Schweizer Radmarathon 720 km 2012, das Rennen

Nachdem ich am Donnerstag noch die Öffnungszeiten der Kontrollstationen (KS) studiert hatte, gehe ich freitagmorgen etwas später zum Start als ursprünglich geplant. Schließlich will ich nicht mit einer schnellen Gruppe dahinschießen und dann bis zur Öffnung der ersten KS warten müssen…

So gehe ich nach gemütlichem und sehr gutem Frühstück um kurz vor halb acht an den Start. Da ja innerhalb eines Zeitfensters jeder starten kann wann er will, hatte ich jetzt keinen großen Menschenauflauf erwartet, aber dass ich ganz alleine starte überrascht mich doch.

Na das wird schon. Startnummer angeben, und los geht’s, die Zeit läuft. Daran, dass ich jetzt 720 Kilometer abolvieren soll denke ich in dem Moment nicht wirklich, ich freue mich über das gute Wetter und aufs Radfahren.

Hoffentlich klappt das mit der Navigation. Die Beschilderung soll ja eher schlicht sein, aber das erste habe ich schon mal gefunden und so biege ich korrekt links ab. Die Schilder sind doch groß genug und deutlich zu sehen.

Da ich alleine fahre fühlt es sich erst mal nicht wie ein Rennen an. An der ersten kleinen Steigung in Richtung Sand will ich die Leistung über das Wattmeter dosieren, als ich feststellen muss, dass ich gerade 869 Watt trete! Hä? Gefühlt sind es nur 200, was ist denn da gerade los?

Das (neue) SRM Powermeter hatte ja schon beim Glocknerkönig nicht ganz plausible Werte angezeigt. In Fell schien die Abweichung nicht sehr groß zu sein. Deshalb hatte ich einen Kalibrierungsfehler vermutet. Den kann man nach der Kalibrierung in den aufgezeichneten Dateien korrigieren, deshalb habe ich die Kurbel am Rad gelassen, denn die alte Kurbel hat eine andere Kurbellänge und das Schaltverhalten ist eine Spur schlechter. Aber das hier ist doch kein Kalibrierungsfehler?

Dann merke ich, dass die Trittfrequenz so um 245 liegt laut Powermeter. Also halte ich an um den Trittfrequenzmagneten zu überprüfen, aber der ist korrekt montiert, der Abstand wie vorgeschrieben, alles perfekt. Das heißt also nach vier Kilometern verabschiedet sich die Wattmessung. Ich werde von diesem Event, dass ich wohl nur einmal im Leben mache keinerlei Leistungsdaten haben. Danke SRM, nicht mal eine fabrikneue Kurbel funktioniert, und das Teil kostet 3213,- Euro! Ich würde am liebsten sofort nach Jülich fahren und denen das Ding auf den Tisch knallen.

Stocksauer fahre ich weiter, in Gedanken schreibe ich einen wütenden Brief an SRM und bestelle die Quark Leistungsmesskurbel von SRAM. Ich darf mich jetzt nicht runterziehen lassen, was solls, was interessieren mich die Fehler der anderen, fahre ich halt nach Puls. Auch wenn ich weiß, dass der auf solche Distanzen nicht wirklich als Orientierung hilft. Ich fahre also rein nach Gefühl, das ja gerade durch die Leistungsmessung gut geschult ist.

Die Strecke führt zunächst quasi parallel zur Autobahn in Richtung Basel. Der Verkehr geht noch, aber schon nach 14 Kilometern, am ersten Bahnübergang, stehe ich vor verschlossener Schranke. Oje, das fäng ja gut an. Und ich habe mir doch tatsächlich Sorgen gemacht zu früh an der ersten KS zu sein…

Der Verkehr nimmt jetzt teils etwas zu, und ich fahre immer noch alleine. Es fühlt sich eigentlich an wie bei einer Radreise. Neue unbekannte Landschaft mit dem Fahrrad erkunden, nur die Sitzposition, die auf dem Reiserad ja mehr Wahrnehmen der Landschaft erlaubt, erinnert mich daran, dass ich einen Radmarathon bestreite.

Es gibt ja einige flache Passagen und ein Aerolenker wäre jetzt schon gut. Manchmal lege ich einfach die Arme so auf den Lenker, aber das gibt auf den Straßen mit Verkehr nicht genügend Stabilität, vor allem wenn ein LKW vorbeirauscht und der Sog einen erst mal in Richtung Fahrbahnmitte zieht.

So beschließe ich das komplett zu lassen, und auf eine 720 Kilometer Solofahrt habe ich mich mittlerweile auch eingestellt. Das wird also ganz anders als Trondheim – Oslo.

Gefühlt hat es immer leichten Rückenwind, meist geht es eher bergab oder herrlich geradeaus, die Lightweights laufen wie Sau, die Stimmung ist so gut wie das Wetter und der meist sehr wunderbar gepflegte Straßenbelag.

Nach so ca. 40 Kilometern geht es dann bergauf. Die Landschaft wird etwas idyllischer, da jetzt auch ein paar Berge sich andeuten. Nach knapp 58 Kilometern ist die erste KS in Langenbruck erreicht. Ich zeige nur meine Startnummer und fahre gleich weiter, Getränke habe ich noch, zu essen brauche ich nichts.

Jetzt geht es erst mal ordentlich bergab, und als es etwas abflacht treffe ich sogar auf ein paar weitere Teilnehmer. Ich schließe auf die Gruppe auf und fahre vorbei, zwei hängen sich an mich dran, und so fahren wir zu dritt. Ein Schweizer fährt dann sogar nach vorne. Wo es möglich ist sollen wir laut Reglement den Fahrradweg benutzen. Das ist zwar nicht so schön, da der meistens schlechter ist als die Straße, aber es gibt auch tolle sehr breite Radwege parallel zur Straße. Vor allem aber gibt es oft Radstreifen, die einzig sinnvolle Art der Verkehrsführung meiner Meinung nach.

Jedenfalls vermeide ich Radwege, die eben nicht parallel zur Straße laufen, denn die können ja wer weiß wohin führen und vielleicht verpassen wir dann ein Abzweigungsschild. Aber genau auf so einen Radweg führt uns der Schweizer und prompt fahren wir sinnlos 50 Höhenmeter einen Berg hoch und verpassen einen Abzweig, so dass wir etwas zurückfahren müssen.

Ich beschließe alleine weiterzufahren und setze mich in der kommenden Steigung etwas von den anderen beiden ab, wobei wir zunächst immer wieder aufeinandertreffen. Die Navigation hat bis dahin eigentlich super funktioniert, es gibt zwar wenig Pfeile (immer nur wenn man wirklich von der aktuellen Straße abbiegen muss), aber bis jetzt habe ich alle getroffen, außerdem kann man immer noch einen Blick ins Roadbook werfen um sich zu vergewissern ob man richtig ist.

Mittlerweile ist es sehr warm geworden. Die Sonne scheint, es ist leicht schwülwarm, das Thermometer im Radcomputer erreicht erstmals die 30° C Marke. Ich mache mir etwas sorgen wegen meinem Kopf. Denn da es ja leider Helmpflicht gibt und man nicht selbst das Sturzrisiko gegen das Sonnenstichrisiko abwägen darf, konnte ich nicht mit Mütze fahren und die Sonne knallt mir auf den Kopf, wo die teils doch schon recht lichten Haare viel zu viel Sonnenstrahlen durchlassen. Aber ich habe mir ja gegen jegliches ästhetisches Empfinden auch den Kopf mit LSF50 eingecremt, wird schon gutgehen…

Bis zur KS Koblenz ist es doch ein ganzes Stück, aber meist eher flach, der Wind kommt gefühlt von hinten, das Rad läuft, alles super. An der Verpflegungsstation angekommen befreie ich mich erst mal vom Helm und trinke einen Liter Sponser Competition und einen Liter Wasser, außerdem einen Bouillon. Zum Glück haben die einen Sonnenschirm aufgestellt. Der Empfang ist sehr herzlich, auch wenn ich Schwierigkeiten habe das Schwizerdütsch zu verstehen. Das angebotene Hot Dog lehne ich dankend ab. Die erwarteten Sponser Riegel gibt es zwar nicht, sondern so grüne Dinger, aber ich habe ja noch meine eigenen, bis jetzt habe ich gerade mal einen oder zwei gegessen, außerdem nehme ich mir noch zwei Sponsergels (ohne Koffein!).

Zur Toilette muss man ein paar Meter laufen, und siehe da die Beine sind noch gut, bis jetzt alles noch im grünen Bereich. Nachdem die Flaschen mit dem Competition und Wasser aufgefüllt sind geht es weiter in Richtung Ewattingen. Die Navigation funktioniert super. Ich hatte einen Blick ins Roadbook geworfen, jetzt geht es also hauptsächlich bergauf.

Kurz nach dem KS Koblenz geht es über die Grenze nach Deutschland. Und es dauert nicht lange, da geht es auch schon ganz ordentlich bergauf. Interessante Gegend, hier war ich noch nie. Immer mehr fühlt sich das Ganze bis hierher an wie eine Radreise. Auch das ich alleine fahre habe ich mittlerweile als gegeben akzeptiert. Innerlich bin ich darauf eingestellt, die 720 Kilometer wie ein RAAM Qualifikant als Einzelzeitfahren zu fahren, nur eben ohne Followcar und Begleitcrew.

Nachdem zunächst einige nicht so lange, aber sehr steile Stücke sich mit gemäßigterer Steigung abwechseln, so dass ich mich schon Frage ob die hier den Straßenbau bei den Engländern gelernt haben, kommt ein sehr langes Stück, das ziemlich konstant um 2% ansteigt. Ich glaube so ca. 20 Kilometer. Eine fantastische Trainingsstrecke. Hier könnte man wirklich alles trainieren, von GA1 ohne Rollen bis simulierte Berge mit großen Gängen, perfekter Trainingsberg!

Bin aber gerade nicht im Training, so frage ich mich zwischendurch ob ich überhaupt in der erlaubten maximalen Zeit ankommen werde? Ich weiß aber nicht mal genau wie lange ich denn brauchen darf um zu finishen, ich glaube Samstag abend um 22 Uhr muss ich spätestens im Ziel sein.

Zum Glück führt die Strecke etwas durch den Wald, so dass man auch mal ein bisschen Schatten hat. Außerdem fließt die Wutach parallel zur Straße, was ein schönes idyllisches Bild ergibt.

Die Sonne knallt, der Fahrradcomputer zeigt 33° C, das Sponser Competition fließt durch die Kehle und kommt gar nicht im Magen an, sondern diffundiert direkt wieder durch die Haut als Schweiß.

Zwischendurch überhole ich den einen oder anderen Radler, aber nur selten gehört auch einer zum Rennen. Dann zieht die Steigung nochmal etwas an und schließlich ist Ewattingen erreicht. allerdings muss man zur Kontrollstation erst ein Stück bergab und dann nochmal mit heftiger Steigung bergauf fahren. Ein Teilnehmer schiebt sogar dort hoch.

Aber dann ist die KS erreicht. Ich zeige meine Startnummer zur Registrierung und genieße den Schatten. Leider haben die gar keine Sponser Sachen sondern Isostar, das eher wie Limo wirkt, und Corny Riegel, die ja aus gepresstem Abfall hergestellt werden, nee danke. So mache ich mich über die belegten Brötchen her. Spaghetti gibt es auch, aber die lasse ich lieber weg. Dafür trinke ich Wasser ohne Ende und fülle meine Flaschen, Riegel habe ich noch immer und in Koblenz hatte ich mir noch Gels mitgenommen, das reicht bis zur nächsten KS.

Bis jetzt sind es 185 Kilometer alles noch super, Beine, Knie und Kopf, alles funktioniert gut. Bis auf kleine Zwischenanstiege geht es bis zur nächsten KS ja auch hauptsächlich bergab in Richtung Bodensee.

Von wegen. Nach kurzer Abfahrt auf einer Umleitung über eine sehr holprige Strecke, wo ich meine Hände ganz schön spüre geht es in den Anstieg hinauf nach Blumberg. Und hier haben mit Sicherheit englische Straßenbaupraktikanten ihre Finger im Spiel. 19% zeigt der Radcomputer. In der glühend heißen Mittagshitze kämpfe ich mich den Berg nach oben, also das hier ist keinesfalls nur Flachlandgeradel, und ich bin froh über mein 32er Ritzel.

Dann aber entspannt sich das Ganze wieder und die Strecke wird wieder flacher und führt durch idyllische Landschaften bei wenig Verkehr. Es geht zurück in die Schweiz und meist gibt es schöne Radstreifen, kurzum perfekte Bedingungen zum Radfahren.

Die Hitze ist allerdings brutal. Immer wieder verfluche ich die Sicherheitsfanatiker, die uns die Helmpflicht eingebrockt haben. Wie gesagt, man muss doch die Risiken sinnvoll abwägen und Helm bedeutet für Leute wie mich akute Sonnenbrandgefahr oder wahlweise, mit Helmuntermütze, drohenden Hitzschlag. Man produziert nun mal bei einem Wirkungsgrad von maximal 25% sehr viel Wärme beim Radfahren und wenn man stundenlang bei glühender Hitze fährt ist das Sturzrisiko, und vor allem das Risiko nicht nur zu stürzen, sondern auch noch blöd auf den Kopf zu fallen um Größenordnungen niedriger als sich durch die Hitze oder Sonnenstrahlung außer Gefecht zu setzen.

Der Gedanke beschäftigt mich sehr und bietet gute Ablenkung. Noch immer arbeiten die Beine gut, ich wechsle immer wieder mal in den Wiegetritt um die Sitzfläche zu entlasten. Die Hände fühlen sich etwas taub und kribbelig an, aber ich kann wenig dagegen tun. Zwar wechsle ich immer mal wieder die Griffposition, aber echte Entlastung über einen Aerolenker habe ich ja nicht. Aber alles ist noch im grünen Bereich.

Zwar trifft man auf der Strecke ab und zu einen Fahrer, aber niemand mit dem man zusammen arbeiten könnte, so fahre ich die komplette Strecke bis jetzt alleine. Mittlerweile will ich sogar alleine fahren, dann sehe ich auch wie es um meine Leistung im Verhältnis zu den RAAM Qualifikanten steht.

Auch an der KS Ramsen gibt es Schatten. Das angebotene Hotdog lehne ich diesmal nicht ab, und von den leckeren Küchlein haue ich auch gleich zwei weg. Außerdem trinke ich wie eine Kuh, Sponser Isotonic und Wasser so zwei, drei Liter. Außerdem mache ich die Flasche voll, nutze die saubere Toilettenanlage und sitze einen Moment auf einer Bierbank im Schatten. Dabei erzählt man mir, das vorhin einer der Teilnehmer tatsächlich eine Flasche Bier abgerissen hat. Bei der Hitze, heftig! Die KS ist an einem Sportplatz mit Schwimmbad. Bei diesem Wetter ist Schwimmen vielleicht der bessere Sport? Egal, ich mache mich auf, weiter in Richtung Frasnacht.

Jetzt geht es recht flach am Bodensee entlang. Manchmal mit nervigen Radwegen, aber meist mit Radstreifen oder Straße. Der Verkehr ist sehr dicht, so dass man auch mal zum stehen kommt. Aber das bin ich ja mittlerweile von etlichen Bahnübergängen gewohnt, denn wie von Murphy’s Gesetz vorhergesagt ist die Schranke dort meist zu.

Mittlerweile bin ich deutlich über 200 Kilometer gefahren und die Hände tun mir weh. Komisch mit dem gleichen Material hatte ich bei Trondheim -Oslo über 500 Kilometer nicht den Hauch von irgendwelchen Beschwerden. Vielleicht liegt es daran, dass man hier öfter mal bremsen muss.

Am Bodensee entlang ist die Strecke sehr schön, aber oft sehne ich mich danach in einem der Cafés zu sitzen und lässig einen Milchcafe zu trinken. Dabei habe ich nicht mal die Hälfte der Strecke gefahren. Es fühlt sich so an als hätten die anderen alle frei und ich wäre auf dem Weg zur Arbeit, einer schweren körperlichen Arbeit. Ich stelle mir, um den Gedanken zu vertreiben, vor wie ich von der Nachtschicht nach hause komme und weiß, dass ich jetzt gemütlich frühstücke und dann ins Bett gehe, während alle anderen Arbeiten müssen. Aber auch diese Gedanken werden immer wieder überlagert von den landschaftlichen Eindrücken, vom hohen Verkehrsaufkommen und von meinem Gedanken an die nächste KS Frasnacht.

Ich denke nur bis zur nächsten KS und hoffe, dass es endlich abend wird, die Sonne untergeht und die Hitze aufhört. Mittlerweile ist es 20 Uhr abends und noch immer zeigt der Radcomputer über 30° C. Hier am Bodensee hält sich die Wärme wohl besonders lang.

Besonders lang kommt mir auch das Ufer des Bodensees vor, aber dann ist doch die KS Frasnacht erreicht. Mittlerweile ist es Routine, Toilette, Flaschen auffüllen, trinken wie eine Kuh, essen was reingeht. Ein paar Riegel und ein Gel packe ich noch ein.

In Frasnacht treffe ich auch auf zwei Rennradler die ich 2010 beim Radsportcamp in Sölden kennengelernt hatte. Die fahren los als ich noch am Essen bin und wir machen Witze, dass ich sie eh wieder einholen werde, da ja mein Lightweights das schon für mich richten werden.

Bei jedem anderen Event wäre ich jetzt aufgesprungen und hätte mich drangehängt, aber hier das ist mittlerweile kein Rennen oder klassischer Marathon, sondern eine Fahrt allein und „ehrlich“ gegen die Uhr und die Strecke, alles andere ist egal. Ich will finishen und habe nicht den geringsten Zweifel das zu tun, einzige Frage ist ob es in der erforderlichen Zeit klappt.

So mache ich mich auf die „Verfolgung“ der beiden. Es geht noch länger am Bodensee entlang als ich gedacht hatte, und zu allem Überfluss geht mal wieder eine Schranke zu, genau in dem Moment als ich ranfahre. Ich überlege kurz trotz blinkenden Lichts noch rüberzufahren, aber mache es natürlich nicht. Aber laut fluchen muss ich schon mal, gerade lief es so schön und schon wird der Rhythmus wieder unterbrochen. Die Frau neben mir mit dem Cityrad schaut mich etwas misstrauisch an, zieht dann aber los, als die Schranke aufgeht, wie Ulle persönlich, so dass sie mir auf den ersten Metern drei Fahrradlängen abnimmt. Noch immer sind es, jetzt um kurz vor neun abends, über 28°C…

Dann geht es aber in Richtung Süden. Diese Etappe ist mit über 80 Kilometern recht lange. Das Ziel ist Sargans. Dort hat man die Hälfte geschafft, außerdem wartet die Tasche mit den frischen Klamotten, man kann duschen und wenn man will auch schlafen.

Schlafen will ich auf keinen Fall, vor allem kühlt es jetzt doch etwas ab und meine Beine funktionieren wie die Hölle. Auch die Navigation hat bis hierher gut funktioniert. Nach Wildnau aber komme ich plötzlich nach einem Bahnübergang auf eine Brücke und an einen Grenzübergang. Der steht aber nicht im Roadbook. Das kann also nicht sein. Ich fahre wieder zurück zum letzten Pfeil, der gar nicht weit zurvor gestanden hatte. Hm, der zeigt geradeaus. Ich fahre wieder in die Richtung, und obwohl ich aufmerksam schaue kein Pfeil und wieder lande ich auf der Brücke. Mittlerweile treffen ich noch einen Randonneur mit seinem schönen Patria Stahlrahmen. Der ist auch hier gelandet und unsicher wo es weiter geht. Ich fahre wieder zurück, er fährt in die andere Richtung, ein weiterer Fahrer fährt ihm hinterher.

Ich frage die Zöllner, denn ich bin mir sicher, dass das hier falsch ist. Der zeigt mir einen Feld- bzw. Radweg, der geradewegs nach Kriessern führen würde. Ich schaue ob dort ein Pfeil steht, sehe aber keinen, aber es ist der einzige sinnvolle Abzweig seit dem letzten Pfeil, also fahre ich da lang. Mittlerweile ist es recht dunkel. Das Rücklicht hatte ich schon angemacht, es hat sich aber immer wieder ausgeschaltet. Eine Fehlkonstruktion, die Batterien sitzen zu locker, so dass die manchmal den Kontakt verlieren. So bin ich ganz froh, dass die beiden anderen Radfahrer mittlerweile zu mir aufgeschlossen haben. Der Randonneur hat eine Top Lichtanlage mit SON Nabendynamo, er braucht sich also um Batterien keine Sorgen zu machen.

Meine erste Idee ist, eine Gruppe aufzumachen und zu dritt ordentlich loszuziehen, aber Mr. Patria fährt stattdessen neben mir her. Dann nimmt aber die 137 die Sache in die Hand und zieht gut los (den Namen kann ich in der Dämmerung so schlecht lesen). Ich hänge mich ans Hinterrad und irgendwann bleibt der Patria Fahrer zurück. Die 137 macht ordentlich Druck und wir wechseln uns gut ab.

Dann kommen wir an eine große Kreuzung aber ohne Pfleil. Mist! Aber laut Roadbook müssen wir nach Buchs, also biegen wir in diese Richtung ab. Der Patriafahrer ist mittlerweile weg. Die 137 scheint etwas stärker zu sein als ich, Leistung kann ich ja keine ablesen, aber er fährt im Wind meist ein, zwei km/h schneller als ich. An einer Steigung zieht er im großen Gang im Wiegetritt davon, ich halte erst mit, sehe dann aber ein, dass mir das zu schnell ist und fahre meinen eigenen Rhythmus. Die Steigung ist kürzer als gedacht, denn durch die uns jetzt umgebenden Berge hatte ich gedacht das wird eine lange alpine Steigung, und so fahren wir oben in gleichem Tempo aber mit 150 Meter Abstand hintereinander her. Wie sinnlos, wenn du schlau bist wartest du auf mich und wir können wieder zusammenarbeiten, macht er aber nicht.

Dann tauchen drei weitere Lichter im dunkeln vor uns auf, die 137 immer noch 100 Meter vor mir fährt an der Gruppe vorbei, ich schließe mich den drei erstmal an. Und siehe da, es ist Dieter und sein Kumpel, die zwei vom Radsportcamp. Ich mache meinen Spruch von wegen eingeholt und so, der guckt nur so komisch. Da erkenne ich, dass der dritte Fahrer der Ranndoneur ist, und ich frage ihn verwundert wieso er denn jetzt wieder vor mir fährt? Wie sich herausstellt haben die 137 und ich uns verfahren und sind einen kleinen Umweg gefahren. Die drei hatten uns noch zugerufen, aber wir waren schon  zu weit weg, sonst hätte ich die zwei vom Ötztaler Radsportcamp schon früher eingeholt.

Na egal, die Beine gehen gut, die 137 lässt sich offensichtlich wieder zu uns zurückfallen, und so könnten wir das erste mal für heute eine richtige Gruppe aufmachen und zum Halbzeitziel in Sargans blasen. Die Temperatur ist mittlerweile recht angenehm im niedrigen 20er Bereich, die Beine gehen wie eine Maschine…

Aber die Gruppe will nicht funktionieren, wenn ich vorne bin folgt mir niemand so richtig, obwohl ich rausnehme und warte, manchmal fährt der nächste dann zwei Fahrradlängen hinter mir, einzig die 137 macht erst noch mit, so dass nur wir zwei führen, dann macht der aber irgendwie schlapp, so führe ich die meiste Zeit, dann geht doch mal einer nach vorne, geht dann aber nicht aus dem Wind sondern wird immer langsamer, so dass ich wieder vorbei fahre und versuche Zug in das Ganze zu bringen, dann sticht einer wieder im Sprint nach vorne, so dass man nicht hinterherkommt, was soll das denn? Nur ein hektisches Gestocher. Ich bin leicht genervt.

Dann setzt ein heftiger starker sehr warmer Gegenwind ein. Nicht mal nachts wird man von der Hitze verschont. Ich fahre jetzt meist vorne, schaue mich immer wieder um und warte, fahre dann mit Paul ein Stück weg. So langsam müssten wir eigentlich in Sargans sein. Die Beine gehen gut, offensichtlich ist irgendwie gerade der Motor angesprungen.

Da die anderen aus der Gruppe ganz zurückbleiben zögert Paul, denn sein Kumpel fährt ja dort, so fahre ich alleine weiter. Die Beine funktionieren super, die Temperatur ist wieder angenehm, die Piko 6 leuchtet mir den Weg, ich würde am liebsten gar nicht anhalten in Sargans, dabei hatte ich mich zwischendurch sehr nach meinen frischen Klamotten gesehnt.

Nach einer gewissen Zeit werde ich allerdings misstrauisch, denn eigentlich hätte die KS Sargans längst kommen müssen. Bin ich vielleicht schon zu weit gefahren? Hier kommt jetzt allerdings gerade überhaupt kein Dorf mit Ortsschild, so dass ich das anhand des Roadbooks überprüfen könnte. So fahre ich mit voller Power weiter, was soll ich machen. Dann läuft parallel zur Straße die A3 und das beleuchtete Abfahrtsschild, dass ich dort sehe verursacht mir ein mulmiges Gefühl, ich bin bestimmt zu weit gefahren.

An einem Kreisel steht ein Pfeil, ich bin also auf der Strecke, aber da steht auch Walenstadt, und das ist zehn Kilometer hinter Sargans, ganz klar ich bin an der KS vorbeigeschossen. Scheiße! Ich versuche ein Auto anzuhalten um jemanden zu fragen, mitten in der Nacht fährt hier natürlich kaum jemand. Das dritte Auto hält an, und ja ich habe mich  verfahren, ich muss sieben Kilometer wieder zurückfahren…

Ok, also wieder zurück, die Beine sind immer noch gut, und während es eben noch leicht bergab ging, habe ich jetzt wohl Rückenwind, oder ich bin so wütend über diese sinnlosen Kilometer, dass die Beine sich den Rückenwind selbst machen.

Aber auch nachdem ich 7, 8 Kilometer zurückgefahren bin finde ich die KS nicht. Ich halte an, schaue im Roadbook, fahre hin und her, und dann endlich sehe ich den Pfeil, auf der linken Seite, im Busch auf einer Verkehrsinsel. Das kann doch niemand sehen!

Egal, da ist tatsächlich die KS. Ich zeige meine Startnummer und überlege ernsthaft gleich weiterzufahren, die Beine sind viel zu gut. Aber ich halte es dann doch für vernünftiger die frischen Klamotten anzuziehen. Also hole ich meine Tasche, gehe duschen, Creme mich erneut mit LSF50 ein und verbrauche dabei die komplette Tube, denn wenn es Samstag genauso heiß wird und die Sonne knallt hole ich mir sonst einen heftigen Sonnenbrand. Auch die Sitzfläche wird ordentlich eingecremt.

Die frischen Klamotten tun wirklich gut, allerdings ist das Sitzpolster der Löffler Radhose schon ziemlich abgenutzt, ich wäre gerne mit dem Xeon Polster der Gore Hose weitergefahren. Die Sitzfläche ist noch erstaunlich gut in Schuss. Die Hände tun mir weh und sind taub, was das Duschen etwas umständlich macht, aber sonst geht es mir ausgesprochen gut.

In der Tasche hatte ich noch vier Ensure Plus gefunden. Drei davon haue ich noch vorm Duschen weg. Danach versuche noch eine Portion Spaghetti zu essen, schaffe aber nur den halben Teller. Einer dieser leckeren runden Kuchen und eine Banane gehen aber rein.

Dann mache ich mich auf die nächste Etappe mit Ziel Pfäffikon. Hier gilt es mit dem Kerenzerberg einen ordentlichen Anstieg zu meistern. Die Beine sind immer noch super, ich fahre alleine durch die Nacht ringsherum Berge, in der Ferne Wetterleuchten. Hoffentlich fahre ich nicht in ein Gewitter hinein. Ich hatte nämlich auf Knielinge und die richtige Regenjacke verzichtet und nur die ganz leichte Windjacke für Notfälle dabei.

Dann kommt der angekündigte Anstieg. Es geht ordentlich berghoch, aber es gibt keine bösen oder giftigen Steigungen. Im dunkeln berghoch zu fahren ist eine interessante Erfahrung. Die Piko 6 Lampe hat drei Stufen, eine die gerade so zum gucken reicht, durch die man aber gut gesehen wird, und die ich in den Dörfern und bei Straßenbeleuchtung benutze. Die zweite Stufe benutze ich bei völlig fehlender Beleuchtung, also auch hier am Anstieg und die dritte Stufe ist sehr, sehr hell, die nutze ich nur auf der Abfahrt.

Im Anstieg noch überholt mich ein RAAM Quali Fahrer. Der erste, den ich bewusst wahrnehme. Sein Begleitfahrzeug versorgt ihn kurz vor der Passhöhe und fährt anschließend hinter ihm her, so habe in der Abfahrt zunächst noch etwas Orientierung. Allerdings, auch als er nicht mehr zu sehen ist reicht meine Piko 6 locker um auch die schnelle Abfahrt auszuleuchten.

Die ganze restliche Strecke nach Pfäffikon läuft gut, die Beine sind super, die Hände tun weh, der Kopf ist gut, ab und zu mal ein Blick ins Roadbook, die Pfeile sehe ich zum Glück alle, aber die Strecke ist auch recht offensichtlich, nämlich immer auf der 3 entlang.

In Pfäffikon treffe ich wieder auf die zwei Jungs vom Radsportcamp und ihre Frauen, die das Begleitfahrzeug fahren. Die flachsen etwas, weil sie wieder vor mir an der KS sind, aber ich bin ja auch deutlich später in Sargans losgefahren, da ich über eine halbe Stunde durch mein Verfahren verloren habe.

Die erzählen mir auch, das die ganze Gruppe an der KS vorbeigefahren ist, die haben es nur früher gemerkt. Ich führe meine übliche KS Routine durch, und es gibt sogar Tee. Herrlich, so gönne ich mir einen Pfefferminztee. Dann mache ich mich, noch vor den beiden, auf die Königsetappe mit heftiger Steigung nach Schindeleggi. Die beginnt schon nach ca. fünf Kilometern. Ziemlich zu Anfang steht ein blinkendes Schild, dass die Geschwindigkeit anzeigt. 11 km/h, es geht ja gerade steil berghoch, das Schild blinkt mir ein Bravo! entgegen. Ich muss grinsen, ich weiß ja wie es gemeint ist, aber in meiner Situation liest sich das doch etwas sarkastisch…

Noch immer ist es dunkel, die Beine sind ok, auch nach fast vierhundert Kilometern geht so eine Steigung noch, ich bin ganz zufrieden. Mittlerweile hat sich der Garmin Edge 800 längst verabschiedet, denn der Akku hält ja nur 15 Stunden, so habe ich nur noch Puls, Geschwindigkeit und gefahrene Kilometer der aktuellen Etappe im Blick auf dem SRM PC7.
Oben hätte ich fast wieder einen Pfeil verpasst, der kaum zu sehen ist, aber ein Begleitfahrzeug eines anderen Fahrers hat sich da hingestellt, und die rufen mir laut nach, so dass ich gerade noch umkehren kann und richtig abbiege. Herzlichen Dank, das wären immens viele zusätzliche Höhenmeter geworden, wenn ich mich da verfahren hätte.

Nach einem weiteren nicht ganz so langen Anstieg geht es erstmal ordentlich bergab. Mittlerweile ist es langsam hell geworden und in der Morgendämmerung fahre ich um den Zuger See. Sehr schön. Recht wenig Pfeile, so halte ich nochmal an, um das Roadbook zu studieren, dann ist es aber bis Risch ganz klar.

Die Beine sind ok, auch die Knie haben nichts zu meckern. Ein RAAM Qualifikant zieht an mir vorbei, ist aber gar nicht so viel schneller, so fahre ich bis Risch ein paar hundert Meter hinter ihm her, wobei sich der Abstand immer weiter vergrößert, bis er nicht mehr zu sehen ist. Leider muss ich mich dann selbst wieder um die Navigation kümmern, und prompt verpasse ich einen Abzweig. Mist. Ich merke es zwar sehr bald, irre aber eine ganze Weile umher bis ich wieder auf die 4 nach Rotkreuz finde. Das kostet viel Zeit und einige zusätzliche Kilometer, das gibt’s doch nicht, schon zum zweiten Mal richtig verfahren.

Auch kurz vor der KS Emmenbrücke verfahre ich mich nochmal und muss noch ein paar, zum Glück flache, Kilometer drauflegen. Finde dann aber nach etwas fragen wieder auf die Strecke und treffe die beiden vom Radsportcamp wieder an der Kontrollstation. Mittlerweile ist es ein running gag mit meiner miesen Navigation und die beiden, ihre Frauen und ich machen uns darüber lustig. Wieso ich mich selbst darüber lustig mache weiß ich nicht, aber was soll ich mich aufregen ist halt passiert. Außerdem habe ich das Gefühl, das ich heute auch 800 Kilometer fahren kann wenn es sein muss.

In Emmenbrücke esse ich noch ein Hotdog und trinke halt viel, wie immer an den Checkpoints seit Koblenz. Jetzt kommt noch eine 50 Kilometer Etappe und die nächsten sind dann nur noch im hohen 30er Bereich. Das ist irgendwie sehr motivierend. Außerdem ist das die letzte Etappe auf der großen Runde, dann geht es schon das erste mal wieder nach Ittigen.

Ich fahre vor den beiden los. Diesmal will ich mich auf jeden Fall nicht verfahren. Es geht nach einigen Abzweigen recht ordentlich berghoch aus dem Ort hinaus. Die Pfeile sind eindeutig, aber ich checke nochmal gegen mit dem Roadbook, und das Schild am Ortsausgang verweist auf den nächsten Ort, nur steht der nicht im Roadbook. Verdammt habe ich schon wieder eine Abzweig verpasst, den nach Huttwil? Ich fahre wieder zurück, den ganzen Berg wieder zurück, aber da steht kein Schild. Ich bin echt frustriert. Da kommen die beiden wieder und fahren so wie ich eben auch gefahren bin. Ich fahre hinterher und hole sie wieder ein. Ich melde meine Zweifel an, aber da deren Frauen ja vorfahren und die wohl auch der Meinung sind, dass das richtig ist fahre ich mit den beiden zum zweiten mal den Berg hoch, und siehe da kurz nach dem Ortsschild, aber eben vor dem nächsten Ort kommt der Abzweig. Ich hätte einfach nur weiterfahren müssen, aber mittlerweile bin  ich, was die Navigation betrifft echt verunsichert.

Ich ziehe wieder los und fahre meinen eigenen Rhythmus. Es geht zwischendurch ordentlich berghoch, die Strecke ist gut, aber es ist schon wieder sehr warm. Das Wetter wird also wie gestern tagsüber. Mal sehen wie sich das auswirkt. Eigentlich könnte ich jetzt im Hellen wieder Bilder machen, aber aus irgendeinem Grund lasse ich das.

Die Hände tun weh, trotzdem gehe ich immer wieder in den Wiegetritt um die Sitzfläche zu entlasten. Die ist noch ok, fühlt sich aber schon so an wie nach einer 200 Kilometer Trainingsfahrt. D.h. die Wiegetrittphasen brauche ich schon. Es heißt also Hände gegen Sitzfläche. Der Rest fühlt sich wohl, alles bestens.

Der Anstieg nach Affoltern steigt wirklich ordentlich, vor allem ist er recht lange. Immer wieder überholt man mal jemand, aber vor allem finden sich jetzt viele andere Wochenendrennradler auf der Straße. Ich fahre alleine meinen Stiefel runter.

Bei den Ergometereinheiten zu Hause teile ich mir z.B. drei Stunden auf in 18 Zehnminutenabschnitte und zähle 1 von 18, 2 von 18, usw. dabei habe ich mir oft vorgestellt, wie ich hier beim Schweizer Radmarathon 50 Kilometerabschnitte zähle 1 von 14, 2 von 14 usw. Bei den ersten zwei habe ich das auch gemacht, aber dann hatte ich das völlig vergessen. Jetzt in Affoltern hätte ich dann auf jeden Fall 11 von 14, und das klingt schon ziemlich gut. So bin ich auch in diesem Anstieg voller Motivation und gespannt auf die Schaukäserei.

Mittlerweile knallt die Sonne wieder und mein Körper glüht, am Schluss ist es noch recht steil, aber schließlich ist auch die KS Affoltern zum ersten mal erreicht. Zu meiner Freude gibt es dort auch Joguhrt und Cornflakes, die ich wirklich sehr genieße. Außerdem trinke ich mittlerweile wie zwei Kühe. Sponsor Isotonic Zitrus literweise, plus literweise Wasser. Von dem angebotenen Emmentaler nehme ich mir auch zwei Stückchen und vor allem gibt es endlich mal Brot, super.

Die zwei vom Radsportcamp mit ihren Frauen treffen auch hier ein, und ich freue mich mittlerweile immer sehr die zu sehen, sowas wie ein Fixpunkt auf dieser teils doch auch recht einsamen, langen Fahrt. Auch die Kontrollstationen sind natürlich Fixpunkte, vor allem da man immer sehr, sehr herzlich empfangen wird und sich die Leute dort wirklich viel Mühe geben.

Da die zwei Radsportcamper auf ihre letzte Etappe gehen, die fahren nämlich die 600er Strecke fahren sie noch vor mir wieder los. Wir wünschen uns viel Glück für den Rest der Strecke und weg sind sie. Ich gönne mir noch einen zweiten Becher Joguhrt mit Cornflakes und fahre dann auch los.

Streng nach Roadbook biege ich links ab, bis mich jemand zurückruft, erst auf die Hauptstraße, dann links ab. Oje, geht das schon wieder los.

Jetzt geht es aber erst mal bergab und man kann ganz gut Tempo aufnehmen, zu navigieren gibt es eigentlich nicht viel, aber immer wieder schaue ich ins Roadbook ich möchte mich einfach nicht mehr verfahren! Insgesamt läuft es immer noch gut, die Hände nerven etwas, Sitzfläche ist ok, alles andere super. Dann geht es links ab, und man fährt durch einen schönen idyllischen Teil am Wald entlang. Leider gibt es trotzdem kaum Schatten.

Da diese Etappe deckungsgleich mit der Schlussetappe für uns 720er ist, stelle ich mir vor wie ich hier meine letzten Kilometer zurücklege. Mir geht es eigentlich noch erstaunlich gut. Da die nächste KS am Hotel und Start ist, könnte ich dort schnell auf mein Zimmer flitzen, mich nochmal frisch machen und frische Klamotten anziehen. Hm, mal schauen.

Dann geht es in Boll rechts nach Bern, logisch, Ittigen liegt ja direkt bei Bern. Kurz darauf kommt ein Kreisel, hier würde ich gefühlsmäßig wieder nach Bern abbiegen, aber es steht kein Schild, so fahre ich weiter in den Kreisel, und da steht ein Pfeil. Naja, wenn es da steht. Es geht erst ein Stück berghoch, dann kommt eine schöne kleine Abfahrt. Aber irgendwie stimmt der nächste Ortsname nicht. Es gab keine Abzweigung und der Pfeil war eindeutig, aber Stettlen kommt hier nicht, hier geht es nach Worb. Hä? Habe ich mich denn schon wieder verfahren? Ich bleibe stehen, studiere das Roadbook, das kann nicht stimmen. Ich fahre wieder zurück in die Abfahrt, die jetzt eine Steigung ist, da kommt mir ein RAAM Qualifikant entgegengeschossen, hm, ist das doch richtig? Ich kehre wieder um, fahre in den nächsten Anstieg, werde aber wieder unsicher und frage ein paar Leute, die an der Straße stehen. Stettlen? Völlig falsch, da müssen Sie wieder zurück nach Boll…!

Verdammter Mist das gibt’s doch nicht. Ich verstehe nicht wieso dann der Pfeil in die Richtung zeigt. Also fahre ich die ganz Strecke wieder zurück bis zu besagtem Kreisel, ignoriere den Pfeil und fahre in Richtung Bern. Und da kommt dann auch Stettlen und Deisswil und sogar wieder Pfeile.

Ein RAAM Qualifikant mit Follow Car überholt mich, ist aber eigentlich gar nicht schneller, es war gerade viel Verkehr. An der nächsten Steigung fährt der total langsam, bergrunter auch. So fahre ich an der folgenden Steigung wieder vorbei. Ich fahre eine Weile vor ihm her. Wir müssen ja immer Abstand voneinander halten, weil Windschattenfahren verboten ist für und mit RAAM Qualifikanten. So kurz vor Bern/Ittigen überholt er mich wieder in der Ebene, fährt im Kreisel aber geradeaus, ich biege falsch ab nach Ittigen. Merke es zwar, verirre mich aber total. Extrem frustriert frage ich mich durch und finde dank eines netten Schweitzers wieder auf die Strecke zurück. Allerdings hat das nochmal Zeit gekostet, und laut schreien musste ich auch mal.

Egal jetzt, nochmal geht es bergauf, dann links abbiegen über die Autobahnbrücke (ganz kurz sehr steil), und ich bin im Start/Ziel Gelände am Hotel. Kurz zeige ich meine Nummer, Getränke habe ich noch, dann gleich weiter auf die nächste Etappe.

Die 600er sind jetzt durch, ich hatte vorher befürchtet, dass ich vielleicht an diesem Punkt platt bin und aufgebe und dann DNF 600 in der Ergebnisliste steht, das hätte ich richtig scheiße gefunden. Aber nichts dergleichen, wahrscheinlich versuche ich unbewusst die durch Navigationsfehler vertrödelte Zeit wenigstens etwas wieder gutzumachen, sicher ein aussichtsloses Unterfangen.

Allerdings fühle ich mich noch außerordentlich gut, 12 von 14 sage ich mir, und die Strecke die ich fahren muss kenne ich ja schon, denn jetzt wird mir klar wieso der Pfeil vorhin mich so in die Irre geführt hat, denn jetzt muss ich ja tatsächlich nach Worb. Auf der Etappe nach Jassbach muss man von Ittigen aus ein Stück „zurück“ fahren.

Irgendwie hatte ich gehofft, dass die letzte 120 Kilometer Schleife für die 720er eine lockere Auslaufrunde wird. Aber weit gefehlt. Die Etappe wird richtig anspruchsvoll. Den ersten Teil kenne ich ja schon, dann geht es in einen eher nach Feldweg aussehenden Weg. Einen weiteren Fahrer sehe ich auf der Strecke, der fährt mir aber eine Spur zu schnell, so verliere ich ihn aus den Augen. Nach einer Weile ohne Pfeil werde ich wieder unsicher. Ich halte an studiere das Roadbook, fahre weiter, halte an, fahre weiter, es kommt eine Abzweigung ohne Schild! Da es ja auch berghoch geht spüre ich schon etwas Frust in mir aufsteigen. Ich fahre nach Gefühl und frage in einem kleinen Kaufmannsladen nach dem Weg. Zu meiner Überraschung bin ich aber richtig. Das lag aber jetzt nicht an mir, hier ist Roadbook und Beschilderung doch etwas spärlich.

Auch das stecke ich weg, wieder auf der richtigen Strecke geht es jetzt in einen heftigen langen Anstieg. Ich überhole einen Radfahrer und zwei weitere RAAM Qualifikanten. Die Hitze ist fast unerträglich, die anderen bleiben zurück, da hilft auch die Anfeuerung unf Musik aus dem Follow Car nichts. Mein Beine funktionieren noch besser als bisher. Wie eine Maschine kann ich den Berg hochfahren. Wenn ich letzter werde, dann liegt es bestimmt nicht an den Beinen, die sind sensationell. Ich habe keine Ahnung wieviel Uhr es ist, und keine Ahnung wieviele Stunden ich schon unterwegs bin. Ich sehe  nur die Kilometer der aktuellen Runde, also Etappe, die Geschwindigkeit und den Puls. Der ist mittlerweile ultradistanztypisch relativ niedrig, trotz Hitze und Kampf berghoch.

Der Berg will nicht aufhören, die Sonne knallt, es gibt keinen Schatten, nicht einen Hauch, aber noch diese Etappe, dann kommt eine etwas leichtere und dann gibt es Joguhrt mit Cornflakes in Affoltern. Die Beine gehen so gut, trotz der immensen Hitze, das ich während der Fahrt denke, dass ich stolz bin auf meine Beine. Seltsame Gedanken gehen einem da durch den Kopf. Anyway, nach scheinbar endlosem Anstieg flacht es dann tatsächlich ab, und schließlich erscheint in Jassbach das Checkpoint Schild, dass zur KS zeigt.

Auch hier ein umsorgender Empfang, an einem Radgeschäft werden den erschöpften Kletterern die Räder abgenommen und die Flaschen befüllt. Ich esse noch eine Banane, trinke gefühlt hundert Liter und mache mich weiter. Ich will nach Affoltern, Joguhrt mit Cornflakes!

Angeblich geht es lange bergab. Stimmt auch, aber nur leicht und es gibt ordentlich Gegenwind, so dass mir diese Fahrt fast härter vorkommt als die Bergetappe gerade eben. Ich sehe einen weiteren Radfahrer, der offensichtlich zum Radmarathon gehört, aber keine Startnummer trägt. Er biegt aber auch an den Pfeilen ab. Wir überholen uns mehrmals gegenseitig, fahren auch mal ein paar Meter im Windschatten, arbeiten aber nicht zusammen. Will ich auch gar nicht, das Ding fahre ich jetzt auch bis zum Schluss alleine.

Diese Etappe zieht sich, immer wieder entscheide ich mich zugunsten der Sitzfläche gegen die Hände und fahre ein Stück im Wiegetritt. Zwischendurch dachte ich die Hände tun gar nicht mehr weh, bis ich merke, dass mein Gehirn das nur ausgeblendet hat. In dem Moment wo ich dran denke, kommt der Schmerz zurück…

Ab hier ist es echtes Ultracycling. Bis an die 600 Kilometer war es ok, jetzt muss ich kämpfen. Nicht die Beine, ich habe auch 800 Kilometer drin, auf jeden Fall. Auch zweifle ich nicht daran die 720 zu Ende zu fahren. Aber es ist mental anstrengend. Sehr anstrengend.

Ich bin fast froh als es wieder bergauf geht, die Abfahrt war elend. Das Ziel Joguhrt mit Cornflakes ist jetzt sehr nah. Auf meine Beine kann ich mich verlassen, berghoch läuft, die brutale Hitze kann mich mal, einmal bin ich noch unsicher beim Linksabbiegen in den Schlussantieg nach Affoltern hinein, aber zum Glück steht gerade das Auto der Rennleitung dort und winkt mich in die richtige Richtung.

Dann endlich das zweite mal in Affoltern. Noch eine (mir schon bekannte) Etappe und es ist geschafft. Ich genieße den Joguhrt mir Cornflakes, nehme noch einen Becher und esse noch ein Brot, dann geht es in die Abfahrt.

Die Hände kribbeln, sind taub, schmerzen, aber der erste Teil der Schlussetappe geht noch. An der Stelle wo ich mir vorhin ausgemalt wie es wohl auf dieser letzten Etappe seine würde, ist es dann ganz anders. 14 von 14, noch 20 Kilometer, aber kein enthusiastisches Hochgefühl, ich muss kämpfen es fühlt sich recht anstrengend an.

Dann endlich Boll, dort wo ich vorhin falsch abgebogen bin. Diesmal sehe ich das Schild im Kreisel in Richtung Bern. Offensichtlich hatte mein Gehirn das ausgeblendet, wie man manchmal den Autoschlüssel sucht, der auf dem Tisch vor einem liegt.

Auch nach Ittigen biege ich diesmal richtig ab. Es geht bergab, über die letzte Bahnschranke und prompt schließt sich das Ding in dem Moment wo ich heranfahre. Ich fluche laut.

So stehe ich nochmal vor der geschlossenen Schranke, einen Kilometer vor dem Ziel. Dann aber geht es weiter, nochmal ein bisschen berghoch, dann links abbiegen zur Raststätte, die kurze heftige Steigung über die Autobahnbrücke, links, ins Ziel, Nummer gemeldet, vorbei!

Ich habe keine Ahnung wie lange es gedauert hat, deshalb frage ich nach ob ich gefinished habe. Die Jungs verstehen meine Frage nicht. 32:25:04 h ist die Zeit. Zur Belohnung gibt es drei große Stücke abgepackten Emmentaler, das ist doch mal ein nützliches Finishergeschenk!

Ich stehe noch einen Moment im Zielbereich herum, aber so einsam wie man startet kommt man auch ins Ziel. So gehe ich aufs Zimmer, stelle mein Rad ab, dusche, hole mir einen Kamillentee und laufe zurück in den Startbereich. Das ich gerade 720 Kilometer in über 32 Stunden gefahren bin realisiere ich gar nicht so recht. Ich rede irgendwas mit den Leuten die dort sitzen, meine Stimme hört sich an als wäre ich erkältet. Ich sitze aber nur kurz, ich muss gehen, meine Beine bewegen. Ich gehe aber nur sehr langsam, ich bin leer und erschöpft.

Der Ranndoneur mit dem Patria kommt ins Ziel. Er ist die 600 Kilometer gefahren. Er hat in Sargans quasi übernachtet und ist erst um 6 Uhr morgens weitergefahren. Ich freue mich ihn zu sehen, schließlich war einer der wenigen die ich auf der Strecke mehrmals bzw. länger gesehen habe.

Dann beschließe ich aber ins Restaurant zu gehen und was zu essen. Ich bin froh, dass es bis dorthin ein paar Meter zu laufen sind, wenn ich auch nur sehr, sehr langsam dorthin schleiche. Ich bin komplett platt. Die Hände sind Taub, sonst ist alle bestens.

Das Essen ist sehr anstrengend, ich zwinge mich aber Salat, Kalbsschnitzel und Rösti aufzuessen, nach dem ganzen Zeug unterwegs braucht mein Körper doch was „richtiges“.

Danach schleppe ich mich wieder ins Hotel zurück, kaufe mir vorher aber noch eine Tafel Schokolade, die ich aber dann doch nicht esse. Dann habe ich genug Cooldown gehabt, ich muss in Bett. So müde und erschöpft war ich bis jetzt nur selten in meinem Leben.

Ein Kommentar

  1. Hi Guido,
    … was du dir so antust… Aber ich bin stolz auf dich, dass du alles so durchziehst! Ich wünsche dir viel Erfolg in Österreich nächste Woche und ich freue mich auf das Event in Sölden!!!
    Liebe Grüße, Maj-Britt