Penser Joch die Zweite (Nord/Süd)

Da es auch heute nicht regnen soll, und selbst wenn, die Schneefallgrenze nur knapp unter die 3000 Meter fällt, nehme ich mir das Penser Joch diesmal von beiden Seiten vor. Gestern abend als die Wolkendecke aufgerissen ist, war es angenehm warm, so dass ich beschließe in kurz zu fahren.

Zwar sind es in Bozen nur so knapp unter 10° C, aber nach fünf Minuten Fahrt vom Hotel bin ich schon auf der Straße in Richtung Sarntal, so dass die Anstrengung mich schnell aufwärmt. Denn sobald man an der spektakulär gelegenen Burg Runkelstein vorbei ist geht es steil berghoch.

Auch wenn ich die Strecke von gestern schon kenne, das Tal ist schlicht beeindruckend. Steil fallen die Felswände ab, enge Schluchten öffnen sich, denen man oft durch Tunnel entflieht, und sobald man das schummrige Licht der Tunnel verlässt bietet sich ein neuer spektakulärer Anblick. Burgruinen oder Herrenhäuser auf hohen Felsen, teils bizarre Felsformationen, und auch der Blick steil hinab auf den Talferbach, den man im Verlauf des Anstiegs mehrmals überquert sind einfach unwirklich schön.

Eher nicht so unwirklich ist die Steigung die es zu bewältigen gilt, die ist nämlich sehr real in den Beinen zu spüren, auch wenn ich heute, im Gegensatz zu gestern, noch keine Höhenmeter in den Beinen habe. Meist im zweistelligen Bereich, mit kurzen Spitzen bis 16% und längeren Abschnitten mit 12, 13%. Das Fahren geht allerdings sehr flüssig, denn da ich die Strecke schon kenne, geht es automatisch an den „richtigen“ Stellen in den Wiegetritt, und die Entlastung für den Rücken fällt immer passend mit den sehr steilen Abschnitten zusammen.

Nach 17,5 Kilometern kommt dann der lange zweite Abschnitt dieses Anstiegs. Ab Bundschen (Ponticino) geht die Steigung stark zurück, und über lange Zeit hat man nur niedrige einstellig Steigungsprozente, und in kurzen Abschnitten auch ganz flache oder minimal abschüssige Straße.

Der erste Abschnitt ist für sich selbst genommen eigentlich schon ein vollwertiger Alpenpass in der Kategorie Jaufenpass. Ungefähr so lang, nicht ganz so viel Höhenmeter, aber deutlich steilere Anstiege. Aber hier hat man erst ein Drittel der Strecke bewältigt. Dafür kann man auf dem flacheren Teil der bis zum Ort Pens anhält die Belastung etwas dosieren, und sich ggf. erholen. Während ich gestern hier die Höhenmeter vom Ritten schon sehr gespürt habe, ist das heute aber nicht nötig. Das einzige was mir etwas zu schaffen macht, ist die Temperatur, die jetzt deutlich unter 10° C liegt. Und da man im Flachen Teil natürlich schnell fährt und es trotzdem nicht so anstrengend ist wie in den steilen Passagen, wird mir in den kurzen Klamotten ordentlich kalt. Anhalten um die Beinlinge anzuziehen will ich aber auch nicht, denn diesmal will natürlich durchfahren. Vielleicht schaffe ich es ja unter drei Stunden zu fahren.

Das Tal ist jetzt viel weiter, die Aussichten, die sich bieten nicht mehr so spektakulär, aber da es trocken ist, ist es einfach wunderbares Rennradfahren in den Alpen. Schon gestern ist mir aufgefallen, dass einige Passagen aussehen wie Streckenabschnitte, die ich aus Süd- und Mittelschweden kenne. Allerdings täuscht das optisch etwas, den tatsächlich gewinnt man auch im „flachen“ Teil einige hundert Höhenmeter und verliert insgesamt nur acht.

Nach gut 25, 26 Kilometern ist dann der Ort Pens erreicht, und gleich hinter dem Ortsschild beginnt der Schlussabschnitt, und jetzt geht es nochmal ca. 8,5 Kilometer praktisch konstant im zweistelligen Prozentbereich berghoch. Ob ich unter drei Stunden fahren kann weiß ich nicht, denn bis jetzt hatte ich viel Gegenwind, und auch hier im steilen Schlussabschnitt gibt es immer wieder Wind von vorne.

Ich fühle mich jetzt noch deutlich besser wie gestern. Es gibt ja nur sehr wenig Kehren, und dichter Hochnebel hüllt mittlerweile alles ein, so dass es nicht ganz leicht ist sich zu orientieren, aber ich bin mir eigentlich sicher, dass ich ohne Pause durchkomme. Immerhin ist der Anstieg nochmal zwanzig Kilometer länger wie meine Fahrt zur Passhöhe am Col de l’Iseran letztes Jahr, und er hat über 1900 Höhenmeter. Also auch hier ist „Durchkommen“ kein zu niedrig gestecktes Ziel…

Nachdem die letzte Kehre gefahren ist, sind es immer noch gut zwei Kilometer, und ich kann schon abschätzen, dass es mit der drei Stunden Marke nichts wird. Zwar versuche ich nochmal etwas anzugreifen, aber auch gestern bin ich ja schon über 3200 Höhenmeter gefahren, und da es bis 500 Meter vor der Passhöhe doch noch ordentlich steil ist, kann ich nichts mehr zulegen. Aber egal, je näher ich der Passhöhe, die im Hochnebel verborgen liegt, komme, desto mehr spüre ich dieses schöne Gefühl in mir aufkommen, dass ich mein Ziel bald erreicht habe.

Es ist schon sehr kalt, zwar sind es immerhin so sieben bis acht Grad, aber der recht scharfe Wind kühlt einen doch ordentlich aus. Und dann die letzten Meter, und das Passschild ist erreicht. Ich drücke einem Busfahrer die Kamera in die Hand, und nach kurzem Fachgespräch flüchte ich vor dem Wind in den Gasthof.

Herrlich, lecker Milchcafe und Mittagessen. Den Kaiserschmarrn lasse ich noch weg, den gibt‘ erst auf dem Rückweg von Sterzing, als Belohnung, wenn ich die andere Seite auch noch geschafft habe. Auch wenn es durch den Hochnebel etwas düster aussieht, diesmal werde ich auf jeden Fall die andere Seite runterfahren, nochmal lasse ich mich nicht vom Wetter bluffen.

Als ich auf den Computer schaue fällt mir auf, dass ich die Zeit falsch abgelesen hatte, und ich doch unter drei Stunden gefahren bin. 2:56 h ist eine gute mittlere Zeit für die Südseite des Penser Jochs. Allerdings war ich gar nicht so viel schneller wie gestern, nur dass es sich einfach viel besser angefühlt hat, und ich auch jetzt schneller erholt bin.

Die Wirtin der Alpenrose erkennt mich wieder, da ich gestern so viel gegessen habe, und beim Verabschieden kündige ich meinen Besuch gleich für den obligatorischen Kaiserschmarrn schon mal an.

Die Abfahrt hinunter nach Sterzing läuft gut, und als der Hochnebelbereich durchbrochen ist, scheint sogar die Sonne, und es bieten sich herrliche Anblicke, so dass ich auch zwei Fotostopps mache.

Mit der Temperatur geht es, aber unten angekommen bin ich doch recht kühl, und es kostet etwas Überwindung die Beinlinge und die Regenjacke auszuziehen. Aber ich fahre ja gleich wieder hoch, so dass es schnell wieder warm werden sollte.

Nach einem kurzen weniger steilen Abschnitt, geht es dann steil berghoch. Letzte Woche hatte ich lange geschlafen, und bin dann den Anstieg frisch und erholt gefahren, dieses mal habe ich die gut 3200 Höhenmeter von gestern und die knapp 2000 Höhenmeter von heute morgen in den Knochen, außerdem habe ich die Nacht ganz schlecht geschlafen, so dass ich sehr gespannt bin, wie sich das anfühlen wird.

Es ist ordentlich steil, aber es lässt sich gut fahren. Die Nordseite des Penser Joch lässt aber durch ihre Charakteristik die Frage, ob man es schafft, offen. Will heißen, es ist schon ordentlich anstrengend, und irgendwie verlangt mir das Ding doch ordentlich Respekt ab. Zu allem Überfluss bläst mir heftiger und kalter Gegenwind entgegen, und zwar über den größten Teil des Anstiegs.

Die Kombination von steilem bis sehr steilem Anstieg und ordentlich Gegenwind fordert mich sehr. Ich fahre zwar immer im grünen Bereich, aber habe ständig das „bedrohliche“ Gefühl, dass es eng werden könnte bis zur Passhöhe. Allerdings ist mein Kopf viel freier als gestern, und auch schon die letzen Wochenenden in den Bergen. Und plötzlich macht es „Klick“, und das Fahren wird zum Zustand, ich kann es trotz der starken Anstrengung enorm genießen. Das Bewusstsein in dieser herrlichen Alpenlandschaft zu fahren tritt in den Vordergrund, die spektakulären Ausblicke sind völlig präsent, einfach traumhaft schön, und es ist mir dabei völlig bewusst.

 

Wie schon lange nicht in diesem Sommer tauche ich in dieses fantastische Gefühl. Kein Training, kein Ziel auf das ich hinarbeiten will, kein Pass den ich mir nochmal schön fahren will, einfach nur traumhafte Kulisse, die eben mehr ist als Kulisse, der widerspenstige, steile Berg, für den ich aber auf jeden Fall stark genug bin, die Aussicht auf immer schöner werdende Anblicke, je höher ich komme, mit jedem Meter kommt das Ziel, die Passhöhe näher, dort oben wartet ein leckerer Kaiserschmarrn als Belohnung, und dann eine fünfzig Kilometer lange Abfahrt hinunter ins warme Bozen. Besser kann Radfahren nicht sein.

Die letzen Kilometer sind zwar sehr anstrengend, aber da ich auch weiß, dass das wahrscheinlich die letzten Alpenkilometer für dieses Jahr sind, und die Passhöhe schon zu sehen ist, steigt die getretene Leistung nochmal etwas an, und schließlich komme ich oben an, und freue mich als hätte ich gerade den Ötztaler Radmarathon geschafft.

Nach dem Kaiserschmarrn in der Alpenrose geht es hinunter in die lange Abfahrt nach Bozen. Die versprochene Sonne bleibt zwar aus, aber das ist mir egal, es ist trocken und außer in der Hochnebelzone ist die Sicht sehr gut, so dass die Bedingungen für die Abfahrt sehr gut sind. Trotzdem geht es von der Geschwindigkeit her nicht über hohen 60er Bereich hinaus. Die Laufräder geben bei meinen Abfahrtskünsten nicht mehr her. Fast eineinviertel Stunden dauert die Abfahrt, auch wenn man in dem langen Flachstück ordentlich treten muss, so erreiche ich doch knapp einen fünfziger Schnitt.

Zum Abschluss noch ein letzter Blick auf die Burg Runkelstein, und dann hat nicht nur dieses Wochenende, sonder wohl auch diese Alpensaison einen tollen Abschluss gefunden. Allerdings werde ich das Wort „Saisonabschluss“ nicht mehr unter die Tastatur nehmen…

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