Unfallanalyse

Noch immer bin ich etwas verwundert, dass ich die Steilheit und die entsprechenden Folgen so falsch eingeschätzt habe. Es ärgert mich natürlich, dass ich so einen Fehler gemacht habe. Aber ich war wohl etwas eingelullt von der herrlich sanften Abfahrt auf der Hauptstrecke über die 395.

Durch die schöne Landschaft und meinen Enthusiasmus habe ich das an dieser Stelle unauffällig aussehende 18% Gefälle komplett unterschätzt. Ich kann mich auch nicht erinnern auf dem Rennrad schon mal so steil bergab gefahren zu sein außer am Kühtai, aber da hat es so stark geschüttet, dass ich eh sehr langsam gefahren bin.

Die Beschleunigung an so einem Steilstück ist wirklich enorm. Das fühlt sich schon an der Gletscherstraße bei 13 bis 14% klasse an, bei 18% fällt man wirklich wie ein Stein. Schon nach wenigen Metern hatte ich 67 km/h drauf. Für ein Rennrad keine spektakuläre Geschwindigkeit, wenn allerdings dann direkt eine 95° Kurve kommt, die etwas schräg nach außen abfällt sieht die Sache schon anders aus.

Mein größtes Problem war allerdings die mangelnde Verzögerung. Durch die Steilheit und die Tatsache, dass ich fürs Berge fahren eigentlich viel zu schwer bin (Systemgewicht lag in dem Moment selbst mit leeren Trinkflaschen noch bei ca. 90 kg), waren die Bremsen komplett überfordert. Ich hatte auch das ganze Jahr über den Eindruck, dass die Citec 3000S Aero mit den Dura Ace Bremsen und Standardbelägen etwas schlechter Bremsen als die Mavic Ksyrium SL, die ich letztes Jahr benutzt habe. Im Bezug auf Dosierbarkeit und Verzögerung.

Bis ich das realisiert hatte, und die Gewalt der Hangabtriebskraft, die bei 18% Gefälle auf 90 kg wirkt richtig eingeschätzt hatte, war es einfach zu spät. Laut SRM, der die Geschwindigkeit über einen Magnet am Vorderrad abnimmt, war die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt des Blockierens des Vorderrads 51 km/h. Anhand der Garmindaten kann ich sehen, dass wohl so drei bis fünf Meter später der Überschlag begonnen haben muss.

Wie der Körper sich vom Fahrrad gelöst hat, und wie er vor allen Dingen innerhalb so kurzer Zeit die noch vorhandene Bewegungsenergie abgebaut hat, ist mir völlig unklar. Auch das Fahrrad hat sich unter diesen Aspekten gesehen doch ganz gut gegen die Felswand behauptet. Es ist wohl komplett seitlich (mit der linken Seite) dagegen geprallt, dabei wurde auch das Hinterrad und das Schaltauge rausgeschlagen und der Lenker beschädigt, aber der Rahmen sieht seitlich fast unversehrt aus. Auf der Straße ist es dann wohl mit dem Sattel aufgekommen, der etwas beschädigt ist und mit dem Lenkerhebel rechts beim zweiten Überschlag, der Rest sind Schlidderspuren.

Also insgesamt doch enormes Glück. Da ich nach dem Überschlag auf der rechten Seite aufgekommen bin, und das wohl recht „flach“, hat sich die Aufprallenergie über mehrere Körperstellen auf der rechten Seite verteilt. Angefangen von Kopf über Schulter, Rücken und vor allem Hüfte.

Tatsächlich habe ich keinerlei Brüche davongetragen. Im Hüftbereich hat die etwas dickere Jacke im Trikot wohl noch ein bisschen gedämpft, dafür hat sich der Fotoapparat eher punktuell in den Körper gebohrt, was auch die heftigste Prellung verursacht hat. Der Helm ist an der Aufschlagstelle gebrochen, hat den Kopf also wohl vor einem größeren Schaden bewahrt.

Lange über den Asphalt bzw. Schotter bin ich nicht gerutscht, denn die Abschürfungen sind doch überschaubar. Das hat mir den Kontakt mit der Felswand erspart. So muss ich sagen, und das war auch mein Gefühl, direkt nach dem Sturz, nachdem ich alle Glieder und den Kopf bewegt hatte, dass der Sturz sehr glimpflich verlaufen ist.

Glück hatte ich auch damit, dass sofort Leute kamen und sich um mich gekümmert haben. Die Hilfsbereitschaft der Spanier vor Ort war wirklich enorm. Auch wenn die das hier sicher nicht lesen werden, nochmal Danke!

Auch die Erstversorgung im Hospital in Granada war einwandfrei. Und was wir mir sehr geholfen hat, war die Tatsache, dass ich zwar kaum Laufen konnte, und für’s Einsteigen ins Auto echte fünf Minuten gebraucht habe, dann aber fast schmerzfrei Sitzen konnte, so konnte ich direkt die zweitägige Heimreise antreten (ok, der Weg ins Hotel an der Autobahnraststätte in Montpellier war hart, und hat pro Meter eine Minute gedauert…).

Die Untersuchung zu Hause mit Röntgen und Ultraschall hat keine Auffälligkeiten ergeben. D.h. wenn die Haut gut heilt, und hoffentlich bald die elenden Schmerzen von den heftigen Prellungen weggehen, kann ich demnächst wieder sanft mit dem Radtraining beginnen.

Gerne würde ich die Zeitlupe des Unfalls nochmal sehen, um das Ganze genauer zu analysieren, aber die gibt es natürlich nicht. Eines ist allerdings klar, diese Abfahrt muss ich möglichst zeitnah nochmal fahren, und mir das in Ruhe anschauen. Blöd nur, dass Granada nicht gerade in einer Autostunde zu erreichen ist.

3 Kommentare

  1. Mensch Guido , da haste aber nochmal Schwein jehabt!

    Nun mal im Ernst. , ich wünsche Dir gute Besserung .
    Ich bin davon überzeugt , daß du mit deinen Berichten das Leben von vielen sehr bereichert hast.
    Wir konnten auf Grund deiner Schilderungen reisen , dabeisein , uns mitfreuen und seufz auch mitleiden.
    Vielen Dank dafür , lieber Guido
    Jürgen

  2. Hallo Jürgen,
    vielen Dank für deinen netten Kommentar! Ich hoffe, dass ich bald wieder neue Posts hinzufügen kann, schließlich fehlt ja noch eine Abfahrt vom Pico Veleta…

  3. hallo – da wünsche ich dir mal alles gute – bin selber im august heuer mit dem kopf aufgeschlagen als mir seitich jemand den vorrang nahm und in mein rad hineinfuhr – deine „aufprallschilderung“ liest sich ähnlich wie mein erlebnis – nochmals gute besserung