Stilfser Joch

Dieses Mal lasse ich mir nicht mehr ganz soviel Zeit wie bei den letzten Rennradwochenenden in den Alpen. Auch wenn es erst ab 7:30 Uhr Frühstück gibt, gehe ich schon um sieben hin, was mit Missfallen seitens der Hotelangestellten quittiert wird. „Aber Brot gibt es erst ab halb acht!“.

Aber Müsli gibt’s, und nachdem ich die Dame vollends aus dem Konzept gebracht habe indem ich mich an einen Tisch am Fenster setze, obwohl da für zwei gedeckt ist, weil ich keine Lust habe an den Busfahrertischen in der dunklen Ecke zu sitzen, die sie mir aufdrängen will, herrscht eine gewisse feindselige Stimmung ihrerseits. Ich erwähne dann doch kurz, dass ich für ein Doppelzimmer bezahle, und unabhängig von tausend anderen Gründen die ich ihr nennen könnte, geradezu an einem Tisch mit zwei Gedecken sitzen muss…
Macht mich überhaupt nicht wütend, im Gegenteil ich find’s lustig, fast loriotesk.

Wie auch immer, kurz vor acht radel ich dem Stilfser Joch entgegen, und auch wenn ich gestern geschrieben habe, dass ich mich der Zweistundenmarke nähern will, so habe ich eigentlich gemeint, dass ich sie knacken will. Aber ich bin mit meinen Vorhersagen etwas vorsichtig geworden nach dem Alpenbrevet.

Das Wetter soll ausgerechnet heute nicht gut sein, aber nachdem es bis heute früh geregnet hat, ist die Straße jetzt am abtrocknen und es sind angenehme 16° C. Ich nehme natürlich die Regenjacke und Knielinge mit, allein schon wegen der Abfahrten.

Ich nehme mir fest vor, genau nach Wattmeter zu fahren, denn das Stilfser Joch bin ich noch nie ohne Pause gefahren, und diesmal will ich nicht nur unter zwei Stunden fahren, sondern natürlich auch durchfahren. Außerdem hat sich das reinknallen in den Berg beim Alpenbrevet nicht wirklich bewährt.

Da meine individuelle anaerobe Schwelle (IAS) so zwischen 260 und 270 Watt liegt, fahre ich in diesem Bereich, eher etwas darunter wie darüber. Und das klappt dann auch ganz gut. Ich bin tatsächlich so diszipliniert runterzuschalten wenn dreihundert oder mehr Watt aufblitzen. Und das Interessante ist, dass ich im Gegensatz zu den ersten Befahrungen mit kleinster Übersetzung von 30-25 (2,52m) bzw. 30-27 (2,33m) diesmal viel schalten kann. (kleinste Übersetzung 34-32 (2,23m)).

Es macht tierisch Spaß von Anfang an, auch wenn das Wetter nicht gerade Kaiserwetter ist, so sind mir die nicht zu hohen Temperaturen gerade recht. Und durch das wilde Wetter gestern und heute Nacht stürzen die Wassermassen zu Tal.

Der erste Teilabschnitt bis zur ersten Kehre (48) geht recht entspannt. An der Stelle hinter Gomagoi, hinter der Abzweigung nach Sulden, steht so ein großes elektrisches Schild, hier sehe ich den einzigen anderen Radler, für lange Zeit. Offensichtlich ein Bianchi Fan mit Retromaterial.

Ich nehme mir die Kehren 39, 29, 19 und 5 als Teilziele vor. Das mit dem wattgesteuerten Fahren klappt hervorragend, außerdem sollte ich ja nach den Wochenenden in der Schweiz eine ordentliche Bergform haben.

Die ersten Kehren bis zu den Zwanzigern liegen ja noch meist im Wald, mit teils großen Abschnitten dazwischen. Hier ist es manchmal schon recht steil, vor allem ist die Steigung auch recht unregelmäßig. Will heißen, nach einer Kehre wird es erst mal recht flach mit 8% oder so, und dann kommt recht plötzlich ein 12% Stück (oder auch mal ein bisschen mehr…). Zusammen mit der Länge von ca. 24 Kilometern macht dies das Stilfser Joch doch zu einem prinzipiell wirklich schweren Pass. Zusammen mit der Schönheit der Landschaft und den berühmten Kehren im Schlussabschnitt verdient sich das Stilfser Joch den Namen „Königin der Alpenpässe“ meiner Meinung nach wirklich zurecht. Ein weiterer Grund ist natürlich die Höhe der Passhöhe von 2570 Metern.

Allerdings kann mir die Königin heute zunächst wenig anhaben, ich fühle mich auch bei Kehre 39 und ebenso bei Kehre 29 noch sehr gut. Ich schalte viel, fahre immer um die 260 Watt und habe Spaß ohne Ende. Allerdings, anstrengend ist es schon. Die Temperaturen bewegen sich jetzt eher um 10° C, leichter Regen setzt ein, und ab und zu ein ordentlich böiger und kalter Wind.

Ab Kehre 23 fängt es richtig an zu regnen, aber ich lasse meine Regenjacke aus, macht jetzt eh nicht mehr viel Sinn, und die Temperaturen sind mir noch ok. Außerdem haben mir die herrlichen Ausblicke auf das Ortlermassiv um Kehre 30 herum soviel Enthusiasmus verliehen, das mir das mittlerweile eher schlechte Wetter gar nicht so auffällt.

Der Verkehr nimmt jetzt etwas zu, aber für Stilfser Joch Verhältnisse ist das noch sehr sehr moderat. Dann kommt Kehre 24, erstmals kann man einen Blick auf die Schlussserpentinen werfen, und immer wieder gibt es die Möglichkeit für einen Blick zurück ins Tal.

Nett gemeinte Anfeuerung, aber quälen muss ich mich bis jetzt noch nicht…

Die Beine funktionieren super, der Kopf ist frei, doch kurz vor Kehre 19 passiert es dann. Ein Wohnmobil zwängt sich in die Kehre, ein alter Ford Fiesta gibt nicht nach und die zwei „verkeilen“ sich. Der Fiesta fährt ein Stück zurück, ich versuch mich innen in der Kehre vorbeizuzwängen aber der Depp sieht mich nicht, und ich muss tatsächlich ausklicken und mein Fahrrad über seinen Wagen heben und den Meter die Kehre hochsteigen. Noch beim Wiedereinklicken muss ich laut vor Wut schreien. Kann ich diesen Pass denn nicht einmal durchfahren, was ist denn so schwer daran mit dem Auto so einen Pass hochzufahren???

Noch einige Kehren weiter muss ich laut vor mich hin fluchen und meine Wut rausschreien. Verloren habe ich dadurch vielleicht 10 oder 20 Sekunden, gewonnen durch diese „Pause“ vielleicht genauso viel, aber es ärgert mich sehr. Symbolisch hat die Kehre 19 dann auch kein Schild…

Nach dem ich mich wieder beruhigt habe merke ich, dass ich meinem Teilziel Kehre 9 doch schon ein ganzes Stück näher gekommen bin. Jetzt schaue ich auch erstmals, wie es denn mit der Zeit so steht, und zu meiner Überraschung habe ich tatsächlich die Chance die Zweistundenmarke zu knacken.

Dumm nur, dass es mittlerweile nicht nur heftig regnet, sondern dass der Wind jetzt mit heftig drehenden Sturmböen zuschlägt. Das sieht nach Unwetter aus. Aber vor allem ist der Gegenwind sehr unangenehm und torpediert meine Zeit, andererseits beschließt der Wind mich an manchen Abschnitten etwas anzuschieben, ich hoffe einfach, dass es sich ausgleicht.

Selbst als die Kehre 9 schon hinter mir liegt versuche ich noch meine getretene Leistung nur vorsichtig zu steigern, ich will auf keinen Fall zu früh überziehen, ab 5 trete ich dann aber so eher um 300 Watt. Jetzt will ich mir die Zweistundenmarke holen. Und das Einteilen der Kräfte hat sich wirklich ausgezahlt, ohne mich total fertig zu machen, kann ich die letzten Kehren, und vor allem den letzten Kilometer deutlich über 300 Watt treten.

Die Zeit für das obligatorische Foto von Kehre 1 nehme ich mir, dann gibt’s aber nur noch Feuer…

Und es ist tatsächlich geschafft, 1:56:irgendwas, glücklich stehe ich im strömenden Regen bei kaltem Wind und 6° C am Passschild. Dann aber ab ins Warme, die Ortlerterasse bietet mir Schutz vor dem immer heftiger werdenden Sturm und Regen.

Ich bin komplett durchnässt und versuche mich für die Abfahrt nach Bormio etwas aufzuwärmen, Cappucino ist da eine gute Hilfe, der Fön auf der Toilette auch…

Ich ziehe es auf jeden Fall durch, hier auf der Passhöhe regnet es ja nur, also kein Schnee wie am Iseran. Wenn ich etwas aufgewärmt bin, und eine günstige Gelegenheit mit wenig Regen für die Abfahrt finde, kann ich in Bormio unten gleich wieder umdrehen und mich dann durch die Auffahrt zurück zur Passhöhe wieder aufwärmen, denn in der Abfahrt werde ich mit den nassen Klamotten sicher ordentlich frieren.

Zunächst muss ich allerdings doch einige Zeit warten, denn heftige Sturmböen, die wild die Richtung wechseln werden von Regengüssen begleitet. So richtig warm wird mir auch nicht. Dann endlich scheint es etwas besser zu werden.

Ich nutze die Gelegenheit mit wenig Regen und fast keinem Wind um mich in die Abfahrt zu machen. Ich weiß, dass es hier oben, vor allem in dem Abschnitt bis zur Abzweigung Umbrailpass, bitter kalt sein kann, diese Erfahrung hatte ich beim letzten Mal als ich hier war gemacht. Genau genommen habe ich außer am Iseran noch nie so gefroren wie auf dieser Abfahrt damals.

Heute ist es allerdings zunächst etwas besser. Ich habe nur kurze Handschuhe an, und noch immer ist alles nass, allerdings werde ich durch die winddichte Regenjacke warm gehalten, und auch die Füße sind noch warm, das hilft enorm. Allerdings ist die Abfahrt lange, sehr lange. Und es regnet halt, und die Straße ist nass, d.h. man kann nicht sehr schnell fahren. Ich gurke so mit 35 km/h den Berg runter.

Das härteste ist allerdings der extrem böige Wind, manchmal habe ich echte Schwierigkeiten auf dem Rad zu bleiben. Krass!

Aber offensichtlich bin ich auf dem Rad geblieben, sonst würde ich wohl kaum gerade diese Zeilen schreiben, aber selbst auf der sehr langen „Geraden“ zwischen dem oberen und mittleren Serpentinenabschnitt kann ich wegen des Windes nicht schnell fahren.

Da ich so langsam fahre dauert es natürlich umso länger. Die Hände mögen die dauernde Unterlenkerhaltung mit den Bremsen im Zugriff nicht besonders, der kleine und der Ringfinger beider Hände schlafen ein. Na Hauptsache die schnarchen nicht…

Dann kommt der Tunnelabschnitt, das Wasser strömt über die Fahrbahn, drin ist es stockdunkel, und mittlerweile habe ich keine Lust mehr auf Kälte, Nässe und eiskalten Wind. Aber es ist noch immer elend lang abzufahren.

Durch die Kälte fange ich an zu zittern, ich kann wenig dagegen tun, aber durch das moderate Tempo wirkt sich das nicht auf die Stabilität des Fahrrades aus. Und dann sehe ich doch tatsächlich so aus Richtung Bormio die Sonne scheinen.

Und tatsächlich gibt es gegen Ende der Abfahrt einige abtrocknende Abschnitte, vielleicht habe ich ja Glück und das Wetter wird besser. Jetzt nimmt dafür aber der Verkehr heftig zu. Und als es dann auf Bormio zugeht staut sich der Verkehr. Der Autoverkehr um präzise zu sein, denn selbstverständlich fahre ich am Stau vorbei. Dafür okkupiere ich einen Streifen der Gegenfahrbahn, die entgegenkommenden Autofahrer akzeptieren das und lassen mir Platz. Danke!

Auf der ganzen Abfahrt mache ich kein einziges Foto. Wie auch, Wind, Regen, Verkehr und die kalten Hände verhindern das.

In Bormio angekommen esse ich einen Energieriegel, ziehe die Abfahrtsklamotten aus und mache mich direkt wieder in die Auffahrt. Ich fahre genauso nach Wattmeter wie auf der anderen Seite, das hat sich nun wirklich bewährt. Warum habe ich das nicht schon immer gemacht?!

Und es geht wunderbar, die Beine sind gut, und seit ich die Passhöhe von der anderen Seite erreicht hatte, und tatsächlich die Zweistundenmarke geschafft hatte, ist irgendetwas von mir abgefallen. Trotz der nicht optimalen Bedingungen fühle ich mich so gut wie schon lange nicht mehr in den Alpen.

Es hat auch aufgehört zu regnen, und die ersten Kilometer scheint sogar die Sonne etwas durch die Wolken. Ich weiß vom letzen Mal, dass noch einige harte Abschnitte vor mir liegen, aber die Beine gehen perfekt, ich muss mich sogar zurücknehmen, weil die dreihunderter Marke zu oft auf dem Wattmeter aufblitzt.

Die Straße ist weiter abgetrocknet, und relativ schnell erreiche ich den Tunnelabschnitt. Auch die kleineren sehr steilen Abschnitte stecke ich gut weg. Die Form stimmt. Das hebt die Laune noch mehr, auch diese Seite werde ich mit Sicherheit recht „locker“ hochfahren und eine gute Zeit fahren. Ich liebe mein Wattmeter.

Genau an dem 14% Abschnitt, so ca. 600 Meter lang, steht eine Gruppe junger Deutscher und feuert mich an, das passt ja perfekt.

Jetzt nähere ich mich dem mittleren Serpentinenabschnitt, von Sonne kann keine Rede mehr sein. Hinter mir zieht dunkles, böses Wetter auf. Ich kann nur hoffen, dass ich schneller bin. Die Form dafür habe ich, auch wenn es jetzt etwas zu regnen anfängt. Ist mir egal. Auch die Serpentinen gehen gut, es gibt tolle Ausblicke zurück ins Tal, und danach kommt die lange „Gerade“, die an manchen Stellen recht flach ist, da kann ich mich etwas erholen. Falsch!

In der letzten Serpentine dieses Abschnitts geht der mittlerweile stärkere Regen in Graupelschauer über. Dachte ich jedenfalls. Auch falsch! Es hagelt.

Und zwar recht heftig, die Hagelkörner pieksen auf der Haut an Armen und Beinen, und vor allem am Kopf. Mir egal, ich muss zusehen, dass ich möglichst schnell zur Passhöhe gelange, denn die Wolken werden immer dunkler, und heftiger böiger Wind setzt ein. Es sieht nach Unwetter aus. Ich fahre weiter, trete meine 260, 270 Watt, der Hagel wird stärker. Noch 10 Kilometer.

Die Hagelkörner, die auf meinen Helm knallen machen seltsame Geräusche, und wenn ich bis dahin dachte, dass das heftiger Hagel wäre, dann lerne ich jetzt was heftiger Hagel heißt. Die Straße ist langsam weiß, die Reifen knirschen als würden sie über Eis oder Kies fahren. Jetzt geht das Pieksen in irgendwas über, was schon an Schmerz grenzt. Zum Glück sind die Hagelkörner aber nicht so riesig.

Und dann fängt es an zu Blitzen und zu Donnern. Scheiße! Ich fahre hier auf 2200 Metern Höhe mitten im Gewitter. Bis zur Abzweigung Umbrailpass, wo zwei Häuser stehen sind es noch drei Kilometer.

Ich zähle die Sekunden zwischen Blitz und Donner: 4. Ab und zu kommt mir gaanz laangsaam ein faradayscher Käfig (Auto) entgegen. Hier ist jetzt nichts, nur Straße und steile Wiese. Es blitzt wieder, ich zähle, dann donnert es, 2 Sekunden. Der Hagel peitscht auf mich ein, dann wieder weht der stürmische Wind mir frontal entgegen und haut mir die Hagelkörner ins Gesicht.

Was soll ich machen? Flach auf den Boden legen? Links ist es steil, rechts auch, und mich in einen der Sturzbäche auf die Straße legen? Keine Chance, ich muss sehen, dass ich die Häuser erreiche. Noch anderthalb Kilometer, es blitzt, es donnert, 0 Sekunden. Ich fahre mitten im Gewitter. Ich habe echt Angst vom Blitz getroffen zu werden, ich bin das einzige nennenswerte Ziel hier.

Ich senke meinen Oberkörper flach auf den Lenker wie bei einer schnellen Abfahrt, vielleicht biete ich ja so ein geringeres Ziel für das Gewitter. Das Stilfser Joch war mein erster Alpenpass, es wäre irgendwie blöd wenn es auch mein letzter würde…

Dann auf dem Boden der Hinweis, noch 300 Meter bis zu den Häusern. Ich trete was geht, es blitzt, bumm, es donnert, es hagelt als würde die Welt untergehen, meine Situation ist keinen Deut besser wie 2009 am Iseran, dann endlich die zwei Häuser, das eine ist eine Scheune oder sowas, außen gibt es ein kleines Vordach und da stehen noch vier Rennradler. Ich flüchte mich dazu.

Puh, immerhin, es ist zwar bitterkalt, aber hier sollte ich zumindest vor dem Gewitter sicher sein. Die anderen sehen aus wie Winterfahrer gegen mein Outfit. Ich habe immer noch kurzes Trikot, kurze Hose und kurze Handschuhe an. Ist mir egal, hauptsache ich gebe kein so offensichtliches Ziel für die Blitze mehr ab. Das war echt knapp. Die anderen vier lassen ihre Fahrräder stehen und gehen rüber zu dem anderen Haus, ich will warten bis sich das Gewitter verzieht und dann gleich weiter fahren, denn es sind nur noch vier Kilometer bis zur Passhöhe, da kann ich mich dann für die Abfahrt etwas aufwärmen.

Das Gewitter scheint zwar etwas weiter zu ziehen, aber der Sturm nimmt zu. Hagel und Graupel bläst unters Vordach. Ich versuche wenigstens mit dem Handy ein Foto zu machen, nachdem der Akku der Kamera aufgegeben hat. Aber das Handy mag keine Nässe und meine Finger sind steif vor Kälte, so gelingt mir kaum ein Bild.

Das ist mir jetzt zu hart. Ich schnappe mein Fahrrad und will mich auch zum zweiten Haus aufmachen, denn mir geht auf, dass da ja auch eine Gaststube drin ist. Dazu muss ich über die Straße, die weiß ist vom Hagel und spiegelglatt. Aber kaum, dass ich die Straße erreicht habe, kommen Sturmböen wie ich sie noch nicht erlebt habe. Ich kann mich nicht auf den Beinen halten, dass Fahrrad liegt quer in der Luft, ich kann es gerade noch mit einer Hand festhalten, damit es nicht wegfliegt. Ich versuche irgendwie mich an etwas festzuhalten, aber da ist gerade nichts, mit letzter Kraft gelange ich wieder zu dem ersten Haus, diesmal auf der anderen Seite und finde eine offene Stalltür, wo ich mich und das Fahrrad retten kann. Ach du Scheiße, was war das denn?

Ich versuche das irgendwie per Film festzuhalten, aber das Handy macht nix mehr, meine Hände sind elend kalt, und ich bin noch etwas irritiert von dem gerade erlebten. So harre ich ca. 5 bis 10 Minuten in dem Schuppen aus, dann versuche ich es ohne Fahrrad nochmal Richtung Gaststube. Der Sturm hat etwas nachgelassen, so dass ich es, wenn auch etwas wackelig, über die Straße schaffe.

Puh, jetzt erst mal Cappucino. Und warten bis das Unwetter vorbei ist. Neben den anderen vier Radlern ist da noch eine Mountainbikerin die schon gestern hier gestrandet ist. Das Wetter hält sie auch heute hier fest, denn abseits der Straße darf man hier oben natürlich gar nichts riskieren.

Nach einer Weile hört es tatsächlich auf zu hageln. Die anderen vier machen sich auf Richtung Umbrailpass, mir ist nicht ganz klar ob die telefoniert hatten und mit dem Auto abgeholt werden? Eine Holländerin die mit dem Auto hier ist und nach Trafoi will bietet mir an mich mitzunehmen. Auf der Passhöhe hätte ich das Angebot angenommen, aber die vier Kilometer will ich noch zuende fahren.

Mittlerweile fange ich an zu zittern, mir ist kalt. Ich kann es nicht kontrollieren, so saß ich schon mal in Val d’isere im Cafe. Aber diesmal fahre ich nicht mit dem Taxi, sondern ich denke mir bergauf wird es mir schon warm werden.

Hagel, Sturm und Gewitter haben nachgelassen, dafür schneit es jetzt. Ok, damit kann ich umgehen. Ich bezahl‘ und setz mich aufs Rad. Es sind so um Null Grad, mein linkes Pedal lässt mich zunächst nicht einklicken, dem ist es wohl zu kalt.

Sonst geht es. Die Hände sind ziemlich kalt, lange Handschuhe wären schön, aber der Rest funktioniert. Die Fahrradcomputer schneien immer wieder zu, aber soweit ich das zwischendurch sehen kann, trete ich genau meine 250 bis 270 Watt.

Abgesehen von den Händen ist die Fahrt durch den Schnee jetzt einfach nur spektakulär. Es kommen nur ganz wenige Autos, ganz langsam entgegen. Sonst ist es seltsam ruhig. Die Stimmung ist wie bei einem nächtlichen Winterspaziergang bei Vollmond. Gerne würde ich es irgendwie per Foto festhalten, aber das wäre wahrscheinlich eh nicht gegangen. So genieße ich einfach nur. Ich hoffe natürlich, dass keine weiteren Sturmböen kommen bevor ich die Passhöhe erreicht habe, aber die Beine gehen wie von selbst, die Steigung ist überhaupt kein Thema, ich genieße einfach nur dieses gigantische Gefühl. Unbeschreiblich!

Allerdings ist es mit minus einem Grad saukalt, und meine Hände leiden schon etwas in den kurzen, durchnässten Handschuhen. Nachdem ich dann kurz vor der Passhöhe bin, bin ich schon froh, dass es gleich vorbei ist und ich heil ankommen werde.

Das Foto am Schild spare ich mir. Erstens ist es mir zu kalt, zweitens funktioniert das Handy durch die Nässe nicht richtig. So versuche ich erneut mich in der Ortlerterasse aufzuwärmen. Cappucino und eine Portion Spaghetti soll’s richten, aber so recht warm wird mir nicht. Dann mache ich doch ein Zielfoto auf der Terasse. Wieder fange ich aber an zu zittern, und es hört nicht auf. Ich muss jetzt unbedingt ins Tal, ins Hotel, unter die Dusche.

Hier im Cafe der Ortlerterasse sind etliche Radfahrer und Motorradfahrer gestrandet. Ich überlege ob es irgendeine Möglichkeit gibt ins Tal zu kommen, aber sieht irgendwie schlecht aus. Das Wetter hat sich leicht gebessert, aber es ist immer noch saukalt. allerdings sind es jetzt schon so zwei Grad plus, und der Asphalt ist etwas wärmer als die Luft, so dass der Schnee schnell zu Schneematsch wird, und außerdem wird es ja hoffentlich mit abnehmender Höhe schnell wärmer.

So beschließe ich abzufahren, das wird wohl der schnellste Weg unter die Dusche sein. Im Schnee mit dem Rennrad bergauf fahren ist ja ok, aber bergab? Ich warte noch etwas, bis die Autos den Schneematsch immer mehr weggefahren habe, ziehe meine nassen Klamotten wieder an, und balanciere mich die rutschige Rampe von der Ortlerterasse hinunter auf die Straße. Es liegen zwar noch Schneereste drauf, aber es gibt eine breite, freie Spur. Ich fahre ab. Auch der Nebel macht nichts, denn ich habe ja eh ein ordentliches Rücklicht für die Tunnel dabei. Da das Frontlich aber wenig taugt, warte ich auf ein Auto und hänge mich dran. So habe ich einen ordentlichen Schutz von vorne und auch von hinten werde ich dann sicher noch besser wahrgenommen.

In der Abfahrt habe ich jetzt aber eine Temperatur von Null Grad. Elend kalt, vor allem da ja zu dem immer noch heftigen Wind der Fahrtwind hinzukommt, und die nassen Klamotten durch die Verdunstungskälte wie ein Kühlschrank wirken. Der Autofahrer an den ich mich drangehängt habe fährt sehr ängstlich, viel langsamer als ich alleine fahren würde, aber ist mir auch recht. Die Hände leiden eh sehr unter der Kälte.

So arbeiten wir uns Serpentine für Serpentine nach unten. Verdammt ist diese Abfahrt lang, mittlerweile sind auch die Füße komplett nass und eiskalt. Bei Kehre 14 kann ich es kaum glauben, dass wir noch nicht weiter sind, ich hatte das Gefühl wir wären schon eine Ewigkeit unterwegs. Ich bewege die Hände immer mal, aber richtig geil ist das nicht. Ich zieh es jetzt aber durch, zumal der Straßenzustand unproblematisch ist. Irgendwann ist es dann nur noch nass, und es hört auch auf zu regnen. Mir ist aber elend kalt.

Dann höre ich so ein komisch klopfendes Geräusch, und es dauert ein paar Sekunden bis ich kapiere, dass das meine klappernden Zähne sind. Das ist die härteste Abfahrt, die ich je gemacht habe. Wenn es doch nur endlich vorbei wäre.

Bei Kehre 25 hat das Auto vor mir genug, er fährt an den Rand und hält an. Jetzt fahre ich normales „Regenabfahrtstempo“, da der Straßenbelag meist eher schlecht ist, so zwischen 35 und 45 km/h. Meine Hoffnung, dass es unten wärmer wird, wird erstaunlicherweise nicht erfüllt. auch in den zwanziger Kehren sind es noch 0,5 Grad kalt.

Ich bewege meine Hände und Füße immer mal wieder, in der Abfahrt natürlich nicht so einfach wie beim bergauf fahren, aber es muss sein, ich will nicht wieder das gleiche Desaster wie am Iseran haben.

Wann ist diese Mistabfahrt nur endlich vorbei? Selbst in Trafoi ist es noch saukalt. Danach steigt die Temperatur dann aber auf über zwei Grad an. Das gibt es doch gar nicht. Ich will endlich ins warme Hotel!

Während meine Beine die über 3000 Höhenmeter bergauf locker weggesteckt haben, mögen sie diese eiskalte Abfahrt überhaupt nicht. Mein linkes Bein schmerzt, ungefähr so wie im letzten Gegenanstieg am Timmelsjoch nach 5500 Höhenmetern beim letztjährigen Ötztaler Radmarathon.

Aber jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer. Die Temperatur steigt bis auf 4 Grad. Ich zittere elend, aber die paar Meter schaffe ich noch. Und dann ist es tatsächlich vorbei. Ich schleppe mein Rad auf’s Zimmer, mich unter die Dusche und dann geht es sofort ins Bett. Zwar kann ich nicht schlafen wegen den ganzen Cappucinos die ich getrunken habe, aber ich werde doch schnell wieder warm, und auch die linke Hand kommt praktisch unbeschädigt davon. Rechts hatte ich mir wohl etwas höhere Empfindlichkeit durch den Kälteschaden vom Iseran eingebrockt, so dass die Finger etwas kribbeln, aber morgen kann ich die ja an der Kaunertaler Gletscherstraße wieder ordentlich durchbluten. Ich hoffen nur, dass diese Aktion meine Form nicht kaputtgemacht hat für morgen.

Was für ein spektakulärer Tag! Die Alpen sind einfach eine harte Gegend, da kann man morgens bei normalem Wetter zum Wandern auf den Berg gehen, geht mittags in so einem Unwetter unter, wird vom Blitz erschlagen oder erfriert, und Nachmittags zur Beerdigung scheint wieder die Sonne. Heftig!

Für die Rennradler, die ja „nur“ Straße fahren bietet sich zum Glück immer eine Möglichkeit irgendwo einzukehren, sich unterzustellen, oder zur Not ein Auto anzuhalten. Deshalb ist die Gefahr nicht so groß, aber auf über 2000 Metern bei „strömendem Hagel“ mitten in einer Gewitterwolke zu fahren ist eine Erfahrung auf die man wirklich verzichten kann.

Das mit dem Schnee geht, solange es nicht so brutal windig ist. Es ist sogar eine besonders schöne und spektakuläre Erfahrung im Schnee der Passhöhe entgegenzufahren. Die lange Abfahrt bei Eiseskälte ist allerdings elend. Das braucht kein Mensch. Ich glaube ich muss dieses Jahr mal irgendwo an einem heißen Strand am Meer Urlaub machen um meinem Körper mal einen Gegenpol zu gönnen…

Was natürlich extrem schade ist, ist dass der Akku vom Fotoapparat praktisch genau mit Einsetzen des Hagels kapituliert hat. Bei dieser Nässe und Kälte konnte ich nur wenige Fotos mit dem Touchscreenhandy machen, da es schlicht nur manchmal funktioniert hat (zwischendurch hat es sogar wild Leute aus meinem Telefonbuch angerufen, wenn also jemand von mir angerufen wurde und seltsame Geräusche gehört hat…).

Aber letztlich kann man so etwas wie die vier Kilometer im Schnee bis zu Passhöhe, oder die Fahrt mitten in der Gewitterwolke durch fotografische Bilder sowieso nicht vermitteln, und die Bilder in meinem Kopf, die werden wohl noch eine Weile bleiben.

5 Kommentare

  1. Klasse Bericht und noch bessere Zeit auf das Stilfser Joch hinauf. Wussten Sie, dass unser Chef jeden Dienstag diese Strecke fährt und wettet der Schnellste zu sein. Machen Sie doch mal mit bei der Stilfser Joch Wette

    Liebe Grüße aus Naturns,
    das Team des Hotel Lindenhof

    • Das nenne ich mal eine schöne Wette! Auch wenn ich als Flachlandbewohner sicher kaum eine Chance habe gegen jemand der einmal die Woche das Stilfser Joch hochfährt. Aber Spaß machen würde es sicher:)
      Mal schauen wie meine Form im August ist…

  2. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wie sieht es aus mit der Form?

    Liebe Grüße aus Naturns,
    das Team des Designhotel Lindenhof

  3. Bin leider durch den Sturz beim Peakbreak etwas aus dem Tritt. Auch wenn mich der Wettkampf reizt, jetzt muss ich erst mal wieder fit werden, so dass ich wenigstens gut durch den Ötzi und den Alpenbrevet komme. Aber ich hab’s noch im Hinterkopf :)