall auszusetzen. Gerne würde ich aber die letzte Etappe fahren. Ob das vernünftig ist, muss ich noch rausfinden. Morgen kann ich jedenfalls in einem inoffiziellen Bergleitfahrzeug mitfahren, dann müssen wir schauen, welche Lösung es mit dem Lenker gibt.

Ich muss heute erst mal die Nacht gut überstehen, und das Ganze verdauen…

4 Kommentare

  1. Mehr als ärgerlich, aber Hauptsache es geht dir gut.

  2. Hallo Guido , Riesenpech und doch Glück im Unglück.
    Genau so ist das richtig: bloß immer nach vorne schauen—oder wie Jens Voigt mal gesagt hat : Man muss nur so lange auf sein Glück einprügeln , bis es nachgibt !
    Find ich super… hoffe du auch.
    Herzliche Grüße und gute Besserung wünschen Bela und Jürgen

  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    • Hallo Mariano, hallo Jürgen, danke für die Besserungswünsche! Ja ist ärgerlich, und momentan bin ich etwas frustriert weil ich nicht weiterfahren kann. Aber mir ist das große Glück, so einen Sturz bei 70km/h so glimpflich zu überstehen, schon bewusst.

      Der Spruch vom Jens Voigt gefällt mir sehr gut, den kannte ich noch nicht. Ich werde mal sehen was ich für mich daraus ziehen kann:)