Peakbreak 2013 Etappe 6

Die heutige Etappe ist definitiv nicht wie die anderen. Für mich hat sie eine ganz besondere Bedeutung, da ich letztes Jahr genau auf der 6. Etappe kurz vor dem Kitzbüheler Horn heftig gestürzt bin.

Auch wenn ich es mir zunächst nicht eingestehen will, so ist mir doch etwas mulmig, und ich hoffe heil am Horn anzukommen. Als dann der erste Blick aus dem Fenster eine regennasse Straße zeigt wird das Gefühl nicht wirklich besser.
Ich verzichte trotzdem auf die Regenjacke, denn es regnet momentan nicht und an den elend steilen Anstiegen des Kitzbüheler Horns zählt jedes Gramm. Deshalb nehme ich diesmal auch die Kamera nicht mit.
Als wir dann in der Startaufstellung stehen fängt es wieder an zu regnen. Abfahrten im Regen sind nicht so dass worauf ich wirklich stehe, aber Radsport findet nun mal draußen statt. Zur Begeisterung des gesamten Feldes kommt aber genau in dem Moment als Tom das Startauto anwirft die Sonne raus, und es gibt ordentlich Beifall.
Schon die ersten zweihundert Meter sind etwas heikel, da wir über einen kleinen aber steilen Hügel bei regennasser Fahrbahn drüber müssen, aber auf dieser Miniabfahrt hinter dem Führungsfahrzeug fahren alle ganz diszipliniert.
Schon recht direkt nachdem wir aus Bischofshofen rausfahren wird der Start freigegeben. Der Schlachtplan für heute lautet, an der Spitzengruppe dranbleiben bis möglichst zum Filzensattel, in der Abfahrt dort nicht zuviel verlieren und dann eine Gruppe finden in der ich bis ans Horn komme.
Den versuche ich auch umzusetzen, d.h. in dem anfangs ja recht moderaten Anstieg schon ordentlich reinhauen, damit ich dranbleiben kann. Das klappt auch recht lange ganz gut, aber als es etwas steiler wird zieht sich das Ganze doch etwas auseinander.
Ich bewege mich mit den üblichen Verdächtigen in einem größeren Feld, wie groß die Gruppe ist, weiß ich aber nicht, da ich überhaupt nicht nach hinten schaue. Ein bisschen Sorge mache ich mir schon, dass ich vielleicht zu viel Körner investiere und nachher am Kitzbüheler Horn leiden werde, aber der Plan steht und ich versuche ihn irgendwie umzusetzen.
Vorne hat sich nun schon eine kleine Gruppe abgesetzt, aber die Jungs haben Pech. Denn an der Baustelle wo ich gestern bergab halten musste, stehen die an der roten Ampel als wir ankommen. Wir sind noch nicht ganz dran, als die Ampel umspringt auf Grün. Jetzt heißt es powern, damit wir auch noch bei grün durchkommen, noch 15 Meter, ich haue rein was geht, die anderen wohl auch, noch weniger als 10 Meter, die Ampel fängt an zu blinken, ich feuere uns an, „ die schaffen wir noch“ und gebe wirklich hundert Prozent, so dass es weh tut, und genau in dem Moment als die Ampel umspringt, haben wir sie passiert, man das war knapp.
Es kommen allerdings noch einige weitere drüber, offensichtlich mag keiner die Gruppe verlieren…
Das hat ganz schön in die Beine gehauen, jetzt erst mal wieder etwas runterfahren, aber geht dann irgendwie auch nicht, denn die Spitzengruppe ist nicht weit vor uns, und natürlich versuchen wir ranzufahren. Eigentlich klettern die momentan nicht schneller.
So bleiben die Abstände relativ konstant. Bei uns fällt immer mal einer aus der losen Gruppe raus, und vorne scheinen auch zwei Fahrer etwas den Anschluss zu verlieren. Auf die schließen wir mit vier, fünf Leuten auf.
Auch in der Zwischenabfahrt vom Dienter Sattel verliere ich nicht viel, die ist recht gut zu fahren, allerdings ist die Straße an vielen Stellen nass, ich fahre da recht vorsichtig, aber kein Problem, der Anstieg zum Filzensattel ist nicht weit und dort bin ich schnell wieder in der kleinen Gruppe drin.
Auch der Abstand nach vorne ist nicht so riesig, aber einholen können wir die nicht mehr. Der Anstieg ist dann nicht mehr so lange, das Wattmeter zeigt beim Klettern schon meist 300+ Watt, ich hoffe, dass kann ich über die Etappe halten.
Die Abfahrt ist zunächst gut zu fahren, und dann haben wir wieder Glück, oder vielmehr die Spitzengruppe Pech, denn die stehen doch tatsächlich an der zweiten Baustelle schon wieder bei Rot an der Ampel. So schließen einige Fahrer auf, und wir sind dann eine Gruppe von gut zwanzig Leuten.
Als es weitergeht verliere ich in der Abfahrt ein bisschen den Anschluss, es ist teils ziemlich nass, ich riskiere gar nichts, so dass unten ein Großteil der Gruppe bestimmt 500 Meter weg ist. Allerdings müssten hinter mir auch noch welche sein.
Zunächst sehe ich aber niemand und fahre so mit 260 bis 280 Watt, jetzt leicht bergab. Dann kommt aber Torsten von hinten und wir fahren zu zweit, immerhin.
Noch bevor ich aber überhaupt in den Genuss von Führungsarbeit komme sehen wir überraschenderweise die Spitzengruppe vor uns. Irgendwie bummeln die, oder taktieren, oder was auch immer. Da uns freundliche Autofahrer auch noch etwas Platz machen, können wir aufschließen und in die Gruppe reinfahren. Man wie geil, jetzt heißt es bis zum Kitzbüheler Horn dranbleiben und dann schauen was noch an Körnern übrig ist.
In der Abfahrt hatte ich eine Flasche verloren, was mich etwas ärgert, aber das Wetter ist heute recht wechselhaft. Zwischendurch schien mal die Sonne, dann regnet es ein bisschen, momentan ist es trocken, aber saukalt. Ich friere etwas.
Die Gruppe fährt manchmal recht langsam, dann geht es wieder ab, da ich ziemlich hinten fahre schwankt der Einsatz von voller Power um dranzubleiben bis locker die Beine hängen lassen und rollen. Ich weiß, dass ich damit ziemlich gut umgehen kann, aber die intensiven Phasen nerven trotzdem etwas.
Dann scheint sich aber eine Gruppe von wohl vier Leuten vorne abzusetzen. Dadurch hört das Taktieren auf und die Gruppe läuft gleichmäßiger. Ich kann sogar mit Torsten etwas plaudern.
Dunkle Wolken hängen vor uns am Berg, und ich glaube es war keine gute Entscheidung auf die Wechselklamotten für’s Kitzbüheler Horn zu verzichten. Ich hatte auf Sonne zum Mittag hin gesetzt, jetzt sieht es nach allem anderen aus.
Die Strecke ist super zu fahren, der zweite Anstieg des Tages ist sanft, so dass wir ordentliches Tempo in der Gruppe haben. Ich fahre auch mal nach vorne, aber meist bin ich eher hinten, die Führungsarbeit machen andere.
Auch die Abfahrt hinunter bis St. Johann i. T. ist, bis auf ein kurzes 9% Stück, eher moderat. Es läuft also bis jetzt wirklich super. Nur das Damoklesschwert Kitzbüheler Horn schwebt natürlich über uns.
Dann plötzlich nicht weit vor mir ein Sturz, ein Fahrer kommt irgendwie zu Fall und geht über den Lenker, ein anderer fährt drauf und stürzt auch, gerade können wir noch ausweichen, sehr knapp. Im Augenwinkel sieht es so aus, als ob beide aufstehen und weiterfahren können, aber die Gruppe ist für die natürlich futsch (später erfahre ich, dass einer der beiden auf die Schulter gestürzt ist und zur Untersuchung ins Krankenhaus musste)
Ein kurzer Schreckmoment, der deutlich macht, dass ich das Kitzbüheler Horn noch lange nicht erreicht habe. Es arbeitet in mir, aber schnell kann ich mich wieder auf die Hatz zum Horn konzentrieren.
An der Verpflegungsstation muss es schnell gehen, so dass ich nur eine Flasche aufnehmen kann (natürlich das etwas eklig schmeckende Apfelsaft/Salz Gemisch). Da ich ja schon eine Flasche verloren hatte, wird das wohl am Horn nachher eng werden, aber ändern kann ich erst mal nichts.
Dann haben wir St. Johann erreicht, es ist also nicht mehr allzuweit, da verliert einer nach einem Kreisel eine Trinkflasche und die rollt mir direkt vors Rad, zum Ausweichen oder Springen zu spät, ich fahre mit dem Vorderrad drauf, aber zum Glück ist die Flasche nicht ganz voll, so dass sie sich zusammenquetscht, mir zwar etwas das Vorderrad verreißt, aber dann wegspringt, ich kann das Rad gerade noch halten. Man war das knapp. Dieses verdammte Kitzbüheler Horn will mich offensichtlich nicht haben. Ich bin gar nicht so sehr erschrocken, als vielmehr wütend. So einfach lasse ich mich nicht mehr abschütteln, dem Mistberg werde ich es schon noch geben.
Das ist natürlich leicht gedacht, wenn man noch schön im Flachen mit der Gruppe rollt. Aber das hört jetzt bald auf, denn über kleinere Wege fahren wir jetzt etwas verwinkelt durch Wiesen zum Fuß des Anstiegs. Schon hier zieht es sich etwas auseinander, was aber kein Problem ist, denn gleich wird es böse steil und jeder wird zusehen wie er da hoch kommt.
In einer letzten kleinen Abfahrt hinunter zur eigentlichen Straße hinauf auf’s Horn verschätze ich mich nochmal und muss in einer Kurve geradeaus fahren, aber dann ist der erste Kampf gewonnen, ich bin am Fuße der Steigung, passiere das 7 Kilometer Schild und den Stoppautomaten.
Ein Ticket ziehe ich natürlich nicht, aber auf dem Radcomputer drücke ich eine Runde ab, meine Zeit möchte ja schon gerne wissen…
Der Weg hierher war holprig, und ein Jahr musste ich jetzt warten um mich hier quälen zu dürfen, aber jetzt scheint die Sonne und ich stelle den Motor auf gut 300 Watt, meist etwas mehr. Vor den steilen Stücken habe ich einen enormen Respekt und hoffe, dass es nicht so brutal wird wie am Monte Zoncolan. Auch die Konstanz der Steigung hat mich beim Studium des Höhenprofils beeindruckt. Jetzt heißt es durchhalten.
Die Sonne, über die ich mich eben noch gefreut habe, geht mir schon nach drei Kehren auf den Keks, denn es ist zu warm, und ich habe nur noch einen kleinen Rest in meiner Trinkflasche. Das reicht niemals. Bei der Steigung kann das mit den 7 Kilometern auch durchaus eine Stunde dauern. Egal, kurbeln und hoffen, muss ich halt schneller fahren, und bevor ich durstig werde oben sein.
Zunächst geht es wirklich erstaunlich gut. Die Steigung ist beeindruckend, aber noch nicht brutal. Auch nicht ganz so konstant wie erwartet. Die Gletscherstraße in Soelden, hinauf zum Rettenbachferner scheint mir da heftiger zu sein.
Allerdings wird es immer wieder sehr steil, deutlich steiler als 13%. Aber irgendwie kriege ich es ganz gut hin. Das 6 Kilometer Schild kommt noch recht schnell, das 5 Kilometer Schild lässt auf sich warten, aber geht noch. Die Sonne knallt jetzt doch etwas, dann gibt es aber eine etwas kühlere Passage durch den Wald.
Ich weiß nicht ob es an der Uhrzeit liegt, aber es ist kaum Verkehr. Sehr gut. An der Mautstation war für uns die Schranke natürlich sowieso offen.
Es kommen tatsächlich auch mal Abschnitte die etwas flacher sind, aber nicht wirklich lange, aber hochschalten tue ich trotzdem. Wenn ich im Steilen fahre trete ich so 300 bis 320 Watt, die Trittfrequenz sinkt aber öfter deutlich unter 70. In den sausteilen Abschnitten schaffe ich es nicht auf den Radcomputer zu schauen.
Die 4 Kilometer Marke ist passiert, und ich habe noch genau einen halben Schluck Wasser. Und ich habe Durst. Weiterkurbeln!
Ein Fahrer der unten so 50 Meter hinter mir war hat mich eingeholt, ich habe zwei oder drei überholen können, und ein paar Fahrer kann ich vor mir sehen. Allerdings nehme ich die nicht als Ziel, es ist mehr so, das jeder einfach kämpft so gut er kann um überhaupt ordentlich hochzukommen.
Als ich aber Joerns weiß blaues Pasculli ein zwei Kehren über mir leuchten sehe, spornt mich das doch nochmal etwas an. Aber ich fürchte mich auch vor den noch steileren Stücken, die ja ziemlich oben erst kommen.
Noch weniger als 3 Kilometer, ich sauge an der leeren Flasche um noch einen Hauch Feuchtigkeit rauszuziehen. Mehr ein psychologischer Effekt als tatsächlich Aufnahme von Flüssigkeit. Aber die Beine bringen noch ihre Leistung. Die paar hundert Meter werde ich wohl auch ohne Wasser schaffen. Bilder von frisch geschnittenen Melonen und Orangen stehen vor meinem geistigen Auge.
Jetzt wird es richtig hart, ein Schild erzählt was von 17,9% Steigung, ich will’s gar nicht wissen. Joern habe ich eingeholt, den Fahrer der mich überholt habe ich auch wieder, so langsam glaube ich, dass ich das Ding gut schaffen kann.
Noch gut 1 Kilometer, ein paar Fußgänger feuern an, tut gut, irgendwas bös steiles ist da noch, Wiegetritt, irgendwie hochgestampft, nur noch wenige Serpentinen, ich kann die führende Frau sehen, einmal möchte ich die doch schlagen, auch wenn die wirklich saustark fährt. Ich komme sogar etwas näher, aber nur noch zwei Serpentinen, gleich ist es tatsächlich geschafft, ich kann den Zielbogen sehen, in der letzten Kehre steht ein Rennradfahrer und feuert an „noch 300 Meter“, die Beine gehen immer noch, vom Ziel gibt es Anfeuerung, ich haue nochmal richtig rein, die Caroline kriege ich nicht mehr, aber ich bin im Ziel, was für ein saugutes Gefühl, nach dem Desaster letztes Jahr so gut hier hochgekommen zu sein.
Im Ziel klatscht mich Tom ab, „die Rechnung beglichen“, und er hat sowas von Recht, auch wenn ich während des Anstiegs nicht daran gedacht habe. Dem verdammten Kitzbüheler Horn habe ich es gegeben.
Nach ein paar Minuten, und frischen Melonen und Orangen komme ich wieder etwas runter. Total zufrieden genieße ich die Stimmung im Zielbereich, jeder Ankömmling wird mit Beifall empfangen. Man tauscht sich aus über den Verlauf der Etappe und freut sich zusammen, dass man das Kitzbüheler Horn bezwungen hat. Geil.

Ich gönne mir im Alpenhaus erst mal eine Knödelsuppe und später auch noch einen Germknödel. Es dauert etwas bis die Klamotten wieder trocken sind, aber nachdem es kurz nach Zieleinfahrt etwas kühl wurde scheint auch immer wieder die Sonne, so dass ich zur Abfahrt zum Shuttlebus wieder trocken bin. Und einen Moment genieße ich natürlich auch die schöne Aussicht.

Bei der Abfahrt verbrauche ich gefühlt einen Satz Bremsbeläge, aber das ist mir jetzt auch wurscht. Der Tag war einfach super. Die für mich sehr gute Etappenplatzierung hing natürlich mit den Ampelschaltungen zusammen, sonst hätte ich niemals die Spitzengruppe gehalten. Aber am Kitzbüheler Horn lief es auch richtig gut und noch fühlen sich die Beine super an.
Allerdings kann ich mir vorstellen, dass sich das morgen bei der sehr langen Etappe mit drei Anstiegen, zwei davon recht ordentlich, ändern könnte…

2 Kommentare

  1. Hi Guido,
    es ist kaum fassbar, je länger die Qual, desto tougher der Guido! Heute noch mal 2 Plätze gut gemacht und über eine Stunde Vorsprung auf Platz 25.
    Toi toi toi für die Königsetappe morgen!
    LG Belle und Jörg