RAAM 2017 Rennbericht Teil 1 – Der Start

Heute also ist es endlich soweit. Das Race America 2017 startet. Die ganzen Tage der Vorbereitung hier in Oceanside, die Wochen der Akklimatisation und Vorbereitung in der Colorado Wüste, die Monate des, teils recht fordernden, Trainings, und vor allem die drei Jahre des Zwiespaltes zwischen Zufriedenheit über das Finishen und Ärger und Wut darüber, dass ich nicht meine wirkliche Leistungsfähigkeit zeigen konnte, kulminieren an diesem einen Punkt und ich habe die Chance alles endlich richtig zu stellen für mich.

Allerdings sind meine Gedanken jetzt eher im hier und jetzt. Im Bettys Lot Parkplatz steht das Followcar und ich schaue mir das bunte Treiben an. Wenn ich in mich hineinhöre und versuche zu erfühlen was das Rennen bringen wird, dann bekomme ich zwei Antworten die mir nicht so gefallen. Erstens, mein Gefühl sagt mir, dies wird ein außergewöhnlich schweres RAAM, zweitens, ich bin nicht so stark wie 2014.

Letzteres mag verwundern, da die Laborwerte auf gleichem Niveau liegen, aber diesen unbändigen Willen dieses Rennen zu beenden, diese enorme innere Motivation, das spüre ich nicht so wie 2014. Die Vorbereitung war holprig, das Asthma hat mir viele wichtige Wochen im Training genommen, ich konnte mein Gewicht nicht so auf den Punkt bringen, und vor allem die Hitzeanpassung auf der Rolle indoor konnte ich nicht im entferntesten so umsetzen wie damals.

Meine Hoffnung für ein gutes Rennen liegt hauptsächlich auf meiner Wettkampfmentalität, diesem Modus in den ich schalte, wenn das Rennen gestartet ist, dann werde ich normalerweise zum Tier. Allerdings ist das RAAM so unfassbar lang, dass man dazu neigt den Fokus zu verlieren, ja fast zu vergessen, dass man sich in einem Wettkampf befindet. Aber ich habe ja noch das Team. Das macht einen starken und motivierten Eindruck. Mein Gefühl sagt mir, dass es diesmal keine Crewmitglieder gibt die auf Kosten der Anderen ihre eigene Agenda durchziehen.

Nebenbei geht mir auf, dass diese nun kommenden knapp 5000 Kilometer vielleicht meine letzten Rennradkilometer sind. Ich habe einfach genug vom Training und ich will nicht mehr dafür bezahlen Fahrrad zu fahren, und das Training auf deutschen Straßen mit einem nicht unerheblichen Anteil an sinnlos beschimpfenden, aggressiven Autofahrern macht keinen Spaß mehr. Diese letzten Kilometer will ich noch gut rumbringen. Nein mehr als das, eigentlich muss ich das Rennen meines Lebens fahren um meine Ziele zu erreichen.

Diese Ziele sind sehr ambitioniert. Ich hielt sie lange für realistisch, aber die Strecke ist länger als 2014 und hat mehr Höhenmeter, die Konkurrenz allein in der Altersklasse ist gigantisch. Ein paar Zweifel sind mir gekommen, aber ich halte an meinen Zielen fest:

1. Ich will finishen, um jeden Preis

2. Ich will nach der alten Regel finischen, d.h. nicht mehr als 48 Stunden nach dem Sieger ins Ziel kommen. (auch wenn der Christoph Strasser heißt und Rekord fährt)

3. Ich will unter 10 Tagen fahren

4. Ich will um den Sieg in der Altersklasse kämpfen

5. Ich will um das Gesamtpodium kämpfen

6. Ich will auf dem Bankett in Annapolis mit dem Team feiern

Plötzlich wird es hektisch, alle Fahrer werden dringend nach vorne gerufen, dabei habe ich noch mehr als zwei Stunden Zeit bis zum Start. Ich rolle mit dem Rad in den Startbereich, wo aber noch gar nichts ist. Keine Ahnung was die von mir wollen. Anyway, hängen wir halt hier ab.

Zum Start wird dann die Nationalhymne gesungen, die Lautsprecheranlage ist aber viel zu leise, für ein Rennen dieser Dimension ist die Organisation manchmal doch seltsam unprofessionell. Aber das sind nur Kleinigkeiten.

Noch eine Stunde bis zum Start, wir vertreiben uns die Zeit mit einem letzten Livevideo Interview, ich versuche viel zu trinken und nicht zu kalt und nicht zu warm zu werden. Warmfahren macht keinen Sinn, man hat acht Meilen im Parademodus zu Beginn, da kann man sich in aller Ruhe warmfahren.

Noch eine Viertelstunde bis zum Start. Ich mag jetzt nicht mehr sitzen und stehe schon so ein bisschen bei den aufgereihten Fahrern. Kurz zuvor habe ich noch einige Anfeuerungsnachrichten, per Socialmedia, SMS und Telefon erhalten. Und Tobi war sogar vor Ort. Sensationell die Unterstützung.

Gleich bin ich dran, da fragt mich die Offizielle wo denn mein Frontlicht wäre. Häh? Wieso Frontlicht? Mist, da habe ich wohl eine Regeländerung überlesen. Kurz bricht Hektik aus, aber schnell kommt einer angesprintet aus dem Followcar und montiert die Lampe. Wieder so ein Pseudosicherheitsblödsinn, Frontlicht am Tag, aber egal, so sind die Regeln, wir haben es noch rechtzeitig montiert und nun stehe ich in der Warteposition für den Start.

Dann geht es los, ich rolle zur Startlinie, das Followcar hinter mir und die Sekunden werden heruntergezählt. Eigentlich kann ich es gar nicht glauben, dass ich wieder hier stehe. Und wieder hat alles geklappt, ich habe ein motiviertes, fähiges Team hinter mir, ich habe mich gewissenhaft vorbereitet und habe die Erfahrung von drei großen Ultradistanzrennen in den Beinen. 3, 2, 1 GO!

Die ersten Meter rollt man fröhlich winkend am Strand entlang, dann geht es 90° nach rechts und die Straße klappt nach oben. Ein kleiner steiler Stich, dann die erste Kreuzung. Ich bin kurz verwirrt, wäre fasst eins zu früh links abgebogen. Irgendwie bin ich seltsam nervös. Aber ich finde noch den richtigen Weg und das Followcar trennt sich von mir. Das werde ich erst in 23 Meilen wiedersehen.

Die Route führt auf einen Fahrradweg der parallel zum Highway verläuft. Nun hat man acht Meilen im Parademodus, d.h. die Zeit die gezählt wird ist festgelegt und man rollt sich ein, bis zum eigentlichen Freigabepunkt.

Ich rolle locker vor mich hin, aber nicht zu langsam um schon einen Rhythmus zu finden, doch nach fünf, sechs Meilen laufe ich auf eine Gruppe auf. Wir sind vier Fahrer, mit dem vor mir gestarteten Brian Toone unterhalte ich mich ein wenig. Ein sehr netter Kerl offensichtlich.

Dann erreichen wir den Punkt wo wir den Fahrradweg verlassen. Hier muss ich kurz warten, denn die Fahrer werden im Abstand von einer Minute auf die Strecke geschickt. Die geht aber schnell vorbei und es wird ernst, ab jetzt läuft die Uhr ununterbrochen bis zum Ziel. Das Race Across America 2017 hat für mich begonnen, jetzt heißt es kämpfen bis zum Umfallen. Und wenn ich umfalle wieder aufstehen und weiterfahren, ich muss das Rennen meines Lebens fahren…

Ein Kommentar

  1. Das ist schön, deine Ziele, Gefühle, Ängste und Hoffnungen lesen zu können. Wissentlich was du und dein Team erreicht hat. Sehr geil!
    Auch den zweiten Teil habe ich gerade „aufgesogen“. Man spürt richtig deine großartige Kämpfernatur, dein Tier, wie du selbst sagst…
    Ich freue mich schon auf die nächsten Reiseberichte!!!