Timmelsjoch 2010

Samstag 24.07.2010

Um halb sieben werde ich wach. Der erste Blick aus dem Fenster bestätigt leider die Wetterprognose, denn es regnet nach wie vor. Mal schauen ob mein heutiger Plan bis St. Leonhard und zurück zu fahren (also beide Seiten des Timmelsjochs zu fahren) sich umsetzen lässt. Denn völlig durchnässt eine dreißig Kilometer lange Abfahrt und dann wieder zurück, das klingt bei diesen Temperaturen wenig verlockend.

Leider sind auch meine Klamotten nicht getrocknet. Da ich nur eine lange Radhose dabeihabe entscheide ich mich für die kurze und nehme Beinlinge mit. Vom Trikot mache ich die Arme ab, die sind nämlich noch völlig durchnässt. Da ich eh die Regenjacke drüberziehe ist das bis 0° eigentlich kein Problem. Die nassen Radschuhe fühlen sich eklig an, auch hier hatte ich auf ein Ersatzpaar verzichtet, dummer Fehler. Helm macht bei dem Wetter wenig sinn, und die Mütze ist noch nass, aber die wärmt sich schon auf, und dann ist es immer noch das kleinste übel. Schließlich noch die Handschuhe, in denen steht das Wasser noch. Das ist jetzt das 5. oder 6. Paar das ich probiere, und ich besitze mittlerweile Radhandschuhe im Gegenwert eines guten Mittelklasserennrades, aber kein Paar taugt was. Nicht eines ist wasserdicht, keines hält warm, keines atmet wenigstens ein bisschen, damit die Hände nicht im Schweiß ertrinken, und keines ist ordentlich zu Handhaben. Eigentlich unfassbar.

Egal, so ist der Unterschied vom trockenen Zimmer zu draußen als ich vor die Tür in den Regen trete praktisch nicht existent. Hat also auch sein Gutes…

Vor dieser Seite des Timmelsjoch habe ich großen Respekt. Denn letztes Jahr musste ich mich sehr quälen, hatte allerdings am Beginn des Anstiegs auch schon dreitausend Höhenmeter in den Beinen. Auch ist das Timmelsjoch recht hoch, so dass bei Regen und 13 Grad im Tal da oben durchaus auch Schnee fallen kann.

Anyway, zunächst geht es nach einigen kurzen steilen Abschnitten aus Sölden raus erst mal über moderates Terrain. Die ersten längeren steilen Abschnitte mit ca. 12% lasser allerdings auch nicht so lange auf sich warten. Vor Obergurgl wird es allerdings dann wieder flach und man kann ein ganzes Stück „auf dem großen Kettenblatt fahren“.

ja es gibt auch trockene Stellen auf der Strecke…:

Nach dem Abzweig zum Timmelsjoch wird es dann wieder richtig steil, also zweistellige Steigungsprozente. Es regnet beständig, nicht so brutale Platzregen wie gestern am Kühtai, aber auch nicht gerade ein Nieseln. Die Klamottenteile die beim anziehen noch nicht durchnässt waren sind es spätestens jetzt. Das Fahren geht ganz gut, aber ich empfinde es als sehr anstrengend, und kann rückblickend gar nicht fassen wie relativ locker ich da letztes Jahr überall hochgefahren bin. Mit locker meine ich „locker im Kopf“, denn ich war eigentlich bei jedem steilen Stück immer nur innerlich dankbar, dass es nicht so steil war wie diesen sinnlosen Straßen in England.

Und es macht auch deutlich, dass man Berge nur in den Bergen trainieren kann, weil es eben nicht nur die getretene Wattzahl ist, sondern viele weitere Faktoren dazu kommen. (Haltung auf dem Fahrrad in der Schräge, Höhe, äußere Bedingungen, Eindruck der Landschaft, die Befriedigung einen Pass zu bezwingen, oder der Frust an endlosen Steigungen usw.)

Ich kann mich noch erinnern, dass ich letztes Jahr bis zur Mautstation ganz schön kämpfen musste, diesmal geht das eigentlich recht gut. Allerdings wird es mit der gewonnenen Höhe auch immer kälter, und die Hände werden so langsam doch sehr kalt. Der Rest fühlt sich nicht toll an, geht aber bis auf die Füße, die werden allmählich auch richtig kalt.

Nach der Mautstation geht es erst mal in eine kleine Abfahrt, dafür will ich aber die Beinlinge nicht anziehen, denn der härteste Teil kommt ja erst noch. Allerdings habe ich das Gefühl die Beine werden schockgefrostet, hoffentlich ist es bald rum…

Dann kommt endlich der zähe Schlussabschnitt. Es geht erst mal auf gerader Straße steilberghoch, ohne Kehren oder Kurven. Eigentlich hatte ich hier heftigen Gegenwind erwartet, aber diesmal habe ich Glück. Da ich mich sehr gut an die Quälerei letztes Jahr erinnern kann, fühlt es sich dieses Jahr eigentlich ganz gut an, auch wenn es sehr anstrengend ist. Der Tritt ist noch einigermaßen flüssig, und wenn ich nicht so kalt wäre, hätte ich richtig Spaß.

Die Temperatur geht mittlerweile deutlich in Richtung Null, und irgendwann wird der Regen zu Schneeregen und Graupel. Der Wind wird stärker und peitscht böig zwischen den Bergen hindurch. Jetzt ist es wirklich saukalt. Die rechte Hand verliert ihr Gefühl, die linke geht noch, die Füße sind komplett kalt.

Ich erreiche das Ende der langen Geraden und jetzt kommt noch ein Serpentinen Teil. In eine Richtung peitschen mir Schnee und Graupel so heftig ins Gesicht, dass die Augen schmerzen. Wenn nach der Kehre die Straße in die andere Richtung wechselt geht es dann wieder, und hier gibt es sogar etwas Rückenwind.

Die letzten Meter heißt es nur noch kämpfen, die Beine gehen zwar noch, aber Wind, Schnee und Kälte fordern alles. Zurückfahren macht keinen Sinn, denn eine Abfahrt bei diesen Bedingungen ist die Hölle. Hier kann man nur durchziehen, und ich weiß ja noch vom letzten mal, dass mich auf der Passhöhe das Timmelsjochgasthaus erwartet. Und das ist dann tatsächlich auch irgendwann sichtbar, die letzte Kehre, durchziehen bis zum höchsten Punkt, und dann das Gipfelfoto. Gar nicht so einfach mit dem Foto, natürlich hüpft hier draußen bei dem Wetter keiner rum, so dass ich einen Handschuh ausziehe (was ich in der Sekunde bereue…) und das Foto vor dem kleinen Denkmal mit Selbstauslöser mache.

Jetzt geht es erst mal ins warme. Hier oben sind noch zwei Radler, die gerade in Taxikleinbussen wieder talabwärts fahren. Leider fahren die auf der italienischen Seite runter, sonst hätte ich mich angeschlossen. Ich gehe erst mal ins Warme. Ich fühle mich erstaunlich fit, die andere Seite wäre also locker noch gegangen. Schade, dass es bei dem Wetter schlicht keinen Sinn macht. Abfahren ist schlicht nicht möglich.

So trinke ich einen Milchcafe und esse eine Speckknödelsuppe. Die nassen Klamotten aus, äh nee lieber nicht, denn Nacktbewirtungsbereich ist gar keiner ausgewiesen. Mütze und Regenjacke geht aber…  Ich fühle mich von den Beinen her wirklich gut, und ärgere mich etwas darüber, dass mir hier wichtige Trainingshöhenmeter verloren gehen. Die Füße kommen wieder, die Hände wissen es noch nicht so genau. Aber alles nicht so schlimm wie am Iseran letztes Jahr.

Als das Taxi zurück ist, will ich damit zurückfahren, aber der Taxifahrer meint da draußen stünde der Bus, der fährt auch in die Richtung. Na dann, so kann ich für einen Bruchteil des Taxipreises fahren. Ich kaufe ein Ticket bis Sölden, allerdings ohne zu Wissen, dass man dann in Hochgurgl umsteigen muss. Das Fahrrad kommt in den Unterflur Kofferraum, weils da eng ist wird’s reingequetscht. In der Zeit wo ich das Fahrrad einlade wird es so eiskalt, vor allem auch durch den sturmartigen Wind, dass ich komplett anfange zu zittern. Ja ja, nasse Klamotten und Windchilleffekt, fast so schön wie in der Südsee am Strand zu liegen, nur anders.

Das Zittern kriege ich die ganze Busfahrt nicht so recht unter Kontrolle. Aber es lässt sich nett plaudern mit dem Busfahrer und dem einzigen anderen Fahrgast, einer älteren Dame die zum Wandern hier oben war.

Dabei erzählt der Busfahrer, dass gestern oder vorgestern ein 62jähriger Radfahrer am Kühtai, ganz kurz vorm Ziel tot vom Sattel gefallen ist. (Vom Fahrradsattel wohlgemerkt, nicht vom Kühtaisattel). Irgendwie kann ich das verstehen, mir ging der Kühtai auf schwer auf den Senkel. Allerdings sollte man das nicht überbewerten, denn es gibt nicht so viele Dinge, die in der Sportmedizin recht eindeutig sind, aber das die Arbeitsmuskeln bei Anstrengung immer vor dem Herzmuskel versagen, darüber gibt es keine Diskussion. D.h. der betreffende Radler war offensichtlich nicht gesund. Anyway, eigentlich ein schöner Tod, wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann wäre Tod vom Rad fallen sicher unter den Top drei.

Wie auch immer, in Hochgurgl ist die Busfahrt zu Ende. Ich beschließe nicht auf den Bus runter nach Sölden zu warten, sondern die restliche Strecke mit dem Fahrrad runter zu fahren. Es ist zwar auch hier noch recht kalt, aber es gibt keinen Schnee mehr, sondern nur normalen Regen, und ich habe auch keine Lust mehr auf Busfahren.

Schon nach einem Kilometer fängt der Körper allerdings zu zittern an. Ich kann’s auch nicht abstellen. Der Wind peitscht ordentlich, und der Regen in Kombination mit dem Fahrtwind, kühlt mich wie im Kühlschrank. Ab und zu begegnen mir, wie auch schon bei der Busfahrt, einige Radler auf dem Weg nach oben. So um die zehn waren das schon. Und ich schaue mir genau an, wie die sich hochkämpfen, so schlecht bin ich heute offensichtlich nicht gefahren.

Irgendwann will ich nur noch, dass es endlich vorbei ist. Die Hände sind mittlerweile wieder so kalt wie oben kurz vor der Passhöhe, vielleicht auch kälter. Das Zittern nimmt zu und überträgt sich auf die Gabel des Fahrrades. Da ich nicht so schnell fahre, und das Fahrrad bocksteif ist, ist das zu kontrollieren, aber so richtig geil ist es auch nicht. Ich freue mich immer, wenn mal ein Stück kommt, wo es einen leichten Gegenanstieg gibt. Ich nutze die Gelegenheit und versuche immer dreihundert Watt zu treten (im Hinterkopf natürlich auch ein bisschen Frust über die nicht gefahrenen Höhenmeter…).

Als endlich das Ortsschild Sölden auftaucht ist es auch gerade rechtzeitig, denn jetzt bin ich an der Grenze was die Kälte betrifft. Ich habe sogar leichte Probleme mit der Radkontrolle und fahre mitten auf der Straße. Aber die letzen paar hundert Meter gehen auch noch. Als ich endlich im Hotel angekommen bin und das Fahrrad in den Skikeller trage fällt mir auf, das beide Trinkflaschen noch fast voll sind. Also bei schönem Wetter hätte das ein super Trainingstag werden können. Anyway, so hat es auch Spass gemacht, und meine Regenfestigkeit hat eine ordentliche Auffrischung bekommen. Mein Kälteschaden an der Hand allerdings auch, denn die Hände sind durch das frostige Erlebnis am Col de l’Iseran letztes Jahr etwas empfindlicher geworden.

Dann geht es erst mal unter die Dusche. Aber nicht heiß, dass habe ich auch am Iseran gelernt. Und danach lege ich mich sofort ins Bett. Es dauert noch mindestens eine Viertelstunde bis das Zittern weggeht. Aber irgendwann ist auch das vorbei und ich kann ein Stündchen „regenerationsschlafen“.

Beim Tippen dieser Zeilen merke ich allerdings, dass das die Hände noch etwas Kribbeln, aber auch das wird wieder weggehen.

Trotz der Widrigkeiten hat es Spaß gemacht, auch wenn ich gerne die andere Seite des Timmelsjochs noch gefahren wäre. Morgen soll das Wetter besser werden, vielleicht fällt mir da noch was ein…

2 Kommentare

  1. Lieber Guido

    Vielen Dank für die tollen Berichte .

    Ich habe grossen Respekt vor deiner sportlichen Leistung.
    Bitte erkläre mir , wie du das mit dem 32 Ritzel gemacht hast.
    Viele Grüße
    Jürgen

  2. Hallo Jürgen,

    freut mich, dass dir die Berichte gefallen.

    Das 32er Ritzel habe ich über eine Mountainbikekassette von SRAM realisiert.

    D.h. ich habe die XX Kasette montiert. Das war zu dem Zeitpunkt die einzige 10fach MTB Kassette, mittlerweile ist Shimano ja auch bei 10fach.
    Ich bewege mich damit natürlich außerhalb der Spezifikation für die Dura Ace bzw. Di2, denn für die gibt es nur ein Schaltwerk, und mit dem darf man theoretisch mit einer Kompaktkurbel nur bis maximal 27er oder 28er (bin mir nicht sicher) Ritzel fahren.

    Wir haben das aber mit der großen Kassette im Bikeshop ausprobiert, und es hat gut geschaltet. Ich passe halt auf nicht unbedingt mit großem Kettenblatt auf das größte Ritzel zu schalten, aber auch das toleriert die Schaltung notfalls.

    Die SRAM Kassette ist sehr teuer, da sie aus einem massiven Block gefräst wird, dafür ist sie vom Gewicht her okay.
    Mittlerweile gibt es aber auch von Shimano Alternativen, die etwas günstiger sind.

    Gruß

    Guido