Race Around Ireland – Rennbericht Teil 1

Da unsere Startzeit erst um 15:33 Uhr ist, wir das Hotel aber schon um 12 Uhr verlassen müssen, parken wir das WoMo oberhalb des Startgeländes über der Kirche in Trim. Das Followcar fährt schon in die Startaufstellung.

Dort, vor dem Castle, machen wird auch noch ein Gruppenfoto. Noch sind alle gut drauf und freudig angespannt. Ich hoffe wir sind auch nach drei Tagen noch gut drauf. Viel wird da von meinem Knie abhängen, aber darüber mag ich jetzt nicht nachdenken.

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Während die anderen noch am Followcar rumbasteln oder sich sonst wie die Zeit in der Startaufstellung vertreiben, fahre ich mit dem Rad zurück zum Wohnmobil und lege mich noch etwas hin.

Ich kann eigentlich ganz gut ruhen. Ich habe auch keine Angst zu sehr „runterzufahren“, denn dieses Rennen ist so lange, dass man genug Zeit hat wach zu werden…

Überhaupt, 2200 Kilometer sind schon ein Wort. Der Glocknerman war „nur“ 1000 Kilometer lang, und das war schon ein Brett, was natürlich auch an den vielen Höhenmetern lag. Aber hier gibt es auch wenig flache Strecke, vor allem aber gibt es diese richtig bösen Steigungen mit deutlich mehr als 20%. Ob und wie ich die bewältigen kann wird sich zeigen. Manche könnten sich für mich als „Walker“ erweisen.

Mit diesen Gedanken schlafe ich tatsächlich ein. Viertel vor Drei bin ich aber wach. Ich nutze nochmal den Luxus eine Toilette zu benutzen ohne Zeitdruck und eine ganze Mannschaft um mich herum, creme den wichtigsten Kontaktpunkt zum Fahrrad nach und rolle dann zur Startaufstellung.

Da ist es jetzt richtig lebhaft. Die ersten Starter gehen um 15 Uhr auf die Strecke, ich fahre ein paar mal in der Castlestreet hin und her um die Systeme etwas hochzufahren. Die Stimmung in der Crew ist gut. Wir befestigen das Funkgerät und testen nochmal die Verbindung.

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Beim Glocknerman sind wir ab Kilometer 20 ohne Funk gefahren, das ging auch, aber hier würde das doch etwas heikel mit der Navigation und Kommunikation, denn es gibt viele enge und unübersichtliche Straßen.

Auf eine Beschallung mit Außenlautsprechern verzichte ich wie immer völlig, davon halte ich wenig. Einige Fahrer sehen das anders und nutzen vor allem nachts Musik um sich wachzuhalten, das ist aber beim RAI sowieso nicht (mehr) erlaubt.

Anyway, der Start rückt näher. Vor mir startet u.a. Isabelle Pulver, die fährt sehr stark, das weiß ich, ich sehe sie sogar als Konkurrentin im Kampf ums Podium. Denn das ist mein Ziel, ich möchte hier ums Podium kämpfen. Ich weiß, dass mir die oft unangenehmen Bedingungen in Irland mit viel starken Winden, gerne von vorne oder von der Seite, und viel Regen entgegenkommen. Ich weiß auch, dass die Länge gut passt, denn ab der zweiten Nacht können die „richtigen Langstreckler“ ihre Stärken ausspielen gegenüber den „24h Sprintern“. Aber das ist nur so eine Theorie von mir, vielleicht kommt auch alles ganz anders.

Als sehr starken Konkurrenten habe ich auch den Hannes Pöhl auf dem Schirm. Der startet hinter mir, was für ihn psychologisch ein Vorteil ist, denn natürlich versucht man die vor einem gestarteten möglichst bald einzuholen, und die blinkenden Lichter der Followcars geben hervorragende Motivationsziele ab.

Es sind einige irische Fahrer dabei, die kann ich schlecht einschätzen. Einzig Jason Black vermarktet sich auf seiner Website recht offensiv mit seinen Ultraausdauerkünsten. Vor dem habe ich aber am wenigsten Angst. Ich bin mir aber sicher, dass die Iren mindestens ebenso auf mein geliebtes „Fritz Walter Wetter“ stehen wie ich. Also der Kampf ums Podium wird sicher hart. Aber ich will mir natürlich ein ambitioniertes aber realistisches Ziel setzen. Um das zu erreichen muss ich möglicherweise eine Zeit um 105 Stunden fahren. Diese Zeit streben wir an, wenn auch ohne Marschplan.

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Dann ist es endlich soweit, ich darf auf die Startrampe fahren und werde dort kurz interviewed. Man stellt mich als erfahrenen Ultradistanzfahrer vor und fragt ob ich wohl die Tradition deutscher Siege beim RAI fortsetzen könne (Bernd Paul 2x, Bernhard Steinberger). Puh, ich bin ein einfacher Freizeitradler, ich muss erst mal sehen, dass ich das Ding überhaupt finishe!

Ich sage, dass ich für einen Sieg wohl zu alt bin, verspreche aber mein Bestes zu geben, erkläre, dass es natürlich mein oberstes Ziel ist zu finishen, und dass ich versuchen werde ums Podium zu kämpfen. Dann werden auch schon die letzten 5 Sekunden heruntergezählt und es geht endlich los. Ich bin auf der Strecke.

Da ich ohne größere Sponsoren fahre und Ultracyclingevents dieser Größenordnung teure Veranstaltungen sind, hat sich an meinem Material nichts geändert. Ich starte auf dem gleichen Roubaix SL4 von Specialized mit dem ich auch schon das RAAM 2014 gefinished habe, als Bergrad habe ich das Cannondale SuperSix Evo von 2012 dabei. Auch bei den Klamotten hat sich nichts getan, was seitens Katrin zu etwas Kritik an der „weiße“ meines Trikots geführt hat. Ok, es ist etwas vergilbt aber ich mag das Trikot…

Das ist jetzt natürlich alles egal. Die ersten ca. 16 Kilometer ist kein Direct Follow erlaubt, aber das ist kein Problem, die Flaschen sind gefüllt mit Sponser Competition und Hipp Trinknahrung, die Strecke bis Navan kenne ich von einer Trainingsfahrt.

Die Beine funktionieren gut. Da ich im Training immer ganz billige Trainingslaufräder fahre und die Zipp 404 bzw. Citec 3000S Aero Carbon nur für Wettkämpfe auspacke, habe ich das Gefühl zu fliegen.

Die Strecke ist recht flach, das Wetter sehr gut. Der Bodenbelag irisch rau aber gut. Natürlich versuche ich zu den vor mir gestarteten aufzuschließen, es dauert aber eine ganze Weile bis ich den ersten überholen kann. Der ist allerdings auch recht langsam unterwegs. Noch kann ich die Fahrt genießen, ich fühle mich gut. Wenn nur das Knie hält, dann kann ich meine gesteckten Ziele vielleicht erreichen.

Bei der Trinknahrung fange ich mit isokalorischem Hipp an. D.h. 1 Kalorie auf 1 ml. Ich hoffe dadurch Magen/Darm Probleme wie ich sie am ersten Tag beim Glocknerman hatte zu vermeiden. Das scheint auch zu klappen. Auch das Competition schmeckt gut. Das ist eminent wichtig, denn nur wenn es mit der Nahrung klappt kann ich die Leistung im gewünschten Bereich halten.

Von Navan führt die Streck über Drogheda nach Dundalk. Die Temperatur ist angenehm, ich mag die Wärme nicht so, auch für die Knie ist Kälte gut. Es gelingt mir zwei weitere Fahrer einzuholen. Bis jetzt hat mich auch von hinten noch keiner überholt. Kurz vor der ersten Timestation überhole ich die deutsche Teilnehmerin Christine Waitz, die Isabell Pulver und einige irische Teilnehmer sind aber noch vor mir. Um 18:12 Uhr melden wir die TS1.

Noch ist es hell, das Roubaix SL4 läuft gut. Die Kommunikation mit dem Followcar funktioniert, im Auto sitzen Lucien, Markus und Olli. Nach ca. 10 Kilometern erreichen wir die erste nennenswerte Steigung im Rennen. „long womans grave“ hat eine Steigung von maximal 11% über 5 bis 6 Kilometer. Kein Grund also auf‘s Bergrad zu wechseln. Zu so einem frühen Zeitpunkt im Rennen ist noch genügend Power da, außerdem bin ich auch am Standardrad mit 36-32 als kleinster Übersetzung gut aufgestellt.

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Im Geiste zähle ich die TS runter, an der ersten klingt das natürlich noch deprimierend, erst 1/22 der Strecke geschafft. Anyway, die Steigung ist gut zu bewältigen und es gelingt mir noch weitere Fahrer zu überholen. Isabelle Pulver war noch nicht dabei, die ist für mich erst mal eine gute Orientierung.

Mein Tempo kann ich weiterfahren, die Nahrungsaufnahme klappt gut, auch wenn Peter meint, dass ich vielleicht etwas zu schnell fahre und etwas zu wenig trinke. Aber die angenehm niedrigen Außentemperaturen machen beides möglich, bzw. ist mein Flüssigkeitsbedarf dann einfach nicht so hoch.

Um 20:40 Uhr haben wir TS 2 erreicht. Die Followcarcrew hatte zwischenzeitlich etwas durchgewechselt. Nun ist die Standardnachtcrew auf dem Auto, Lucien, Markus und Peter. Meinen ursprünglichen Plan mit drei Zweiercrews hat das Team schnell verworfen und auf zwei Dreiercrews umgestellt. Mir ist das recht, so lange sich alle wohlfühlen dabei. Desto besser es der Crew geht, desto besser können sie sich um mich kümmern…

Es gibt einige Ampeln und die scheinen alle rot zu sein. Dann müssen wir Bahnschienen queren und natürlich sind die Schranken zu. Wir nutzen den Aufenthalt um die Flaschen zu tauschen und ich esse noch schnell eine Forticreme. Ich muss ruhig bleiben und darf mich nicht zu sehr über die ungewollten Stopps aufregen, denn letztlich wird es sich wohl über die gesamte Strecke für alle ausgleichen, außerdem kann ich sowieso nichts machen. Ich muss diese Stopps einfach zur Entspannung und Nahrungsaufnahme nutzen.

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Das Frontlicht leuchtet etwas hoch. Seltsam ich habe es befestigt wie immer, aber wahrscheinlich habe ich die Auflieger etwas höher gestellt. Jedenfalls brauche ich den Lichtkegel des Followcars. Aber in dem muss ich ja nachts sowieso fahren, also kein Problem.

Der dritte Abschnitt ist ca. 118 Kilometer lang. Inzwischen ist es dunkel und etwas kühler geworden. Ich fahre aber weiterhin kurz /kurz (mit Weste). Das Rad läuft gut, aber ich werde von hinten überholt. Wie sich herausstellt zum Glück aber nur Teamfahrer. So erreichen wir um 1 Uhr nachts die dritte TS. Es ist jetzt Montag der 29.08., Tag zwei beginnt also, auch wenn wir erst 9,5 Stunden unterwegs sind.

Kurz nach der Timestation kann ich Isabelle Pulver überholen. Sehr wichtig für mich, denn ich muss mindestens auf ihrem Niveau fahren wenn ich hier was reißen will. Das Team teilt mir mit, dass ich nun auf Platz 2 liege. Kann ich gar nicht glauben, weil mich ja auch schon welche überholt haben und es noch so früh im Rennen ist, meine Zeit kommt ja erst ab der zweiten Nacht. Aber es ist tatsächlich so, denn die Fahrer die mich überholt haben waren alle Teamfahrer.

In dieser Etappe liegt mit Malin Head schon der nördlichste Punkt des Rennens. Sehr wichtig den schon in der ersten Nacht zu erreichen. Ich nehme mir vor die ersten 5 TS bis zum Morgen zu absolvieren.

Bis jetzt ist es immer noch trocken, und das in Irland. Allerdings ist es zwischendurch doch sehr kühl. Als wir aus Coleraine rausfahren wird es schlagartig unangenehm kalt. Die Luftfeuchtigkeit und der kalte Wind vom Meer lassen die Finger frieren. Aber das hält auch schön wach, und da es gerade gut läuft mag ich nichts zusätzliches anziehen. 7 bis 8° C ist allerdings schon frisch.

Wir fahren durch Derry oder Londonderry, je nachdem auf welcher Seite des Nordirlandkonfliktes man steht. Hier hatte ich während meiner Radreise 2009 ein paar beeindruckende Begegnungen. Die Gedanken daran beschäftigen mich eine Weile. Nun geht es durch Donegal weiter in Richtung Norden. Die Straße wird schlechter.

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Auf dem Weg nach Malin Head stellen sich auch einige steile, kleine Hügel in den Weg. Zum Malin Head selbst geht eine Stichstraße, so dass mir einige Fahrer begegnen. Neben den Teamfahrern sollte da auch Adrian o‘Sullivan dabei sein, der Führende. So riesig ist sein Vorsprung nicht. Als er mir allerdings entgegenkommt macht er das mit einem enormen Tempo. Ich bin etwas beeindruckt.

Das Team im Followcar meint, dass er gerade bergab gefahren ist und ich gerade bergauf gefahren bin, aber ich bin doch sehr beeindruckt und frage mich, wie ich den denn einholen soll. Denn natürlich ist das jetzt mein Ziel.

Zum Malin Head Wendepunkt geht es nochmal richtig steil berghoch. Ich muss im Wiegetritt ganz schön ochsen um da hoch zu kommen. Oben werde ich mit Beifall und Anfeuerung von den Offiziellen und einigen Crews anderer Fahrer empfangen. Sehr geil. Ich drehe und fahre gleich wieder runter. Aber mein Followcar folgt mir nicht. So muss ich in der kleinen Abfahrt warten, denn ich darf ja nachts nicht ohne Followcar fahren.

Ungeduld steigt in mir auf, aber da ist auch schon das Followcar. Der Weg zum Malin Head war etwas verwirrend und genauso ist es auch auf der Rückfahrt, obwohl wir ja zunächst den gleichen Weg zurückfahren.

Bei der ersten Gelegenheit biegen wir links ab. Es geht gleich steil berghoch. Ächz, dann kurze Abfahrt und noch so ein steiler Hügel. Zwei Radfahrer kommen mir entgegen. Mein Garmin zeigt keine Strecke mehr an, und dann die Meldung aus dem Followcar die man als Ultradistanzler nicht hören möchte, die aber bei jedem Rennen mindestens einmal kommt. „Wir haben uns verfahren, wir müssen umdrehen“. Verdammt!

Also wenden, wieder die zwei steilen Hügel nehmen, dann aber auf die richtige Strecke. Ich bin etwas verunsichert, da ich wirklich nichts wiedererkenne und mir ja Radfahrer begegnet sind (die offensichtlich auch falsch gefahren sind). Ich frage mehrmals eindringlich nach, ob wir richtig sind, aber Lucien bleibt unbeirrbar und führt uns wieder auf die korrekte Strecke.

Das Wohnmobil steht an der Strecke und ich fahre sogar erst daran vorbei, kehre wieder ein Sstück um und wir machen die erste kleine Pause. TS 4 Malin Head hatten wir um 4:35 gemeldet. Nur kurz vorher war Adrian dort vorbeigefahren, wir kämpfen also im Moment um die Führung. Sehr cool.

Da es doch recht kühl ist, ziehe ich noch die Armlinge an, esse 2 Forticreme und wechsle auf das Bergrad. Denn nun folgt bald der erste Abschnitt mit brutaler Steigung bis 25%. Und das auf einem Abschnitt der über ca. anderthalb Kilometer im Schnitt 12% Steigung aufweist. Nach diesem Anstieg werde ich wissen, ob ich dieses Rennen überstehen kann und wie meine Knie und der Oberschenkel in Schuss sind.

Auch auf dem Bergrad funktionieren die Beine gut. Die Citec 3000S Aero Carbon sind etwas weniger seitenwindempfindlich als die Zipp 404, aber bis jetzt ist der Wind für irische Verhältnisse moderat.

So fahren wir der Morgendämmerung entgegen. Nach einigermaßen flacher Strecke erreichen wir so gegen halb acht Uhr morgens den Anstieg zum Mamore Gap. Das Ding ist wirklich hart. Aber ich fühle mich gut. Wir liegen Kopf an Kopf mit Adrian im Kampf um die Führung, was zusätzlich beflügelt. So komme ich eigentlich recht souverän die Steigung hinauf. Sehr geil. Das gibt mir richtig Selbstvertrauen für die weitere Strecke und die kommenden Steigungen.

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Zur Belohnung für die Mühe gibt es eine schöne Abfahrt hinein in ein in Morgennebel getauchtes Tal. Fantastisch!

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Die Beine funktionieren auch nach dem Anstieg weiter gut. Wir melden die TS um 8:41 Uhr. Damit habe ich mein gesetztes Ziel bis zum Morgen 5 Timestations zu schaffen erreicht. Ich mache kurz im WoMo Pinkelpause und ziehe Weste und Armlinge aus. Außerdem gibt es zwei leckere Forticremes.

Wieder auf dem Rad (diesmal wieder das Roubaix SL4) sinniere ich kurz über die Strecke. Ich finde 5/22 klingt immer noch nach nichts erreicht, aber viel besser als 1/22. Vor allem haben wir momentan knapp 10 Minuten Vorsprung auf Adrian o‘Sullivan. Es fühlt sich sehr sehr geil an, das Rennen anzuführen.

Ich war zwar 2013 schon mal Schnellster auf der 720km Strecke beim Schweizer Radmarathon, aber da gibt es kein offizielles Ranking, geschweige denn einen Tracker, das man wüsste wer gerade führt.

So genieße ich die Führungskilometer, auch wenn das so früh im Rennen noch wenig bedeutet.

Das Roubaix SL4 läuft wie Sau, sehr geil. Auch der Straßenbelag lässt es zu, dass man in den flachen Passagen ganz gut Druck machen kann.

Adrian und ich liegen immer recht dicht beisammen. Kurz vor der TS 6 halte ich kurz an um Regenklamotten anzuziehen. Voraus sieht es nach Regen aus, und ich muss sowieso eine Pinkelpause machen, so nutzen wir die Gelegenheit um nicht nur zwei Forticreme zu essen, sondern auch Regengamaschen und -Weste anzuziehen und das Schutzblech dranzumachen.

Genau diesen Stopp nutzt Adrian um vorbeizuziehen. Mist. Ich hatte gerade erst über drei Minuten an einer Baustellenampel gestanden, jetzt kommt er genau mit diesen drei, vier Minuten vor mir an der TS 6 an. Momentan bin ich also wieder Zweiter.

In der ersten Nacht mussten wir zwei, dreimal anhalten um Verkehr vorbeizulassen. Nachts muss ich als Radfahrer auch anhalten, was natürlich etwas nervt. Nun, tagsüber, kann das Followcar einfach vorfahren oder kurz an der Seite anhalten um andere Fahrzeuge passieren zu lassen. Bis jetzt machen das die Crews sehr gut. Einerseits ist das wichtig für mich wegen der Fairniss, andererseits ist es wichtig um Penalties zu vermeiden. Diese Zeitstrafen werden z.B. für Behinderung des Verkehrs ausgesprochen und hinterher auf die Gesamtzeit addiert. Wenn die Crew oder der Fahrer nicht aufpasst kann man hier entscheidende Minuten verlieren.

Auf dem Auto ist ja mittlerweile die Tagschicht. Die besteht aus Katrin, Olli und Pascal. Auch diese drei verstehen sich gut. Was mir Sicherheit auf dem Rad gibt. Wir lassen uns auch nicht nervös machen vom Führungswechsel. Wir bleiben an Adrian dran.

Allerdings habe ich mich mit dem Regenzeug verpokert, ganz unirisch bleibt es, bis auf etwas Niesel, trocken. In der Regenweste ist mir jetzt eindeutig zu warm, die Gamaschen kratzen an meiner linken Wade, aber ich mag auch nicht halten um die Sachen wieder auszuziehen.

Landschaftlich ist die Strecke nun sehr schön. Verkehrsarm führt die Route über schmale Straßen durch schöne Täler. Die eine oder andere Steigung ist zu bewältigen, aber nichts bösartiges. Adrian und ich liegen immer noch recht dicht beieinander.

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Adrian liegt in Front, ich habe jetzt endgültig genug von den Regenklamotten, mir ist drückend warm. Bei einer Pinkelpause lege ich die Weste und die Gamaschen wieder ab. Auch das Schutzblech kommt wieder ab. Mir ist zwar klar, das es jetzt gleich mit 100%iger Wahrscheinlichkeit zu regnen anfängt, aber das ist mir egal.

Um 18:21 Uhr komme ich an der TS 7 in Castlebar an der Topaztankstelle an. Ich nutze die Toilette vom WoMo und wechsle auf das Bergrad. Die Führung wechselt mehrmals zwischen Adrian und mir, momentan liegen wir eine gute Viertelstunde in Führung.

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Der Kampf um die Spitze bleibt eng und der Wind hat deutlich zugenommen. Ich mache mir etwas Sorgen wegen des nächsten sehr steilen Anstiegs hinauf zum Sheefry Pass. Vor allem in Kombination mit Gegenwind. Aber ich habe Glück, Luciens beruhigende Ansage (mittlerweile ist wieder die Nachtschicht auf dem Auto), dass ich ja genauso gut Rückenwind haben könnte der mich bergauf schiebt tritt tatsächlich ein. Zumindest kommt der Wind nicht von vorne und der Anstieg erweist sich trotz einer Maximalsteigung von 21% als eher harmlos.

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Die folgende Abfahrt auf schmaler Straße und die Fahrt durch ein herrliches Tal, der Abenddämmerung entgegen, gehört zu den schönsten des Rennens.

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Am Ende landen wir auf der N59 die uns zunächst mit sehr gutem Belag belohnt und das SuperSix Evo fliegen lässt.

Nun fahren wir in die zweite Nacht, bis jetzt sind wir ohne Schlafpause ausgekommen, ich fühle mich gut und nun sollte meine Stärke zum tragen kommen. Jetzt trennen sich langsam die Sprinter unter den Langdistanzlern von denjenigen, deren Stärke erst ab Kilometer 1000 zum Tragen kommt. Das ich jetzt schon um die Spitze kämpfen kann ist einfach fantastisch. Nun gilt es Adrian anzugreifen der vor uns liegt.

Der Wind steht gut und ich habe das Gefühl, egal in welche Richtung die N59 dreht, der Wind kommt immer von hinten. So fliege ich geradezu an Adrian vorbei, der scheint gerade Probleme zu haben. Wir grüßen uns kurz.

Ich versuche die guten Verhältnisse zu nutzen. Ich halte richtig drauf, das Fahrrad fliegt, sehr sehr geil. Um 22:11 Uhr erreichen wir TS8 mit knapp zehn Minuten Vorsprung auf Adrian. Ich spreche mit der Crew ab, dass das WoMo an der 9 halten soll, denn da gibt es Duschen. Aber die wollen weiter fahren bis 10. Ist mir auch recht.

Noch einige Kilometer kann ich auf der schönen Straße „fliegen“ und wir können den Abstand zu Adrian ständig vergrößern. So haben wir an TS 9 schon über dreieinhalb Stunden Vorsprung. Adrian hat offensichtlich geschlafen. (Isabelle Pulver ist dadurch ganz knapp auf Platz zwei vorgerückt) Die TS9 hatten wir um 1 Uhr nachts gemeldet. Es ist also der dritte Tag angebrochen, Dienstag der 30.08. Kurz halten wir an der TS 9, denn der Straßenbelag auf der schönen N59 war zwischendurch richtig übel. Um die malträtierten Kontaktpunkte verschnaufen zu lassen und ein paar Forticremes zu löffeln setze ich mich kurz auf eine Bank. Die Jungs ziehen mir die Armlinge an und die Weste ziehe ich auch an.

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Bis zur TS 10 sind es nur 37 Kilometer, allerdings bleibt die Strecke vom Belag her schlecht. Keine Chance Druck zu machen. Ich leide doch ganz ordentlich. Teilweise erinnert die Straße mehr an Bombenkrater denn an das, was wir gewöhnlich unter geteerter Straße verstehen. Sehr krass.

So bin ich froh, als ich um 2:50 Uhr endlich TS10 erreicht habe. Wir haben 43 Kilometer Vorsprung auf Adrian und Isabelle. Um den Druck aufrechtzuerhalten beschließen wir nur einen Powernap zu machen. 15 Minuten Schlaf und dann mal schauen wie es geht. Auch ein Toilettengang ist drin und natürlich Forticremes essen. Ganz wichtig aber auch, das Olli sich etwas um meine Oberschenkel kümmert.

Nach 902,1 Kilometern und 35:20 Stunden also die erste Schlafpause von 15 Minuten. Der Straßenbelag in den letzten beiden Abschnitten hat mich doch sehr gerädert, so dass ich die zweite Nacht nicht durchfahre. Außerdem wollen wir den Vorsprung nutzen um zu erholen, denn es scheint so, dass ich auf der Strecke etwas schneller bin als Adrian, er aber die kürzeren (oder weniger) Pausen gemacht hat bis zu seiner ersten Schlafpause. Eine lange Schlafpause von 2,5 Stunden will ich aber nicht machen um die Führung nicht abzugeben, auch wenn ich danach wieder voll erholt wäre. Wir werden sehen wie ich mit dem 15 minütigen Powernap zurechtkomme

Hier geht’s zum zweiten Teil des Rennberichts.

3 Kommentare

  1. Tolle Bilder und sehr schön geschrieben….eigentlich wie immer!!

  2. Klingt wie immer – freue mich auf mehr