Schauinslandkönig 2011

Wie immer vor einem Wettkampf wache ich recht früh auf. Meine Startzeit für heute ist schon auf kurz nach Startbeginn um 10 Uhr terminiert. Zum Glück hatte ich mich sehr früh angemeldet. Und so kann ich nach dem Event gleich weiter fahren in die „richtigen“ Berge…

Aber jetzt gilt es erst mal den Schauinslandkönig zu meistern. Die Tour von gestern habe ich gut weggesteckt, aber ein paar Sekunden wird mich das schon kosten. Das Wetter ist noch trocken, es nieselt dann zwar mal kurz, aber als ich beim Frühstück sitze ist die Straße schon wieder am abtrocknen.

Als Zielzeit für heute habe ich mir 41 Minuten vorgenommen. Das wird zwar sicherlich schwierig, aber ich halte es auch für möglich, trotz der 49 Minuten gestern, denn schließlich kommt ja jetzt der Wettkampfzuschlag dazu, das setzt nochmal ein paar Watt extra frei.

Der Plan für heute ist, abweichend vom letzten mal, möglichst gleichmäßig meine Leistung zu treten. Ich werde versuchen auf dem Leistungsmesser immer 310 Watt zu halten. Da die Leistung gerade bei so einer Bergstrecke mit wechselnden Steigungen immer sehr schwankt habe ich 10 Watt Reserve draufgelegt. Mein Ziel ist es nämlich über die gesamte Strecke eine durchschnittliche Leistung von 300 Watt zu treten. Letztes mal lag ich knapp darunter.

Nach dem Frühstück habe ich noch ein bisschen Zeit um etwas zu dösen, dann fahre ich mich aber so zwanzig Minuten warm und rolle an den Start. Diesmal gibt es kein Startnummernchaos, der Veranstalter hat erfreulicherweise vom letzten Jahr gelernt.

Mein Fahrrad habe ich gegenüber der gestrigen Tour deutlich abgespeckt, es ist aber mit 9kg inkl. einer halben Trinkflasche nicht gerade leicht. Schade, dass ich mein neues Fahrrad nicht mitnehmen konnte, da ich die Kurbel von SRM immer noch nicht zurück habe.

Aber auch das alte Fahrrad hat eine SRM Kurbel, und letztlich geht es mir um die Leistung und nicht so sehr um die Zeit, denn die hängt ja auch von den äußeren Bedingungen ab.

Mit 77,5 kg Körpergewicht liege ich ein halbes Kilo niedriger als letztes Jahr. So dass ich insgesamt einen Gewichtsvorteil von 1,5 Kilo habe, denn 2010 war auch das Fahrrad 1 kg schwerer.

Auch als ich auf die Startrampe klettere ist es noch trocken. Das Ziel liegt zwar in Wolken eingehüllt und es sind so um die 10° C am Start, aber es regnet nicht. Und dann wird auch schon runtergezählt 3, 2, 1 und Feuer frei!

Und nach wenigen Metern geht es gleich steil berghoch. Am Anfang gibt es die schon vertraute 12% Steigung über etwas weniger als einen Kilometer. Während ich sonst hier immer deutlich in den Bereich von 350 Watt und mehr gekommen bin nehme ich mich diesmal zurück. Ich versuche immer die 310 auf die Wattanzeige zu bringen. Dabei trete ich eine Trittfrequenz von deutlich über 90.

Nur im Wiegetritt kann ich nicht auf die Anzeige schauen, da trete ich nach Gefühl. Ich fühle mich ganz ok, aber auf den ersten hundert Metern kann man sich noch schwer einschätzen. Immer wieder überraschend wie anstrengend das Ganze von Anfang an ist.

Obwohl ich mit der niedrigen Startnummer nicht so viele Teilnehmer vor mir habe, kann ich doch so nach und nach einige aufsammeln. Die Strecke windet sich in Kurven hin und her, und ich muss mir extra bewußt machen, dass die Straße gesperrt ist, und ich die Ideallinie fahren kann. Das mache ich dann auch recht konsequent, und dabei fahre ich auch die Kurven gegebenenfalls an der steilen Innenseite.

Ich schaue immer wieder auf die Wattanzeige, wenn ich deutlich über die 310 schieße nehme ich etwas zurück, wenn ich drunterliege erhöhe ich die Trittfrequenz. Dabei feuere ich mich innerlich an „Leistung über die Drehzahl!“.

Das funktioniert auch ganz gut. Die ersten drei Kilometer gehen recht flott vorbei. Nach ca. vier oder fünf Kilometern überholt mich ein junger Fahrer mit sehr hohem Tempo, der wird wohl deutlich unter 40 fahren, eher so Richtung 35 Minuten.

Was jetzt allerdings schon zu spüren ist, ist der Gegenwind. Den ganzen Morgen war es schon recht windig. Und selbst hier wo man ja zunächst geschützt vom Wald fährt spürt man den etwas. Hilfreich ist dabei auch nicht gerade die Tatsache, dass die Startnummer, die vorne am Lenker angebracht werden muss ungefähr die Größe eines Gorch Fock Segels hat…

Als der Schnelle mich überholt hat habe ich zwar kurz gezuckt ob ich mich dranhänge, aber dann beschlossen stur bei meinen 310 Watt zu bleiben. Ein ganzes Stück vor mir ist ein Fahrer im leuchtend gelben Trikot, zu dem ich mal etwas aufschließe, mal bleibt der Abstand ziemlich gleich. Wir überholen noch ein paar weitere Fahrer und es dauert mehrere Kilometer bis ich näher komme, aber er gibt ein wirklich gutes Ziel ab.

So vier Kilometer vor dem Ziel bin ich dran. Noch immer feuere ich mich an sobald der Körper nachgeben will „Leistung über die Drehzahl!“. Fällt die Anzeige unter 310 oder blinkt gar die 2 vorne auf erhöhe ich die Trittfrequenz. Alternativ: hochschalten und Wiegetritt.

Ich bin zwar mittlerweile am „gelben Trikot“ dran, aber jetzt, wo es erst mal aus dem Wald rausgeht bläst uns heftiger kühler Wind entgegen. Da kann ich eine gute Zeit vergessen. Der Wind ist schon recht heftig. Zum Ausgleich flacht jetzt die Straße ab auf ca. 5%. An dieser Stelle stehen auch vereinzelt Leute und feuern an. Also hochschalten, Wiegetritt und gut aussehen…

Meine Motivationshilfe habe ich jetzt überholt und ich versuche die Wattzahl zu halten. In dem flachen Stück hatte ich letztes Jahr ziemlich nachgegeben, jetzt sollte sich das Körner sparen zu Beginn, und das konstante Einhalten der Zielleistung auszahlen.

Tatsächlich schaffe ich es weiter so um die 310 Watt zu treten. Allerdings wird es jetzt recht hart. Vor allem der Gegenwind ist keine psychologische Hilfe. Und die letzen drei Kilometer ziehen sich sehr. Irgendwann kommt eine Serpentine, aber die kommt später wie gedacht. Und frustrierender Weise habe ich nach der Serpentine genauso Gegenwind…

Egal, eine spektakuläre Zeit wird es heute durch den Wind nicht, dass ist klar, denn ich werfe jetzt erstmals auch einen Blick auf die Zeit am Radcomputer. Aber mein Ziel ist es schon die 300 Watt Marke zu knacken.

Dann endlich die 1 Km Marke. Ich weiß von gestern, dass sich auch dieser letzte Kilometer sehr lange anfühlt. Jetzt heißt es irgendwie weiterkämpfen. Ich kann nicht mehr recht auf die Wattanzeige schauen, nur ab und zu ein Blick, dass auch ja die 3 vorne steht, aber ab jetzt heißt es sowieso nur alles geben was noch da ist.

Ich habe das Gefühl, dass ich noch in dem 310er Leistungsbereich bin, schnaufe aber wie Emil Zatopek ’48 in London. Mit gut aussehen ist jetzt nichts mehr.

Dann endlich die Absperrgitter, die letzten hundert Meter, fast kann ich noch einen überholen, mit Vollgas fahre ich über die Zeitmessleiste, so dass Handy und Radcomputer in der Gegend rumfliegen, aber ich will keine Sekunde verschenken.

Zwei freundliche Zuschauer bringen mir die Einzelteile wieder, ich muss erst mal durchschnaufen. Meine Zeit habe ich leider nicht gehört, aber ich bin mir sicher, dass ich die 42 vom letzten Jahr unterboten habe, für die 40er Marke hat es sicher nicht gereicht, also könnte es mit meiner Zielzeit von 41 Minuten ganz gut hingehauen haben. Aber das ist nur ein Gefühl.

Ich bestelle mir einen Glühwein an der Zielverpflegung, was ich von der grinsenden Dame am Stand bekomme schmeckt ähnlich widerlich, aber Hauptsache warm…

Den sehr lecker aussehenden Kuchen verschmähe ich, ich habe keinen Hunger. Auch bin ich schon wieder gut erholt. Ob ich wieder nicht alles gegeben habe? Oder hat sich einfach durch das Training meine Erholung so massiv verbessert? Ich weiß nicht so recht.

Egal, ich schlendere noch etwas die Stände entlang die im Zielbereich aufgebaut sind, und teste dabei Rennräder mit hydraulischen Scheibenbremsen. Die waren allerdings eine Enttäuschung, da sind ja die mechanischen an meinem Crosser besser…

Jetzt wird mir aber doch recht kühl. Hier oben sind es deutlich unter 10° C und ich habe keinerlei Jacke dabei. So fahre ich noch den letzen steilen, zum Glück aber sehr kurzen, Berg hinauf zur Schauinslandbahnstation, hole mir ein Ticket und fahre mit meinem Fahrrad in der Gondel wieder hinunter ins Tal. Die Bahn braucht immerhin ungefähr halb so lang für die Strecke wie ich mit dem Fahrrad und bergab bin ich sogar schneller. Aber die Abfahrt ist natürlich gesperrt, so dass ich jetzt langsam gen Tal schwebe und dabei ohne kalten Fahrtwind noch etwas die Aussicht genießen kann.

Vor allem der Blick auf die Strecke mit den Radfahrern die sich gerade nach oben quälen ist interessant. In der Talstation angekommen geht es dann noch zehn Minuten bergab ins Hotel. Dabei wird es doch recht kühl. Aber wie die beiden letzten Tage schon habe ich wieder Glück und ich habe keinen Tropfen Regen abbekommen.

Im Auto kann ich dann auf der Fahrt nach Andermatt etwas regenerieren. Mal schauen wie sich die geplanten 4000 Höhenmeter morgen nach der heutigen Anstrengung anfühlen werden…

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