Alpenbrevet 2015 platin – das Rennen

Start zum Alpenbrevet ist 6:45 Uhr, d.h. die Nacht ist kurz. Sehr kurz. Um 4:20 Uhr werde ich wach. Um Viertel nach fünf sitzen wir beim Frühstück. Ich gönne mir etwas Birchermüsli, das gibt es in Schweizer Hotels häufig zum Frühstück, immerhin ein Trost, den man auch braucht wenn man die deftigen Übernachtungspreise hier bedenkt.

Aber das ist mir jetzt natürlich schnuppe. Vom Zimmerbalkon aus kann ich die Startzone sehen. So kann ich schon die ersten Einzelstarter sehen während ich mich noch in die Radklamotten werfe. (eine Besonderheit des Alpenbrevets, wer keine Lust auf einen Start mit tausenden von anderen Radfahrern hat, weil er sich unsicher fühlt, der kann einzel vor dem Feld starten).

Dann muss ich aber mein Fahrrad schnappen und zum Start fahren. Katrin ist schon längst mit dem Auto auf dem Weg zur Grimsel Passhöhe. Ich hoffe, dass ich in ungefähr 1:50 h dort meine Trinkflaschen von ihr bekomme. Mal schauen was so ohne echte Vorbereitung geht. Vielleicht ist es aber auch arrogant zu denken, dass ich mit zwei Monaten Trainingspause hier tatsächlich was reißen kann? Aber ohne Ziel brauche ich ja auch gar nicht erst antreten. Also bleibe ich dabei, dass ich es in elf Stunden schaffen will.

Am Start sortiert man sich freiwillig in den Startabschnitt mit der passenden Durchschnittsgeschwindigkeit ein. 24 km/h ist der schnellste Startblock, ich muss ja noch etwas flotter fahren. Also ganz nach vorne. Allerdings ist es da schon recht voll.

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Es dauert auch nicht mehr lange, dann beginnt der Countdown und das Feld jagt in Richtung Grimsel. 2011 habe ich versucht möglichst lange an der Spitzengruppe dranzubleiben. Da bin ich als 34. über den Grimsel gekommen und am Nufenen war ich noch 43. bevor ich am Lukmanier mit einem ordentlichen Hungerast eingebrochen bin.

Heute will ich es etwas verhaltener angehen, mit der Spitzengruppe werde ich nix am Hut haben, mein Ziel ist es eher gleichmäßig zu fahren und Anfangs nicht zu sehr in den Spitzenbereich zu kommen. Dementsprechend ist die vordere Gruppe recht schnell einige hundert Meter vorne.

Ich komme aber ganz gut über den ersten kleinen Anstieg in Richtung Innertkirchen und auch die erste kleine Miniabfahrt in den Ort hinein läuft gut. Ich versuche immer ein Hinterrad zu haben, was mir auch recht gut gelingt, nur einmal muss ich eine kleine Vierergruppe etwas beschleunigen und im Wind arbeiten, aber dann kommt auch schon eine größere Gruppe von hinten. Lange profitiere ich aber nicht davon, denn jetzt zieht die Steigung erstmals an und jeder kämpft gegen den Berg.

Die ersten Schlucke von meinem Iso-/KH-Getränk schmecken widerlich. Der Berg ist aber noch nicht widerlich ich glaube das kommt erst am Nufenen wo wir ja die fiese Seite von Ulrichen aus hochfahren.

Es gelingt mir zunächst ganz gut in den immer wieder abflachenden Teilen des Grimselpasses an anderen Fahrern dranzubleiben, aber mit jedem steileren Abschnitt fällt es mir schwerer. Ich merke jetzt, dass ich weit von irgendsowas wie „Form“ entfernt bin. Auch ist es so, dass ich kaum mal jemanden überhole, aber ich eigentlich permanent überholt werde, allerdings eher von einzelnen Fahrern.

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Das Competition schmeckt immer noch widerlich. Ich quetsche es aber trotzdem in mich rein. Außerdem nehme ich noch ein Gel nach dem letzten Ort, diesmal möchte ich keinesfalls ein KH-Defizit aufbauen. Das sollte mir mit Hilfe von Katrins Unterstützung auch problemlos gelingen.

Der Grimselpass ist schon recht lange. Allerdings kenne ich ihn auch ganz gut, so dass ich nicht davon überrascht werde. Die erste Umfahrung ignorieren wir und fahren durch den Tunnel, bei der zweiten fahren wir aber die Radlerumleitung. Ist ja auch ein sehr schöner Streckenabschnitt mit Felsüberhängen und der engen Schlucht. Hier bin ich aber schon recht langsam. Irgendwie geht es mir nicht so richtig gut. Es rumpelt etwas im Bauch. Aber alles noch im Rahmen, das gibt sich schon wieder.

Die Serpentinen hoch zur ersten Staustufe gehen noch, auch wenn es jetzt manchmal etwas unangenehmen Gegenwind gibt. Sonst ist das Wetter traumhaft. Schon am Start waren es 15° C, fast schon zu warm. Wobei es hier oben jetzt auch wieder kühler wird.

Im ersten Flachabschnitt am Stausee entlang fahre ich hinter einem langsamen Radfahrer aber ich habe nicht die Power selbst Tempo zu machen. So verschenke ich etwas Zeit, aber besser als sein Pulver zu verschießen.

Wenn man den Grimselpass das erste mal fährt, hat man an dieser Stelle schon das Gefühl, dass man es bald geschafft hat, aber das täuscht gewaltig, es gibt noch einige Serpentinengruppen zu überwinden und die haben auch eine solide Steigung.

Ich hoffe trotzdem, dass es bald vorbei ist, auch wenn ich weiß was noch auf mich zukommt. Zweite Staustufe und wieder etwas flache Strecke, wieder fahre ich langsamer als ich sollte um etwas Windschatten zu genießen.

Die kommenden Serpentinen fallen mir schwer. Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Fahrer mich überholen. Und nach wie vor überhole ich kaum mal jemanden. Ich habe meine Flaschen zwar einigermaßen geleert, aber so scheußlich hat das Zeug noch nie geschmeckt. Hoffentlich bessert sich das mit der Zeit. Egal, ich kämpfe mich die Strecke regelrecht hoch, weil ich wirklich nix drauf habe heute. Dann sehe ich endlich Katrin da stehen. Ich nehme zwei Flaschen auf, Competition und Ensure. Vielleicht hilft mir ja das.

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Dann ist die Passhöhe erreicht. Ich fahre trotz Privatversorgung durch die Labstation, da ich mir nicht sicher bin wo die Zwischenzeitmessung erfolgt. Die ist diesmal erst am Ende der Passhöhe. Die flachen vierhundert Meter oben tun gut, Jacke brauche ich keine, und ich hoffe mich in der Abfahrt zu erholen.

Die Abfahrt läuft auch ok, kurz muss ich an der Baustellenampel halten, aber sonst komme ich ohne Probleme nach Gletsch. Allerdings bin ich unten erst mal alleine. Blöd, hier wäre eine Gruppe ganz gut. Aber schnell wird es auch wieder steiler, so dass es egal ist. Im Laufe der Abfahrt sammeln sich auch mehrere Fahrer, so dass wir zunächst eine Gruppe bilden.

Mir geht es nicht so richtig gut, es rumpelt im Bauch, aber jetzt bin ich erstmal mit der Gruppe beschäftigt. Ich hänge an einem Hinterrad und merke aber nicht wie der Vordermann abreißen lässt. Verdammt, ich sprinte vorbei und will wieder Anschluss an die Gruppe finden, da durchfährt mich ein stechender Schmerz im rechten Oberschenkel, vom Knie bis zur Hüfte, ein heftiger Krampf durchzieht den Muskel. Das gibt’s doch nicht, hatte ich ja noch nie! Oberschenkelkrämpfe? Ich erinnere mich an Kelheim, da hatte ich das, aber eher im linken Bein, da bin ich erstmals die Look Pedale gefahren, diesmal das zweite mal die Lookpedale, das erste mal am Cannondale SuperSix Evo. Reagiere ich wirklich so empfindlich auf die Umstellung des Pedalsystems?

Ich versuche das irgendwie in den Griff zu bekommen, die Gruppe ist natürlich weg und es tut richtig weh. Normalerweise hilft nur draufhalten, aber es tut wirklich sehr weh und ich muss etwas jammern auf dem Rad. Und gleich kommt auch noch der verdammte Nufenen. Der ist auch fit schon ein echtes Miststück.

So gurke ich nach Ulrichen. Schaffe es allerdings den rechten Oberschenkel in den Griff zu bekommen. Nur bin ich ohne Gruppe langsam unterwegs und bin froh, dass es jetzt erst mal bergauf geht. Ich kann mich erinnern, dass recht früh ein ziemlich steiler Abschnitt kommt, so ist es auch. Der Oberschenkel muckt zwar mal, aber es geht.

Als es dann nach gefühlt unendlich langem Anstieg endlich mal etwas flacher wird schaffe ich es sogar nochmal ein Foto zu machen.

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Allerdings geht es mir elend. Ich bin eigentlich davon ausgegangen den unangenehmen Nufenen in knapp zwei Stunden zu fahren. Aber gerade bezweifle ich, dass ich überhaupt hochkomme. Mir ist schlecht, ich müsste eigentlich eine Toilettenpause machen. Oje, das wird ja ein Katastrophentag.

Mittlerweile ist es richtig warm und ich bin froh, als die Straße die Talseite wechselt und wir endlich im Schatten fahren. Allerdings bin ich total am Ende, ich will nur noch absteigen. Ich wehre mich eine Weile dagegen, aber dann ist es vorbei, mir ist schlecht, ich habe Durchfall und Power habe ich sowieso keine. Ich steige ab und stelle mich an den Straßenrand. Hier ist nirgends ein Gasthaus oder so, ich muss mich mit „Atemtechnik“ beherrschen. Ich lehne mich über das Rad und finde eine Position in der ich mich halbwegs wohl fühle. Schon mitten im zweiten Pass am Ende!

Ich weiß nicht wo Katrin mit dem Auto steht. Ich steige auf und fahre weiter, mir ist schlecht. Mit einer 65er Trittfrequenz gurke ich vorwärts. Ungefähr einen Kilometer, dann sehe ich das Auto und Katrin am Straßenrand stehen. Ich halte wieder an, jammere ein bisschen und fahre dann weiter. Meine Motivation oben anzukommen ist das Gasthaus auf der Passhöhe und der Gedanke an die Toilette dort. Aber der Nufenen ist steil und zieht sich.

Ich schaffe es in die Serpentinen, mittlerweile überholen mich scharenweise Radfahrer. Ich könnte kotzen, deswegen und wegen des Grummelns im Bauch sowieso. Serpentine für Serpentine schleppe ich mich nach oben. Jetzt kommen auch noch Schmerzen im unteren Rücken hinzu. Das hatte ich das letze mal als ich meinen allerersten Alpenpass (das Stilfser Joch) hochgefahren bin. Da saß ich allerdings auch erstmals so richtig auf dem Rennrad…
Keinen Meter habe ich mal das Gefühl, dass es irgendwie besser wird. Katrin steht nochmal am Straßenrand, aber ich kann eh nicht viel von meiner Nahrung aufnehmen, auch wenn ich mich zwinge den ein oder anderen Schluck zu nehmen. Irgendwie kriege ich das mit dem Magen/Darm etwas in den Griff, ich hoffen nur, dass ich es bis obenhin schaffe.

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Kurz vor der Passhöhe halte ich nochmal am Auto an. Ich werde auf jeden Fall versuchen die 11:15 Uhr Marke zu schaffen und auf die Platinstrecke abbiegen. Auf gar keinen Fall will ich das Kopfsteinpflaster vom Gotthardpass auf der Goldstrecke fahren, das wäre mein Ende.

Ich schaffe es auf die Passhöhe und fahre direkt in die Abfahrt. Die Toilette im Gasthaus kann ich nicht nutzen, dann schaffe ich das Zeitlimit auf gar keinen Fall. Ich nehme mir vor unten an der großen Labstation alles zu erledigen.

Die Abfahrt ist elend. Mir tut alles weh, die Hände, der Bauch, der Rücken, und ich habe Krämpfe in den Oberschenkeln ohne Ende. Mit jedem Kilometer wird es schlimmer und die Abfahrt ist sehr lange…
Die letzten Kilometer vor Airolo jammere ich ohne Ende auf dem Fahrrad, die Beine (mittlerweile beide) schmerzen ohne Ende, es sticht in der Hüfte, ich glaube ich muss aufgeben. Sobald es abflacht und ich auch nur ein bisschen mittreten muss ist es die Hölle. Ich will nicht aufgeben, aber lange geht das nicht mehr. Ich werde wahrscheinlich sowieso die Zeit nicht schaffen, ich brauche auch unbedingt eine Toilette, unbedingt.

Es ist schon 11:05 Uhr, ich schaffe es irgendwie an einem Fahrer dranzubleiben der mich überholt hat, immer wieder mal muss ich etwas jammern, wenn ich treten muss und das linke Bein unten und das recht oben ist, dann sind die Krämpfe heftig. Mein Jammern irritiert den anderen offensichtlich, mir ist es total peinlich, aber nur so halte ich es aus, das hilft einfach sehr.

Wir kommen aber tatsächlich in Airolo an, um 11:08 Uhr! Ich habe es vor dem Timecut geschafft und kann auf die Platinstrecke abbiegen. Puh, zum Glück bleibt mir der Gotthardpass erspart.

Ich halte nicht an, mein Bauch rumort, aber ich habe es (hoffentlich) im Griff. Hier halten wäre Mist, ich bin bei den letzten die noch auf die Platinstrecke abbiegen, wenn ich jetzt eine Toilettenpause mache, fahre ich die ganze restliche Strecke komplett alleine! Außerdem gab es an der Verpflegungsstation keine Toiletten.

Ich fahre ein ganzes Stück alleine, die Krämpfe haben sich gelegt, nur ab und zu sticht es etwas, wenn ich gleichmäßig trete und mich konzentriere habe ich es im Griff. Ich fahre sogar an einen anderen Fahrer langsam heran, da kommt von hinten eine langsame Gruppe der ich mich anschließe und dann noch eine schnellere, der wir uns komplett anschließen, so das eine recht große Gruppe unterwegs ist. Die Gruppe läuft nur mittelgut ist aber trotzdem recht flott, das Gelände passt einfach und man kann immer wieder die Gruppe zusammenziehen. Zur Führungsarbeit gebe ich was geht, was recht wenig ist. Zweimal verliere ich den Vordermann an zweiter Position weil der im Wind erstmal richtig losprescht, allerdings kann ich in den steileren Bergabstücken immer wieder ranfahren. Eine schweizer Radlerin versucht die Gruppe etwas zusammenzuhalten und kommandiert ganz gut wenn vorne einer in der Führung lospowert statt einfach das Tempo gleichmäßig hoch zu halten in der Gruppe.

Einmal verbremse ich mich heftig, vor mir fährt einer so seltsam bergab, so dass ich versuche ihn auf der letzten Rille zu überholen, dabei bremse ich eine Kehre mit einem kleinen Mäuerchen zu spät an und schaffe es gerade noch vor der Mauer stehen zu bleiben. Zwei Zentimeter weiter und ich wäre über die Mauer gegangen und ordentlich tief gestürzt. Aber ist ja alles gut gegangen.

Die Fahrt bis Biasca zieht sich, aber ich halte durch und komme mit der Gruppe an der Labstation an. Durch die Gruppe habe ich sogar etwas aufgeholt und bin nun wieder im (hinteren) Feld der Platinfahrer.

An der Labstation ist ein Gasthaus, das ich sofort ansteuere. Ich schaffe es gerade noch höflich zu fragen ob ich die Toilette benutzen darf, dann ist es vorbei mit „Atemtechnik“. Das war knapp…

Es dauert eine gute Viertelstunde bis ich wieder auf dem Rad sitze. Aber ich fahre nicht alleine durch Biasca, sondern in einer Vierergruppe. Wir unterhalten uns sogar ganz nett. Ich fühle mich nicht super, aber jetzt wenigstens halbwegs normal.

Der Anstieg zum Lukmanier ist zwar 50 Kilometer lang, steigt aber abzunächst nur moderat an. Durch die Unterhaltung hätte ich fast Katrin übersehen, die mir wieder Flaschen anreicht. Zunächst kann ich in der Vierergruppe bleiben, wir überholen sogar einige einzelne Fahrer. Dann kommen die ersten „Stufen“, kleine Abschnitte wo die Steigung etwas anzieht. Ich muss reißen lassen.

Ich fühle mich schon wieder schlecht. Eigentlich geht es im Bauch, ich habe auch keine Krämpfe mehr, aber ich bin total schlapp. Mittlerweile zeigt das Thermometer über 27° C. Und dann ist es plötzlich vorbei, Katrin steht am Straßenrand und ich schaffe es gerade noch bis dorthin und muss dann absteigen. Ich bin total am Ende. Der Lukmanier wird schon wieder so eine Qual. Ich habe zwar diesmal zu essen und zu trinken, aber ich bin trotzdem total platt. Ich will einfach nur liegen.

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Katrin redet mir gut zu und nach einer Weile fahre ich weiter. Es geht dann auch erst mal ganz gut, aber recht schnell fühlt es sich wieder elend an. Ich kann die eigentlich tolle Landschaft nicht genießen, erinnere mich aber an meine erste Auffahrt hier hinauf und an den Enthusiasmus der mich damals überkam.

Von Enthusiasmus ist jetzt nichts zu spüren, ich kurbele mit dem was ich habe vor mich hin und hoffe nur irgendwie, dass es endlich vorbei ist. Aber ich weiß wie lange dieser verdammte Pass ist. Noch sind es zwanzig Kilometer bis zur Passhöhe, es geht jetzt etwas steiler berghoch. Wieder steht Katrin am Straßenrand, ich nehme aber keine Flasche auf. Ich versuche mich etwas zusammenzureißen, schaffe aber es aber geradeso um die nächste Ecke, dann ist es wieder vorbei. Die Beine wollen nicht mehr treten, der Kopf ist leer, der will nur runter vom Rad. Und obwohl hier kein Schatten ist halte ich an, und lege mich am Straßenrad auf die Wiese. Gegenüber ist ein Brunnen, hier halten auch ein paar Fahrer, aber ich brauch diesmal kein Wasser, ich bin gut mit Getränken versorgt, aber ich habe heute einfach nichts, aber auch gar nichts drauf.

Ich kann mich aber erinnern, dass ich 2011 an genau diesem Brunnen auch angehalten habe. Am Lukmanier gibt es definitiv zu wenig Labstationen. Selbst die schnellsten brauchen hier über drei Stunden und am Fuß des Passes die Labstation ist nicht gut bestückt. Aber selbst mit zwei 1L Flaschen kommt man hier nicht bis oben hin, vor allem da es hier auch gerne mal recht warm ist.

Anyway, ich setze mich auf’s Rad und fahre weiter. Naja, fahren ist vielleicht das falsche Wort. Obwohl es hier nie brutal steil wird habe ich eine Trittfrequenz im 60er Bereich. Selbst wenn ich hier oben ankomme, wie soll ich dann wohl den Oberalppass oder gar den Sustenpass hochkommen?

Irgendwie hatte ich mir zwar vorgestellt heute langsamer zu sein als ursprünglich geplant, aber dass es so eine elende Quälerei wird, damit hatte ich nicht gerechnet. So gurke ich weiter den Pass hoch. Die Rückenschmerzen kommen wieder, das Knie zuckt manchmal. Nocheinmal halte ich an, auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es etwas Schatten und dort setze ich mich an die Straßenböschung.

Weiter geht’s, die ersten paar Meter sind immer ganz ok, dann wird’s anstrengend und schließlich fühlt es sich elend an. Aber ich schaffe es weiter, Katrin steht alle paar Kilometer am Straßenrand, so geht mir auch nie das Getränk aus. Ensure geht nicht so recht, das Sponsor Competition geht überhaupt nicht, so trinke ich hauptsächlich Sponser Recovery und Wasser. Ich freue mich allerdings schon auf das Nutrixxion Iso an der Labstation, denn eins ist klar, dort oben muss ich eine Pause machen.

Und nach einem weiteren nicht enden wollenden Abschnitt nähere ich mich tatsächlich der Verpflegungsstation. Aber selbst die 1000 Meter Marke setzt keine Kräfte frei, ich schleiche einfach bis zum Passhospiz (das ja unter der Passhöhe liegt).

An der Labstation nehme ich mir etwas Brot, Käse und Schokolade, kann aber gar nicht so in mich reinstopfen wie 2011 wo ich mich dann doch sehr gut erholt hatte. Aber ich trinke sechs! Becher Cola. Dann lege ich mich erst mal auf die Wiese. Ich bin am Ende. Ich glaube nicht, dass ich zu Ende fahren kann. Ich möchte einfach ins Auto steigen. Und gut ist’s.

Ich weiß nicht wie lange ich liege, aber schließlich raffe ich mich auf und fahre weiter. Katrin versucht mich noch etwas zu motivieren, aber bei mir kommt nichts mehr an. Trotzdem geht es den letzten Kilometer bis zur Passhöhe, die ja in einer Lawinengallerie liegt, ganz gut. Ich freue mich aber nicht auf die Abfahrt, denn die ist diesmal wohl keine Erholung.

Es geht aber besser als am Nufenen. Vor allem profitiere ich von Rückenwind, so dass ich in den langen Geraden deutlich über 70 fahren kann obwohl die oft gar nicht so steil sind. Mit Krämpfen habe ich kaum zu kämpfen, allenfalls mal ein Ziehen, meist rechts. Aber durch Pedalieren kriege ich das ganz gut in den Griff. Noch weiß ich nicht wie ich den Oberalppass hinauf kommen soll, aber trotzdem wünsche ich mir, dass die Abfahrt bald vorbei ist, ich bin so platt, dass ich mühe habe genug Konzentration für die Radkontrolle aufzubringen.

Aber je mehr Höhenmeter ich verliere, desto besser wird es. Besonders im unteren Teil ist die Landschaft spektakulär schön, dass nehme ich selbst heute wahr. So habe ich gerade etwas Spaß und genieße den letzten Teil der Abfahrt, es geht über einen der Zuflüsse zum Vorderrhein und durch einen kleinen Tunnel, da liegt plötzlich eine Radfahrerin auf der Gegenfahrbahn, zwei weitere Rennradler stehen dabei.

Ich schaffe es gerade noch vor dem Tunnel anzuhalten, ein weiteres Fahrzeug hält und Katrin kommt zum Glück auch gerade mit unserem Auto. Ich laufe zur Unfallstelle und frage die beiden ob Sie den Notarzt verständigt haben, die Gestürzte liegt in stabiler Seitenlage auf der Straße. Die Fahrerin des Autos das neben mir gehalten hat kümmert sich um die Verletzte und nimmt das Ganze in die Hand. Respekt, das macht sie richtig gut. Die beiden Radfahrer sind offensichtlich geschockt, jedenfalls antworten sie mir recht unklar mal ja, mal nein…
Wir stellen Warndreiecke auf, denn in beide Richtungen sind Kurven und Tunnel, so dass die Fahrzeuge gewarnt werden müssen. Katrin bleibt dann noch an der Unfallstelle und ich fahre weiter. Als ich in Disentis reinfahre höre ich auch schon den Krankenwagen. Ich bin wirklich froh, dass die Frau sich gleich um die Verletzte gekümmert hat, ich stand echt auf dem Schlauch und habe erst nicht gecheckt, dass die beiden anderen Radfahrer ziemlich geschockt waren, ich hätte einfach sofort die Notfallkarte vom Veranstalter aus dem Trikot nehmen sollen und die Notfallnummer wählen sollen, egal was die beiden sagen. Anyway, Notarzt ist unterwegs und soweit ich das übersehen konnte dürfte sie sich nicht schwer verletzt haben. Auf jeden Fall wünsche ich ihr gute Genesung und dass sie schnell wieder unbeschwert die Abfahrten genießen kann.

Durch den Schreckmoment habe ich etwas Ablenkung und kann den ersten Teil auf dem Weg zum Oberalppass ganz ordentlich fahren. Als es steiler wird verlassen mich aber die Kräfte wieder. Der Oberalppass hat auch zwei recht lange Geraden ohne Serpentinen, die sind heute auch psychologisch anstrengend. So muss ich in einem Dorf an einem schattigen Platz vor einer Scheune nochmal vom Rad. Mittlerweile ist das Thermometer auf 30° C geklettert. Hitze ist eigentlich nicht so mein Terrain, ich habe lieber 7° als 27°, wobei ich 17° auch noch nehme. Aber 30° muss eigentlich nicht sein. Ich bin allerdings gut mit Flüssigkeit versorgt, daran kann mein erbärmlicher Zustand nicht liegen.

Wieder setze ich mich auf’s Rad und kurbele weiter. Die nächste lange Gerade zieht mir schon etwas den Zahn, denn zur Steigung kommt noch ordentlich Gegenwind dazu. Aber ich schaffe es bis zu den Serpentinen. Nicht, dass es ab da leichter würde, aber die Abwechslung macht das Vorwärtskommen bzw. das Durchhalten einen Hauch leichter.

Ich schaffe es dann tatsächlich bis obenhin. Meist mit Trittfrequenz im niedrigen 60er Bereich. Aber irgendwie gurke ich da hoch. Ich bin jetzt sicher bei den allerletzten, die Chance um 19:15 Uhr auf der Susten Passhöhe zu sein ist gleich Null.

Oben auf dem Oberalp angekommen trinke ich nochmal drei Cola, esse etwas Brot, Käse und Schokolade, aber rechten Hunger habe ich nicht. Ich setze mich eine Weile auf eine Bank und überlege ob ich nicht gleich ins Auto steigen sollte. Wenn ich eh nicht finishen kann macht es keinen Sinn sich am Susten nochmal richtig weh zu tun.

Ich beschließe mit Katrin, erst mal nach Andermatt zu fahren, bzw. gleich hinunter nach Wassen und dann zu schauen.

Die Sonne steht schon ganz schön tief. Auch auf der Abfahrt hinunter nach Andermatt herrscht heftiger Gegenwind, so dass die Abfahrt wenig locker ist, im Gegenteil ich muss eigentlich ständig gegen den Wind arbeiten.

In Andermatt geht es durch den Ort und ich schlängele mich zwischen den Autos hindurch, dann gelangt man auf die Straße hinunter in Richtung Wassen. Noch einmal durch die Labstation wegen der Zeitmessung, dann geht es auch schon abwärts durch die Schöllenenschlucht. Hier ist wegen des hohen Verkehrsaufkommens die Zeitmessung neutralisiert.

So mache ich mir keinen Überholstress, außer einem extrem langsamen Auto und einem sehr langsamen Motorrad überhole ich gar nicht und rolle einfach im Verkehr mit. Wenn man am Kreisel dann den Hauptverkehrsstrom verlässt und parallel zur Autobahn fährt, macht es richtig Spaß. Zwei Radfahrer überhole ich noch, warum die sich nicht dranhängen verstehe ich nicht, aber ist mir egal, es ist so steil, dass man auch ohne Gruppe gut voran kommt.

In Wassen biege ich dann direkt links ab in die Auffahrt zum Sustenpass. Ein Schlenker über die Zeitmessung und dann geht der letzte Kampf für heute los. Es könnte allerdings ein aussichtsloser Kampf sein, denn das Zeitlimit ist eigentlich nicht zu schaffen.

Am Oberalppass hatte ich schon öfters die gleichen Fahrer um mich herum, auf dem Rad war ich meist deutlich schneller, obwohl ich nur geschlichen bin, durch meine Pausen allerdings fuhren die immer wieder an mir vorbei. Am Susten wiederholt sich das Ganze.

Zunächst läuft es einigermaßen, aber in der ersten sehr langen Geraden geht mir irgendwann der Saft aus. Witzigerweise an der gleichen Stelle an der ich 2013 pausieren musste als ich mit einer Lamblieninfektion die Silberstrecke gefahren bin. Ich kann nicht sagen, dass es sich gerade auch nur einen Deut besser anfühlt.

Der Susten ist wirklich böse wenn du Probleme hast. Man kann sehr weit nach vorne sehen wie sich eine elend lange Gerade recht steil nach oben erstreckt. Und wenn man dann tatsächlich das Ende dieser Gerade erreicht hat, was viieeel länger dauert als man zunächst glaubt, dann kommt die nächste noch längere Gerade. Ist man halbwegs in Form, dann freut man sich über die moderate Steigung, meist zwischen 7 und 9%. Ist man nicht in Form dann ist es ein unglaubliches Gegurke.

Mittlerweile befinde ich mich auf der zweiten langen Gerade, Katrin hat nachgeschaut, der Timecut liegt gar nicht bei viertel nach sieben, sondern bei 19:45 Uhr. Aber ich kann es trotzdem nicht schaffen, es ist einfach noch zu weit bis zur Passhöhe. Ich kämpfe aber zunächst weiter. Ich habe doch schon die Hälfte des verdammten Susten gekämpft, es fängt schon an zu dämmern, ich steige aber erst aus, wenn der Besenwagen mich einsammelt.

Dachte ich jedenfalls, aber dann setzen heftige Knieschmerzen ein. Kein Muskelschmerz den man ignorieren kann, sondern böser Schmerz. Auch eine weitere Pause bringt keinerlei Verbesserung. Ich sage Katrin, dass ich wohl aufgeben muss. Wir beschließen ich fahre weiter bis es nicht mehr geht.

Nach elend langem Gegurke bei dem ich die gleichen Fahrer mehrmals überhole (bzw. die mich) weil ich mehrmals stehen bleibe, erreiche ich tatsächlich das Sustenbrückli. Vor acht Uhr kann ich die Passhöhe keinesfalls erreichen, so oder so werde ich wohl nicht auf dem Fahrrad in Meiringen im Ziel ankommen.

Ich weiß nicht mal ob mir das was ausmacht. Mir ist wirklich alles komplett egal. Aber noch sitze ich auf dem Rad. Die lange Gerade bis zu den Schlussserpentinen zieht sich elend. Immer wieder geht es um die Ecke und der nächste lange Abschnitt kommt. Einmal muss ich da noch stehen bleiben, die Zeit läuft, es ist mir egal. Es dämmert ziemlich.

Dann endlich die Kehren, auch hier Gegurke, niedrige Trittfrequenz, Knieschmerzen. Wiegetritt geht nicht mehr, ich kann nicht mehr aus dem Sattel. Erinnert mich ans RAAM, da bin ich dann noch fast 4000 Kilometer gefahren, da sollten die 30 Kilometerchen bis Meiringen doch noch gehen?

Die letzte Kehre ist geschafft, aber wieder geht es ein ganzes Stück geradeaus. 2013 hatte ich mich hier nochmal zehn Minuten in den Seitengraben gelegt. Diesmal versuche ich das zu vermeiden, aber es zieht sich. Mir scheint aber von den Fahrern aus der Gruppe die mit mir ungefähr das gleiche Tempo hier hoch gefahren sind, bin ich jetzt vorne. Ich überhole gerade noch einen Fahrer, da ruft Katrin uns zu, dass gleich das 1000 Meter Schild zur Labstation kommen würde, noch ein Kilometer.

Ich versuche Motivation daraus zu ziehen, ein ganz klein bisschen gelingt das auch. Als aber nach einem Knick nicht der erwartete Tunnel, sondern nochmal eine Gerade kommt muss ich laut fluchen. Dieser verdammte Pass! Das gibt’s doch nicht. Selbst die letzten Meter bis zum Tunnel sind elendes Gegurke.

Dann endlich der Tunnel, aber ich kann mich nicht freuen, ich merke nur, dass ich endlich leichter treten kann und der Knieschmerz etwas nachlässt. An der Labstation frage ich ob die Zeitmessung schon abgebaut ist, aber die sagen nur hier wär‘ gar keine. Hm, solange mich niemand aus dem Rennen nimmt fahre ich weiter, es ist zwar schon nach acht, aber vielleicht ist das nur eine Richtzeit und die Rennleitung nimmt das nicht so streng. Außerdem bin ich nicht der einzige Fahrer hier.

Jetzt muss ich nur in Meiringen ankommen bevor das Ziel abgebaut wird.

Die Abfahrt vom Susten hinunter nach Innertkirchen ist sehr sehr lange. Ich bin total platt und alles tut mir weh, schnell krampft es wieder in den Beinen, außerdem gibt es nur eine Position in der die Knieschmerzen im Rahmen bleiben, so fahre ich Linkskurven mit dem kurveninneren Pedal unten, dafür muss ich dort dann halt heftiger Bremsen. Die Hände tun erst weh, dann spüre ich die linke Hand kaum noch, die ist komplett eingeschlafen. Das bedient ja die Vorderbremse, also nicht so richtig witzig, ich kriege aber zumindest zwei Finger und den Daumen wieder wach, so dass das mit dem Bremsen klappt.

Die Fotografen packen schon ein, aber ich glaube er hat noch ein Foto gemacht, ist jetzt eh schon recht dunkel. Ich habe hinten sehr gutes Licht, vorne eher ein Positionslicht um gesehen zu werden. In den Gallerien und Tunneln geht es gerade noch.

Eigentlich ist die Abfahrt geil, wenn sie nur nicht so lange wäre, aber trotz aller Probleme fahre ich ganz ordentlich runter. Nur gegen Ende als die ersten Dörfer kommen geht mir etwas die Luft aus, denn das Mittreten geht nur noch schlecht und es ist jetzt dunkel.

Trotzdem erreiche ich Innertkirchen und als ich über die Bahnschranke fahren bekomme ich plötzlich Beifall von den Helfern die dort schon zusammengepackt haben und nun die letzten die noch im Rennen verbliebenen anfeuern. Sehr cool. Das gibt mir nochmal richtig Schub.

So schaffe ich auch die flache Strecke bis zur letzten nur 1,5 Kilometer langen Steigung. Ich hatte mir etwas Gedanken gemacht ob ich da noch drüber komme, aber kurz vor der Steigung werde ich nochmal aus einem Auto heraus angefeuert und ich weiß jetzt, dass ich tatsächlich noch finsihen kann.

Ich schaffe den Anstieg sensationell gut, nur einmal als ich in den Wiegetritt will sagt das Knie „no!“, aber im Sitzen kann ich tatsächlich nochmal Druck auf’s Pedal bringen, obwohl da den ganzen Tag über nichts war.

Das ist ein ganz neues Gefühl, ich habe die Steigung geschafft und fahre jetzt mit Vollgas bergab auf Meiringen zu, ich gehöre sicher zu den allerletzten die noch ins Ziel kommen, es ist schon dunkel, ich bin vierzehn Stunden unterwegs – ich freue mich.

In Meiringen geht es dann nochmal über die Bahnschiene, zwei, drei Kurven und ich bin auf der Zielgeraden, Wahnsinn. Im Zieleinlauf gibt es Jubel als hätte ich das Ding gewonnen, die Letzten bekommen offenbar viel Sympathie vom Publikum, die nehme ich dankbar an.

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Selten habe ich mich so über ein Finishertrikot gefreut. Einfach nur Geil.

Als ich vom Rad absteige spüre ich kaum Erschöpfung. Es fühlt sich an als wäre ich fünf Stunden G1 gefahren. (letztlich bin ich ja 80 bis 90% im G1 Bereich gefahren…) Nur das Knie signalisiert, das es schlau wäre die Saison nun wirklich zu beenden und die nächste Zeit mit Physiotherapie und Schwimmen zu verbringen…

2 Kommentare

  1. Sehr schöner Bericht, auch wenn ich nicht glauben kann, das deine Qualen durch etwas zu wenig Training kommen. Ich bin ein halbes Jahr kein Rad gefahren, privat hat sich einiges verändert und ich habe gerade mal 20Watt an der Schwelle verloren. Und die Grundlage nimmt dir sowieso so schnell keiner weg, vlt. hattest du wieder einen Infekt.

    Trotz deiner Leiden zeigt sich wieder mal deine Leidensfähigkeit, mehrmals am privaten PKW vorbeigefahren und nie eingestiegen. Ich wäre da mental nicht so fit. Also auch ein Sieg !

  2. Hallo Guido,
    respekt, daß Du (wie auch schon beim RAAM) ausführlich darüber berichtest, wenns mal nicht so gut läuft.
    viele Grüße Wolfgang