Tag 21 Aberdovey – Holyhead

Wetter: bewölkt, diesig 10 bis 13°
Tageskilometer: 144
Gesamt zurückgelegte Kilometer: 1804
Tages-Fahrzeit: 6:36 h
Gesamte Fahrzeit: 102:40 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 21,8km/h
Tageshöhenmeter: 1267
Gesamt Höhenmeter: 22981
Maximale Steigung 22%
Maximalpuls: 152
Durschnittliche Pulsfrequenz: 127

Als ich morgens aufwache würde ich am liebsten noch einen Tag in Aberdovey bleiben. Das Zimmer ist klasse, aus dem Bett kann ich auf’s Wasser schauen, die Leute sind extrem nett, und das Frühstück ist auch gut.

Ich fahre natürlich trotzdem weiter, denn schließlich habe ich noch einige Stationen vor mir. Ich fahre die A493 nordwärts, und es läuft sehr gut, die Landschaft ist fantastisch, die Straße gut, und das Wetter eigentlich auch. Auch wenn die Landlady heute morgen meinte „it’s freezin’“ als sie vom Zeitung holen kam.

Erster Blick auf die Hügel des Snowdonia Nationalparks:



Es stellt sich heraus, dass es einen kleinen Weg neben der Eisenbahnstrecke gibt, der über den Mawddach Sund führt, so dass ich nicht die ganze Strecke bis Dolgell fahren muss. Auf der anderen Seite sitzt einer in einem Kassenhäuschen und knöpft mir ein Pfund für das Überqueren der Brücke ab. Die Aussicht von der Brücke ist allerdings toll.


Zweiter Blick auf die Hügel des Snowdonia Nationalparks:


Und so bin ich unverhofft schnell in Barmouth. Das hier Darwin viel an seinen wichtigsten Werken gearbeitet hat, merkt man in der Stadt nicht, nirgendwo ein Hinweis, eher ungewöhnlich. Barmouth selbst ist allerdings ein tolles Seebad, und hat wahrscheinlich von allen britischen Seebädern den längsten Strand. Kilometerlanger Sandstrand.



Weiter Richtung Norden läuft es unglaublich gut. Die Straße ist fantastisch. Ich habe ständig den Titel eines Buches im Kopf, dass ich irgendwann mal besessen habe: „Traumstraßen Großbritanniens“.


Das hier ist auf jeden Fall eine davon. Ich verlasse die 496 kurz um einen Abstecher nach Harlech zu machen. Hier gibt’s ein für die walisische Geschichte bedeutendes Castle zu besichtigen, aber auch der riesige breite Sandstrand der Tremadog Bay mit der dahinter liegenden Dünenlandschaft ist trotz des Wetters beeindruckend.



Mein Ziel ist allerdings Caernarfon, wo das am besten erhaltene mittelalterliche Castle vielleicht ganz Europas zu sehen ist. Dort fand übrigens 1969 die Investitur von Prinz Charles zum Prince of Wales statt.

Auf dem Weg dorthin mache ich auch einen Abstecher nach Portmeiron. Zunächst geht es wieder über eine Eisenbahnbrücke, diesmal soll das Fahrrad 30 Pence kosten, aber die freundliche Kassiererin winkt mich durch.

Ich bin zunächst etwas verwirrt, denn als ich glaube den Ort erreicht zu haben sieht alles aus wie in den anderen Orten auch. Dabei soll hier doch ein italienisches Dorf in Wales stehen. Hm, seltsam, vielleicht eine englische Interpretation des Themas Italien, der ich nicht so richtig folgen kann. Es stellt sich aber heraus, dass kurz hinter dem eigentlichen Ort eine, laut Baedeker „Ferienkolonie im italienischen Stil mit Häusern in mediterranen Farben“ liegt. Sie zu erreichen kostet mich einige Höhenmeter und der Eintritt ist mit 7,90 GBP recht happig. Um so größer ist meine Enttäuschung. Zwar liegt die Anlage ganz nett in einer Bucht, aber die ganze Küste ist hier so schön, und die Häuschen erinnern mich so ein bisschen an Lego- oder Disneyland. Sorry aber das ist nicht so meins. Interessanterweise, sind hier mehr Touristen als an allen Orten an denen ich bisher war zusammen.



Ich fahre also gleich wieder weiter, die knapp acht Pfund hätte ich mir sparen können. Vor allen Dingen weiß ich nicht wie lange das Castle in Caernarfon auf hat, und würde es gerne heute noch sehen, denn morgen öffnet es bestimmt nicht vor halb zehn, und dann kann ich erst so spät weiterfahren.

Die Strecke ist nicht ganz so flüssig wie der bisherige Teil, es gibt ein paar mehr Höhenmeter, aber ich halte ganz gut drauf, und auch wenn’s zwischendurch doch recht anstrengend ist, schaffe ich es doch zwanzig vor vier am Castle zu sein. Insgesamt habe ich die ersten 98 Kilometer des Tages mit einem Schnitt von über 22 Km/h zurückgelegt, was für Wales doch ganz gut ist.

Das Castle ist schon recht beeindruckend und man kann überall drin herumklettern, hat sich also gelohnt. Die ganze Stadt ist ganz interessant, allerdings auch nur so zum durchfahren und anschauen, eine Nacht muss ich hier eigentlich nicht verbringen.




Der (bescheidene) Thron des aktuellen Prinz of Wales:




So beschließe ich weiterzufahren Richtung Holyhead, damit ich es morgen nicht so weit habe. Ab jetzt gibt es deutlich mehr Steigungen und auch der Verkehr nimmt zunächst deutlich zu.

Meine Wasservorräte hatte ich nicht mehr aufgefüllt, und auch nichts gegessen, da hier sowieso alle paar Kilometer eine Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme ist. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass auf der zweispurigen Schnellstraße, die von Bangor nach Holyhead, so gut 20 Meilen führt nichts, aber auch gar nichts kommt. Weder eine Servicestation, noch gibt es einen Ort, der mit dem Fahrrad gut zu erreichen wäre. So bringt es auch nichts abzufahren.

Die letzten drei Schlucke teile ich mir noch ein, aber dann sind alle Flaschen leer. Durch die Erkältung ist der Hals immer extrem trocken, und ich habe noch fast dreißig Kilometer bis Holyhead. Eigentlich wollte ich gar nicht so weit fahren, aber es gibt nichts was sich zur Übernachtung anbietet.
Also, nix zu Trinken, nichts zu schlafen, dann bleibt nur durchziehen und entweder in Holyhead übernachten oder auf der Fähre schönen heißen Tee trinken.

Die langen Steigungen, die zwar nie über 5% hinausgehen, werden jetzt doch sehr anstrengend, und ich merke wie das Akkulämpchen immer wieder mal rot blinkt. Immer wieder scheint noch eine Hügelkette die Straße quer zu durchschneiden, so dass es keine langen Abfahrten gibt, so dass man Richtung Ziel rollen könnte.
Einen Riegel gönne ich mir noch, und als es noch etwas weniger wie 10 Kilometer sind, schraube ich nochmal alle drei Flaschen auf, und sauge die letzten Schluckeeher Tropfen, raus. Ich versuche mich damit zu motivieren, dass es die letzte Etappe in Großbritannien ist, und dann das Minimalziel der Reise, nämlich Dublin, fast erreicht ist.


Letztlich läuft es auch die paar Kilometer noch, und obwohl der Akku wirklich leer ist, komme ich in Holyhead an. Schon kurz vorher verdichtet sich der Nebel, und die Stadt selbst liegt völlig im Dunst. Düster und grau präsentiert sich der Ort.


Mir egal, ich fahre zum Fährhafen um zu sehen ob und wann eine Fähre geht. Der Ticketschalter macht erst in einer halben Stunde auf, so habe ich genügend Zeit mich im Cafe mit Orangensaft, Tee und Kuchen wieder in Normalzustand zu bringen.

Als der Ticketschalter wieder aufmacht ist es mit dem Normalzustand schnell wieder vorbei, denn zwar geht um 21:30 Uhr eine Fähre, aber man will mich nicht mitnehmen, weil ich kein Auto habe. Nur für Autos! Ich fange an zu diskutieren, und stoße auf die üblichen Argumente Sicherheit (es gibt keinen sicheren Weg auf’s Schiff für Fußgänger oder Fahrradfahrer) und „das können wir gar nicht buchen, der Computer hat’s nicht im System“.

Ich merke schnell, dass die Diskussion fruchtlos ist, die Dame von der Stenaline ist „höflich aber bestimmt“. So muss ich an den Schalter nebenan zu Irish Ferries. Die nächste Fähre geht aber erst um 2:30 Uhr. Was für ’ne blöde Zeit, zu spät um noch eine Übernachtung in Dublin zu nehmen, zu früh um gleich in Dublin zu frühstücken. Ich buche einfach trotzdem. Mein Motto bei Fähren lautet, immer erst mal rüberkommen, dann sehen wir weiter. Und Holyhead wirkt wirklich nicht einladend, ich will hier schlicht nicht übernachten. Dafür war Wales insgesamt zu schön.

Also setze ich mich zunächst ins McDonalds, selbst die Pubs sahen nicht so einladend aus. Und hier gibt’s auch WiFi, so dass ich auf der Stena Website schaue, ob ich nochwas online machen kann. Aber für mich und das Fahrrad wäre die nächste erst morgen um 10:30, also bleibt’s bei der gebuchten Lösung. Ich nutze die Zeit und das WiFi um schon mal die Bilder ins Blog hochzuladen usw. Allerdings würde ich natürlich gerne duschen und frische Klamotten anziehen, aber das kann diesmal noch LANGE dauern…

Nachdem ich auch in der Cafeteria am Hafen noch etwas Zeit totgeschlagen habe geht’s um 12:30 zum Checkin in die Autoschlange. Aber obwohl ich mich vorne anstelle und als erster auf den Weg zum Terminal geschickt werde muss ich dort nochmal in die Wartelounge, weil erst die LKWs drankommen. Na wenigstens gibt’s dort einen Fernseher wo Snooker läuft.

Als es dann auf die Fähre geht suche ich mir gleich einen Platz zum Schlafen, aber leider ist auch ein Bus mit Fußballfans in der gleichen Bar und von denen will nur die eine Hälfte schlafen, und die andere eher quatschen, trinken und laut lachen. Schlimmer noch sind allerdings die Kinder die wohl auch mit zum Fußball durften. Ohne Aufsicht und um mittlerweile fast drei Uhr nachts völlig aufgedreht erzeugen die einen Geräuschpegel wie zwei startende Düsenjäger. Wenn es gesellschaftlich nicht so schlecht angesehen wäre würde ich denen allen am liebsten den Hals umdrehen. Mittlerweile bin ich doch völlig gerädert, schlafen geht aber nicht. Und bis ich morgen einchecken kann muss ich mich ja auch irgendwie über Wasser halten.

Wie auch immer, irgendwann gebe ich auf, gehe Frühstücken, Zähneputzen und schaue gespannt dem zweiten Abschnitt meiner Reise entgegen: Irland.

Ein Kommentar

  1. Hi Guido,
    das bloggen geht ja auch nur wenn’s will… Also, 2. Anlauf: es liest sich ja alles wieder sehr schön! Allerdings übersehe ich immer galant deine Angaben wie km und Puls und Steigungen – ich lese nur die Texte und schaue Fotos! Da bekomme ich dann schon ein wenig Lust auf’s Fahrradfahren, aber mein Fahrradkauffachberater befindet sich ja derzeit im Ausland ;-)) Lieben Gruß!