Timmelsjoch 2010 die Zweite

Samstag 31.07.2010

Um halb acht sitze ich erst auf dem Fahrrad, das mit dem Schlaf nachholen hat also geklappt. Heute geht’s hoch auf’s Timmelsjoch, runter nach Soelden und wieder zurück. Die Gletscherstraße werde ich nicht, wie letztes Jahr noch, mit einbauen, wenn da tatsächlich noch Energie übrig bleiben sollte kann ich ja das Timmelsjoch von St. Leonhard nochmal fahren…

Schon auf den ersten Metern merke ich, dass ich mit meiner langen Radhose und der Wollmütze viel zu warm angezogen bin. Irgendwie hatte ich nur kurz aus dem Fenster geschaut, und es sah genauso aus wie gestern. Stattdessen ist aber Kaiserwetter angesagt. Keine Wolke am Himmel. D.h., dass ich vor allem auf dem Rückweg von Soelden in der Mittagshitze ordentlich schwitzen werde.

Aber jetzt geht es erst mal, denn um die Uhrzeit ist es noch nicht so warm, im Tal so ca. 17°. Das es erst mal recht steil losgeht weiß ich noch vom letzten mal. Gleich am Anfang überhole ich zwei italienische Rennradler und überlege kurz ob ich mich denen eine Weile anschließe, die fahren allerdings einen ganz anderen Rhythmus, so dass ich den Gedanken gleich verwerfe.

Irgendwie hatte ich in Erinnerung, dass es nach dem Örtchen Moos eine Weile ganz flach ist. Da hatte ich mich aber getäuscht, denn diese Stelle kommt erst viel später. Stattdessen geht es erst mal ein paar Serpentinen hinauf und es gibt Steigungen im zweistelligen Prozentbereich. Die Straßenführung verwirrt mich insgesamt genauso wie letztes mal. Denn hier zweigt ja ein Seitental vom Passeiertal ab, und nach dem man einige Tunnel durchfahren hat, weiß man gar nicht mehr an welchem Hang man denn jetzt eigentlich fährt.

Die Beine sind ganz ordentlich, wenn auch nicht sensationell. Ich stelle mir aber beim Fahren vor, wie es sich anfühlt, wenn man die Steigung im Rahmen des Oetztaler Radmarathons fährt. Oje!

Dann nach ca. 15 Kilometer kommt tatsächlich ein kleines flaches Stück, und nachdem es ein paar hundert Meter nochmal was zu klettern gibt, dann endlich dieses lange flache Stück, wo es sogar leicht bergab geht. Das ist so ca. zwei Kilometer lang, und wie schon die ganze Strecke ist eine Aussicht schöner als die andere.

Zum Erholen ist dieser Abschnitt sehr gut, aber es ist auch erst die Hälfte der Strecke bewältigt. Nach einer scharfen Kehre geht es dann in den nächsten Steigungsteil. Die Beine sind ok, und eigentlich geht es ganz gut, ich muss aber immer wieder darüber staunen, wie locker ich das letztes Jahr gefahren bin, nicht von den Beinen her, sondern vom Kopf.

Nach einem Tunnel kommt noch einmal ein flacheres Stück, nicht sehr lange, aber man hat von hier tolle Ausblicke in Richtung Timmelsjoch und die Serpentinen die den Schlussabschnitt bilden. Auch wenn es noch ein Stück weg ist, so gibt das doch schon Motivation. Außerdem sehe ich das so zum ersten mal, denn letztes Jahr war alles in Wolken gehüllt. Das war dann aber auch der letzte flache Abschnitt. Die Strecke schlängelt sich am Berg hoch, und mir wird schon ordentlich warm. Dieser Abschnitt wird beim Ötzi die Hölle sein, denn zehn Kilometer steilberghoch, am Ende einer Marathondistanz, da hört der Spaß dann wahrscheinlich auf. Da hilft dann wohl nur noch der Wille und der Gedanke ans „Finishen“

So frisch nach dem Frühstück ist das aber zu meistern, auch wenn mich die Streckenführung nochmal blufft. Da steht ein Schild 5 Kehren, und ich deute das als „noch 5 Kehren“. Allerdings bin ich erstaunt, wie kurz die Abschnitte zwischen den Kehren sind, auch wenn es ordentlich steil ist. Und nach der fünften Kehre fehlen noch 6 Kilometer bis zum Gipfel. Mist, zu früh gefreut. Stattdessen kommen jetzt Abschnitte mit sehr langen Steigungen, die nur noch durch zwei oder drei Kehren die Richtung wechseln. Hier heißt es durchhalten.

Und dann kann ich einen ersten Blick auf den Tunnel werfen, der denn Zielabschnitt einleutet. Noch eine Kehre, jetzt nochmal richtig draufhalten. Der Tunnel ist wohl der längste der Strecke, und nicht nur unbeleuchtet wie die anderen auch, sondern auch mit schlechtem Straßenbelag. Aber egal, nach dem Tunnel fährt man durch diese herrliche Steinwüste, und obwohl es noch fast zwei Kilometer bis zum Ziel ist kann man nochmal richtig draufhalten, denn die Steigung lässt hier deutlich nach.

Und dann ist auch schon die Passhöhe zu sehen. Für mich zum ersten mal in strahlendem Sonnenschein. Am Schild mache ich eine kurze Pause und das übliche Zielfoto. Die Zeit von knapp zweieinviertel Stunden ist völlig ok (über 10 Minuten besser wie 2009), und ich würde Geld dafür bezahlen, wenn ich beim Ötzi diese Zeit fahren könnte…

Kurz die Abfahrtsklamotten angelegt, und weiter gehts. Auch die Abfahrt ist natürlich ein „Checken“ für den Ötzi. Und der Gegenanstieg hoch zur Mautstation ist genauso unangenehm wie ich ihn vom letzen Jahr in Erinnerung hatte. An der Passhöhe des Timmelsjoch ist also im Hinblick auf den Marathon noch nichts gegessen.

Die Abfahrt macht Spaß, und durch das schöne Wetter bieten sich natürlich immer wieder atemberaubende Aussichten. Aber auch wenn man schon unten in Obergurgl ist, hat man noch einige Höhenmeter vor sich, bis endlich Soelden erreicht ist.

Die Abfahrt hat ungefähr 40 Minuten gedauert, und irgendwie komme ich nicht auf Tempo. Vielleicht ist etwas Gegenwind, aber eigentlich gibt es ein paar Stellen wo man richtig, richtig schnell fahren kann, aber das Fahrrad rollt nicht. Ich glaube hier bezahle ich für die relativ bequeme Sitzhaltung und den großen Rahmen, denn die Aerodynamik des Fahrrades, inkl. der Laufräder ist schon ganz schön schlecht im Vergleich zu dem was möglich ist.

In Sölden gibt es ein Stück Mohnkuchen und einen Milchcafe und dann geht es zurück, wieder hoch zum Timmelsjoch. Diesmal eben von der anderen Seite. Die gleiche Strecke, die ich letztes Wochenende bei Regen und beißender Kälte gefahren bin. Diesmal leide ich umgekehrt, durch die zu dicken Klamotten unter der Hitze, denn im Tal sind es immerhin 28° C.

Leiden ist aber der falsche Ausdruck, denn so schlimm ist es auch wieder nicht. Allerdings ist bei einem angenommenen Wirkungsgrad von maximal 25% der Körper in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt, wenn er zu warm angezogen ist. Für den Ötzi heißt das wohl lieber zu kühl als zu warm anziehen.

Die Strecke kenne ich ja nun mittlerweile ganz gut, und so gehe ich es recht aggressiv an. Mal schauen wie die Zeit im Vergleich zum letzen Wochenende wird. Es ist natürlich herrlich bei diesem tollen Wetter zu fahren. Und die beeindruckende Landschaft kommt so noch besser zur Geltung.

Bis Obergurgl geht es allerdings in einigen Serpentinen schon mal ordentlich steilberghoch, und auch nachdem man nach dem Ort den Abzweig in Richtung Timmelsjoch genommen hat ist eher kämpfen denn genießen angesagt. Teilziel ist wie immer die Mautstation, denn dann kommt ja die kurze Abfahrt.

Und es geht auch ganz gut, so dass ich noch einigermaßen in Schuss an der Mautstation ankomme. Nach jeder Serpentine wird im Wiegetritt beschleunigt, um dann im Sitzen mit ordentlicher Trittfrequenz draufhalten zu können.

Erst sieht man Hochgurgl, dann geht es nochmal um die Kurve und steil weiter, bis sich die Strecke vor der Mautstation schließlich abflacht. Den flachen Teil vor der Station und die beginnende Abfahrt dahinter nutze ich um mir ein Energiegel reinzuzwängen und was zu trinken, denn jetzt kommt nochmal ein fieser Abschnitt, und dann ist das mit dem Essen immer so kompliziert.

Auf der langen Gerade, die sich ab der Teufelsbrücke bis zu den Serpentinen hin erstreckt hatte ich eigentlich mit Gegenwind gerechnet, aber auch diesmal habe ich Glück. Allerdings ist es hier oben jetzt doch sehr warm, über zwanzig Grad gegenüber acht Grad heute morgen. Die Sonne brennt, und obwohl ich extra die langen Ärmel am Trikot drangelassen habe, werde ich mir wohl einen Sonnenbrand an den Händen holen, denn aus irgendeinem Grund bin ich ohne Handschuhe losgefahren, und die langen sind nun wirklich zu warm.


Zum ersten mal sehe ich die Serpentinen in ihrer ganzen Pracht, denn die letzten Male war immer alles in Wolken gehüllt. Vorteil oder nicht fällt mir schwer zu entscheiden, aber letztlich geht es ganz ordentlich und so nehme ich freudig die letzte Serpentine. Zwar bin ich kurz erschrocken über den Trubel der hier herrscht, denn die letzen Male hatte ich nicht mal jemanden fürs Zielfoto gefunden, aber natürlich freue ich mich, dass ich es geschafft habe.


Ich überlege kurz hier was zu essen, habe aber keinen Hunger, und außerdem ist es mir schlicht zu voll. Die Zeit ist übrigens mit 1:35 nochmal schneller wie letztes Wochenende. Schön.

Schön ist auch was jetzt kommt, nämlich eine Abfahrt über 30 Kilometer bei strahlendem Sonnenschein, ich brauche nicht mal die langen Handschuhe rauszukramen. Allerdings bin ich so überrascht über das spektakuläre Panorama das sich mir schon kurz hinter der Passhöhe bietet, dass ich erst mal fünf Minuten stehen bleibe, einfach nur um zu gucken und zu genießen.

Das mache ich noch zwei, dreimal. Für einen Flachlandtiroler wie mich ist das sehr beeindruckend. Hier bieten sich irre Ausblicke. Und auch während der Fahrt nimmt man dass immer wahr, selbst wenn man berghoch kämpft oder sich bergab konzentrieren muss. Ich weiß nicht ob ich je wieder zu Hause Fahrrad fahren kann…

Die Abfahrt macht abgesehen vom Verkehr viel Spaß. Es gibt zwar einige Abschnitte mit schlechten Straßen, insbesondere auch in den Tunneln, aber das ist nicht dramatisch. Ich genieße die Aussicht, wo es geht, und versuche schnell zu fahren wo es geht. Aber entgegenkommende Motorradfahrer, die gerne mal die Kurve auf deiner Seite von außen anfahren, und langsame Autos vor mir, die nicht zu überholen sind, führen letztlich dazu, dass ich die letzten 10 Kilometer locker ins Tal rolle. 30 Kilometer Abfahrt ist auch recht lang, so bin ich dann durchaus froh, als St. Leonhard wieder erreicht ist.

Fast 3200 Höhenmeter sind dann für heute auch genug. Ich werden morgen auch nicht mehr fahren, was ich noch kurz erwogen hatte, denn in der nächsten Woche muss ich gut regenerieren und noch ein bisschen Grundlage fahren um für das kommende Trainingslager fit zu sein.

So komme ich pünktlich zum Qualifying der Formel 1 ins Hotel zurück, und kann den Rest des Tages mit essen und Alpenpanorama genießen verbringen.

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