Trainingslager USA Tag 10

Wir sind jetzt tatsächlich schon zehn Tage hier. Das bis jetzt Gesehene und Erlebte hat mich wirklich positiv überrascht. Die Strecke ist allerdings anspruchsvoller als ich es mir vorgestellt habe. Zwar ist alles bis jetzt gut zu fahren, aber unter RAAM Rennbedingungen wird es schon richtig hart. Ich freu mich drauf!

Heute morgen ist es sehr kalt. Wir fahren mit dem Auto zur Timestation am „Ortsausgang“ von Flagstaff. Es sind so ca. 5° C. Ich ziehe noch die Jacke, die Knielinge und lange Handschuhe an. Dann geht es vielspurig stadtauswärts.

Der Straßenbelag ist gut, der Wind weht aber heftig. Zur Linken erheben sich die San Francisco Peaks, deren teils schneebedeckte Gipfel waren schon die letzten Tage ein Orientierungspunkt. Jetzt lasse ich die hinter mir mit dem Ziel Tuba City, der zehnten Timestation des RAAM 2014.

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San Francisco Peaks

Ich möchte gerne bis TS 11 kommen, Kayenta. Das heißt ich muss ca. 230 Kilometer zurücklegen, sechs Stunden stehen auf dem Trainingsplan, das könnte knapp werden…

Der Wind weht heftig, aber zum Glück nicht von vorne. Momentan eher von der Seite und sogar ein bisschen von schräg hinten. Es geht kurz bergab und dann erst mal wieder berghoch, dabei komme ich auf eine Höhe von 7276 feet, was etwas über 2217 Meter sind.

Dann geht es erst mal relativ lange hauptsächlich bergab, wenn auch in „Wellen“. Dabei bläst der Wind brachial in Böen von der Seite. Ich muss etwas kämpfen um das Fahrrad auf der Bahn zu halten, zweimal weht es mich fast von der Straße.

Aber nach einer Weile dreht die Straße (und / oder der Wind) und der Rückenwindandteil nimmt zu. Dadurch kann ich trotz G1 Bereich ein gutes Tempo vorlegen.

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Da es im Motel kein Frühstück gab, habe ich eine Büchse Sardinen und zwei lappige Toastbrote gegessen, Marco ist an der Timestation noch einkaufen und frühstücken gegangen. Durch mein gesundes, windunterstütztes Tempo braucht er über eine Stunde um mich einzuholen.

Die Landschaft ist fantastisch, hält sich aber dezent zurück, d.h. es ist nicht so aufdringlich spektakulär. Trotzdem beeindruckt mich die Weite. Eine gute Strecke um etwas in Gedanken zu versinken, zumal der Straßenbelag ok ist und das zulässt. Das einzige was etwas stört ist ein ziehen im rechten Bein. Hatte ich beim Radfahren noch nie, vielleicht ist der Sattel eine Spur zu hoch. Aber den tausche ich heute abend sowieso.

So peitsche ich mit gutem Speed durch die Weite der Prärie, ab und zu wird der Belag mal schlechter und es gibt ein paar Querfugen, aber alles im Rahmen, meist ist die Strecke ausgesprochen gut.

Es gibt keine Abzweigung ich fahre und fahre und fahre immer auf der Straße, meist schnurgerade. Trotzdem ist es nicht langweilig. Die Landschaft ändert sich schon immer mal, und das helle Präriegras wird abgelöst von rötlichem Gestein. Selten mal gibt es einen „Trading Post“, ich nehme an hier kann man die Pferde wechseln. Ich tausche meins aber nicht, sondern fahre einfach.

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Die Temperatur ist mittlerweile wieder auf angenehme 18° gestiegen. Ich gebe die Jacke und die langen Handschuhe ins Auto.

Zur Abwechslung gibt es mal eine Brücke über ein recht dürres Flüsschen. Der Wind hat sogar noch zugenommen. Und obwohl es längst wieder, wenn auch nur moderat, berghoch geht, fliege ich über den Highway 89 dahin.

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Dann nach vielen geraden Meilen kommt der einzige Abwzeig für heute. Wir biegen ab auf die 160. Jetzt kommt der Wind nach wenigen Meilen auf der 160 praktisch direkt von hinten. Mir gehen die Gänge aus, ich habe mühe überhaupt noch G1 zu treten. Aber noch geht es gerade so, an manchen Stellen halt mit sehr hoher Trittfrequenz. Der Schmerz im rechten Bein hat zwischendurch mal abgenommen, nimmt aber immer dann zu, wenn ich zuviel Rückenwind habe und nicht richtig reintreten kann.

Egal, einen kleinen, ganz netten Anstieg bekomme ich zur Entlastung, dabei geht es durch eine interessante Gesteinsformation. Dann öffnet sich wieder die Weite, diesmal aber mit rotem Gestein.

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Nach einigen Meilen ist dann die erste TS für heute, Tuba City erreicht. Ungefähr drei Stunden habe ich für die 71 Meilen gebraucht, wenn ich in dem Speed weiterfahren kann, kommt das mit der Vorgabe aus dem Trainingsplan ja doch hin.

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Tuba City, Pferd an der Tankstelle

Allerdings soll es laut Roadbook praktisch nur berghoch gehen bis Kayenta.  Die Strecke wird kurzzeitig etwas schlechter,  einige Querfugen, dann geht es aber wieder und die Prärie öffnet sich erneut vor mir. Die Straße steigt zwar etwas, aber nur ganz moderat. Dafür peitscht mich der Wind durch die Landschaft. Ich glaube er ist nochmal stärker geworden.

Die Meilen rinnen dahin, aber auch mit hoher Geschwindigkeit dauert es etwas um 230 Kilometer zu fahren. Aber je näher ich an Kajenta komme, desto mehr unterstützt mich der Wind. Es gibt auch immer mal stellen die etwas bergab gehen, an einer solchen kommt der Wind dann mal von der Seite, so dass ich wieder ziemlich kämpfen muss um das Rad auf der Fahrbahn zu halten.

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Auf den letzten Meilen nach Kayenta bläst der Wind dann teils so stark direkt von hinten, dass ich mit 0 Watt Leistung auf gerader, vielleicht ganz leicht steigender Strecke 60 km/h rolle.

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Gerade Strecke, Null Watt, 61 km/h

Dadurch kann ich insgeamt nicht ganz die gewünschte Intensität umsetzen die der Trainingsplan vorgegeben hat, mir gehen mit der 50-11 Übersetzung einfach die Gänge aus.

Anyway, trotzdem ein guter Tag, ein 38er Schnitt über 230 Kilometer sieht irgendwie gut aus. Und mit einem 52er Kettenblatt hätte das noch ein Stück schneller sein können.

Da wir früh gestartet sind und ich unerwartet schnell war, haben wir noch etwas Zeit.  Marco kann auch noch eine Runde mit dem Rad drehen, ich kann das Fitnesscenter im recht schönen Hotel testen (nur ein typisches Alibihotelgym, nicht mal Hanteln), und abends essen wir zu Gast bei den Navajo Indianern.

4 Kommentare

  1. Viele schöne Grüße, aus dem sonnigen München, an dich Guido und auch an Marco.

    Das klingt ja nach einem Spaziergang , nur die Sache mit dem Essen ist Unmenschlich und würde mich abschrecken.

    • Vielen Dank Christian, ja das mit dem Essen ist zumindest beim Frühstück unmenschlich, aber abends haben wir bis jetzt immer was gutes gefunden, also auch hier kann man essen. Wobei „italienische Essorgien“ hier eher ausfallen – „kein Desert? hier die Rechnung, mach das du fort kommst…“

  2. Ich wünsche dir, dass du beim RAAM auch so tollen Rückenwind hast, denn diesen krassen Rückenwind als Gegenwind zu haben, kann man wahrscheinlich gar nicht gebrauchen!

    • Hallo Claudia, so ein Rückenwind beim RAAM wäre ziemlich geil. Aber ich stelle mich auch auf entsprechenden Gegenwind ein, der kann ganz schön an den Nerven zerren, vor allem wenn man das Gefühl hat alles zu geben und nicht vom Fleck kommt. Aber ich muss es eh nehmen wie es kommt, und bei 3000 Meilen wird sicher von allem was dabei sein.