Tour de Kärnten Tag 5

Auch heute regnet es wieder. Mein Plan ist es ein halbe Stunde einzufahren, dann trockene Klamotten anzuziehen und mit dem Auto zum Startort auf der anderen Seeseite zu fahren. Dadurch kann ich für das Zeitfahren dünne Klamotten anziehen und muss trotzdem beim Einfahren nicht frieren.

So mache ich es dann auch. Während des Einfahrens kommen mir aber etwas Zweifel, ob ich wirklich nur ein kurzes Trikot und das Wüstenunterhemd anziehen soll, kurze Hose ist schon ok. Immerhin wurde ja die Strecke heute verkürzt, damit wir nicht an die Schneefallgrenze kommen. Es ist nicht nur nass, sondern auch recht kalt.

Ich beschließe das Winterunterhemd anzuziehen und sonst alles bei „Hochsommer“-Klamotten zu belassen. Schließlich müssen wir nur bergauf fahren und zwar recht steil, bei einer anvisierten Leitung um die anaerobe Schwelle hat der Körper einiges an Thermoregulation zu leisten, da will ich ihn bestmöglich unterstützen…

Ich habe knapp kalkuliert, meine Startzeit ist genau um zehn Uhr. Um zehn vor zehn bin ich in Bodensdorf. Das Startbüro ist wegen des Regens etwas versteckt, so dass ich etwas suchen muss, aber letztlich werde ich meine Klamotten für die Abfahrt los, kann mich einschreiben und stehe vier vor am Start.

Dann wird auch schon runtergezählt und mein Start ist freigegeben. Zuerst trete ich mal rein was das Zeug hält, nehme mich dann aber etwas zurück, nicht über 380 Watt treten lautet die Devise. Das vergeht eh schnell, und die Leistung pendelt sich etwas über der Schwelle ein.

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Leider geht es doch gleich recht steil los. D.h. heute werde ich auf jeden Fall wieder für mein Übergewicht bezahlen. Aber daran denke ich nicht, mein Ziel ist es einfach nur den nächsten vor mir einzuholen. Wir sind in umgekehrter Klassementreihenfolge im Abstand von 30 Sekunden gestartet.

Aber bevor ich den ersten einholen kann werde ich schon von hinten überholt. Ich bin noch keine fünf Minuten unterwegs. Mist. Aber nach der ersten Serpentine kann ich den vor mir gestarteten überholen.

Der Belag der Straße ist meist schlecht. Immerhin kann ich bald den nächsten sehen, aber ich komme nur langsam heran. Die Leistung liegt jetzt meist um 340 Watt. Es ist zwar anstrengend, aber ich fühle mich wieder einen Hauch besser als gestern. Das Wetter macht mir nichts, obwohl es jetzt etwas stärker regnet. Auch die Klamotten sind warm genug.

Millimeter um Millimeter arbeite ich mich an den Vordermann heran, aber der Abstand ist noch ganz schön groß. Mittlerweile haben wir die ersten Serpentinen hinter uns gelassen, noch immer geht es recht konstant im zweistelligen Prozentbereich bergauf, auf dem Radcomputer steht auch immer mal was von 13% Steigung.

Ab und zu kommt ein Auto entgegen, aber alles unproblematisch. Ich komme nur ganz langsam näher, dabei laufen wir auf einen weiteren Starter auf, wir überholen ihn beide zügig. Im Zuge dessen komme ich aber deutlich näher an mein Motivationsziel heran, offenbar hat er nach dem Überholmanöver etwas durchgeschnauft.

Aber dann bleibt der Abstand wieder gleich. Die Beine sind noch einigermaßen gut. Nach einer weiteren Serpentine flacht die Strecke etwas ab, ein VW Bus überholt mich. Dann erreichen wir die Mautstation. Der VW Bus steht dort und steht, ich komme näher, und näher. Mach hin! Ich erreiche die Mautstation, der VW Bus steht immer noch da, aber die Schranke auf der Abfahrtsseite ist auch geöffnet, so kann ich vorbeifahren.

Unwichtiges Ereignis, aber schöne Ablenkung. Ich versuche auch im Flachen die Leistung zu halten, ein bisschen auch in der Hoffnung, dass meine Motivationshilfe die moderate Steigung nutzt um etwas durchzuatmen. Dem ist aber nicht so. Dafür holen wir einen weiteren Fahrer ein, der genau das gemacht hat.

Nun zieht die Steigung wieder an. Ich bin mit 300 bis 320 Watt ganz zufrieden, versuche aber immer wieder mich zu konzentrieren und die 340 Watt zu halten. Leider kann ich mit meinem Systemgewicht von über 94 Kilo nichts „einteilen“, letztlich muss ich in den steileren Passagen immer alles geben damit die Kurbel überhaupt halbwegs rund läuft. Dosieren kann ich bei über 10% Steigung trotz meiner 36/32 Übersetzung erst ab 76, vielleicht 77 Kg Körpergewicht, da bin ich weit von entfernt.

Trotzdem geht es eigentlich ganz gut. Bis jetzt hat mich von hinten kein weiterer Fahrer eingeholt. Ich schaue auch nicht zurück, nur an zwei Serpentinen hatte man einen Blick zurück auf die Straße unter einem, da war aber niemand.

Allerdings hole ich meine Motivationshilfe auch nicht ein, der Abstand ist sogar wieder einen Hauch größer geworden. Allerdings laufen wir jetzt auf weitere Fahrer auf. Bevor wir die einholen will ich noch einen Schluck trinken, ich hatte erst zwei Schluck genommen. Dummerweise rutscht mir die Flasche aus den doch etwas klammen Fingern. Mist! Die Flasche rollt in den Graben. Ich fahre weiter, Absteigen wäre jetzt ganz blöd, sie liegt ja nicht auf der Straße, also keine Gefahr für die Abfahrenden, ich hole sie mir einfach auf der Abfahrt wieder.

Nur habe ich jetzt keine Flüssigkeit und keine KH mehr. Aber es ist mit durchnässten 4° C ja auch nicht gerade heiß, die paar Kilometer gehen jetzt auch so.

Wir überholen die kleine Ansammlung von drei Fahrern, aber meinen so lange verfolgten Vordermann kann ich nicht einholen. Allerdings ist mein Rückstand deutlich kleiner als 30 Sekunden, d.h. ein bisschen habe ich so oder so gegenüber ihm aufgeholt.

Da kommt überraschend auch schon das „1000 Meter bis zum Ziel“ Schild. Die Strecke wurde von 13 Kilometern laut gestrigem Briefing um ca. 2 Kilometer verkürzt. Gefühlt bin ich aber erst acht Kilometer gefahren. Anyway, jetzt heißt es nochmal pushen. Ich komme tatsächlich wieder etwas näher heran, dabei fahren wir an zwei weiteren Fahrern vorbei. An der 500 Meter Marke habe ich das Gefühl ich könnte ihn doch noch packen, aber er setzt jetzt auch zum Endspurt an und an der 200 Meter Marke vergrößert er den Abstand sogar wieder ein bisschen.

Ok, den schaffe ich nicht mehr, aber trotzdem versuche ich nochmal alles rauszuhauen im Endspurt, jede Sekunde zählt, ist ja schließlich ein Zeitfahren.

Dann ist es geschafft und die Ziellinie überquert. Ausfahren ist nicht, hinter der Ziellinie geht es noch ein paar Meter steil berghoch, und dann steht da die Sepplhütte. Es regnet nach wie vor, die Hütte ist aber voll. Draußen auf der leicht überdachten Terasse steht aber eh die Ziellabestation und es gibt Obst und Wasser. Da meine Wechselklamotten noch nicht angekommen sind trinke ich erst mal einen halben Liter Wasser und esse eine Banane.

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Jetzt ist es doch sehr kalt, ich habe ja nur ein dünnes Trikot und kurze Hosen an. Aber dann kommt auch schon das Auto mit den Klamotten. Jacke übergezogen, Handschuhe an, dann geht es wieder bergab. Nass, kalt. Genau genommen sehr nass, und ziemlich kalt.

Aber unten wartet ja mein Auto. Jetzt merke ich erst mal wie schlecht der Belag teils wirklich ist. Einen kleinen Abschnitt ohne Asphalt hatte ich völlig verdrängt, ich bremse da etwas spät, aber alles geht gut.

Die, die jetzt noch hochfahren sind ja alle deutlich besser platziert als ich, aber für die scheint es genauso anstrengend zu sein, immerhin…

An einem Aussichtspunkt halte ich trotz des fiesen Wetters nochmal für einen Schnappschuss, denn im Aufstieg gab es natürlich keine Chance ein Foto zu machen.

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Nachdem ich die Bremsbeläge fast komplett runtergebremst habe, denn da es so kalt ist und ich durchnässt bin mag ich nicht schnell fahren, erreiche ich endlich das Auto und mache mich auf zur heißen Dusche.

 

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