RAAM 2017 Rennbericht Teil 8 – Brutalster Abschnitt des Rennens

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Seltsam, ich weiß nicht genau wo ich mich befinde, eine Gruppe von Menschen, die mir irgendwie vertraut und doch fremd vorkommen starrt mich etwas erstaunt an. Was zum Teufel ist hier los? Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Ich bin sehr müde, aber ich soll jetzt aufstehen. Ich stehe doch schon oder?

Olli spricht auf mich ein. Jaja, aufstehen, ich soll radfahren. Mit schweren Gliedern schleppe ich mich in das kleine Wohnmobilbad. Die da draußen sind mir schon etwas suspekt. Ich mag es nicht, dass die mich jetzt auf‘s Fahrrad setzen wollen. Ich bin etwas misstrauisch.

Plötzlich schaffe ich den Sprung aus meinem Traum in die Realität. Ja, verdammt ich bin im RAAM, ich hatte Schlafpause, ich bin unglaublich müde, muss aber weiterfahren. Klar.

Die Crew bemerkt den Übergang nicht. Die waren etwas schockiert, dass ich nach dem „Aufwachen“ noch in meinem Traum gefangen war und nicht wirklich sinnvoll mit ihnen kommuniziert habe. Jetzt wo ich zurück bin in der Realität und meine Situation mit sarkastischen Worten kommentiere denken sie immer noch ich rede wirr.

Das merke ich aber immerhin und versuche normal „vernünftig“ zu reden. Fühle mich aber extrem gerädert. Das ist der harte Teil des Rennens, das Schlafbedürfnis zu ignorieren und auf‘s Fahrrad zu steigen. Aber alle im WoMo gehen behutsam mit mir um, bzw. da wo nötig auch mal etwas fordernder, so dass ich letztlich den Weg auf‘s Rad finde. Ich fahre mit dem Cannondale weiter.

Die Strecke ist schön, der Asphalt gut, noch lässt sich die Morgendämmerung nur erahnen. Beim Aufsteigen schmerzt die Sitzfläche aber schon. Beim Fahren dann richtig böse. Verdammt. Es geht bergab und die Strecke ist eigentlich gut. Aber nach kurzer Zeit halte ich recht spontan an. Die Followcarcrew versucht mich noch zu überzeugen, dass hier kein guter Platz zum anhalten ist. Aber ohne Erfolg. Ich will das Fahrrad wechseln und zwar sofort. Ich muss mich eine Weile auf dem Infinity Sattel erholen, bzw. die Sitzfläche entlasten.

Durch meine Spontanität verursache ich etwas Hektik im Followcar. Ich nehme mein Rad und schiebe es hinter das Auto, Meike versucht mich davon zu überzeugen vor dem Auto stehen zu bleiben. Ich will aber, dass wir möglichst wenig Zeit verlieren. Außerdem sind wir hier in der Morgendämmerung mutterseelenalleine, was soll‘s also.

Während die Crew noch das Licht ans andere Fahrrad baut, kommt dann doch ein Fahrzeug vorbei und hält an. Heraus steigt der Official von gestern abend. Ich muss sofort vor das Followcar, was ich nur widerwillig einsehen will, zum Glück schiebt mich jemand aus der Crew nach vorne.

Außerdem steht das Auto nicht die vorgeschriebenen 1,5 Meter von der Fahrbahnbegrenzung weg. Sondern nur 1,2 Meter. Oje, hier ist keine Sau, also überhaupt keine Gefahr für irgendwas, und der Official tut so als wären wir alle gerade in Lebensgefahr. (Nebenbei bemerkt hat er sein Auto auf der Straße geparkt und hüpft ohne Reflexweste auf der Fahrbahn herum…) Man könnte hier einen Grill mitten auf die Straße stellen und das Fleisch wäre fertig bevor das nächste einsame Auto vorbeikommt. Aber er hat natürlich trotzdem recht.

So langsam dämmert mir, dass ich gerade Chaos verursacht habe weil ich nicht auf meine Followcar Crew gehört habe und wir uns deswegen ein Penalty einfangen könnten. Dabei habe ich selbst, vor dem Rennen und in allen Besprechungen, immer betont, dass wir uns strikt an alle Regeln halten, und zwar haargenau.

Aber selbst der Official, der seinen Job wirklich sehr ernst nimmt sieht ein, dass für die 15-20cm ein Penalty wohl etwas übertrieben wäre. So kommen wir mit einer Verwarnung davon. Trotzdem blöd.

Ich sitze nun aber auf dem Roubaix mit dem Infinity Sattel. So kann ich die Druckpunkte etwas entlasten. Dafür gibt es da einen anderen Druckpunkt, aber der ist ja vorher von dem anderen Sattel nicht belastet worden, so dass die Sitzfläche sich tatsächlich erholen kann.

Es läuft dann auch zunächst einigermaßen gut. Yates Center ist irgendwie ein komischer Name für einen Ort, für mich klingt das wie „Dorfgemeinschaftshaus“. Den gleichen Gedanken hatte ich schon 2014. Anyway, um halb fünf Uhr morgens fahren wir durch und gleich weiter. Ich will nur noch aus Kansas raus, dieser Bundesstaat scheint irgendwie nicht aufzuhören.

Ich habe wieder auf das Cannondale gewechselt, die Straße ist jetzt gut und ich fahre wieder ganz ordentlich. Die Landschaft ist nun etwas abwechslungsreicher als zuvor, dafür gibt es auch etwas auf und ab, aber letztlich alles noch ohne Aufwand zu fahren. An diesen Abschnitt kann ich mich gut erinnern, weil es 2014 hier eine Diskussion zwischen Olli und Oli über die Streckenführung gab, da GPX-Track und Roadbook voneinander abwichen. Diesmal ist aber alles eindeutig und ich versuche Pattinson und Baloh etwas zu jagen.

Das Bein macht zunächst ganz gut mit. Aber die Strecke schein unendlich lang. Vor allem wird sie welliger.

So langsam spüre ich aber, dass die Schlafpause nicht so gut war wie erhofft, und dass die Energie etwas nachlässt. Wir fahren über einen recht verkehrsreichen Abschnitt der 54 und die Straßen erscheinen mir auf einmal endlos.

Und nun fahre ich auch nicht mehr wirklich schmerzfrei. Und mit jeder Stunde wird es unangenehmer im rechten Bein.

Momentan scheint es ich muss mich eher gegen Brian Toone nach hinten verteidigen, als dass ich Baloh und Pattinson angreifen kann. Aber ich bin eh sehr mit mir selbst beschäftigt. Richtig gut läuft es nicht. Ich gurke ziemlich dahin, bin nach einer Weile nicht mehr sonderlich schnell und das Bein tut weh. Ich möchte gerne anhalten und absteigen. Ich jammere etwas auf dem Rad, aber die Followcarcrew sagt, das Wohnmobil ist noch weit weg und zwei TS vorgefahren.

Mist. Ich frage Meike ob sie sich nochmal um mein Knie kümmern kann, aber ich werde vertröstet. Eine Weile kämpfe ich mich mehr schlecht als recht vorwärts, diskutiere nochmal ergebnislos mit dem Followcar und halte dann einfach an. Ich brauche eine Behandlung für das rechte Bein. Richtig glücklich ist die Crew nicht über meinen spontanen Stopp. Und es bleibt nicht der einzige.

Der verkehrsreiche Abschnitt ist vorbei eigentlich ließe es sich hier ganz gut fahren, aber nach einer Weile fange ich wieder an mit der Crew zu diskutieren, meinem Bein geht es nicht gut, Radfahren tut weh, ich will stehen bleiben. Über Funk höre ich, dass ich durchhalten soll, da es jetzt gerade keine Möglichkeit gibt stehen zu bleiben. Mache ich aber nicht, sondern bleibe einfach stehen. Ich komme gerade noch aus den Klickpedalen, am Straßenrand, der ja viel zu schmal ist um hier anzuhalten, geht es schräg abwärts in einen kleinen Graben. Ich schaffe es nicht stehenzubleiben und kippe langsam zur Seite. Fahrer und Rad purzeln in den Graben und ich bleibe auf dem Rücken liegen, Beine und Hände in die Luft gestreckt.

Da der Graben recht eng ist, kann ich mich nicht befreien und auch nicht aufstehen, so liege ich da wie ein Käfer auf dem Rücken, alle Viere nach oben gestreckt, lächerlich hilflos. Die Crew im Followcar ist natürlich erschrocken, Chris ist aus dem Auto gesprungen und hilft mir jetzt aus dem Graben.

Ich bin etwas sauer, hauptsächlich auf mich selbst, aber ich rede mir ein, dass die Crew mich mit der Entfernung zum WoMo etwas getäuscht hat und bin misstrauisch, die Irrationalität meiner Gedanken ist mir nicht bewusst.

Ich werde wieder auf das Rad gehievt, versuche deutlich zu machen, dass ich nicht gestürzt bin, sondern schlicht wegen dem Graben umgekippt bin. Natürlich hat meine allgemeine Schwächephase nicht dazu beigetragen das zu verhindern, aber alles nix Schlimmes, noch bin ich wach genug zum Fahren. Ich bin etwas beleidigt und habe nicht recht Lust auf Kommunikation über Funk, stattdessen fahre ich einfach leicht wütend drauf los.

Interessanterweise geht es dann eigentlich ganz gut vorwärts. So komme ich nach etwas mehr als vier weiteren Stunden nach Fort Scott. Plötzlich stehen da Leute mit einer wehenden Deutschlandfahne am Straßenrand feuern mich an. Es dauert einen Moment bis es Klick macht, dann kapiere ich, dass ja hier die TS 30 ist und die Ashwills hier wohnen. Ich schaffe es gerade noch Adam „die Five zu geben“. Es wäre bestimmt klasse hier anzuhalten und mit dieser RAAM verrückten Familie etwas zu quatschen. Aber gerade läuft es ja irgendwie ganz brauchbar, deshalb fahre ich natürlich weiter.

Letztes Jahr als Stefan verletzungsbedingt aufgeben musste haben die Ashwills dem gesamten Team ihre Gastfreundschaft angedeihen lassen und den psychologischen Nackenschlag, den es sicher für das gesamte Team bedeutet hat etwas abgemildert. Die Ashwills gehören mittlerweile wirklich zum RAAM dazu. Und jeder Fahrer und jede Crew wird von ihnen wirklich toll unterstützt.

Oli hatte sich schon 2014 mit ihnen angefreundet und kann die Freundschaft dieses Jahr vertiefen, Saron war ja letztes Jahr mit Stefan hier und hat wohl sogar dort übernachtet. Sehr cool.

Ich muss jetzt allerdings die Freude darüber Kansas endlich zu verlassen mit etwas hügeligem Gelände und erhöhtem Verkehrsaufkommen bezahlen. Während an der letzten TS Pattinson und Baloh noch so drei Stunden vor mir lagen, haben wir an TS 30 Pattinson überholt. Der scheint einen etwas anderen Schlafrhythmus zu haben. Im Detail interessiert es mich allerdings immer noch nicht. Erst wenn wir den Missisippi erreicht haben wir das interessanter, aber dafür müssen wir jetzt erst mal Missouri durchqueren.

Die Straße,bzw. das Gelände repräsentiert nun idealtypisch das, was man im amerikanischen als „Roller“ (Roouler gesprochen) bezeichnet. Sieht auf Fotos cool aus, ist zum Fahren aber durchaus ätzend, je nach momentaner Form. Man sammelt während des RAAM enorm viele Höhenmeter auf genau solchen Straßen. Das fängt in Kansas schon an, zieht sich durch bis Ohio in unterschiedlicher Quantität und Qualität der Roller.

Die nächsten Etappen bewältige ich aber eigentlich ganz gut. Die Abstände zwischen den Timestations liegt so bei 50 bis 60 Meilen, das nächste große Ziel ist erst mal der Missisippi River. Bis dahin zieht es sich natürlich viel länger als man denkt, aber zunächst passiere ich Weaubleau und Camdenton. Auch Jefferson City erreiche ich flott. Dabei kann ich von Timestation zu Timestation mein Tempo steigern. Es läuft jetzt wirklich recht gut. Das Knie hatten wir noch einmal behandelt, dann aber aufgehört damit und mittlerweile komme ich gut mit dem Restschmerz zurecht. Das rechte Bein hat sich wieder regeneriert. Die medizinische Abteilung mag mir das nicht glauben und sieht es als Beweis dafür an, dass ich mir den Schmerz wohl eingebildet habe, aber das ist definitiv nicht so. Und vor allem unterschätzen die einfach die Regenerationsfähigkeit des menschlichen Körpers. (machen die meisten Menschen, wer hat aber auch schon die Gelegenheit das unter so extremen Bedingungen zu testen…)

Anyway, durch mein gutes Tempo habe ich nicht nur Brian Toone jetzt wieder deutlich distanziert, sondern liege an der TS 33 in Jefferson City nun erstmals auf Rang drei, knapp vor Pattinson und ein ganzes Stück vor Baloh. Ich will gerade wieder sagen, dass es mir egal ist und erst am Mississippi interessant wird, aber noch zwei TS und wir erreichen den Mississippi…

Ich fahre auch durch Jefferson City durch und will erst an TS 34 halten und Schlafpause machen. Dort ist eine schöne Timestation, die wird von einem coolen Bikeshop betrieben. Revolution Cycles. Macht also durchaus Sinn dort die Pause zu machen.

Wir fahren jetzt in die Nacht hinein und das Gelände wird schwieriger. Die Roller nehmen zu und sie werden steiler. Im Roadbook sind einige Zacken zu sehen, und es steht dort was von „seriously steep and winding roads“. Ich nehme das noch nicht so ernst.

Aber das ändert sich schnell. Ich habe 2014 schon kurz nach dem Rennen unglaublich viel verdrängt. Dieser Abschnitt gehört dazu. Aber je länger ich von Jefferson City nach Washington MO fahre, desto mehr schwant mir, dass das hier einer der ganz ganz harten Abschnitte ist.

Es gibt eine Umleitung, und der Weg dorthin ist schon hart, aber dann wird es wirklich steil. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir diese Umleitung doch 2014 auch schon gefahren sind. Bin aber nicht sicher, vielleicht war auch 2014 einfach die Streckenführung so. Jedenfalls sind die Anstiege einfach brutal. Ich bin platt von der Strecke die ich seit der letzten Schlafpause zurückgelegt habe und ich bin natürlich nun schon fast zwei Tage länger im Rennen als das Race Around Ireland überhaupt gedauert hat.

Und jetzt diese brutale Strecke, es folgt ein richtig steiler Roller auf den anderen, die Appalachen sind gar nichts dagegen. Es ist mit Abstand der brutalste Abschnitt des Rennens. Jetzt kann ich mich plötzlich wieder genau erinnern. Vor drei Jahren habe ich praktisch nach jedem Roller eine Behandlung von Olli bekommen, weil ich sonst nicht durchgekommen wäre. Diesmal muss ich zwar nicht anhalten, ich muss mich aber im kleinsten Gang (34-32) mit Trittfrequenzen von knapp 40 die brutalen Anstiege hochkämpfen.

Die gesamte Restenergie die ich noch habe verwende ich zum Fluchen. Zufällig ist Olli auch diesmal wieder auf dem Followcar und ich gebe ihm durch, meine Meinung über diese Etappe in genau den deutlichen Worten die ich am Mikrofon benutze ins Roadbook zu schreiben. Er meint, das wären ungefähr die gleichen Worte die ich 2014 schon an dieser Stelle unbedingt ins Roadbook geschrieben haben wollte…

Die Qual scheint nicht aufzuhören. Die Etappe ist ja über 77 Meilen lang und ich bin etwas verzweifelt. Ich bewege mich konstant an der Grenze was ich noch treten kann und habe immer das Gefühl, dass ich den nächsten Roller vielleicht nicht mehr hochkomme. Die Abfahrten sind ja genauso steil, das heißt auch da kann ich nicht wirklich entspannen.

Ich bete Washington MO herbei, aber es will nicht kommen. Wieder muss ich steile Roller hinaufkrampfen und nach kurzer Abfahrt kommt schon wieder einer. Wir haben immer noch fast zehn Meilen zu fahren. Nochmal muss ich Olli bitten meine Wut auf diesen Streckenabschnitt in drastischen Worten ins Roadbook zu schreiben. Falls ich jemals auf die verrückte Idee kommen sollte, das Race Across America nochmals fahren zu wollen, dann muss ich nur diese Seite im Roadbook lesen und werde einsehen, dass das keine gute Idee ist.

Und wenn irgendjemand gezweifelt hat, dass das RAAM das härteste Radrennen der Welt ist, genau an dieser Stelle wird jeder Zweifel beseitigt sein. Mir helfen auch keine Mails oder Kommentare mehr, es ist nur noch pure Verzweiflung die mich durchhalten lässt. Denn ich will jetzt endlich die Schlafpause und dafür muss ich an der TS 34 ankommen. Ich nehme die wirklich allerletzten Kräfte zusammen.

Und dann endlich, endlich fahren wir in Washington ein, noch sind es ein, zwei Meilen bis zur TS und es geht nicht einfach nur schön bergab dorthin wie erwartet, aber ich erreiche tatsächlich das Wohnmobil. Völlig zerstört, wütend auf die Strecke, wütend auf mich, dass ich mir diese Scheiße hier antue, aber auch ein bisschen erleichtert, dass ich diesen brutalen Abschnitt hinter mir habe.

Jetzt bekomme ich Nahrung, Zuspruch, Wärme, meine Beine werden behandelt, ich kann schlafen, ich bin unglaublich platt. Trotz aller Emotionen schlafe ich 18 Sekunden nachdem ich liege ein.

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