Trainingslager USA Tag 8

Heute morgen  fahren wir erst mal zurück zu der Stelle wo ich gestern augehört habe. Ich möchte einfach die komplette Strecke abfahren. Da es doch recht frisch ist, obwohl die Sonne scheint und einen schönen Tag verspricht, fahre ich mit Jacke los und wir verabreden uns am offiziellen TS Punkt am Ende von Prescott.

Zwei kleine Anstiege habe ich noch bis zum Prescott Ortschild, dann folgt eine längere Abfahrt. Der Belag ist nicht perfekt, aber ok, so dass die Abfahrt auch Spaß macht. Am Ortseingang ist zunächst Baustelle, vielleicht sind die Jungs ja bis Juni fertig, dann wäre dieser Abschnitt auch noch schön zu fahren…

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Ortsgrenze Prescott

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Die Straße ist im Juni hoffentlich fertig

Ein bisschen kenn ich ja jetzt schon von Flagstaff, trotzdem lasse ich mich nochmal vom blöden Garmin Edge 810 in die Irre führen, merke es aber schnell und fahre nach Route Book. Die wichtigen Seiten habe ich gestern noch an der Rezeption ausdrucken lassen.

Prescott ist viel größer als gedacht, und so dauert es noch eine ganze Weile bis ich die Timestation gegenüber vom Walmart erreicht habe. Kurzer halt, ich gebe Marco meine Jacke und starte den 810 neu.

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Bis jetzt hatte ich nur Gegenwind. Auch die letzten Tage schon bin ich sehr viel gegen den Wind gefahren, wenn von hinten, dann immer recht schräg, so dass richtiges „fliegen“ nie möglich war. Heute ist der Wind besonders stark. Und kommt erst mal von vorne.

Aus Prescott raus wird die Strecke (89) dann zu einer richtigen Autobahn, und es ist auch einigermaßen Verkehr. Hier habe ich jetzt allerdings etwas Rückenwind, so dass ich mich gut zwischen, bzw. mit, den Autos bewegen kann, besonders wichtig an Auffahrten und Abfahren wo man den Verkehr kreuzen muss.

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Die Landschaft ist jetzt allerdings fantastisch. Arizona ist der Hammer. Ich fahre durch die Prärie, auf eine Bergkette zu, in der Ferne sind noch schneebedeckte Gipfel zu sehen. Der Asphalt auf der Autobahn ist sehr gut, Wind von hinten, gerade läuft es ziemlich gut.

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Für heute sind vom Trainingsplan relativ intensive vier Stunden angesagt. Also viel G2 und auch etwas EB, je nach Gelände. Allerdings würde ich gerne zwei Timestations schaffen, was ca. 168 Kilometer bedeutet. D.h. ich werde an die vier Stunden noch ein bisschen was dranhängen müssen.

Weiter geht es durch die Prärie und ich muss zugeben, dass ich solche fantastischen landschaftlichen Eindrücke nicht erwartet habe. Ich bin ziemlich aufgedreht, und habe Spaß an jedem Meter den ich hier fahre.

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Die Berge kommen immer näher und bald wird die 89 wieder schmäler und zu einer normalen Straße. Und kurz darauf beginnt ein 12 Meilen langer Anstieg. Der Straßenbelag ist noch immer erstaunlich gut, die Fräsungen am Seitenstreifen versuche ich zu vermeiden dann fährt es sich klasse, kein Vergleich zu den Tagen zuvor.

Der Anstieg bleibt moderat, meist um 6%, oft auch weniger, allerdings habe ich jetzt wieder ordentlich Gegenwind. Die Straße ist eine echte „Scenic Road“, fantastische Landschaft. Man denkt immer, das ist schon so richtig geil, und dann wird’s noch besser.

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Ich versuche den Anstieg trotz des Gegenwindes nicht zu locker zu fahren, denn heute ist ja etwas intensität angesagt. So erreiche ich den höchsten Punkt einigermaßen bald. 7023 Fuß, also gut 2140 Meter. Das ist über 150 Meter höher als der Mont Ventaux.

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Ich bin immer noch ziemlich enthusiastisch auf Grund der fantastischen Landschaft, nun bekomme ich auch noch eine, wenn auch sanfte, Abfahrt. Auch wenn der Wind keine spektakulären Geschwindigkeiten zulässt, so macht es doch tierisch Spaß, und mit jedem Kilometer wird es besser und besser.

Die Straße liegt herrlich im Berg, und dann öffnet sich plötzlich eine spektakuläre Aussicht. Die ist so gut, dass ich einfach laut schreien muss, so geil ist das. Im Hintergrund zeichnet sich ein riesiges Tal ab, die Begrenzung leuchtet wie beim Grand Canyon in rot und ocker, davor ein seltam blasses helles grün, und das alles hinter der Szenerie mit dem Tal in das ich gerade hinabbrause. Total irre, unbeschreiblich.

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Weiter geht es in ein enges Tal, das Verde Valley. Noch zwei-, dreimal bieten sich spektakuläre Blicke auf diesen riesigen Riss in der Erdkruste., dann habe ich die Stadtgrenze von Jerome erreicht.

Jerome liegt im Berghang und auf die nahen Hügel verteilt. Die Landschaft ist einzigartig, etwas vergleichbares habe ich noch nicht gesehen. Hier sind nicht Berge nach oben gewachsen, sondern Vertiefungen in die Erde und das in einer gigantischen Dimension. Das was stehenbleibt, bzw. der Rand der „Erdkruste“ wirkt einfach riesig.

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Jerome selbst ist eine spektakuläre Stadt, das sehen auch viele andere so, jetzt am Wochenende ist alles voll mit Touristen. Es bleibt natürlich keine Zeit für einen Cafe, denn ich bin ja hier zum Trainieren. Aber auch die weitere Abfahrt ist so beeindruckend, dass ich mich eher wie bei einer Radreise fühle. Außerdem kann ich nicht schnell abfahren, da der Wind nun abwechselnd von vorne und von der Seite böig peitscht, so dass ich gut damit beschäftigt bin das Fahrrad unter Kontrolle zu halten. Unten ist dann die nächste TS Cottonwood erreicht.

In der Ebene angekommen bleibe ich auf der 89, die nun wieder Autobahnformat hat. Die Fahrt ist allerdings zäh, da der Wind von vorne kommt. Der Belag der Fahrspuren ist zwar ok, aber auf dem Seitenstreifen eher wieder gewohnt rau und holprig.

Als ich durch Clarksdale hindurchfahre biegt vor mir ein Rennradfahrer ein. Genau in diesem Moment springt aber die Ampel auf rot, so dass ich stehenbleiben muss. So ist er schon ganz schön weit weg als ich losfahren kann. Gegen den Wind arbeite ich mich dann Stück für Stück näher heran. Ich will ja eh „intensiv“ fahren, eine gute Gelegenheit das jetzt zu tun.

Und so hole ich ihn bald ein. Ein netter etwas kauziger Typ, auch er auf dem Weg nach Flagstaff (goin‘ back to Flag). Wir quatschen etwas, ,soweit die Wind- und Autogeräsuche es zulassen. Dann will ich eigentlich Tschüss sagen und wegfahren, aber durch die leichte Steigung und den üblen Gegenwind kann ich nicht einfach davonfahren. So nutze ich die Gelegenheit für etwas EB, er hält allerdings eine ganze Zeit dagegen. Dann an der nächsen Steigung kann ich aber wegziehen und kämpfe wieder alleine im Wind.

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Noch bin ich völlig enthusiastisch wegen der Landschaft, und die Beine funktionieren. In diesem Moment bin ich mir recht sicher, dass Arizona auf jede Liste „Dinge die ich noch  sehen muss bevor ich sterbe“ gehört.

Die Straße wird wieder besser, bzw. der Seitenstreifen fällt weg und ich kann auf der Fahrbahn fahren. Mittlerweile habe ich den Red Rock State Park erreicht. Die Landschaft ist immer noch spektakulär, oder vielmehr wird es immer mehr.

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Sedona schien auf der Landkarte ein kleiner unbedeutender Ort zu sein, ist aber ein Touristenmagnet, es liegt einfach perfekt in dieser unglaublichen Umgebung. Man steht an einer Ampel und schaut dabei auf diese fantastischen Felsformationen, die wie Statuen oder riesige Gebäude aussehen.

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Sedona

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Sedona

 

Auf glattem Asphalt geht es nun schön bergab und ich mache gigabyteweise Fotos. Dann führt die Straße aus Sedona hinaus in Richtung Flagstaff. Der Andrang in die Stadt ist riesig, die Autoschlange ist mehrere Kilometer lang. In meine Richtung ist aber frei.

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Noch immer beeindruckt mich die Landschaft. Das Wetter ist ja wirklich klasse, wenn ich jetzt aber im Schatten fahre, da ich immer weiter in ein enges Tal hineinfarhre, dann ist es aber doch schon recht kühl. Der Straßenverlauf ist eher wellig mit leichter Bergauftendenz.

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Ein Schild kündigt rauhen Belag für die nächsten Meilen an, der ist aber immer noch besser, als dass, was ich die letzten Tage erfahren (oder besser befahren) habe. Jetzt nimmt die Steigung doch etwas zu. Ich habe von Marco vor einiger Zeit eine Flasche mit Ensure bekommen, es hat widerlich geschmeckt und liegt wie ein Stein im Magen. Die Beine sind nicht mehr so gut. Der ewige Gegenwind nervt etwas, genauso wie der Verkehr.

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Aber das wird weiterhin durch die Landschaft kompensiert. Allerdings sind es bis Flagstaff noch über 40 Kilometer. Und die Straße zieht etwas an. Schließlich gewinnt sie durch einige Serpentinen sogar merklich an Höhe. Die Steigung liegt meist zwischen 6% und 7%, manchmal zieht sie auch an auf Werte über 8%. Wäre alles gut machbar, aber dazu kommt noch ordentlich Gegenwind. Es wird langsam anstrengend.

Außerdem wollte ich gar nicht so lange fahren. Aber Flagstaff will ich auf jeden Fall erreichen. Schließlich scheine ich „oben“ zu sein. Aber irgendwie stimmts nicht. Auf einem welligen Profil mit steigender Tendenz geht es durch Nadelwald.

Die Schaltung spinnt schon eine ganze Weile. Es gelingt mir kaum den richtigen Gang zu treffen, immer wieder schaltet das Mistding zwei Gänge, ich schalte wieder in die anderer Richtung und eins zurück, mal geht es, mal nicht, dann schaltet das Ding unter Last, ohne dass ich es will. Sehr nervig.

Ich spüre Frust in mir hochkochen. Das Profil der Straße nervt, man fährt 300m 2% bergab, 800m 6% berghoch, auf der Kuppe peitscht der Wind nochmal richtig entgegen, man denkt man ist ganz oben, 2% bergab, aber falsch, wieder Welle, wieder 6% berhoch, wieder Gegenwind, wieder die Windpeitsche auf der Kuppe.

Dazu rumpelt die Schaltung, ich kann kaum im „richtigen“ Gang fahren, das widerliche Ensure liegt wie ein Stein im Magen, ich fahre überhaupt nicht mehr intensiv, nach Trainingsplan auch schon viel zu lange, es geht gar nix mehr auf, ich bin sauer.

Wieder Welle,  jetzt bin ich aber oben, falsch, die nächste, der Wind nervt, ich werde wütend. Nächste Welle, dabei scheinen die Kilometer nicht zu verrinnen, brauche ich jetzt schon eine Stunde für die zwei Kilometer? Das kann nicht sein, komm runter, beim RAAM werde ich hier platt sein, dutzende Stunden im Sattel, und vielleicht auch Gegenwind haben.

Das Ensure wird mir zuwider, ich würde am liebsten kotzen. Der Wind ist so dermaßen fies und aggressiv, dass ich ihn kurz anbrüllen muss. Nächste Welle, 6%, Gegenwind, die Schaltung schaltet hoch, ich schalte runter, aber die Schaltung schaltet zwei Gänge. Ahhhrg!

Ich will aus Protest die nächste Welle fotografieren, die Kamera sagt Speicherkarte voll! Jetzt ruhig bleiben, geht aber nicht, ich bin stocksauer. Ich hasse Wind, nächste Welle, die Schaltung wehrt sich wieder, das Gefummel mit dem iPhone zum Fotografieren während der Fahrt taugt nix, mir platzt der Kragen ich schreie laut. Gerade überholt mich ein Cabrio, der Beifahrer gibt mir beruhigenden Zeichen.

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Ich trinke Wasser und fahre langsam. Das Rennen ist lang. Zum Glück ist das noch nicht das Rennen, aber solche Krisen werde ich beim RAAM dutzende haben, ich muss damit umgehen, schön das auf der Originalstrecke zu üben.

Nix ist schön, nächste Welle, Wind peitscht auf der Kuppe, noch 17 Kilometer. Geht eigentlich, Wasser trinken, langsam fahren (fahre ich eh). Und dann endlich, der Belag wird glatt, es geht bergab, und zwar nicht nur hundert Meter sondern dauerhaft.

Der Wind stellt sich aber heftig entgegen, aber die letzten Kilometer gehen jetzt auch noch. Und dann ist tatsächlich Flagstaff erreicht. Noch einmal verfahre ich mich, ich fahre drei Kilometer zurück. Und wieder in die Stadt rein. Die Straße war nicht beschildert ich traue mal dem Garmin, und tatsächlich es stimmt.

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Mittlerweile ist es mir sehr kalt. Die Temperatur liegt bei 8°C, friere trotz Jacke. Die TS ist immer noch nicht erreicht. Jetzt bin ich auf der Route 66. But I don’t get any kicks. Nochmal endlos geht es bis fast wieder aus der Stadt hinaus, dann endlich ist TS 9 erreicht. Marco wartet dort mit dem warmen Auto auf mich.

Man was für ein Tag, erst so geil, dass ich völlig aus dem Häuschen war, dann die frustrierenden letzten 45 Kilometer. Morgen muss ich das Training von heute nachholen. Wir werden zwei Nächte hier machen, uns den Grand Canyon anschauen und nachmittags werde ich nochmal drei, vier Stunden etwas intensiver fahren. Das war heute rein trainingstechnisch irgendwie nix.

Anyway, die grandiose Landschaft hat ihre Eindrücke bei mir hinterlassen. Dabei waren die einzelnen Abschnitte so unterschiedlich. Arizona muss man gesehen haben, hier kann man sich an der Landschaft besaufen, so geil ist das.

 

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