Schauinslandkönig 2013

Morgens halb sechs in Freiburg. Obwohl mein Handy seit gestern den Geist aufgegeben hat, und ich somit keinen Wecker habe, werde ich automatisch wach.

Meine Wettkampfmotivation scheint also doch noch zu stimmen. Gestern hatte ich einen ganz anderen Eindruck. Ich hatte kurz gezweifelt ob es überhaupt sinnvoll ist für 11,5 Kilometer Bergauffahren 700 Kilometer mit dem Auto über verstopfte Autobahnen zu gurken. Irgenwie ist es das nicht, aber wenn man ein Ziel hat, dann schon.

Nur so ein richtiges Ziel habe ich nicht. Die 20h von Fell, die RAAM-Quali beim Swiss Cycling Marathon und schließlich die acht Tage Peakbreak waren doch eine harte Prüfung und haben viel Energie gekostet. Nun ist schlicht etwas die Luft raus.

So kommt es, dass ich etwas nachlässig an die Wettkampfvorbereitung zum Schauinslandkönig herangegangen bin. Ich habe das Fahrrad so genommen wie ich es nach dem Peakbreak abgestellt hatte. Nicht mal die Lightweights habe ich montiert, dabei sind die doch für so ein Zeitfahren geradezu prädestiniert. Blöd, keine Ahnung warum ich das nicht gemacht habe.

Auch habe ich die neuen, noch nicht getesteten Einlagen in den Schuhen. Mit denen bin ich noch nie gefahren, und normalerweise muss man die immer noch ein bisschen nachkorrigieren und anpassen. Auch hier keine Ahnung warum ich das gemacht habe, nicht mal die alten Einlagen als Ersatz für den Notfall habe ich dabei.

Anyway, ich habe mir 38 Minuten als Ziel gesetzt. Dazu müsste ich bei meinem gegenwärtigen Gewicht so ca. 320 Watt im Durchschnitt treten. Das sollte außerdem reichen um mich unter den hundert besten Fahrern zu platzieren und die beste Frau zu schlagen. Ziele habe ich schon, mal schauen ob ich es auch umsetzten kann.

Dank meiner frühen Startzeit ist die Temperatur noch einigermaßen im Rahmen. Ich parke mein Auto am Startgelände und fahre mich ein bisschen warm, immer die Straße runter in Richtung Freiburg und dann wieder locker bergauf.

Dabei muss ich leider feststellen, dass die neuen Einlagen überhaupt nicht gehen. Links ist es zwar unangenehm aber noch erträglich, rechts aber ist die Unterstützung deutlich an der falschen Stelle, und schon nach drei Kilometern habe ich richtige Schmerzen im Fußgewölbe. Auch bekomme ich überhaupt die Kraft nicht richtig über das Großzehengrundgelenk auf’s Pedal. Mist.

Ich nehme die Einlage raus, da der Schuh dann zu groß ist ziehe ich zwei Socken übereinander. Straße runter und wieder rauf, das geht gar nicht. Immerhin tut es nicht weh. Man warum habe ich denn die anderen Einlagen nicht mitgenommen? Wieso habe ich die Dinger überhaupt schon darein gesteckt. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss die Regenschuhe nehmen. Die Einlagen kann ich leider nicht in die normalen Schuhe stecken, weil die nicht passen.

Das wird natürlich sehr warm. Vor allem muss ich mit zwei Paar Socken fahren, da diese Schuhe etwas größer sind. Die TK-1 habe ich natürlich auch nicht dabei…

Sieht etwas seltsam aus bei diesem Wetter mit so gut verpackten Füßen zu fahren, aber egal jetzt. Nach dem Einfahren gönne ich mir noch einen „Oat-Snack“ und dann geht es zum Start. Es sind ja nur wenige Fahrer vor mir, vielleicht sind die ja langsam und ich darf für ein paar Minuten auf dem Schauinslandkönigthron Platz nehmen.

Der Startabsstand ist 15 Sekunden. 5,4,3,2, 1 los! Gerade rechtzeitig noch fokussiert. Jetzt aber Dampf machen und die 320 Watt fahren.

Anfangs geht es gleich recht steil mit an die 12% Steigung los. Hier muss man eher aufpassen nicht zu überziehen. Mir ist schon jetzt recht warm. Warum ich nicht auf das Odlo Unterhemd verzichtet habe weiß ich nicht so genau. Auch habe ich Flickzeug und Pumpe dabei, sowie eine zweite, leere Flasche, damit ich noch ein bisschen weiterfahren kann nach dem Rennen. Vielleicht eine kleine Tour auf den Feldberg. So hatte ich das ja 2010 auch gemacht.

Schnell habe ich den etwas älteren, vor mir gestarteten Fahrer überholt. Bei den anderen dauert es etwas. Also so richtig schlecht sind die vor mir gestarteten auch nicht. Und kaum ist die erste steile Passage überwunden schießt ein nach mir gestarteter Fahrer mit hohem Tempo vorbei. Soweit also zum Thema Schauinslandkönigthron…

Wenn ich schon das Material nicht optimiert habe, so versuche wenigstens Ideallinie zu fahren und hier nichts zu verschenken. Ich komme schon dem nächsten Fahrer näher und kann ihn  überholen. Allerdings vergehen die ersten 3000 Meter in Zeitlupe. Zwar bleibt die Wattanzeige über 300, aber so richtig reißen kann ich hier irgendwie nichts, es fühlt sich keinen Deut besser an als vor zwei Jahren, dabei sollte ich doch diesmal deutlich stärker sein.

Die Strecke zieht sich, ich bin erst am 4 Km Schild vobeigefahren, und es fühlt sich einfach nur anstrengend an. Das ist bei einem Zeitfahren nun mal so, aber mir fehlt die Lockerheit. Der Kopf ist leer. Egal, weiter jetzt, nicht rumjammern sondern treten. Ich überhole weitere Fahrer, aber nach Kilometer 5 scheint von hinten wieder einer zu kommen. Und der kommt auch, mit einem Fahrrad, das wohl etwas schwerer ist als meines. Das ärgert mich gerade tierisch, ich habe das Gefühl ich fahre viel zu langsam. Ich komme mir vor wie ein dicker alter Mann der sich den Berg hochquält.

Ein Mentaltrainier würde jetzt was von positiven Gedanken faseln, ich versuche einfach meine 320 Watt zu halten, was aber nicht hinhaut. Ich kämpfe um die 300 Watt. Ich überhole noch einen Fahrer und sehne die Stelle herbei wo man aus dem Wald herausfährt und es etwas flacher wird, aber da kommt immer wieder noch eine Kurve und es bleibt eher steil.

Mir scheint ein anderer Fahrer fährt in meinem Windschatten. Das geht ja gar nicht bei einem Zeitfahren. So wechsle ich immer mal die Spur und schaue böse nach hinten. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, vielleicht kommt er einfach nicht schneller ran und vorbei, vielleicht versucht er aber auch tatsächlich etwas von mir zu profitieren.

Das Spielchen dauert eine ganze Weile, wenn mein Kopf frei wäre würde ich vielleicht einfach versuchen wegzufahren, aber diese potentielle Motivationsquelle kann ich heute nicht nutzen. Ich bin plötzlich frustriert und es scheint als ob jeder Kilometer des Schweizer Radmarathons, jeder Höhenmeter der 20h von Fell und jede Peakbreaketappe nun ihren Tribut fordert und in den Beinen spürbar wird.

Kurz bevor wir aus dem Wald herausfahren und es kurz etwas flacher wird überholt er mich endlich. Ich versuche noch etwas dagegenzuhalten und muss aufpassen nun nicht meinerseits in seinem Windschatten zu fahren. Es kostet mich etwas mentale Anstrengung es nicht zu tun. Aber ich fahre brav etwas versetzt und bleibe noch ein-, zweihundert Meter dran, dann aber zieht er weg.

Noch eine Kehre, hier stehen auch die ersten vereinzelten Zuschauer und feuern etwas an, dann wird es deutlich flacher. Jetzt die Leistung oben halten. Klappt aber nicht ganz, zwischendurch hatte ich sogar Mühe 270 Watt zu halten. Das es keine 38 Minuten werden kann ich jetzt auch schon abschätzen. Ich bin enttäuscht von mir, sehe aber auch ein, dass ich einfach platt bin von der Belastung der letzten fünf Wochen.

Aber kämpfen kann ich schon noch, und so versuche ich etwas Schadensbegrenzung zu betreiben. Ich nehme ein Gel, aber das schmeckt total widerlich. Dabei ist es genau das gleiche wie die Gels die ich in den letzten Wochen dutzendweise gegessen habe. Egal, ignorieren. Jetzt nochmal Tempo aufnehmen, versuchen wieder 300 Watt zu treten, auch als es nochmal etwas steiler wird, und vor allem auch als es wieder flacher wird. Noch 3 Kilometer. Bis zur 2 Km Marke scheint es sich ewig zu ziehen, ich weiß nicht mal ob ich die 40 Minuten Marke knacken kann. Komm, durchziehen jetzt. Ich gebe was ich habe, jetzt darf es auch mal „weh tun“, überziehen kann man jetzt nicht mehr. Endlich die verdammte 1000 Meter Marke, also nochmal alles geben, ich mache Geräusche die wenig nach Radfahren klingen, aber die letzten paar hundert Meter will ich nicht nachlassen, bis zur Ziellinie Vollgas.

Die letzten Meter, der Sprecher erwähnt meine Startnummer und meinen Namen, aber keine Zeit, die Ziellinie und dann ist es vorbei. Ich rolle aus, und fahre noch etwas weiter um ein bisschen auszufahren, keine Ahnung was für eine Zeit ich habe. Auf jeden Fall mehr als 38 Minuten.

Dann geht es erst mal ans Zielbuffet. Allerdings habe ich keinen rechten Hunger. Ich plaudere noch ein bisschen an den Ständen von Anderslaufrad und tune, gönne mir noch einen Milchcafe und verarbeite meine Enttäuschung. Das hätte ich mir besser erspart. Ich bin völlig platt und völlig leer.

Ich habe nicht die geringste Lust auch nur noch einen Höhenmeter bergauf zu fahren. Also auf den Feldberg fahre ich auf keinen Fall mehr, trotz des fantastischen Wetters. Ich habe nicht mal Lust mit der Schauinslandbahn bergab zu fahren und das Panorama zu genießen.

Stattdessen fahre ich über Kirchzarten wieder zurück. Es geht ja zunächst meist bergab, so komme ich wieder etwas besser drauf. Bin aber auch froh, als ich nach einer Stunde wieder am Auto bin und die Radklamotten los werde.

Abends, als ich die Ergebnislisten auf der Website studiere, bestätigt sich mein enttäuschender Eindruck: Nicht unter den besten 10%, nicht unter den besten 100, zwei Frauen schneller als ich, und die 38 Minuten deutlich verfehlt. Durchschnittsleistung 304 Watt. Immerhin bin ich, wenn auch knapp, unter den 40 Minuten geblieben.

Aber ist auch ok, die Ziele bei den Saisonhöhepunkten hatte ich erreicht, jetzt war einfach die Luft raus, mental und physisch. Nun muss ich mich erst mal erholen.

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