Timmelsjoch 2017 – Nord- und Ostrampe

Nachdem ich mit Katrin einen schönen Tag im Allgäu verbracht habe, nutzen wir die Gelegenheit und die Nähe zu den Alpen um noch eine Nacht in Sölden zu verbringen. So kann ich endlich mal wieder einen Alpenpass fahren und mich etwas auf den Ötztaler Radmarathon vorbereiten und Katrin kann wandernd die Gegend erkunden.

Da wir erst nach dem Frühstück losfahren dauert es bis Mittags bis wir in Sölden angekommen sind und ich sitze erst nach 14 Uhr auf dem Fahrrad. Mein Plan ist es die beiden Auffahrten des Timmelsjoch heute noch zu fahren. Das sollte eigentlich gerade so vor Einbruch der Dunkelheit noch klappen. Ist eher die Frage ob das Wetter mitmacht. Im Tal ist die Temperatur noch ok, auch wenn es leicht bewölkt ist und sogar die Sonne mal durchlugt. Aber die Passhöhe steckt in den Wolken, da ist es bestimmt ordentlich kalt.

Ich bin das Timmelsjoch schon recht lange nicht mehr gefahren. Ich habe auch vorher nicht mehr geschaut, so dass ich nur noch grobe Erinnerung an die Strecke, die Länge und die Steigung habe. Zunächst geht es durch Sölden hindurch und gegen Ende dann schon erstmals steil berghoch, bevor ich am Abzweig zur Gletscherstraße vorbei fahre. Die habe ich mir für morgen auf das Programm geschrieben…

Dann flacht die Steigung wieder etwas ab und nachdem ich die Mülldeponie passiert habe, verläuft die Strecke flach bis Zwieselstein. Ich habe leider meinen Fotoapparat vergessen und mit dem iPhone während der Fahrt zu fotografieren kann man vergessen. Das wäre mal eine Innovation, ein Smartphone mit dem man so einfach Fotos schießen kann wie mit der FT5. Einfach raus aus dem Trikot und Klick. Nix mit entsperren uns so.

Anyway, bis Zwieselstein war ja einfach, jetzt geht es aber direkt wieder berghoch und auch die erste Serpentine lässt nicht lange auf sich warten. Das Gefühl in den Beinen ist wieder stimmiger als am Nürburgring, will heißen Kopf und Beine sind wieder näher zusammen, nicht so seltsam losgelöst voneinander, aber ganz zusammen sind beide immer noch nicht.

Allerdings läuft es erst mal erstaunlich gut und ich kann immer deutlich über 350 Watt treten. Muss ich auch um ordentlich vorwärts zu kommen. Ich bin mir nicht mehr sicher ob die Seite des Timmelsjoch so ein „Zweistundenpass“ war oder ob es schneller gehen müsste. Hätte doch nochmal einen Blick in mein Blog werfen sollen. Die Auffahrt ist jetzt durchaus steil und ich muss ordentlich arbeiten. Ein zwei Radfahrer kann ich überholen bevor es dann nach einer ganzen Weile durch zwei Lawinengallerien geht. Auch hier überhole ich zwei, drei Rennradler und nach einer kleinen Serpentinengruppe führt die Straße wieder recht flach nach Obergurgl.

Hinter dem Ort steigt die Straße wieder an und dann kommt der Abzweig nach Hochgurgl und Richtung Timmelsjoch. Unten in Zwieselstein kann man schon in recht großer Höhe den Straßenabschnitt hinter der Mautstation sehen, nun habe ich schon einige Höhenmeter in den Beinen, sehe nur Wald und weiß, es ist noch ein weiter Weg bis nach oben.

Die Straße führt ganz schön lange recht gerade, dann kommen Serpentinen und wieder geht es recht lange gerade mit nur wenigen Kurven am Rande eines Nadelwalds. Die Steigung ist meist ziemlich steil. Die Beine funktionieren zwar super, aber ich sehe ganz schön oft Werte deutlich über der Schwelle auf dem Radcomputer. Mein Kopf empfindet schon Erschöpfung aber die Verbindung zu den Beinen ist noch nicht ganz wieder perfekt, so dass es immer noch ein etwas seltsames Gefühl ist.

So langsam deutet sich Hochgurgl an, aber das erste Hotel führt einen da in die Irre. Müsste nicht jetzt bald die Mautstation kommen? Nee, noch lange nicht, Motorradmuseum 4km steht da. Weiter geht es steil berghoch. Wiegetritt und sitzend fahren wechseln sich ab, die Beine treten immer mit guter Trittfrequenz, ohne dass ich es bewusst steuere. So tun die 300 bis 370 Watt die auf der Anzeige stehen auch nicht so weh.

Dann endlich zeichnet sich Hochgurgl ab, aber bis zur Mautstation ist es immer noch ein Stück zu fahren. Zwei Kurven weiter ist sie dann aber endlich zu sehen. Die wurde ganz schön rausgeputzt und renoviert seit meinem letzten Besuch hier.

Ein Motorradfahrer läuft mir noch, in eine Karte vertieft, fast vor‘s Rad, ich brülle ihn weg, und fahre dann endlich in die kleine Zwischenabfahrt. Die ist weniger klein als gedacht (was für die Rückfahrt eine unangenehme Überraschung ist), dafür aber mit gutem, teils erneuertem Belag.

Ich gebe auch bergab etwas Gas, damit die Beine im Rhythmus bleiben. Dann geht es in den psychologisch schwierigsten Abschnitt. Die Straße führt fast gerade durch das Hochtal bergauf und zwar mit zweistelligen Steigungsprozenten. Ich kann mich an eine Auffahrt mit heftigem Gegenwind erinnern auf der ich an dieser Stelle ziemlich verzweifelt war. Heute aber funktionieren die Beine immer noch gut und ich bekomme sogar etwas Rückenwindunterstützung. So kann ich die Trittfrequenz recht einfach hoch halten und die Leistung treten ohne zuviel Kraft aufzuwenden.

Zwar sinkt die Leistung nun öfter in den G2 Bereich, aber zwischendurch geht es auch immer wieder über die 300 Watt Marke. So vergeht die Strecke bis zur ersten Serpentine dann auch noch relativ flott. Ich muss nun schon ordentlich kämpfen, es zeichnet sich aber ab, dass ich in anderthalb Stunden die Passhöhe erreichen kann. Das würde mir etwas Luft geben um in St. Leonhard noch was zu essen und trotzdem im Hellen wieder zurückzukommen.

Das Wetter hier oben ist so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es ist kalt. Aber nicht so kalt wie befürchtet. Es sind so 7° C und es ist bewölkt. Aber es regnet nicht. Wichtig für die Abfahrt.

Nochmal geht es eine ganze Weile recht gerade mit wenig Kurven bergauf, dann wieder Serpentinen und ich kann den Parkplatz schon sehen, noch 200 Meter bis zur Passhöhe. Ich gebe nochmal Gas und bin nach 1:23 h auf der Passhöhe. Von Mitte Sölden aus, denke ich eine ganz brauchbare Zeit. Ich mache ein Foto am Passschild und fahre dann direkt in die Abfahrt, nicht ohne vorher die langen Handschuhe und die Jacke anzuziehen. Auf meine Hände muss ich schon aufpassen, die sind immer noch lädiert vom RAAM, so dass ich hier etwas vorsichtiger bin als normal.

Erst mal geht es jetzt über ein Stück ungeteerte Straße, denn hier wird gerade gebaut. Ich hoffe bis zum Ötzi in zwei Wochen ist das geteert. Ist aber kein Problem. Ich überhole noch ein langsames Auto und kann dann locker in einem gemütlichen, aber nicht zu langsamen, Rhythmus die Abfahrt genießen. Ich versuche mir schon die Strecke nochmal einzuprägen, auch wenn ich in der Auffahrt gleich alles genau inspizieren kann.

Die Abfahrt dauert lange, vor allem weiß ich gar nicht mehr wie lange die Strecke bis St. Leonhard eigentlich ist. Waren das 25, 30 oder 50 Kilometer? Ich glaube es waren eher 25, kann mich nur erinnern, dass ich mal bei strömendem Regen hier über eine Stunde bergab gefahren bin. Zwischendurch kann ich mich überhaupt nicht mehr an die Strecke erinnern, und dann zeigt der Garmin auch noch fast vierzig Kilometer an, habe ich mich verfahren? Aber nein, da kommt endlich das Schild „St. Leonhard“ und die 40 war nur die Zeit. Nach 42 Minuten ist die Abfahrt vorbei und ich sitze im Cafe, gönne mir zwei Kakao und ein Bruschetta genanntes Fertiggericht, was auch beliebige andere Namen hätte tragen können, weil es, vorsichtig formuliert, eher geschmacksneutral ist. Hoffentlich reicht das um wieder genug Energie für die zweite Auffahrt zum Timmelsjoch zu haben.

Nach knapp 20 Minuten sitze ich wieder auf dem Rad. Jetzt geht es also 30 Kilometer bergauf. Da kann ich mich schon mal auf die Schlusssequenz beim Ötzi einstellen. Ist natürlich schon ein anstrengender Tag, erst die Anfahrt nach Sölden, dann der Anstieg von der Nordrampe, und nun der Anstieg von der italienischen Seite. Vor allem bin ich ja immer noch in der Regeneration vom Race Across America, da muss ich mich keinen Illusionen hingeben, so richtig Topform werde ich dieses Jahr nicht mehr erreichen.

Zunächst läuft es aber ganz gut. So treten die Beine immer noch mit Trittfrequenzen zwischen 80 und 90. Bis Moos komme ich auch sehr gut voran. Dann wird es steiler, aber auch das läuft eigentlich ganz gut. Der Pass schließt um 20 Uhr, bis dahin möchte ich auch oben sein. Kurz vor fünf bin ich losgefahren, aber drei Stunden will ich eigentlich nicht brauchen für den Anstieg.

Ich weiß zwar, dass es nochmal richtig flach wird auf dieser Strecke, aber der Weg dorthin zieht sich ewig, und es ist richtig steil zwischendurch. Immer wieder neue Kurve, und wieder steil berghoch. Ich muss doch ganz ordentlich kämpfen. Aber alles noch im Rahmen.

Der Schweiß läuft, aber es ist auch kühl, so dass ich eigentlich sogar Wohlfühltemperatur habe. Unten in St. Leonhard waren es 17° C hier geht es jetzt wieder mehr in Richtung zehn Grad und es ist bewölkt. Der Wind hat merklich aufgefrischt, oben in Richtung Passhöhe sieht es recht düster aus, hoffentlich hält das Wetter bis ich in der Abfahrt bin, oder besser noch bis Sölden.

Nach vier harten Kilometern bergauf ab Moos habe ich endlich den Teil erreicht in dem die Strecke abflacht. Dumm nur, dass mir hier jetzt der Wind ordentlich entgegen bläst. Beim Ötzi habe ich dann hoffentlich ein Hinterrad, hier bin ich alleine und muss auch im Flachen noch ordentlich reintreten um vorwärts zu kommen.

Aber ich kann die Leistung etwas besser dosieren als im steilen Anstieg zuvor. Spüre die Anstrengung nun deutlich und fahre nicht im Wettkampfmodus. Nach vier weiteren Kilometern und der Kehre über die kleine Brücke geht es nun wieder steil berghoch. Zunächst mit Rückenwind, dann nach dem kleinen Tunnel bläst mir bei zweistelligen Steigungsprozenten der Wind heftig entgegen. Eigentlich unlogisch, aber hier ist immer Gegenwind. Ich kann mich wieder erinnern. Anscheinend fällt der Wind hier einfach immer bergab…

Es geht sehr sehr lange immer weiter steil berghoch ohne Serpentine. Der fieseste Abschnitt des Timmelsjoch für meinen Geschmack. Dann, nach einer gefühlten Unendlichkeit, kommt eine kleine Serpentinengruppe. So richtig Power habe ich jetzt nicht mehr. Vor allem aber geht es jetzt wieder lange ohne Serpentine und Richtungswechsel in die andere Richtung. Ich habe große Lust anzuhalten und abzusteigen. Kopf und Beine sind sich uneinig, ich weiß nicht mal wer absteigen will und wer von beiden weiterfährt.

Aber ich bleibe auf dem Rad und kämpfe mich bis zur nächsten Serpentine, jetzt ist es doch gar nicht mehr sooo weit?! Irgendwie doch. Ich muss noch ganz schön kämpfen bis ich endlich den Tunnel sehe ab dem es eher flach bis zur Passhöhe weitergeht. Aber selbst in den letzten steilen Metern vor dem Tunnel habe ich Lust Pause zu machen. Ziehe aber natürlich durch und die Beine erholen sich dann wieder etwas. Nochmal gebe ich jetzt Gas im flachen Schlussabschnitt, durch die Baustelle hindurch und bin kurz nach 19 Uhr am Passschild.

2:04 Stunden habe ich gebraucht, keine sensationelle Zeit, unter zwei wäre auch schön gewesen, aber für den Ötzi würde ich die Zeit sofort unterschreiben… Auch jetzt bin ich völlig zufrieden. Es gibt das obligatorische Passschildfoto, dann Jacke und Handschuhe an, und ab in die Abfahrt.

Theoretisch kann man in der langen Geraden bergab hin zur Mautstation richtig Tempo aufnehmen, zumal das Kuhgitter erst im Gegenanstieg kommt, aber der Gegenwind ist viel zu stark. Das merke ich schon zu Anfang im Serpentinenteil.

Auf der Geraden bläst mir der Wind dann wirklich heftig entgegen, so dass ich ordentlich kurbeln muss um wenigstens etwas Tempo zu halten. Egal, ist ja Training. Für den Ötzi dann aber bitte Rückenwind!

Der Gegenanstieg ist immer unangenehm, ich wiederhole mich da im Blog wohl immer wieder, aber natürlich habe ich jetzt keine Probleme mit Krämpfen oder so, sondern muss halt einfach wieder steil berghoch fahren nachdem ich schon auf Abfahrt eingestellt bin.

Der Weg bis zur Mautstation ist auch immer länger als erwartet, obwohl ich ja gerade erst dort bergab gefahren bin. Anyway, gut aufgewärmt erreiche ich die Station und kann dann die Abfahrt hinunter nach Sölden genießen. Fahrradfahrer begegnen mir natürlich keine mehr, aber auch sonst bin ich jetzt ziemlich allein, ist halt schon recht spät.

Ich versuche mir die Abfahrt gut einzuprägen, allerdings ist sie auch keineswegs schwierig, so dass man eigentlich einfach runterfährt, auch für den Ötzi sicher kein Problem. Bei Obergurgl und vor allem bei Zwieselstein muss man nochmal richtig reintreten, dann geht es aber nur noch bergab rein nach Sölden. Kurz vor 20 Uhr bin ich am Hotel. Super, beide Auffahrten zum Timmelsjoch noch hinbekommen, trotz dreieinhalb Stunden Anfahrt heute morgen. Ein schöner Radtag mit ca. 3700 Höhenmetern.

Morgen dann steht die Gletscherstraße auf dem Programm. Allerdings wird mir bei dem Gedanken daran schon mulmig. Bin doch ordentlich bedient mit den Anstiegen von heute und muss schauen ob ich mich schnell genug wieder erhole um das Monster anzugehen.

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