Tag 58 Aberdeen – Glenshee

Donnerstag 28.05.2009

Wetter: meist sonnig 10 bis 15°
Tageskilometer: 120
Gesamt zurückgelegte Kilometer: 5146
Tages-Fahrzeit :6:10 h
Gesamte Fahrzeit: 265:13 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 19,5 km/h
Tageshöhenmeter: 1156
Gesamt Höhenmeter: 56588
Maximale Steigung 15%
Maximalpuls: 152
Durschnittliche Pulsfrequenz: 122

Aberdeen ist echt klasse, wenn das Hotel nicht so schlecht und teuer wäre, würde ich glatt noch eine Nacht dranhängen, aber zum umziehen habe ich keine Lust. So mache ich mich wieder auf den Weg mitten in die Highlands.

Heute habe ich nur ca. 90 Kilometer geplant, da es erstens geradewegs nach Westen geht, und zweitens mitten in die Grampian Mountains, und die haben schon einiges zu meinem Höhenmeterkonto beigetragen.

Der Weg nach Braemar führt allerdings durch das Dee Tal, so dass zunächst kaum Höhenmeter zusammenkommen. Der Wind weht zwar aus Westen, aber zunächst so schwach, dass er sich praktisch nicht bemerkbar macht, und ich einen „ehrlichen“ 21er Schnitt fahren kann.

Nach ca. zwanzig Kilometern auf der 93 gibt es das Crathes Castle zu besichtigen, ein gutes Beispiel für den schottischen Baronial-Stil (laut Baedeker). So ein richtig gut erhaltenes Castle aus dem 15./16. Jahrhundert hatte ich noch nicht im Programm, deshalb eine schöne Ergänzung in meiner Castle Sammlung. Vor allem die Eichendecke der Gallery, original aus 1680, beeindruckt. Selbstverständlich gibt es vor der Weiterfahrt ein zweites Frühstück mit Tee und Scones.






Nach gut 60 Kilometern ist es vorbei mit der Windstille und der Westwind bläst mir heftig entgegen. Das passt irgendwie gar nicht so recht zum meist sonnigen Wetter. Nach zwanzig Kilometern leiern gegen den Wind gibt es dann das Balmoral Castle zum Entspannen. Das besondere hier ist, dass es noch von den Royals benutzt wird, und Queen Elisabeth II hier auch mal im Garten einem Premierminister beim Spaziergang ihren Rat anbietet.



Zu besichtigen gibt’s hier innen nur den Ballsaal, in dem die Hauptattraktion verschiedene Kleider der Queen sind. Naja. Den meisten geht’s wie mir und so sind mehr Leute in der Cafeteria wie beim Besichtigen des Castles…

Dann geht es wieder in den Wind. Die paar Kilometer bis Braemar schaffe ich auch noch. Es ziehen ein paar dunkle Wolken auf, aber die tragen eher zur sehr schönen Atmosphäre bei. Ich schaue mir den Ort an, der schon ziemlich mitten im Nichts liegt. Hier gibt es zwei vielversprechende Hotels, aber ich habe erst 96 Kilo- und kaum Höhenmeter.



Im Touristoffice, das gerade Feierabend macht frage ich nach den Unterkunftsmöglichkeiten Richtung Süden, und da gibt’s schon was. Allerdings muss ich dazu über einen Pass, der angeblich 1100 Meter hoch liegt. Na das passt doch, schließlich war ich auf Quälerei eingestellt, und lange Steigungen mit heftigem Gegenwind, das klingt genau danach.

So fahre ich weiter, die Steigung ist zunächst moderat, was aber nicht viel nützt, da der Gegenwind heftig ist, aber die Landschaft ist einfach fantastisch. Am Ende zur Passhöhe hin wird’s etwas steiler, dafür lässt der Wind manchmal etwas nach.

Der bläst hier überhaupt seltsam, manchmal habe ich für ein paar Meter Rückenwind, und dann ist es als ob jemand plötzlich einen riesigen Fön einschaltet und direkt vor’s Fahrrad hält.






Der Pass ist niemals so hoch wie versprochen, vielleicht der Berggipfel, zu dem der Sessellift hoch führt, denn auf der Passhöhe ist eine Skistation. Ich genieße einen Moment die Aussicht, und fahre dann die andere Seite wieder runter. Hier erlebe ich eine neue Facette der Windspiele. Es geht zwischen 12 und 15% bergab, aber der Gegenwind bläst mit Macht entgegen, so komme ich selbst mit heftigem Treten gerade so auf 40 km/h. Bei diesem Gefälle unglaublich. Es fühlt sich aber an als ob man beim Cabrio fahren bei Tempo 160 aufsteht und den Kopf in den Wind hält.


Ich genieße noch etwas die Fahrt durch das karge aber schöne Tal, und erreiche nach einigen Kilometern das versprochene Hotel. Ich handele erst gar nicht, denn die Besitzer sind offensichtlich Inder, und gegen eine dreißigjährige indische Rezeptionistin mit Baby auf dem Arm hast du keine Chance…
Das Zimmer ist schlimm, ein echtes Kellerloch, der Preis zu hoch, aber dafür, dass hier sonst nichts ist, dann halt doch ok. Es gibt vor allem auch Dinner, und das ist recht gut und günstig.

Nach dem Essen gehe ich in die Lounge, dort gibt es Livemusik. Wie sehr oft in Schottland und natürlich auch Irland. Aber wie genau so oft sind das so Alleinunterhaltentypen, die das gleiche abgeleierte Alleinunterhalterrepertoire runternudeln wie überall auf der Welt. Schlechter Bontempiorgelsound (Wie schaffen die das nur aus ihren teuren Keyboards so miese Sounds rauszuholen??), Midifiles von mäßiger Qualität um ein paar Euro zu sparen, und der hier braucht immer so drei Versuche bis er den Lambada in seiner Rhythmusmaschine gefunden hat. Während ich diese Zeilen schreibe werde ich gerade mit 100 Phon mit einem Medley aus Rosamunde, Rockin‘ all over the world und Schottengenudel (my name is mcnamara i’m the leader of the clan…) beschallt.
Dagegen sind 100 Meilen und 1500 Höhenmeter gar nichts, DAS ist echte Quälerei.

Nachdem mich gestern die medizinische Dosis Whisky am Morgen und das Pint Lager am Abend zum Fußball völlig niedergerissen hat, bleibe ich heute bei O-Saft und Tee, werde noch etwas „Landschaft atmen“ gehen, und hoffe nur, dass das Gedudel nicht bis zu meinem Zimmer dringt. Der Tag war insgesamt war aber auf jeden Fall klasse.

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