Trainingslager USA Tag 14 – Wolf Creek Pass

In dem Comfort Inn in dem wir übernachtet haben gibt es wohl erste Selbstauflösungserscheinungen. Das Restaurant hatte gestern zu, obwohl es auf sein sollte und das Frühstück heute morgen ist krass. Liebloser habe ich noch kein Frühstücksbuffet gesehen. Es ist nicht mal genug von dem Labbertoast da für die wenigen Leuten die am frühstücken sind.

Ich frage in der Lobby nach, der etwas knorrige Mann an der Rezeption weckt den Frühstücksbuffetauffüller, so bekommen wir immerhin Brot. Ich frage auch gleich nach der Möglichkeit ein paar Seiten (Roadbook) auszudrucken, worauf man mir das „Business Center“ öffnet. Dort steht ein Pentium 4 mit XP Home ohne jegliche Updates. Ich überlege lange ob ich dieser ungeschützten Mühle das Passwort für meinen Email Account anvertraue, mache es dann doch und muss leider feststellen, dass das Gerät unter der Last des Anzeigens einer Website zusammenbricht. Ich gebe das auf, Marco schreibt sich die Wegbeschreibung von Hand auf. Kompliziert ist sie eh nicht.

Heute fahren wir nämlich weiter praktisch ausschließlich auf der 160 in Richtung Osten. Dabei führt die Straße über den Wolf Creek Pass, das Dach des RAAM mit über 3300 Metern Höhe.

Das Wetter sieht genauso aus wie gestern, kalt aber sonnig. Obwohl es wieder -9° C sein sollen ziehe ich also die gleichen Klamotten an wie gestern, keine Jacke, kurze Handschuhe. Zur Abwechslung aber mal lange Hosen und Winterschuhe. Es geht wohl eh gleich berghoch, da wird mir schon warm.

Marco fährt noch tanken, ich starte die Radcomputer und lege los. Aber erst mal geht es bergab. Vielleicht war ich doch etwas optimistisch mit der Kleiderauswahl. Zu meinem Erstaunen ist Pagosa Springs noch viel länger als gedacht und es gibt sogar so etwas wie eine „Downtown“. Man unterschätzt die Kleinstädte hier in der Länge immer wieder.

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Pagosa Springs

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Pagosa Springs, 160 East

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Pagosa Springs Downtown

Aus der Stadt raus geht es zwar erst mal etwas bergauf, doch dann auch gleich wieder bergab, noch dazu teils im Schatten. Während es mit dem Trikot, ohne Jacke einfach nur etwas kalt ist, frieren mir die Hände taub. Verdammt, ich lerne offensichtlich nicht dazu. Marco ist noch nicht aufgetaucht, da muss ich jetzt durch.

Ich fahre eine halbe Stunde, immer wieder andere Finger verabschieden sich, dann versuche ich sie mit Bewegung wiederzuholen, und gerade als, warum auch immer alle wieder da sind, hat Marco mich eingeholt. Jetzt lasse ich das kurze Zeug doch an, denn bestimmt geht es gleich in den Anstieg zum Wolf Creek Pass.

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Geht’s aber nicht. Die Straße bewegt sich in den schon bekannten Wellen mit leicht steigender Tendenz, aber ein langer Anstieg ist nicht in Sicht. Dafür wird es kälter. In der Sonne geht’s, aber im Schatten ist es nicht so angenehm, vor allem da der Wind, wenn auch nicht sehr stark von vorne kommt. Nach ein paar weiteren Kilometern teils im Schatten, der Radcomputer zeigt -1° C an, hole ich mir doch die Jacke und die langen Handschuhe.

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Keinen Kilometer weiter steht das Schild Wolf Creek Passhöhe 8 Meilen. Murphies Gesetz halt…

So, das Ding ist also nicht 30 Kilometer lang wie manchmal kolportiert, sondern 13. Eine nicht unwichtige Erkenntnis.

Die Schaltung meines Rennrades hatte ich ja wieder einigermaßen hinbekommen, gestern hatte sie sich mal etwas komisch verhalten und in die falsche Richtung geschaltet, aber da dachte ich noch, ich hätte mit den dicken Handschuhen den falschen Knopf gedrückt.

Nun aber, schaltet das Mistding wenn ich die kleineren Gänge schalten will plötzlich komplett auf den größten Gang, also das 11er Ritzel. Was soll das denn? Ich kann auch nicht so einfach zurückschalten, sie mag nicht mehr. Dann geht es aber doch wieder. Oje, und das jetzt hier am Anstieg des Tages.

Erst habe ich noch etwas Hoffnung, dass sich das von selbst wieder gibt, aber leider ist dem nicht so. Ich finde aber raus, dass, wenn ich komplett entlaste, ich nach einigem Probieren wieder in die kleinen Gänge komme.

Der Anstieg liegt zunächst so um 6%. Nachdem ich einen halbwegs passenden Gang hinbekommen habe fasse ich die Schaltung erst mal nicht mehr an. Single Speed am Wolf Creek Pass, das schmeckt mir gar nicht.

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Anyway, muss ich jetzt durch, geht zunächst auch ganz gut. Nach einer riesigen Serpentine zieht die Steigung etwas an, ich trete etwas mehr Leistung. Nach einer Weile versuche ich aber doch einen Gang kleiner zu schalten, und ratsch, das Schaltwerk zieht durch bis auf’s 11er Ritzel. 34-11 in einer 8% Steigung, sehr blöd.

Mit einer Trittfrequenz von 24 (in Worten vierundzwanzig) gurke ich zur nächsten Serpentine. Dort kann ich einen Moment entlasten und kriege nach einigem Rasseln der Schaltung und Fluchen meinerseits wieder einen brauchbaren Gang rein.

Mit dem fahre ich dann auch weiter. Sind ja nur noch 8 oder 9 Kilometer… Die Steigung lässt allerdings auch wieder mal nach und es gibt immer wieder Stellen die auch etwas unter 6% liegen. Wobei es weiterhin hauptsächlich mit ca. 7% oder etwas mehr berghoch geht.

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Die Landschaft ist recht schön, cool im wahrsten Sinne des Wortes, einiges an Schnee ist noch verblieben, die Straße ist aber komplett frei und trocken, abgesehen von einigen Schmelzwasserrinnsalen.

Die Straße zieht sich, zumal ich nicht schalten kann, was mich etwas annervt. Außerdem hat mir der Teil mit der 34-11 etwas Saft gezogen. Andererseits freue ich mich auch hier hochzufahren, immerhin einer der höchsten Punkte die man mit dem Rennrad anfahren kann. Ich werde auf jeden Fall ein Passchildfoto machen.

Die Straße wirkt im Übrigen gar nicht so steil, da es ein vierspuriger Highway ist und auch nicht unerheblicher Verkehr herrscht.

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Wolf Creek Pass

 

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Wolf Creek Pass

Nochmal dauert es etwas länger als gedacht, bis sich dann aber die Passhöhe abzeichnet. Leider unspektakulär und ohne Passchild, so machen wir das Foto eben einfach am höchsten Punkt.

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Passhöhe Wolf Creek Pass

Marco schlägt vor die Abfahrt wegen der Kälte vielleicht mit dem Auto zu machen, ich will es aber auf jeden Fall erst mal probieren, da mir das für’s RAAM wichtig ist.

Es geht auch ganz gut, obwohl die Hände und dann auch der Oberkörper recht kalt werden. Das Skigebiet ist schnell verlassen, die Landschaft gefällt mir sehr gut, im oberen Teil gibt es eine recht kurze, beleuchtete Galerie und etwas später nochmal einen ebenfalls beleuchteten Tunnel.

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Der Straßenbelag war eigentlich bis zur Passhöhe recht gut, in der Abfahrt nun hat es aber einige Querfugen die heftige Schläge durch das Rad in den Körper jagen.

Durch die höhere Geschwindigkeit verändert sich auch die Landschaft etwas schneller. Nach einigen schönen Blicken ins Tal fährt man durch eine Schlucht. Links im Fels einige gefrorene Sturzbäche, rechts verläuft ein kleiner Fluß, teils durch Schnee und Eis. Recht romantisch.

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An manchen Stellen geht es direkt neben der Straße 15, 20 Meter steil bergab. Hier sollte man beim RAAM besser nicht einschlafen, das könnte böse enden.

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Die Abfahrt liegt oft um 6% ist also nicht sehr schnell, auch die Kurven sind sanft. Die Temperatur ist gerade noch zu handhaben, aber mir ist jetzt insgesamt schon recht kalt. Bis zur Timestation in South Fork ziehe ich aber noch durch.

Die Landschaft öffnet sich jetzt nach und nach zu einem weiten Tal. Und dann ist auch schon South Fork erreicht. Hier treffe ich Marco und wir machen erst mal Mittagspause. Nach etwas suchen finden wir auch ein kleines Coffeehouse das Lunch anbietet. Hier kann ich etwas aufwärmen, bevor wir an der TS die zweite Etappe für heute in Angriff nehmen.

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Alamosa heißt das Ziel. Es geht praktisch schnurgerade aus, leicht bergab. Meine Schaltung hat sich etwas erholt, bzw. ich kann beim Schalten entlasten, so dass, wenn auch manchmal im dritten oder vierten Versuch, die gewünschten Gänge zu erreichen sind.

Der Wind kommt zunächst schräg von vorne, aber ich will sowieso zwischen fünf und sechs Stunden fahren, so dass Rückenwind nur gestört hätte.

Die Landschaft ist irgendwie „lang“ und weit. So dass ich hauptsächlich vor mich hindenke, manchmal mit der Schaltung kämpfe und ab und zu ein Foto mache. Ich habe das Gefühl, Marco leidet heute etwas. Es ist schon durchaus anstrengend einem lahmen Fahrradfahrer hinterher zu fahren, oder auf ihn zu warten, alle halbe Stunde mal ein Getränk zu reichen und sonst alleine im Auto rumzuhängen. Aber immerhin gibt es hier sehr gute Radiosender, ich hoffe also er hält die zwei noch kommenden Tage noch durch.

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Ab und zu durchfahren wir einen Ort, das bringt etwas Abwechslung, aber zwischendurch sehne ich mich auch etwas nach dem Ziel. Der Verkehr ist teils recht heftig, die Schaltung nervt, der Gegenwind mittlerweile auch, und warm ist mir auch nicht gerade. Aber die Landschaft kann ich schon noch genießen.

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Dann aber erreichen wir endlich die City Limits von Alamosa und nach wenigen Kilometern auch die  Timestation dort. Der Fahrradarbeitstag ist beendet.

Schnell haben wir auch ein Motel gefunden, sogar ein richtig geiles. Alles sehr sauber, aber mit einem richtigen siebziger Jahre Touch. Sogar ein Detektiv Rockford Telefon gibt es noch auf dem Zimmer. Ich find’s cool.

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Eine angesagte Location mit lecker Steak finden wir auch noch, dort arbeitet sogar eine deutsche Bedienung die seit drei Jahren hier lebt. Sehr nett, auch wenn ich nicht wirklich hier leben wollte.

Das war also der Wolf Creek Pass, ganz ehrlich im Vergleich zu einem richtigen Alpenpass eher eine breite Straße die über einen Berg führt. Aber beim RAAM sicher ein ordentliches Hinderniss, nicht zuletzt auch wegen der Höhe von über 3300 Metern.

Morgen habe ich vor bis Trinidad zu fahren, allerdings soll es am La Veta schneien, d.h. vielleicht kann ich nicht alle Teile der Strecke fahren. Wir schauen mal wie weit wir kommen.

8 Kommentare

  1. Eine Schaltung, die nervt, braucht nun wirklich niemand :-(

  2. Für so ein langes und wichtiges Rennen, würde ich nicht auf eine elektronische Schaltung setzen. Das ist so eine große Fehlerquelle, die dir das erfolgreiche Finishen des RAAM kosten kann. Wenn ich beim RAAM nach 3 Tagen auf dem Rad mit der Schaltung hadern müsste und ich sowieso schon nervlich über der Grenze bin, ne Danke lass mal gut sein… :-)

    • Hallo Benjamin,

      ich muss dazu erklären, dass ich die Schaltung außerhalb der Spezifikation betreibe. Erstens durch das 32er Ritzel, das hat sie aber immer gut weggesteckt. Bei diesem Schaltwerk habe ich aber einen mittellangen Schaltkäfig einer mechanischen Ultegra montiert. Es war klar, dass das nicht lange gutgeht, aber ich hatte gehofft, dass es für dieses Trainingslager noch reicht. Mittlerweile lassen sich DuraAce und Ultegra Di2-Komponenten mischen, so dass ich das mittellange Ultegraschaltwerk ganz spezifikationsgemäß mit der entsprechenden 32er Shimano 11-fach Kassette fahren kann.
      Meine Erfahrungen mit der elektrischen Schaltung sind ausgesprochen gut. Völlig unempfindlich gegen Kälte oder Hitze, Regen oder Transport, nichts verstellt sich, schaltet wie Butter, nichts würde mich zurück zu einer „Drahtseilschaltung“ bringen. Wenn ein Schaltwerk defekt ist, dann ist das natürlich immer von übel, aber das ist bei einer mechanischen Schaltung genauso.
      Also ich bin ganz zuversichtlich, dass ich mit der, dann natürlich unverbastelten, Di2 im Juni wenig Probleme habe wenn ich nicht drauf stürze.

  3. abgesehen von der Schaltung läuft’s doch prima!
    Melde Dich, wenn Ihr wieder da seid.
    Keep the rider going!

    • yep, es läuft eigentlich perfekt. Training lief, maximale geplante Streckenbesichtigung komplett durchgezogen, erstes Teambuildingprojekt lief sehr gut :), ich bin sehr zufrieden. The rider keeps goin‘!

  4. Ich wünsche euch einen schönen letzten Tag in den USA – bis Juni – Go Guido Go – und habt einen guten und hoffentlich etwas bequemeren Heimflug!
    Liebe Grüße, Maj-Britt

    • Danke für die guten Wünsche, kein Flug kann schlimmer sein als das amerikanische Frühstück, wir können’s kaum erwarten im engen Flugzeug zu sitzen…