Trainingslager Glocknerman Tag 1

Nachts 2:30 Uhr, ich wache auf, verschwitzt und gerädert, das Atmen fällt schwer. Ich habe das Gefühl zu ersticken. Verdammtes Asthma, oder was auch immer das ist. Schon seit Monaten kämpfe ich jetzt mit dieser Allergie, so übel wie dieses Jahr war es schon lange nicht mehr.

Erst hat es mich bei der Leistungsdiagnostik vor dem Trainingslager behindert, dann auf Lanzarote im Trainingslager war es ok, voller Zuversicht die Woche danach, doch schon zur Flandernrundfahrt fängt es wieder an. Die ging zwar noch, aber danach war schon wieder Schluss mit Training. Nicht der erste Rückschlag seit meinem Trainingsbeginn im Oktober. Zweimal hat mich eine Erkältung zurückgeworfen.

Nur „Kleinigkeiten“, aber letztlich doch sehr sehr frustrierend. Immerhin habe ich mir recht anspruchsvolle Ziele gesetzt. So war ich die letzten beiden Wochen sehr niedergeschlagen und habe darüber nachgedacht den Glocknerman abzusagen, mein erster A-Wettkampf für dieses Jahr. Aber absagen ist nicht so mein Ding und ich weiß genau, dass mir das nur noch mehr auf‘s Gemüt schlagen würde.

Also dann erst mal „Streckenbegehung“ der Glocknermanstrecke per dreitägigem Trainingscamp zusammen mit Jacob Zurl und 18 weiteren Fahrern und Fahrerinnen. Jetzt liege ich aber hier erstmal japsend in Graz im Hotelzimmer. Und das obwohl ich nun seit vier Tagen sogar Cortison nehme, da die Antihistaminika kaum gewirkt haben.

4:30 Uhr, wieder das gleiche, immerhin anderthalb weitere Stunden geschlafen. Wie soll ich da morgen in der Gruppe vernünftig mitfahren? Ich bin wirklich frustriert.

6:30 Uhr die Nacht ist endlich zu Ende. Viel habe ich nicht geschlafen, es regnet. Die Laune ist entsprechend. Ich gehe erst mal frühstücken. Ich hab‘ Rückenschmerzen und die Knie tun weh. Das liegt bestimmt an den blöden Tabletten. Ich habe nie Rückenschmerzen!

Das Frühstück ist ganz ok. Nachdem das Auschecken und Gepäck zum Autoschleppen erledigt ist, nehme ich meine Tasche und schiebe mein Fahrrad zum Treffpunkt. Es hat pünktlich aufgehört zu regnen.

Am Mariahilfplatz treffe ich auf ein bunt gemischte Truppe, nicht nur Glocknermanveteranen. Zum Glück. Auch wenn‘s auf dem Rad immer irgendwie geht, mache ich mir doch etwas sorgen, ob ich da in der momentanen Verfassung mithalten kann. Meinem Gewicht haben die Rückschläge und Trainingspausen (und vor allem der Frust) auch nicht gerade gutgetan.

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Anyway, um halb zehn sitzen wir auf dem Rad und fahren zunächst über Radwege aus der Stadt heraus. Wir rollen erst mal ganz locker ein, so dass ich überhaupt keine Probleme mit dem Atmen habe.

Nachdem wir die Radwege hinter uns haben, fahren wir in Zweierreihe auf der Straße. Eigentlich rollt es ganz gut, großartige Anstiege sind zunächst nicht zu bewältigen, außerdem muss ich im Windschatten nicht so viel Leistung treten.

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Die ersten Mitfahrer kann man schon mal ein bisschen kennenlernen und etwas quatschen. Martina, die Frau von Johannes, der auch dieses Jahr den Glocknerman bestreiten wird, fährt das Begleitfahrzeug, so dass wir nicht nur unser Gepäck ins Hotel bekommen, sondern auch immer eine Anlaufstation haben an den Enden der Anstiege oder wann immer Hilfe gebraucht wird. Sehr nett.

Dann geht es auch endlich mal etwas berghoch. Und teils auch durchaus nennenswert. Allzu lange kann man sich beim Glocknerman also nicht einrollen. Die erste Steigung führt hinauf bis Kitzeck wo wir den zweiten Teil der Truppe nach gut 40 Kilometern treffen.

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Nach kurzem Stopp mit warten bis alle zusammen sind und einem Gruppenfoto geht es weiter. Ich bin eigentlich ganz brauchbar den Berg hochgekommen.

Eine recht flotte Abfahrt, die wir aber locker fahren und dann geht es moderat steigend auf die nächsten Anstieg (Soboth) zu. Die Bewölkung zieht sich immer mehr zurück und das Wetter wird stetig besser.

Wenn das so moderat bleibt gefällt mir das gut. Aber nachdem wir eine ganze Weile bergauf gefahren sind flacht die Strecke kurz ab und nach einer kurzen Zwischenabfahrt geht es ab Krumbach ordentlich berghoch.

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Die Steigung liegt jetzt eher über 9%, längere Abschnitte laut Edge 1000 auch bei 10, 11%. Mit Spannung schaue ich wie ich die Steigung abkann. Aber es geht die Beine sind ok, und auch wenn es sich beim Atmen nicht normal anfühlt, so behindert es mich doch kaum. Allerdings habe ich schon seit einiger Zeit heftige Rücken- und Hüftschmerzen. Ich ignoriere es und hoffe einfach nur, dass es weggeht.

Die Steigung dauert schon etwas an, aber es gibt zwar tatsächlich immer mal wieder flachere Streckenteile, so dass ich mich ganz gut erholen kann. Die Gruppe hat sich am Anstieg weit auseinandergezogen, so dass ich eine ganze Weile sogar alleine fahre. Gerade als ich etwas unsicher wegen der Streckenführung bin holen mich zwei weitere Radler ein und ich bleibe auf der richtigen Strecke.

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Das Bergauffahren macht richtig Spaß, und so komme ich in brauchbarem Trainingstempo am höchsten Punkt an, wo Martina schon mit dem Begleitfahrzeug wartet. Hier wird gewartet bis alle wieder zusammen sind.

Nachdem es im Aufstieg teils recht warm war, wird mir, so nass geschwitzt oben doch etwas kühl. Aber nach einer Weile geht es wieder. Nur die Knie schmerzen stechend.

Der Stopp ist natürlich auch eine gute Gelegenheit die Getränkeflaschen aufzufüllen und etwas zu essen. Martin beeindruckt mich dabei mit etwas gewöhnungsbedürftig aussehenden pürierten Nudeln. Nach essen ist mir aber noch nicht so recht zu Mute. Ich nehme aber trotzdem ein Gel, auch wenn wir in ca. 25 bis 30 Kilometern eine kleine Pause geplant haben.

Anyway, nun geht es erst mal in die Abfahrt von der Soboth. Der Straßenbelag ist eigentlich meist ok, so dass die Abfahrt durchaus Spaß macht, ich gehe es aber eh eher vorsichtig an, ist ja schließlich nur eine „Streckenbegehung“.

Auch in der Abfahrt zieht sich die Gruppe recht weit auseinander. Gegen Ende der Abfahrt, wo das Gefälle etwas nachlässt steht plötzlich ein Polizeiauto auf der Straße. Mist ist hier etwa gesperrt? Haben die irgendwas zu meckern wegen unserer Gruppe?

Aber dann sehe ich auch schon das Unglück. Hinter dem Polizeiwagen steht ein Trecker mitten auf der Straße der offensichtlich links abbiegen wollte. Ganz kurz habe ich die Hoffnung, dass keiner unserer Gruppe verwickelt ist, und es sich „nur“ um einen Autounfall handelt. Aber dem ist leider nicht so.

Martin hat es tatsächlich erwischt und zwar böse. Offensichtlich hat ihn der Treckerfahrer übersehen und er ist, sicher mit Abfahrtstempo, fast frontal mit ihm zusammengestoßen.

Kurze Zeit später trifft der Notarzt ein und der Hubschrauber. Er ist bei Bewußtsein und spricht erstaunlich klar. Aber es ist offensichtlich, dass er erhebliche Verletzungen davongetragen hat.

Mittlerweile ist die Straße gesperrt und alle Radfahrer der Gruppe sind am Unfallort eingetroffen. Es dauert eine Weile bis der Verunfallte in den Hubschrauber transportiert werden kann. Für die übelsten Befürchtungen scheint es Entwarnung zu geben, aber mit Beinbruch und weiteren Verletzungen ist auf jeden Fall zu rechnen.

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Nachdem alle Formalitäten abgewickelt sind setzen wir unsere Fahrt fort. Zunächst eher schweigsam, das ist natürlich schon ein Schock und wir hoffen, dass es Martin bald wieder besser geht.

Nach ca. 25 Kilometern erreichen wir eine kleine Tankstelle wo wir eine Pause machen. Ich gönne mir ein Käsebaguette und einen Kakau. Das „Multivitamingetränk“ ist eklig süß, ich kippe die Hälfte weg.

Weiter geht es dann über wirklich schönes, eher flaches Terrain. Obwohl es mir heute morgen so schlecht ging, fühlen sich die Beine gut an, und ich fahre ganz gerne auch mal vorne. Insgesamt ist unser Tempo aber nicht zu hoch, so dass das ganz gut passt.

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Nach ungefähr 150 Kilometern geht es dann in den zweiten markanten Anstieg des Tages, hinauf nach Abtei. Dieser Anstieg ist nicht so lang wie die Soboth, und auch nicht so hoch, aber zwischendurch auch mal ordentlich steil.

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Oben sammeln wir uns wieder. Mittlerweile ist es schon recht spät geworden, aber die tiefstehende Sonne tauch alles in goldenes Licht, so dass die Landschaft umso schöner ausschaut. So gibt die teils flache, teils wellige Strecke noch ein paar schöne Fotomotive her.

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Die Beine sind ok. Der Sattel taugt zwar nichts, was ich ja schon in Lanzarote festgestellt habe, aber sonst geht‘s mir auf dem Rad gut. Die Rückenschmerzen sind weg und selbst die stechenden Knieschmerzen die ich immer beim Stehenbleiben hatte treten nicht mehr auf, als wir uns nochmal kurz an einer Tankstelle sammeln.

Vielleicht funktioniert mein Körper einfach am besten wenn ich mindestens 200 Kilometer auf dem Rad sitze…

Nach dem Unfall und einigen Pausen ist es recht spät bis wir im Hotel ankommen. Aber außer Essen haben wir ja eh nichts mehr geplant. So war es alles in allem ein ganz guter Tag zum einrollen. Ich hoffe nur, dass Martin wirklich keine ernsthaften Verletzungen erlitten hat und möglichst schnell wieder fit wird.

Morgen wird es eine ähnlich lange Tour geben, mal schauen wie die Nacht wird und was meine Lunge dann zum zweiten Tag sagt.

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