Peakbreak 2012 – 7. Etappe

Die heutige Etappe erlebe ich also aus der Sicht der Betreuer im Begleitfahrzeug. Am morgendlichen Ablauf ändert sich wenig, ich esse auch beim Frühstück als müsste ich fahren und lade dann mein Rad in den VW Bus. Sonja, die Freundin eines Fahrers macht Begleitung und Betreuung für ihn und drei weitere Radfahrer.

So fahren wir kurz vor dem Start voraus nach Mittersill. Dort muss ich noch kurz auf der Polizei das Unfallprotokoll von gestern unterschreiben. Dann geht es nach einem kurzen Verfahrer vorbei am Zeller See über Saalfelden hoch zum Dienter Sattel.

Mittlerweile hat es angefangen zu regnen, nicht so das richtige Radfahrwetter. Kann mir heute aber egal sein, ich sitze ja im warmen Bus noch dazu mit charmanter Begleitung. So rede ich mir das schön, denn eigentlich ist es schon sehr frustrierend, dass ich heute nicht fahren kann, und außerdem bin ich natürlich damit aus der Gesamtwertung raus, ein Finishen des Peakbreak ist für mich also nicht mehr möglich.

Als wir am Dienter Sattel ankommen schüttet es wie aus Eimern, dass wird ein harter Tag heute für die Jungs. Dabei haben die noch Glück, denn heute sind es hier immerhin 10° C, gestern waren es aber nur 2° wie die Gastwirtin berichtet während wir ihren extrem leckeren frischen, noch warmen Topfenkuchen genießen.

Aber dann müssen wir auch schon raus in den Regen, denn die ersten Radfahrer kommen vorbei. Immer wieder erstaunlich wie schnell die Spitzengruppe ist, aber auch das Mittelfeld ist gar nicht soo viel langsamer als unser VW-Bus…

Es stellt sich heraus, dass sich ein Teil der von Sonja betreuten Fahrer verfahren hat. Sehr ärgerlich, und ich kann das natürlich nach meinen Erlebnissen beim Schweizer Radmarathon gut nachvollziehen. Die Jungs holen sich Regenjacke und Gel usw. und stürzen sich dann gleich in die Abfahrt, die bei Nässe und Kälte einiges abverlangt.

Wir fahren weiter mit dem VW-Bus, jetzt irgendwo zwischen Spitzengruppe und Mittelfeld. Hochinteressant ist die Perspektive aus dem Bus, wenn man die Radfahrer beobachtet. Immerhin eine Erfahrung, die ich so gewinne, wenn ich schon nicht selbst fahren kann. Zwischendurch bin ich sogar froh, dass ich nicht fahren muss, denn es schüttet wirklich wie aus Eimern und das mittlerweile schon über Stunden.

Aus dem Bus heraus die Abfahrt im Regen zu beobachten ist schon interessant, dabei kann ich fast genau fühlen wie die klammen Finger im Fahrtwind und peitschenden Regen eiskalt werden, wie das Wasser ins Gesicht spritzt, das Gefühl der völlig durchnässten Radschuhe und ich spüre förmlich die kalten Füße.

Noch bin ich irgenwie mental im Rennen. Immer wieder blitzt aber auch mein heftiger Sturz kurz durch die Gedanken, der Moment als ich realisiere, dass ich definitiv stürzen werde und gleich mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit auf den Asphalt knallen werde. Dann weiß ich, dass ich eben nicht mehr im Rennen bin.
Aber zunächst lenkt mich das Rennen und die Schwierigkeiten der heutigen Etappe von diesen Gedanken wieder ab. Da durch den Regen die Bodenmarkierungen teils schlecht zu sehen sind, oder gar ganz weggeschwemmt werden, kommt es in den kniffligen Passagen zu regelrechten Schnitzeljagden. An einer Stelle fahren wir sogar zurück und winken zumindest einen Teil der eher weiter vorne fahrendenden Radler in den richtigen Abweig. Dann müssen wir aber weiter, da wir ja vor unseren Fahrern an der nächsten Aidstation sein wollen.

Dort kommt dann aber nur einer an, da die anderen nicht den richtigen Abzweig getroffen haben. Dadurch  kürzen sie sogar etwas ab, und gleichen so etwas den Umweg vom ersten Verfahren wieder aus.

Danach machen wir uns direkt auf ins Ziel. Dabei kann ich genau nachempfinden wie sich der Anstieg nach Obertauern anfühlen muss, denn immer wieder scheint man oben zu sein und nach der Kurve kommt statt der Anhöhe nur eine weitere Steigung. Dabei kämpfen die Fahrer mittlerweile schon stundenlang in strömendem Regen, und maximal mit Regenjacke, aber praktisch alle in kurzen Handschuhen und auch sonst eher Rennmäßig leicht bekleidet.

Selbst die Abfahrt hinunter ins Etappenziel St. Michael zieht sich im VW-Bus elend lange, kann aber sein, dass man das auf dem Rad anders empfindet.

Schließlich erwarten wir im Ziel die ankommenden Fahrer. Und hier zeigt sich, welche emotionale Tiefe in so einer Veranstaltung steckt, wenn sich die Teilnehmer bei widrigen Bedingungen bis ins Ziel kämpfen, und dann erschöpft und vor Kälte zitternd, kaum dass sie vom Rad runterkommen, im Ziel stehen, von den dort wartenden mit Zuspruch, wärmenden Decken und heißem Tee empfangen werden.

Zwischen gut fünf und über sieben Stunden haben sich die Fahrer über 178 Kilometer durch den strömenden Regen und die Kälte gequält. Jetzt stehen sie zitternd im Ziel. Und so seltsam es klingt, gerade jetzt bin ich extrem frustriert und traurig, dass ich nicht dabei war. Auch wenn ich mich für jeden Fahrer freue der im Ziel ankommt, so spüre ich doch, welch emotional tiefes Erlebnis, welche Erleichterung bei der Zielankunft, welche Befriedigung es geschafft zu haben mir hier heute entgeht.

Ich kann nicht länger im Zielbereich bleiben. Ich genehmige mir ein, irgendwie unverdientes, Essen. Seit dem Sturz habe ich sehr großen Hunger, vielleicht braucht der Körper Nährstoffe um alles wieder in Ordnung zu bringen…

Dann gehe ich zum örtlichen Arzt und lasse den Verband an den schlimmsten Stellen erneuern. Anschließend geht es zur Pastaparty. Die Hoffnung morgen zu fahren ist dahin. Der Arzt hat da einen klaren Standpunkt. Und auch wenn ich dazu neige die Standpunkte anderer auch mal zu ignorieren wenn es mir nicht in den Kram passt, so sagt mein Körper doch nein!

Ich würde schon durchkommen, aber die Verstauchungen der linken Hand und der Finger rechts werden bestimmt nicht besser dadurch. Vor allem aber sind die Abschürfungen doch sehr großflächig. Die Infektionsgefahr ist viel zu groß, ein erneuter Sturz wäre ein Desaster. Mit anderen Worten es wäre dumm das zu tun. Was nicht heißt, dass ich es nicht doch machen würde, aber der Verstand siegt über den unkontrollierten „Put me back on my bike“ Impuls.

Bei der Pastaparty steigt der Frust aber. Obwohl alle sehr, sehr nett sind, und sich nach meinem Befinden erkundigen, fühle ich mich als wäre ich von einem fahrenden Zug gefallen, und der Zug führe ohne mich weiter.

Zwei weitere Fahrer hat es heute erwischt, darunter der älteste Teilnehmer mit 74! Jahren. Der hat mir übrigens mit seiner stoischen Art und vor allem mit seiner beeindruckenden Leistung sehr imponiert. Irgendwie gibt mir das Hoffnung, doch noch nicht „zu alt“ für solche Herrausforderungen zu sein. Vielleicht habe ich doch noch etwas mehr Zeit meine Pläne und Wünsche umzusetzen.

Anyway, ich verabschiede mich früh von der Veranstaltung, ich will einfach nur alleine sein, meinen Frust irgendwie verarbeiten. Ich gehe sehr früh ins Bett und schreibe noch den Eintrag fürs Blog vom heutigen Tag. Dabei markiere ich aus Versehen mit meinen lädierten Fingern den ganzen Text und lösche ihn, genau in dem Moment indem Blogger automatisch speichert… Das ist zuviel, alles weg. Da hilft jetzt auch kein Hemmingway (der neue Text war sowieso viel besser), ich klappe wütend und frustriert das Laptop zu, gebe mich noch einen Moment der Depression hin, mit Gedanken an den verpassten Kampf und Triumph heute, dem Sturz, dem nicht gefahrenen Kitzbühler Horn, und dem verpassten Erlebnis der Schlussetappe mit Zieleinlauf und Finishergefühl. Dann kommt endlich der Schmerz von den Abschürfungen und lenkt mich ab bis ich ziemlich zerstört einschlafe.

[Text eingestellt am 15.07.2012]

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