Rund um den Finanzplatz – Das Rennen

Genau genommen heißt das Event Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt / Skoda Velotour 2012. Soso. Da es nicht so weit zu fahren ist kann ich schön zu Hause schlafen, das Fahrrad liegt mit montiertem Transponder und der Startnummer schon im Auto und schlummert dort ebenso erwartungsfroh vor sich hin.

Die Anfahrt ist problemlos, auch wenn schon ein Großteil von Eschborn gesperrt ist. Aber die Parkplätze sind nicht weit vom Startgelände, und schließlich habe ich ja ein Fahrrad dabei…

Sonnencreme habe ich vorsichtshalber aufgetragen, auch wenn noch keine Sonne scheint und vereinzelt Schauer vorhergesagt sind. Ich fahre auf jeden Fall kurz/kurz, für das Warten vor dem Start habe ich aber eine dünne Windjacke dabei, mehr Regenschutz werde ich auch nicht brauchen, sind ja nur gut 100 Kilometer.

Es fühlt sich schon komplett anders an als die Starts bei den Radmarathons, die ich bis jetzt kennengelernt habe. Statt beeindruckender Bergkulisse und die Erwartung eines ganzen Tages mit Kampf gegen den Berg steht man in einem Industriegebiet in Eschborn vor einem Möbelhaus. Irgendwie habe ich das Gefühl, das ist nix für mich. Macht das überhaupt Sinn, dass ich hier mitmache?

Ich stehe auch ziemlich hinten in Startblock D, d.h. selbst wenn ich fahre wie der Teufel, kann ich vielleicht um Platz 1000 kämpfen. Ich spüre gar nicht diese Vorfreude wie bei den Events in den Bergen. Dafür ist mein Puls bei 78, alles sehr entspannt. Allerdings reden die Leute fast nix, komisch.

Dann fällt aber um 9:00 Uhr der Startschuss. Es dauert noch eine ganze Weile bis Bewegung in Startblock D kommt, erst mal aber gaanz laangsaam, einige schieben ihr Rad noch nach vorne. Also kommt Jungs wir müssen uns wenigstens die vom Startblock C vor uns schnappen.

Dann geht es aber los, und über die Startlinie, und es dauert genau eine Mikrosekunde bis das Rennfieber greift. Sofort schießt die Wattanzeige nach oben, denn es gilt dran zu bleiben, bzw. Gruppen vorne zu erreichen.

Ununterbrochen kämpfe ich um Anschluss an die nächste Gruppe und die nächste Gruppe, ich will einfach nur nach vorne, denn mit einem 29er Schnitt will ich hier nicht enden. Die anderen sehen das genauso, und so finden sich immer kleine Gruppen zusammen die um den Anschluss nach vorne kämpfen.

So geht es eigentlich gut vorwärts, immer so mit gutem 43er Schnitt. Diese Hatz geht ohne Unterbrechung die ersten Kilometer, die Leistung liegt konstant zwischen 250 und 300 Watt. Ob da noch was für den Feldberg übrig bleibt? Egal, ich will auf jeden Fall nach vorne.

Als es durch die Häuserschluchten von Frankfurt geht kann ich für einen Moment das tolle Gefühl genießen durch die abgesperrte Stadt zu fahren. Diese Gelegenheit bietet sich sicher nur wenigen Menschen, und wir gehören heute dazu. Aber dann kommt auch schon die nächste Kurve und an jeder Kurve muss man um den Anschluss kämpfen, das hat man in den Radmarathons normalerweise kaum.

Gerade beschließe ich mit zwei weiteren Fahrern mich von der Gruppe abzusetzen und eine weiter vorne zu erreichen, da hören wir hinter uns Bremsen quietschen und fiese Geräusche. Offensichtlich ein Sturz in der Gruppe. Ein kurzer Blick zurück, aber auf die Schnelle sehe ich nichts, hoffentlich hat sich keiner ernsthaft verletzt.

Aber die Gedanken sind schnell wieder beim Kampf um den Weg nach vorne. Mittlerweile nimmt der Anteil der D-Block Starter ab und die meisten um uns herum haben C-Block Startnummern. Da wir Frankfurt schon hinter uns gelassen haben spüren wir jetzt ganz ordentlich den Gegenwind. Unerwartet zieht ein Typ mit Zeitfahrfahrrad inkl. eigentlich nicht erlaubten Zeitfahrlenkers vorbei. Ich kämpfe mich mit allem was ich habe dran und kämpfe um sein Hinterrad. Der Typ fährt wie eine Maschine. Ich muss oft deutlich über 300 Watt treten um dranzubleiben, in seinem Windschatten wohlgemerkt. Ziel ist eine größere Gruppe vor uns. Die sind zwar zu sehen aber noch ganz schön weit weg.

Während dem Kampf zur Gruppe hin schnupfen wir einige kleinere Gruppen auf, einzelne hängen sich dran, viele lassen wieder reißen, der Typ fährt wirklich brutal seinen Stiefel im Wind runter. Ich kämpfe bis zum umfallen um dranzubleiben, bis Kilometer 30 brauche ich Gruppen um nach vorne zu kommen, dann geht es berghoch. Ob ich dann noch Kraft habe? Egal, das Rennen ist nur hundert Kilometer lang, da muss man Vollgas geben von Anfang bis Ende.

Schließlich haben wir tatsächlich die große Gruppe erreicht, ich versuche dort ein bisschen zu verschnaufen. Einige B-Block Frauen haben wir überholt, und jetzt sieht man kaum noch D-Block Fahrer, neben den C-Block Startnummern sieht man auch ein paar vereinzelte B-Block Fahrer. Ich glaube wir sind ganz gut nach vorne gekommen. Bis hierhin ist es ein knapper 39er Schnitt geworden. Aber ab jetzt geht es berghoch, da wird sich das relativieren.

Ich beschließe genau so zu fahren wie ich immer am Berg fahre, 260 Watt und hohe Trittfrequenz, oder so ähnlich…

Klappt super. Trotz dem Gebolze bis hierher bin ich noch relativ fit, so dass ich mich weiter nach vorne orientiere, außerdem gibt es viele schnelle die keine Berge mögen, das hilft beim Überholen;)

Bei Kilometer 50 ungefähr müsste der höchste Punkt am Feldberg erreicht sein. noch sind es sieben Kilometer. Die Steigung ist zum Glück moderat, meist so gut 5%, so kann ich gut mit der Trittfrequenz die Leistung dosieren. Zwar habe ich die Bergkassette drauf, aber bis jetzt brauche ich die Miniübersetzungen nicht.

So ca. fünf Kilometer vor dem „Gipfel“ kann ich sogar ein paar Fotos machen, das musste einfach sein. Bei dem Gebolze im Flachen geht das nicht, und in der Gruppe schon gar nicht, viel zu gefährlich.

Das Wetter ist klasse, die Sonne scheint etwas, die Temperaturen sind aber moderat. Berghoch mache ich sogar das Trikot auf. Und dann ist es endlich soweit noch 500 Meter bis zum Feldberg, noch 300, 100 und dann geht es endlich in die Abfahrt. Also auch berghoch hat es doch ganz ordentlich funktioniert, dafür dass ich noch keine Höhenmeter in den Beinen habe.

Die Abfahrt wird jetzt allerdings spannend. Ich fahre zwar mit dem alten 2010er Robaix Pro SL, mit dem ich 2010 den Ötzi gefahren bin, aber ich habe noch die neuen Laufräder reingemacht gestern. Die sind zwar schön steif, so dass ich 75 km/h fahren kann und mich sehr sicher dabei fühle, aber die Flanken der Felgen sind noch nicht eingebremst, so dass das Bremsverhalten noch so mittel gut ist.

Zum einen bin ich dadurch vor den Kurven etwas zu vorsichtig, zum anderen ist das Bremsverhalten nicht so exakt vorherzusagen. So verliere ich in den Kurven der Abfahrt immer wieder mal den Anschluss und muss mich mit Gewalt wieder rankämpfen an die vor mir liegenden. Insgesamt bin ich aber auch nicht ängstlich in der Abfahrt, der Sturz vom Veleta hängt mir also in dieser Hinsicht nicht nach, so dass ich insgesamt in der Abfahrt keine Plätze verliere.

Um mich herum fahren jetzt viele Block B Starter und Block C Starter und auch einige Starter aus dem A-Block. Das ist ein guter Ansporn.

Am Ende der Abfahrt geht es in eine weitere Steigung, hier reißt alles ziemlich auseinander. Insgesamt war die Abfahrt wirklich ok, die meisten haben ihre Linie gehalten, nur einmal hat mich jemand etwas geschnitten, und einmal bin ich etwas nach außen gekommen, weil ich’s mit dem Bremsen nicht hinbekommen habe, aber alles im halbwegs grünen Bereich.

Auch an der zweiten Steigung kann ich noch meine Leistung einigermaßen bringen. Ich bin schon etwas erstaunt, ich hatte mir da doch deutlich weniger zugetraut. Tapfer quetsche ich auch zwei Engergie Gels in mich rein, obwohl ich keinen Hunger habe, das muss aber sein.
Am Ende der zweiten Abfahrt sind wir einige vereinzelte Fahrer in Sichtweite hinter einer größeren Gruppe. Zusammen mit einem anderen Fahrer versuche ich Anschluss zu finden. Er ist etwas stärker als ich, er wartet aber sogar nach einer Kurve auf mich, das Zusammenarbeiten ist auf jeden Fall effektiver. Im Wind arbeite ich so mit 350 bis 400 Watt, mehr geht in dem Moment nicht. Wenn er im Wind fährt muss ich kämpfen um dranzubleiben, gerade nach den Kurven. Da muss ich wirklich dran arbeiten, Kurventechnik und Abfahren…

Ich hatte schon nicht mehr dran geglaubt, noch ca. 15 Meter fehlen uns zum Anschluss (bei Tempo 40 ist das ganz schön viel), da kommt von hinten eine große Gruppe, saugt uns auf, und wir schwimmen mit bis an die Jungs vor uns, und eine riesige Gruppe geißelt jetzt durch die Dörfer.

Wenn es leicht bergab geht auch gerne mal mit 50 und mehr Sachen, am Straßenrand stehen immer wieder Leute und feuern uns an. Wirklich super. Ich weiß, dass ich das super finde, aber ich kriegs auch nicht so richtig mit, denn noch will ich weiter nach vorne und versuche am nächsten Anstieg vorne dranzubleiben, der ist irgendwie richtig steil, jedenfalls muss ich das kleinste Ritzel kurz bemühen, aber nur für ein paar Meter.

Die letzten Kilometer ist es vorzugsweise flach oder es geht nur leicht bergauf/bergab. Ich fahre in einer größeren Gruppe, und während ich anfangs in den Dörfern in den Kurven immer noch ordentlich Leistung abrufen muss um dranzubleiben, wird es in Richtung Eschborn hin immer mehr zum Rollen in der Gruppe.

Da die Gruppe so groß ist fährt man gut geschützt vor dem Wind. Gerne würde ich noch mehr reintreten, aber wenn man rausfährt in den Wind stellt man schnell fest, dass das keinen Sinn macht. Man fährt am Anschlag und ist trotzdem langsamer als die Gruppe, also locker mitrollen, auf die Hinterräder der Vorderleute achten und heil ins Ziel kommen. Irgendwann komme ich auch gar nicht mehr aus der Gruppe raus, weil es eng zu geht.

Und so fahren wir dem Ziel entgegen. Kurz hatte ich die Orientierung verloren, weil irgendwo ein 500m Schild stand, dass aber für eine Skaterstrecke dort angebracht war. Und als wir dann kurz vorm Ziel sind hätte ich es fast nicht bemerkt. Ein gestürzter liegt dort noch am Straßenrand, wird aber bereits versorgt, so rauschen wir vorbei. Ein Sprint macht irgendwie keinen Sinn, ein bischen ziehe ich nochmal an, und dann ist es vorbei. Mein erstes Radrennen. War doch geil.

Dann Transponder abgeben, eine Finisher Medaille gibt es auch, und in der Zielverpflegungstation hole ich mir noch ein Wasser und eine Banane.

Dann schnell umziehen und ab in die Stadt nach Frankfurt, denn gleich startet das Profirennen. Und so kann ich mir noch am Opernplatz die Zeit vertreiben, regeneratives Essen mit Crepes und Erdbeeren genießen und mit Anne und Marco den Zieleinlauf der Profis anschauen. Ein gelungener 1. Mai würde ich sagen.

2 Kommentare

  1. schön geschrieben! gratuliere zur Leistung

  2. Lieber Guido,ich mag es deine Texte zu lesen und es ist mir eine besondere Ehre ab und zu darin vorzukommen.Aber besonders genieße ich es mit Dir Rennrad zu fahren.Ich wünsche Dir daß Du alle deine Ziele für dieses und die kommenden Jahre gesund und fit erreichst.
    LG.Marco.